Wie besteht man in einem pharisäischen System?

In den Evangelien nimmt die Auseinandersetzung Jesu mit den Pharisäern großen Raum ein. Matthäus 23 dürfte dabei der Höhepunkt der Kritik von Jesus an den Pharisäern sein. Seine Jünger wiederum ermahnt er regelmäßig, sich vor der Heuchelei “zu hüten”. Das bewegt mich zu einigen Überlegungen.

Heuchelei ist kein typisch christliches Problem

Gerne wird darauf verwiesen, dass Christen Heuchelei zelebrieren. So verbietet die katholische Kirche z.B. Verhütungsmittel, aber kaum ein Katholik hält sich daran. Heuchelei ist jedoch das Problem der Menschheit, und wahrscheinlich intensiver des wohlhabenden Westens. So ist man in Europa durchaus in der Lage, Abtreibungen zu zelebrieren, während man gleichzeitig gegen die Abholzung einiger Bäume demonstriert. Ich würde sogar dafür plädieren, dass Christen sich üblicherweise dadurch absetzen, dass sie Heuchelei (immerhin) wahrnehmen und auch versuchen dagegen vorzugehen. „Wie besteht man in einem pharisäischen System?“ weiterlesen

Pauli goes to (1)… "Evangelischer Bibelkreis"

Es wird Zeit für eine neue Kolumne. Unter dem Reiter “Pauli goes to” will ich meinen Besuch bei recht ungewöhlichen (zumindest für mich) religösen Veranstaltungen beschreiben. Mit dem Titel hoffe ich auch ausreichend Selbstironie zu besitzen.

Froh darf ich verkündigen, dass der erste Beitrag in dieser Serie einer Veranstaltung der Evangelischen Kirche in Deutschland geweiht ist!

Intro

Zunächst: Da ich wie immer, mit meiner Kritik nicht sparsam umgehen werde, könnte mancher Leser versucht sein, den “Tatort” identifizieren zu wollen. Ich kann versichern, dass es keiner der Bibelkreise in meiner unmittelbaren Umgebung ist. Dennoch war mein Besuch genau aus diesem Grund motiviert. Seit ich im Frühjahr dieses Jahr eine fromme und “evangeliumssüchtige” Familie (die unserer Familie ein großes Vorbild ist) in einem katholischen Milieu kennen lernen durfte, würde ich mir gerne Gemeinschaft mit Christen auch in meinem Dorf wünschen. So verteilte ich Flyer mit Einladungen zu einem Hauskreis. Jedoch verstehe ich, dass für Lang eingesessene Dorfbewohner bereits mein Vorname Schrecken hervorrufen dürfte. So suchte ich nach Pilotprojekten und wurde auf einen “Bibelkreis” (so die Eigenbezeichnung) einige Örter weiter aufmerksam.

„Pauli goes to (1)… "Evangelischer Bibelkreis"“ weiterlesen

Christus im AT(2): Der Bruch und die Heilung

Wie angekündigt behandelt diese Fortsetzung Genesis 3,15 als Hebelpunkt für die Christologie des AT. Viele Impulse habe ich von Eduard Böhl, Christologie des Alten Testaments übernommen, der Gen. 3,15 besonders viel Zeit widmet (über 10 Seiten). Er selbst schreibt über diesen Vers, der auch das Protevangelium genannt wird:

Als ein erster leuchtender Stern tritt uns das Protevangelium Gen. 3,15 entgegen (S.5)

Über eine Christologie, die das Protevangelium übersieht stellt er fest:

Der Hauptmangel ist, dass ihm ein fester Anfangspunkt, das Protevangelium, fehlt. (S.25)

(Bildrechte: gemeinfrei)

Die Verkündigung des Evangeliums als SElbstoffenbarung Gottes

Adam versagt! Er versagt kläglich. Trotz bester Umgebungsbedingungen, paradiesischer Zustände fällt er tief. Dabei war sein Aufgabengebiet überschaubar: Den Garten bauen und bewahren (Gen. 2,15). Es gab nur ein Verbot: Finger weg vom Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen! Doch kaum kommt der erste Feind Gottes an die Pforte Edens, wird er reingelassen und der Mensch zeigt sich nur allzu willig zu kooperieren. Welch tiefer Fall: Der Mensch stellt sich auf die Seite des Feindes Gottes. Verführt durch den irren Wunsch, selber zu werden wie Gott!

