Jesus spricht zu ihm: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich (Johannes 14,6)
Neben Königen wurden auch Priester gesalbt. Was sind Priester eigentlich? Heute ist diese Tätigkeit kaum bekannt – Eines kann ich euch aber verraten: Mit den Priestern der katholischen Kirche besitzen die biblischen Priester nur äußerst wenig Ähnlichkeit.
Vieles von dem, was Priester tun: Räuchern, Opfern, Reinigungsrituale, kann vor dem Ziel Ihrer Tätigkeit ablenken: Sie vermitteln zwischen Mensch und Gott. Sie sind Mittler, ein Begriff, der heute ebenfalls veraltet geworden ist.
Nach einer kurzen Recherche kam mir die Idee, Priester mit Brückenbauern zu vergleichen. Ja, Priester, sind Brückenbauer. Sie bauen die Brücke zwischen Mensch und Gott. Um das zu beschreiben, habe ich mir eine Erzählung ausgedacht:
Es war einmal ein Land, voller Wärme und Freude. Jede Blumenblüte, jeder Flügelschlag eines Schmetterlings, jeder Sternschimmer und jede Fischschuppe waren voll vom Frieden Gottes. Nicht umsonst nannte man das Land Eden. Es gab hier nichts Böses und die ersten Menschen, unser aller Eltern, lebten als freie Bürger in diesem Land.
Obwohl Eden von einer schützenden Mauer umgeben war, schlich sich eine feindliche Schlange in dieses Land. Sie gönnte dem Menschen diese Intimität mit Gott nicht und verführte den Menschen dazu, sich von Gott zu entfremden. Der Mensch vertraute nicht mehr darauf, dass Gott nur gute Regeln hatte, dass er gute Absichten für dieses Land und auch für den Menschen hatte.
Der Mensch wollte selbst Regeln aufstellen. Das geht jedoch nur, wenn man wie Gott wird. Wenn man doch dafür ein geeignetes Land hätte, in dem man herrschen könnte! In Eden ging das nicht, denn hier war den Dingen zu sehr das Leben Gottes aufgedrückt. Der Mensch musste fort und landete auf der Insel jenseits von Eden.
Eine schmale Brücke führte auf diese Insel – die Wege des Egoismus sind wackelig, und kaum war der Mensch auf der anderen Seite, zerbrachen die Stege, und die Brücke stürzte krachend in die Tiefe. Der Mensch wählte und entschied sich für ein Leben auf jenseits von Eden. Die Rückkehr nach Eden war nicht mehr möglich.
Jenseits von Eden war vieles gleich. Alle Dinge reflektierten weiterhin Gott. Und doch kam eine neue Unruhe, eine unerwartete Wildheit in die Reflexion. Der Mensch bemerkte, dass seine Rebellion gegen Gott auch auf alle Wesen um ihn herum, ja selbst auf die Steine und Winde und Sterne übergriff. Plötzlich wehten kalte Stürme um die Insel und die Sterne erbebten in fürchterlichen Erdbeben. Eine neue Kälte zog durch das Land. Die zum Wärmen benötigten Felle konnten nur durch das Töten von Tieren besorgt werden. Jenseits von Eden floss Blut. Bald schon sollte auch Blut zwischen den Menschen fließen.
Gelegentlich konnte man Gottes Stimme, der weiterhin vollständig gegenwärtig in Eden war, auch jenseits von Eden hören. Sie war weiterhin vertraut und bekannt, und doch durchzog den Menschen ein furchterregender Schauer, immer dann, wenn er Gottes Stimme hörte. Gleichzeitig spürte er die Sehnsucht, wieder nach Eden zurückzukehren.
Doch Richtung Eden führte nur eine zerstörte Brücke.
Da der Mensch zunehmend die Kontrolle über die Insel jenseits von Eden gewann, hoffte er, auch einen Weg zurück nach Eden zu (er)finden. Oh, ja, Erfinderisch war er dabei.
So begannen die Menschen zu bauen. Sie nannten ihre Bauwerke „Religion“ oder „gute Taten“ oder „Selbstverbesserung“. Andere versuchten Zeremonien, Philosophie, Meditation. Manche bauten Leitern, andere Seile, andere Boote. Doch jede Brücke blieb zu kurz. Jede Leiter reichte nur bis zur Hälfte. Manche brachen schon beim ersten Schritt. Andere wirkten beeindruckend, hielten aber nur den Schein. Niemand erreichte das Festland Gottes!
Viele Jahre vergingen. Man versuchte weiterhin eine Brücke zu Gott zu bauen, auch wenn das Wissen um Gott gleichzeitig auch abnahm: Wer war Gott überhaupt? Gab es ihn? Gab es vielleicht viele Götter? Ist Eden bloß eine optische Illusion?
In dieser Zeit erschien einer, der behauptete, direkt von der anderen Seite zu kommen. Aus Eden. Aus der Gegenwart Gottes. Er wisse, wie der Weg nach Eden geht. Man müsse ihm dafür nur folgen. Denn er wäre der Weg zu Gott. Wie kann ein Mensch auch ein Weg sein, wunderten sich die Spötter, die sich damit längst abgefunden haben, dass es keinen Weg mehr zurück zu Gott gibt.
Gleichzeitig ließ sich nicht leugnen, dass an diesem einen Gesandten Gottes, der wegen seiner Gottesrede bald den Namen „Immanuel“ – Gott mit uns – bekam.
Dieser Mann – Gott mit uns– begann, eine Brücke zu bauen. Nicht aus Holz oder Stein, sondern aus seinem eigenen Leben. Er setzte das Fundament dort, wo die alte Brücke einmal begonnen hatte. Er sprach von Umkehr, von Vertrauen, von Gottes Reich, das nahe ist. Manche hörten ihm zu, andere wurden misstrauisch. Viele liebten ihn – und mindestens genauso viele hassten ihn.
Als die Brücke fast vollendet war, erhoben sich die Bewohner der Insel gegen ihn. Sie wollten nicht, dass jemand anderes den Weg zu Gott bestimmt. Sie töteten ihn, in dem Glauben, damit das Bauwerk für immer zerstört wurde.
Doch gerade dadurch wurde die Brücke vollendet. Sein Tod wurde zum tragenden Balken. Sein Blut zur Sicherung. Sein Opfer zur Verbindung.
Auch als er am dritten Tag auferstand und zu diesem Volk zurückkehrte. hielt die Brücke.
Seitdem gibt es wieder einen Weg zurück zu Gott. Nicht viele Wege, sondern einen. Die Brücke steht offen für jeden Menschen auf der Insel. Wer den Fuß darauf setzt, merkt: Sie trägt. Immer.
Adventsimpuls:
Wo brauchst du eine Brücke zu Gott? Wo baust du falsche Brücken zu Gott?

