Bedford, Mitte des 17. Jahrhunderts. England ist geprägt von Bürgerkrieg, religiösen Spannungen und tiefen gesellschaftlichen Umbrüchen. Auf dem Marktplatz der kleinen Stadt herrscht geschäftiges Treiben: Händler bieten ihre Waren an, Fuhrwerke rollen über das Pflaster, Stimmen überlagern sich. Unter den Passanten bewegt sich ein junger Mann, kaum gebildet, von einfacher Herkunft – John Bunyan.
Bunyan war der Sohn eines Kesselflickers und arbeitete selbst als Handwerker, vermutlich als Reparateur von Metallwaren. Seine Kindheit war arm, seine Schulbildung minimal. Später sollte er schreiben, er habe sich kaum als jemand gesehen, der überhaupt zu geistlichen Dingen fähig sei. Dennoch war er von Jugend an von religiösen Fragen geplagt. Er kannte die Bibel, kannte Predigten – und gerade deshalb kannte er auch die Angst vor dem Gericht Gottes.
In seiner Autobiographie Grace Abounding (dt. Gnade für den größten Sünder) beschreibt Bunyan seinen Bekehrungsweg sehr ausführlich. Er beschreibt sich selbst als einen Menschen, der zwischen äußerlicher Frömmigkeit und innerer Verzweiflung hin- und hergerissen war. Er wollte Gott gefallen, doch je mehr er sich bemühte, desto stärker wuchs die Überzeugung, dass er scheiterte. Seine Gedanken kreisten um Sünde, Schuld und Verdammnis. Er hatte keine Ruhe – weder in seinen Taten noch in seinen Gebeten.
Eines Tages – Bunyan datiert es später recht genau – hörte er in Bedford einige arme Frauen miteinander sprechen. Es war kein öffentlicher Gottesdienst, keine Predigt. Die Frauen redeten schlicht über ihr geistliches Leben: über ihre Kämpfe, ihre Zweifel, aber auch über die Gewissheit, dass Christus ihnen gnädig sei. Bunyan hörte zu – zunächst zufällig, dann zunehmend gebannt.
Was ihn traf, war nicht ihre Bildung oder Beredsamkeit. Im Gegenteil: Er betont ausdrücklich, dass sie einfache Menschen waren. Doch sie sprachen, so schreibt er, „wie solche, die aus Erfahrung wussten, wovon sie redeten“. Sie sprachen von einem inneren Werk Gottes, von Vergebung, von Freiheit des Gewissens. Dinge, die Bunyan aus der Theorie kannte, aber nie erlebt hatte.
Diese Begegnung ließ ihn nicht mehr los. Er begann, ihre Worte mit seinem eigenen Zustand zu vergleichen – und erkannte schmerzhaft, wie sehr ihm diese innere Gewissheit fehlte. Es folgte eine lange Phase intensiven Ringens. Bunyan schildert Monate, ja Jahre geistlicher Kämpfe: Zeiten großer Hoffnung wechselten mit tiefer Verzweiflung. Bibelverse schienen ihn einmal zu trösten, dann wieder zu verdammen. Besonders die Frage, ob Gottes Gnade wirklich auch ihm gelten könne, ließ ihn nicht los.
Entscheidend war schließlich die allmähliche Erkenntnis, dass das Evangelium nicht auf innerer Vollkommenheit oder geistlicher Leistung beruht. Bunyan begriff, dass der Zugang zu Christus nicht durch ein ständiges Sich-selbst-Prüfen führt, sondern durch Vertrauen auf eine objektive Verheißung. Zentral wurde für ihn der Satz aus Johannes 6,37:
„Wer zu mir kommt, den werde ich nicht hinausstoßen.“
Diese Worte wirkten nicht wie ein plötzlicher emotionaler Durchbruch, sondern wie ein Anker, der langsam, aber sicher Halt gab. Bunyan lernte, seine Hoffnung nicht auf wechselnde Gefühle zu gründen, sondern auf Christi Zusage. Die Last fiel nicht schlagartig ab – aber sie verlor ihre Macht.
Aus diesem Weg der Bekehrung erwuchs später ein fruchtbares geistliches Leben. Bunyan wurde Prediger, trotz fehlender akademischer Ausbildung. Er verbrachte Jahre im Gefängnis wegen seines Glaubens – und schrieb dort sein bekanntestes Werk: Die Pigerreise. Ein Buch, das bis heute in vielen Sprachen aufgelegt wird. Das Buch ist zutiefst geprägt von seinen eigenen inneren Kämpfen und von der Erfahrung, dass der Weg zum Heil kein Triumphzug ist, sondern ein Pilgerweg unter Gnade.

