Adventskalender

12 Dezember: Haltung gesucht!

Jesaja 46,4
„Bis in euer Greisenalter bin ich derselbe, und bis zu eurem Grauwerden will ich euch tragen. Ich habe es getan, ich werde auch ferner tragen und erretten.“


Der bekannte Theologe Helmut Thielicke berichtet in seiner Autobiographie Zu Gast auf einem Schönen Stern“ von verschiedenen erschütternden Begegnungen mit überzeugten Nazis im Dritten Reich. Besonders hoffnungslos waren hier Szenen am Grabe, gerade dann wenn man eben nicht auf dem Schlachtfeld für den Führer gefallen ist. Thielicke beschreibt das so anschaulich, dass ich ihn gerne ausführlich zitieren möchte (S. 151-152):

„Besonders tief hat sich mir die Erinnerung eingegraben, als eines Tages eine Mutter zu mir kam, deren zwanzigjähriger Sohn, ein SS-Mann, im Sterben lag, und mich um einen Besuch im Lazarett bat. Sie sagte mir gleich, sie selber und ihre gesamte Familie hingen mit Leib und Seele dem Führer an und seien aus der Kirche ausgetreten. Deshalb würde ich sie wohl nicht anhören wollen. Aber sie sei in großer Not, hätte in dieser fremden Stadt keinen Menschen und brauchte jemanden, bei dem sie sich aussprechen könnte. Natürlich war ich in den nächsten Tagen ganz für sie da. Was sie überhaupt nicht verstehen konnte und sie am meisten quälte, war, daß dieser strahlende und kämpferische Sohn nicht für den Führer auf dem Schlachtfeld starb, sondern jämmerlich an einer Leukämie zugrunde ging. Das passte nicht in ihr Weltbild. Von diesem Punkt aus stießen unsere Gespräche in unvergeßliche Tiefen vor. Ehe ich mit ihr ins Lazarett ging, gestand sie mir noch mit Zagen, ihr Sohn habe vor einigen Tagen die Wärmflasche nach dem Kruzifixus in seinem Zimmer geschmissen. Ihr war das unheimlich, und ich tröstete sie, daß der Gekreuzigte selbst die, die wider ihn waren und vielleicht nicht »wußten, was sie taten«, stets mit Liebe umfangen habe. Als ich ans Bett des jungen Mannes trat, lag er schon in der Agonie und war nicht mehr ansprechbar. Ich las für ihn und für die Mutter einige Verse Paul-Gerhardt-Choräle, die mir selber viel bedeuteten und die sie staunend und bewegt wohl zum ersten Mal hörte. Nachher, beim Hinausgehen, sagte ich ihr, wie tief ich von ihrer tapferen Haltung bei all dem Schmerzlichen angerührt sei. Da erwiderte sie: »Haltung ja — vielleicht. Aber schauen Sie bitte nicht dahinter; ich habe überhaupt keinen Halt.« Dieses Wort traf mich wie ein Blitz. Es war, als ob sich mir jäh die Hintergründe der »heroischen Weltanschauung« enthüllten.

Als ich gleich nach dem Krieg in vielen amerikanischen Konzentrationslagern für gefangene SS-Männer und ehemalige Nazi-Aktivisten sprach, knüpfte ich immer wieder an diese Unterscheidung zwischen »Haltung« und »Halt« an und spürte, dass sie einen Herzpunkt bei den Männern berührte. Über Jahre hin habe ich mit der Mutter des SS-Mannes noch korrespondiert, und ich hatte das Gefühl, dass sie langsam auch den verlorenen Halt wiedergewann.“


Was ist aber der Unterschied zwischen Halt und Haltung?

Halt spricht davon, dass man getragen ist. Einen Punkt hat, auf dem man immer wieder zurückhalten kann. Sich zurückstützen muss. Haltung spricht von Standhaftigkeit. Das ist keine verkehrte Sache. Aber man bleibt eben ganz allein. Es gilt dann, Haltung zu zeigen, wenn man gar keinen Halt besitzt. Heute gibt es eine ganze Menge an Menschen mit Haltung, denen aber jeglicher Halt fehlt.

Impuls für den Advent

Die Spannung zwischen Halt und Haltung kennt die Bibel gut. Psalm 62,6–7
„Sei nur stille zu Gott, meine Seele; denn von ihm kommt meine Hoffnung.
Er ist mein Fels, meine Hilfe und mein Schutz, dass ich nicht fallen werde.“

Ich wünsche dir, dass du Haltung findest im Halt Christi.

Frage für den Tag

Wo brauchst du Halt? Wo kannst du deinen Mitmenschen Halt geben?

Für dich vielleicht ebenfalls interessant …

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert