Auslegung oder Auflegung

Eine Predigt von John Piper, gehalten am 18.06.2020 unter dem Titel: Exposition or Imposition – How Gospel-Centered Preaching Can Go Wrong (18.06.2020). Übersetzt von Abijah Hesse. (Download als .pdf)

Den Titel, den ich für diese Predigt erhielt, lautet „Die Evangeliumspredigt als Erläuterung der ganzen Bibel“. Und so interpretiere ich diesen Titel: Es wird davon ausgegangen, dass wir in unserer Predigt als Pastoren „die ganze Bibel darlegen“ sollten. Das ist eine gute Annahme. „Die ganze Schrift ist. . . ertragreich“, sagte Paulus (2. Timotheus 3, 16). Und dann, drei Verse später, sagte er im natürlichen Fluss seines Denkens: „Predige das Wort!“ (2. Timotheus 4, 2). Ich verstehe in diesem Zusammenhang „das Wort“ als nichts weniger als das inspirierte Wort: „die ganze Schrift“. Alle Schrift ist von Gott eingehaucht und ertragreich (2. Timotheus 3, 16). Predige sie. Verkünde sie. Mach sie bekannt. Erkläre sie. Erkläre die ganze Bibel.

Aber wenn mein Titel „die Erklärung der ganzen Bibel“ im Blick hat, bedeutet das nicht: „Erkläre jeden einzelnen Vers der Bibel.“ Niemand kann das in einem Leben tun. Nicht, wenn du das Wort erklären /erläutern ernst nimmst. Stattdessen bedeutet es: Durchquere in deinen vierzig oder fünfzig Jahren der Darlegung die gesamte Bibel und nimm Texte von irgendwo und allerorts auf, so wie der Geist führt, die Zeiten es erfordern und deine Gemeinde es braucht. Weil alles inspiriert und profitabel ist. Die Erklärung der gesamten Bibel wird uns Christen hundertmal mehr nützen als unsere klugen oder kreativen Überlegungen zum Stand der Religion, Kultur oder Politik.

„Denn alles Fleisch ist wie das Gras,
und all seine Pracht wie die Blume des Feldes.
Das Gras verdorrt und die Blüte fällt ab, 
das Wort des Herrn aber bleibt in Ewigkeit.“ (1. Petrus 1, 24-25)

Eure Gemeinde braucht euch, um durch anbetungsvolle Erklärungen zu verstehen, was Bibelpassagen bedeuten. Erklärung und Jauchzen ist das, was sie von euch brauchen. Wahrheit und Leidenschaft. Weisheit und Anbetung. Lehre und Freude. Aus jedem nur denkbaren Text der Bibel. Das ist es, was ich in der zweiten Hälfte meines Titels: „Die Erläuterung der ganzen Bibel“ verstehe. „Auslegung oder Auflegung“ weiterlesen

Die absolute Souveränität Gottes

Worum geht es in Römer 9?

Ein Artikel von John Piper, The Absolute Sovereignty of God  vom 03.11.2002. Übersetzt von Viktor Zander. Download als .pdf

Ich sage die Wahrheit in Christus, ich lüge nicht, wobei mein Gewissen mir Zeugnis gibt im Heiligen Geist, dass ich große Traurigkeit habe und unaufhörlichen Schmerz in meinem Herzen; denn ich selbst, ich habe gewünscht, verflucht zu sein von Christus weg für meine Brüder, meine Verwandten nach dem Fleisch; die Israeliten sind, deren die Sohnschaft ist und die Herrlichkeit und die Bündnisse und die Gesetzgebung und der Gottesdienst und die Verheißungen; deren die Väter sind und aus denen dem Fleisch nach der Christus ist, der über allem ist, Gott, gepriesen in Ewigkeit. Amen. (Römer 9,1-5)

Es gibt zwei Erlebnisse in meinem Leben, die Römer 9 zu einem der wichtigsten (wenn nicht sogar zu dem wichtigsten) Kapitel in der Bibel machen, und zwar dahingehend, wie es die Art geformt hat, wie ich über alles denke, und wie ich in den Dienst geführt wurde. Eines spielte sich im theologischen Seminar ab und stellte meine Gedankenwelt auf den Kopf. Das andere Erlebnis geschah im Herbst 1979 und führte dazu, dass ich zum Dienst in diese Gemeinde kam. „Die absolute Souveränität Gottes“ weiterlesen

Simson – Für uns

Ein Artikel von Ed Welch. Übersetzung von Viktor Zander. Download als .pdf

Bei einigen Geschichten des Alten Testaments fällt es schwer, bedeutungsvolle Weisheit daraus zu schöpfen – eine Weisheit, welche die Art unseres Gebets prägt. Es braucht Zeit, vielleicht ein oder zwei Gespräche. Und wer hat für so etwas Zeit, wenn man versucht, in einem Jahr die Bibel durchzulesen?