Nun, als Gott erscheint um Gericht zu üben, stehen die Chancen unfassbar schlecht für Adam. Auf den Bundesbruch folgt der Bundesfluch: Der ewige Tod. Eine ewige Trennung von der Gemeinschaft mit Gott, die Adam umso schmerzhafter erfahren haben dürfte.

Doch nun erweist sich Gott als überragend gnädig. Mir ist beim Lesen der ersten Kapitel der Bibel wieder aufgefallen, dass Gott drei Reden hat. Zunächst in der Schöpfung, später indem er Adam seine Aufgaben mitteilt, und nun als Richter. Doch welch Richter redet so gütig? Die Todesstrafe scheint verschoben, und selbst das härteste Gericht stellt uns einen liebenden Gott dar: Gott verhindert nämlich, dass der Mensch mit Satan gemeinsame Sache machen kann, und weil Adam selbst unfähig ist mit Satan zu brechen, sagt Gott: ICH WILL FEINDSCHAFT MACHEN (ob es nun der Schlange oder dem Menschen gefällt oder nicht). Ich finde das eine über raus faszinierende Begebenheit wenn Gott aktiv die satanischen Mächte auf der Erde in Grenzen hält.

Der Mensch als Passiver Empfänger der Gnade

Böhl schreibt (S.30):

Das evangelische Wort (Gen. 3,14.15) redet nicht direkt zum Menschen, weil offenbar von den gefallenen Menschen kein Wollen und kein Vollbringen des Guten ferner zu erwarten war. Von den Menschen abgewendet, verkündet Gott seinen Ratschluss, der die Errettung bezweckte, und zwar redet er mit der Schlange. Der Mensch soll das rettende Wort hören zu seinem Trost, aber zur Mitwirkung ist er nicht berufen. Der Wortlaut des Evangeliums enthält zunächst eine Kriegserklärung für die Schlange auf Leben und Tod. Für den Menschen aber liegt eine Gerechterklärung darin, sofern er glaubt diesem durch Gottes Gerechtigkeit normierten Wort.

Aus Gnaden Gottes wird eine Verheißung verkündigt, der Mensch bekommt keine zweite Chance. Etwas ausführlicher habe ich diesen Gedanken in diesem Artikel verfolgt und verzichte an dieser Stelle auf weitere Ausführungen.

Was konnten Adam und Eva über die Erlösung wissen?

Offensichtlich entwickelt sich die Offenbarung des Heilsplans wie ein Krimi (man verzeihe den profanen Vergleich): Adam und Eva wissen bereits etwas, und es ist vollständig im Einklang mit dem Plan Gottes, aber doch wissen sie nicht so viel wie ein Mensch, der heute die Bibel aufschlagen kann, und die Geschichte vom Ende zurück zum Anfang zurückverfolgen kann.

Dennoch bekommen unsere Väter dennoch beeindruckend viele Informationen:

  • Ein Nachkomme der Frau: Natürlicherweise würde man den Samen des Mannes erwarten, doch wird hier das schwächere Geschlecht mit einem Vorrecht versehen(Auch wenn sich die Feministen über das schwächere Geschlecht ärgern mögen, wird dies zumindest im geschichtlichen Kontext vorausgesetzt) . Heute weiß die Christenheit, dass sich das auf eine besondere Weise erfüllte, durch die Jungfrauengeburt Marias. Irgendwo schwingt hier auch das Übermenschliche des Erlösers mit. Der Wohl auch Mensch ist, aber auch göttlicher Art. Wunderbar bestätigte es sich dann in Jesus Christus
  • Er wird die Schlange besiegen: Sprich er wird die Schlange besiegen. Zunächst einmal spricht es darüber, dass die Adamitische Mission doch noch erfüllt wird. Unter deutlich verschärften Bedingungen besteht Christus zunächst die Versuchungen Satans um ihm dann den Todesstoß zu verpassen. Hat man das vor Augen, wundert man sich nicht mehr, wenn Paulus in Christus mehrfach eine Parallele zu Adam zieht (Röm 5,11-21 oder 1 Kor. 15,45-47):

