Man sollte nicht meinen, dass die Begegnung mit Jesus nur eine „biblische Begebenheit“ ist. Für unsere Zeit unreal! Dabei gilt: Christ kann nur der sein, der Christus begegnet ist. Zwischen dem 19. und 22. Dezember wollen wir historischen Persönlichkeiten zu ihren Begegnungen mit Jesus folgen:
Fangen wir mit Augustinus an:
Der Garten von Mailand lag an diesem Nachmittag still da, als hätte die Welt für einen Moment den Atem angehalten. Die Hitze des Spätsommers hing zwischen den Mauern, und irgendwo zirpte eine Grille. Augustinus, der gefeierte Rhetorikprofessor, saß im Gras – nicht als meisterhafter Denker, sondern als ein Mann, der vor seinen eigenen Gedanken floh. Seit Jahren suchte er nach Wahrheit: bei den Philosophen, in Beziehungen, in religiösen Strömungen. Doch in seinem Innersten war eine Leere, die sich durch keine Leistung und keinen Triumph zum Schweigen bringen ließ.
Seine Mutter Monika hatte für ihn gebetet. Manchmal schien es ihm, als folgten ihn ihre Tränen überallhin wie ein stiller, unnachgiebiger Ruf. „Augustinus, kehre um.“ Doch er war müde vom Suchen und beschämt über die Abgründe seines Lebens. Er wollte Gott – und zugleich wollte er ihn nicht. Er wollte Frieden – aber ohne die Kapitulation des eigenen Herzens. So saß er nun mit dem Rücken an einem Feigenbaum und rang.
In diesem Ringen hörte er plötzlich eine Stimme. Es waren Kinderstimmen:
„Tolle, lege … nimm und lies.“
Er hielt inne. Wieder erklang die Stimme. „Nimm und lies.“
War es ein Spiel römischer Kinder? War es ein göttliches Zeichen? Augustinus wusste es nicht. Doch etwas in ihm öffnete sich. Zögernd stand er auf, ging zu einem Tisch, auf dem ein Kodex lag. Er schlug ihn auf – ohne Absicht, ohne Vorauswahl – und sein Blick fiel auf die Worte aus Römer 13,13–14:
„Lasst uns ehrbar leben … zieht den Herrn Jesus Christus an und sorgt nicht fürs Fleisch, dass ihr den Begierden verfallt.“
Diese Worte trafen ihn wie Licht, das in einen dunklen Raum strömt. Nicht anklagend. Befreiend. Als wäre Christus selbst durch die schmale Tür seines Herzens getreten und hätte gesagt: Augustinus spürte, wie ein jahrelanger Kampf in sich zusammenfiel. Er konnte Ruhe finden. Bekannt geworden ist sein Ausspruch dazu: „Unruhig ist unser Herz, bis es seine Ruhe findet in dir!“
Später schrieb er: „Du hast mich berührt, und ich brannte vor Verlangen nach deinem Frieden.“
Die Bekehrung des Augustinus ist keine romantische Szene eines philosophischen Genies, das (mal wieder) eine neue leuchtende Erkenntnis bekommt. Es ist die Geschichte eines Menschen, der aufhörte, sich selbst zu erklären – und begann, sich Gott auszusetzen.
Advent: Nur möglich, wenn man das Buch öffnet!