Als ich vor kurzem zur Erzählung über Simson kam (Ri. 13-16), wurde mir deutlich, dass ich zwar zufrieden damit war, neue Einzelheiten zu erkennen und neue Verbindungen zu knüpfen. Die Geschichte hatte jedoch keinen Berührungspunkt mit meinem Gebetsleben. Also versuchte ich, es langsamer anzugehen. Das machte aber alles nur noch schlimmer.  Simson taucht am Ende des Richter-Buches auf und die Geschichten werden im Lauf des Buches immer verkommener. Sein Vater Manoah kommt als Stümper daher. Simsons erste Worte drehen sich darum, was er sah und was er begehrte: Er begehrte eine Frau der Philister, gegen den dringenden Rat seiner Eltern. „Diese nimm mir“ forderte er, „denn sie ist in meinen Augen die Richtige!“ (14,3; rev. Elb.) In meinen Augen das Richtige, oder in Gottes Augen das Richtige – das ist im ganzen Buch ein vorherrschendes Motiv – Simson ist dabei die Kopie eines Menschen, der dem nachjagt, was in seinen Augen das Richtige ist. Das nimmt die Ereignisse voller Gier, Dummheit und Rache vorweg, die im Verlauf folgen. Simson macht seinem eigenen Volk das Leben so schwer, dass es ihn dem Feind ausliefert. Selbst sein letzter Kraftakt war ein Racheakt gegenüber den Philistern, die ihm die Augen ausgestochen hatten (was für ein treffendes und ironisches Gericht über jemanden, der alles das wollte, was er sah). Schließlich waren auch seine Wortspiele und Rätsel kindisch. Nichts Heldenhaftes zu finden. „Simson – Für uns“ weiterlesen

Eine Viertelstunde über ein Gebet im Walfischmagen

Was macht ein erfahrener Prophet Gottes im Walfischmagen? Offensichtlich eine Lektion lernen. Aber welche sollte es sein? Und warum hat Jona geradezu zum Verzweifeln keinerlei Motivation nach Ninive zu gehen? Ist es Angst? Ist es mangelnde Überzeugung? Könnte es sein, das Jona nicht ertragen kann, dass sein Gott selbst mit einem Terroristenvolk gnädig ist? Wie kann es sein, dass Jona Gnade als unerträglich empfindet? Wenn dieses Problem einen bewährten Propheten betrifft, wie weit mehr uns? Diesen und weiteren Fragen gehe ich in meiner Andacht nach.

Übrigens: Meine Lektüreliste findet sich hier.

Höre hier:

 

Meine Seele will sich nicht trösten lassen

Ein Artikel von Jon Bloom: „My Soul refuses to be comforted”, erschienen am 16.05.2020. Übersetzt von Ruth Metzger, mit freundlicher Genehmigung von Desiring God. (download als .pdf)

Seine Seele war so aufgewühlt, dass er keinen Schlaf fand. So verwirrt und verstört waren seine Gefühle (und die ihnen zugrundeliegenden Fragen), dass er sie gar nicht alle in Worte fassen konnte. Er litt nicht an einer generalisierten, undefinierten Depression. Er erwähnte keinen besonderen Feind, der sein Leben bedrohte. Die Person, wegen der er solche Qualen litt, war Gott selbst. Als Asaph Psalm 77 niederschrieb, ging er durch eine Glaubenskrise.

Ich rufe zu Gott und will schreien;
zu Gott rufe ich, und er wolle auf mich hören!
Zur Zeit meiner Not suche ich den Herrn;
meine Hand ist bei Nacht ausgestreckt und ermüdet nicht,
meine Seele will sich nicht trösten lassen.
Denke ich an Gott, so muss ich seufzen,
sinne ich nach, so ermattet mein Geist. (Sela.)
Du hältst meine Augenlider offen;
ich werfe mich hin und her und kann nicht reden. (Psalm 77,2-5 SLT)