1. Korinther 15,45–47 : Wie es geschrieben steht: der erste Mensch, Adam, “ward zu einer lebendigen Seele”, und der letzte Adam zum Geist, der da lebendig macht. Aber der geistliche Leib ist nicht der erste, sondern der natürliche; darnach der geistliche. Der erste Mensch ist von der Erde und irdisch; der andere Mensch ist der HERR vom Himmel.

  • Der Sieg wird teuer erkauft: Die Schlange wird sich nicht kampflos erheben, sondern alle Ressourcen in den Kampf werfen. Ja sie wird ihn in die Ferse stechen und wenn einen eine Schlange beißt, hat man eine tödliche Wunde zu erwarten. Genau das, was Christus widerfuhr. Spannend finde ich an dieser Stelle, dass auch das Motiv der Schlange weiter entwickelt. Petrus warnt die Gemeinde vor dem brüllenden Löwen, und in der Offenbarung finden wir plötzlich, wie aus der alten Schlange ein Drache, also ein weit mächtigeres Wesen geworden ist (1 Pet. 5,8; Offb. 12,9;20,2). Christus besiegt einen Satan, der deutlich mächtiger auftritt, als gegenüber Adam.
  • Was das Haupt trifft, trifft die Glieder: So wie wir alle in Adam gesündigt haben und das Todesurteil empfangen haben (1 Kor 15,22 UND Hos 6,7), so werden auch die, die Teil der Verheißungen in Christus sind, in den Kampf mit der Schlange hineingezogen. Die Feindschaft betrifft nicht nur den Fürsten, sondern seine Nachfolger. An dieser Stelle haben wir einen christologischen Anknüpfungspunkt für viele Begebenheiten des AT: Wenn Ismael dem Samen der Verheißung Isaak im Weg steht, wenn Pharao die Kinder der Israeliten töten lässt,wenn die Philister Israel bedrängen und Richter sie befreien, wenn Saul David verfolgt, dann wiederholt sich das immer selbe Motiv des “geistlichen Krieges” zwischen Schlangenbrut und Samen der Verheißung. Lukas kann nicht umsonst rückblickend die Abstammungslinie Christi bis auf Adam zurückverfolgen (Luk 3,23ff)

Leben im Glauben

In der Vorbereitung auf diesen Beitrag bin ich darauf gestoßen, wie zentral die besprochene Stelle für die Reformatoren war. In meiner Lutherbibel finden sich zu kaum einem anderen Vers soviele Parallelstellen. Ausgehend von der Verheißung gingen Luther, Melanchton und Co. davon aus, dass Adam und Eva nun gläubig, und im Glauben lebten. Diese Argumente sprechen dafür:

  • Das Urteil Gottes ändert sich: Gott urteilt, dass der Mensch nun einer von uns geworden ist, wurde von den Reformatoren mit einer Erfüllung des Heiligen Geistes gleichgestellt, nicht mit der Kontaminierung mit der “verbotenen Frucht”.
  • Adams Urteil über Eva ändert sich: Aus “die Frau die mir gegeben hast”, wird “die Mutter aller, die da leben”. Böhl führt hierzu aus (S. 39): Solches ist ein testimonium fidei Adami, wie Melanchthon sagt zu dieser Stelle. Die Mitteilung einer trivialen naturhistorischen Erkenntnis konnte nur völlig Ratlosen in den Sinn kommen
  • Schließlich aber erwartet Eva nichts sehnsüchtiger als die Verheißung, ansonsten lässt sich ihr Verhalten bei der Geburt Kains kaum erklären, als sie ausruft: Ich habe einen Mann gewonnen mit dem Herrn. (1 Mo. 4,1)
  • Später lässt sich vermuten, dass sich Adam mit Sem und Henoch zu denen gesellte, die den Herrn anriefen (1. Mo. 4,25-26)

Vor allem die letzten beiden Argumente haben mich überzeugt und lassen den Schluss zu, dass Gemeinde, also die Versammlung all derer, die den Herrn anrufen, bereits kurz nach dem Fall entstand, durch eine Verheißung lebte und auch heute durch die Erfüllung der Verheißung zur neuen Kraft gelangt.