Warum war Asaph so aufgewühlt? Weil es aus seiner Perspektive so aussah, als habe Gott beschlossen, seine Verheißungen für Israel fallenzulassen. Wenn Gott sein Wort nicht hält, haben die, die ihm vertrauen, das Haus ihres Glaubens auf Sand gebaut – ein sehr verstörender Gedanke. „Meine Seele will sich nicht trösten lassen“ weiterlesen

Eine Viertelstunde über einen unfassbar frommen Heiden (Apg. 10,3-6)

Auf der Bibelstunde habe ich darüber nachgedacht, warum

  • gerade diese Begebenheit Lukas so wichtig ist, dass er sie mehrfach wiederholt
  • Lukas so viel Energie darauf verschwendet, die Frömmigkeit des Kornelius zu unterstreichen
  • und warum Gott sein Evangelium nicht durch Engel verkündigt

Input zu Richter (3): Eine Harmonie von Kap. 4 & 5

Beim Lesen des großartigen  Richter (und Ruth) Kommentars von Daniel Block bin ich auf die Harmonie von Kapitel 4 und 5 gestoßen. Ein solches Kunstwerk, das gleiche Ereignis in zwei Erzählstilen zu kommunizieren, findet sich in der Bibel nur noch ein weiteres Mal (2. Mo. Kap. 14 und Kap. 15). Die komplementäre Darstellung ergibt ein volleres Bild, das weder alleine Prosa noch alleine Poesie in dieser Art vermitteln konnten. Block ist der Ansicht, dass diese beiden Kapitel eine wertvolle Ressource sind, um die Unterschiede zwischen antiker hebräischer Prosa und Poesie zu verstehen. Block hält fest: “Obwohl die Sequenz der Ereignisse in zwei parallelen Versionen geschildert werden, betonen die Versionen unterschiedliche Aspekte. Das Prosa besitzt (1)keinerlei Bezug zur feierlichen Antwort der Israeliten (V. 1-3), (2) keinen Hinweis auf Jahwes Hilfe vom Berg Sinai (5,4-5); (3) keinen Lob für die Krieger Israels (5,9-11); (4) keine Bewertung der Teilnahme der einzelnen Stämme (5,13-18) (5) keine kosmische Einbindung in den Sieg über Siseras Armee (5,20-21); (6) keinen Fluch von Meros für die Nicht Teilnahme (6)(…); (7) kein Interesse an sekundären Opfern (5,28-30) (…)” (eigene Übersetzung)

Die von Block vorgeschlagene Harmonie habe ich für die Luther-2017 Übersetzung umgesetzt:

„Input zu Richter (3): Eine Harmonie von Kap. 4 & 5“ weiterlesen

Stellvertretende Sühne

Ein Artikel von Thomas Schreiner: Substitutionary Atonement. Übersetzung unter Creative Commons License with Attribution – ShareAlike (CC BY-SA 3.0US) Download als .pdf

Definition

Die Perspektive der Sühne als Straf-Stellvertretung (engl.: penal substitutionary atonement) hält fest, dass das zentrale Ereignis in der Sühne die Annahme der vollen Strafe, die wir für unsere Sünde verdienen, durch Jesus Christus an unserer Stelle ist und das alle anderen Vorzüge der Sühne ihren Anhaltspunkt in dieser Wahrheit finden.

Zusammenfassung

Alle Menschen benötigen einen Stellvertreter, weil alle als Sünder gegen einen heiligen Gott schuldig geworden sind. Jegliche Sünde verdient Bestrafung, weil jegliche Sünde eine persönliche Rebellion gegen Gott höchstpersönlich ist. Während die Tieropfer im Alten Testamentes die Schuld des Gottes Volkes übernommen haben, konnten die Opfer niemals vollständig für die Sünden der Menschen sühnen. Deswegen kam Jesus Christus und starb an Stelle seines Volkes (Stellvertretung) und nahm auf sich die volle Strafe, die sie verdient haben (Strafe). Auch wenn es andere Theorien über die Sühne gibt, die auf andere gültige Aspekte dessen hinweisen, was im Tode Christi geschah, bewahrt die Straf-Stellvertretung in der Kreuzigung dem Volk Gottes all die anderen Vorzüge, die dieses durch den Tod ihres Repräsentanten erfährt. „Stellvertretende Sühne“ weiterlesen

Charles H. Spurgeon: Der gekreuzigte Christus

Eine Predigt, gehalten am Sonntagabend zu Beginn des Jahres 1858 von C.H. Spurgeon in der New Park Street Chapel in Southwark (Download als .pdf):

Korinth befand sich in Mitten eines Volkes, das Eloquenz und Weisheit bewunderte. Der Brief wurde im Zeitalter der Redner und Philosophen verfasst. Der Apostel Paulus war ein Mensch tiefer Gelehrsamkeit – er wurde an den Füßen Gamaliels in aller Weisheit des Ostens ausgebildet. Wir können uns sicher sein, dass er ein sehr begabter Mensch war, denn, obwohl seine Schriften durch den Heiligen Geist inspiriert wurden, hat der Heilige Geist gerade Ihn als Sein Instrument wählte. Einen Menschen, der offensichtlich die Fähigkeit für tiefes und kraftvolles Denken und Argumentieren besaß. Auch bezüglich seiner Redefähigkeit glaube ich, dass wenn Er sich entscheiden würde, diese zu trainieren, sie von erstklassiger Qualität wären, denn wir finden in einigen seiner Briefe eine Eloquenz, die alles, was je von den Lippen Ciceros[1] oder Demosthenes[2] fiel, überragt.

In den Gedanken eines einfachen Menschen, der eine solche Stadt wie Korinth betritt, besteht die Versuchung, zu sich selbst zu sagen: „Ich will mich bemühen, meine Redefähigkeit auszubauen. Ich habe ein gesegnetes Evangelium zu predigen, das der höchsten Gaben wert ist, die ich diesem überhaupt weihen kann.“ Paulus könnte so denken: „Ich bin redebegabt. Ich muss nun alles daransetzen, meine Predigten aufzupolieren und meine Ansprachen so einzukleiden, um alle Redner, die gerade die Korinther fesseln, überbieten zu können. Das will ich natürlich besten Gewissens tun, denn ich werde meine Absicht im Auge behalten, Jesus Christus zu predigen – und ich werde Jesus Christus mit einer derartig edlen Sprache verkündigen, dass es mir gelingen wird, mein Publikum dazu zu bewegen, über das Evangelium nachzudenken.“ „Charles H. Spurgeon: Der gekreuzigte Christus“ weiterlesen

Warum will Christus, dass manche NICHT glauben?

Ein Artikel von John Piper, Why Does Christ Want Some Not to Believe, erschienen am 15.06.2020 auf Desiring God. Übersetzt von Viktor Zander, mit freundlicher Genehmigung von Desiring God (download .pdf

 – Das ist für viele Bibelleser eine verwirrende Frage, die sich am Kopf kratzen, wenn sie auf Texte wie Mt 13,13 und Lk 8,10 stoßen. Heute kommt die Frage von einem Zuhörer namens Max – eine Frage an Pastor John, der uns wieder einmal via Skype zugeschaltet ist.

„Hallo Pastor John! Können Sie mir bitte Jesu Gleichnis in Lk. 8,9-15 erklären, in welchem er Jes. 6,9 zitiert? In Jes. 6,10 sagt Gott: ‚Mache das Herz dieses Volkes fett, … damit es mit seinen Augen nicht sieht … und sein Herz nicht einsichtig wird und es nicht umkehrt und Heilung für sich findet!‘ Was mich irritiert ist, dass Gott mit voller Absicht Menschen von der Errettung fernhält, obwohl 1Tim. 2,4 feststellt, dass Gott will, dass alle Menschen Buße tun und die Errettung empfangen. Helfen Sie mir bitte, dieses scheinbare Paradox und wenn möglich Gottes Gedanken dahinter zu verstehen, wenn er bestimmte Herzen verhärtet, um sie von der Buße fernzuhalten.“ – 


In Wirklichkeit handelt es sich hier um zwei Fragen. Beide Fragen sind gut. Die erste Frage lautet: Impliziert 1Tim 2,4, dass Gottes Wunsch, dass alle gerettet werden, seine entscheidende Souveränität darüber ausschließt, wer tatsächlich gerettet wird? Wenn er also wünscht, dass alle gerettet werden, ziehen Sie dann die Schlussfolgerung, dass er keinen Anteil daran hat, auszuwählen, dass manche gerettet und manche übergangen und nicht gerettet werden? Das ist eine Frage.

Die andere Frage lautet: Was sind Gottes Gedanken darüber, oder der Zweck dahinter, wenn er in Lukas 8 verhindert, dass manche Menschen die Wahrheit sehen und gerettet werden? Lassen Sie uns also eine Frage nach der anderen angehen und sie dann miteinander verbinden. „Warum will Christus, dass manche NICHT glauben?“ weiterlesen