Als Fazit können wir festhalten:

  • Sofort nach der Niederlage Adams ist Gott da und verkündigt eine unerwartete Verheißung
  • Der Mensch stellt sich lieber auf die Seite der Schlange, doch Gott garantiert “Feindschaft”
  • Auch als die ganze Menschheit bis auf die Familie Noahs ausgerottet wird, bleibt Gott seiner Verheißung treu.
  • Wenn Jesus Christus als das Wort Gottes bezeichnet wird, können wir erahnen, welche Zuverlässigkeit hinter seinen Heilszusagen steht. Über Jahrtausende hindurch entwickelt Gott gegen allen Widerstand seinen Plan

In dem Nächsten Beitrag dieser Serie betrachten wir, wie sich die Verheißung im Leben der Patriarchen bahn bricht.

Hier geht es zu Teil 1.

Wie du deine geistlichen Gaben (nicht) entdecken kannst

Ein Artikel von Thomas Schreiner:
Ist es wichtig, deine geistlichen Gaben zu kennen? Oder ist dieses Anliegen ein Beweis für den heute so typisch für gewordenen Narzissmus?
Vielleicht können wir die Ermittlung unserer Geistlichen Gaben mit dem aktuellen Interesse an Persönlichkeits- und Profiltests vergleichen, wie z.B. dem (Persönlichkeits-)Enneagramm. Das Enneagramm sondiert neun unterschiedliche Persönlichkeitstypen und hat derzeit einen ziemlichen Einschlag in evangelikalen Kreisen. Kevin DeYoung warnt berechtigterweise vor den Gefahren  des Enneagramms und erläutert, dass es der Schrift in vielerlei Hinsicht fremd sei. Russell Moore stimmt den Aussagen DeYoungs zu, dass das Enneagram, als Ganzes nicht hilfreich ist, denkt aber, dass es als ein Werkzeug verwendet kann, um die persönlichen  potenziellen Stärken und Schwächen, wie auch die Motive hinter Wünschen und Neigungen anderer, aufdecken kann.
Ich denke, so ähnlich können wir uns auch über den Prozess der Ermittlung geistlicher Gaben äußern. „Wie du deine geistlichen Gaben (nicht) entdecken kannst“ weiterlesen

Rechtfertigung = Glaube + Nichts

Übersetzung eines Artikels von Thomas Schreiner:
51mudo8ycvlEiner der fünf Schlachtrufe der Reformation war die Aussage, dass wir alleine aus Gnade gerettet werden – sola fide. Diese Worte erklären, dass die Errettung nicht vom Schauen auf die Werke unserer eigenen Gerechtigkeit kommt, sondern von Schauen von uns weg zu jemand anderem, auf die Person und das Werk Jesu Christi. Diese Feststellung erwuchs aus dem Wunsch zu den Schriften  und zu den Lehren der frühen Kirchenväter zurückzukehren, – ein Ruf die Kirche zu reformieren und biblische Rechtgläubigkeit herzustellen.
Fünf Jahrhunderte sind nun seit der Reformation vergangen und wir dürfen uns fragen: Hat heutzutage sola fide immer noch Relevanz? Ist die Vorstellung der Rechtfertigung durch den Glauben allein nur ein Relikt vergangener Zeiten, die die Nostalgie verflosserner Tage reflektiert? Ich glaube, dass der reformatorische Ruf des sola fide auch heute weiterhin gelehrt und bewahrt werden sollte, weil es biblische Lehre zusammenfasst- und Gottes Wort verliert niemals seine verändernde Kraft. Das Wort Gottes spricht in jeder Zeit und in allem Raum.
Während einige sich an sola fide einzig aus Tradition hängen mögen, sollten wir uns daran hängen, weil es im Einklang mit dem Wort Gottes ist. Die Rechtfertigung aus Glauben allein ist nicht das Produkt starrer und öder Rechtgläubigkeit. Es spricht zu den Köpfen und Herzen durch die ganze Geschichte hindurch, weil es eine der fundamentalen Fragen unseres menschlichen Zustandes angeht: Wie kann ein Mensch gerecht werden vor Gott? (How can a person be right with God?)
Die Worte von Francis Turretin (1623-1687) bezeugen die pastorale Bedeutung der Rechtfertigung allein durch den Glauben. Er sagt, wir verstehen “die Kontroverse” um die Rechtfertigung, wenn wir unseren eigenen Stand als Individuen vor einem heiligen und gerechten Gott berücksichtigen:

Doch wenn wir uns zum himmlischen Tribunal erheben und vor unsere Augen den höchsten Richter sehen, (…) durch dessen Klarheit sich alle Sterne verdunkeln, durch dessen Stärke die Berge schmelzen, durch dessen Zorn die Erde erschüttert wird; dessen Gerechtigkeit nicht einmal die Engel gleichberechtigt sind, der den schuldigen nicht unschuldig macht, dessen Rache, wenn sie einmal entfacht wurde, selbst die tiefsten Tiefen der Hölle durchdringt… dann zerfällt in einem Augenblick die eitle Sicherheit des Menschen, sie verschwindet und zerfällt und das Gewissen ist gezwungen (…) zu bekennen, dass es nichts habe womit es vor Gott bestehen kann.  Und so schreit es mit David, “Herr wenn du Ungerechtigkeit anrechnest, wer kann bestehen? (…) Wenn das Verstand vollständig vom Bewusstsein der Sünde und einem Gefühl des Zornes Gottes erschreckt ist, was ist das dann für ein Ding, auf Grundlage dessen er freigesprochen und als eine gerechte Person anerkannt werden kann? (…) Ist es die Gerechtigkeit die in uns wohnt und die unvollkommene Heiligkeit, oder allein die Gerechtigkeit, und der Gehorsam Christi, der uns zugerechnet wird?

Weiterhin relevant

Wir dürfen nie vergessen, warum diese biblische Wahrheit heute wichtig ist. Während einige möglicherweise aufgrund theologischer Disputationen über Theologie reden möchten, ist der zentrale Punkt, wie Turretin ausarbeitet, persönlicher Art. Wir reden davon, wie man vor Gott am letzten Tag bestehen kann, am Tage des Gerichts und sola fide beantwortet die Frage: Wie können wir vor dem Einen Heiligen bestehen?
Andere wiederum können mit uns übereinstimmen, dass die Frage nach dem Bestehen am letzten Gericht eine entscheidende Frage ist und doch denken, dass die Rechtfertigung durch den Glauben allein aufgegeben werden sollte. Schließlich ist sola fide schnell missverstanden und so glauben sie, dass der Slogan abgeschafft werden sollte. Warum auf einen Slogan zurückgreifen, der qualifiziert und erklärt werden muss, um Missbrauch zu vermeiden?
Doch dieser Einwand lässt sich auf jede theologische Wahrheit anwenden. Wir verwefen den Begriff “Dreieinigkeit” nicht deswegen, weil er regelmäßig missverstanden wird. Stattdessen muss das, was wir mit “Dreieinigkeit” meinen sorgfältig erklärt werden. Wir müssen sorgfältig aufzeigen was der Term bedeutet und was nicht, damit jene, die uns zuhören, nicht denken, Christen seien Tritheisten. Trotz dieser Herausforderungen verwerfen wir den Begriff nicht deswegen, weil er gelegentlich missverstanden wird.

Nicht einfach nur beschützen

Manchmal wird reformierten Christen vorgeworfen, zu viel Energie auf die Bewahrung und den Schutz von Lehren und Traditionen einzusetzen, wie z.B. der Rechtfertigung durch den Glauben allein. Vielleicht sind wir manchmal schuldig die lehrmäßige Treue derart zu betonen, dass wir die Hochschätzung der Wahrheit, die wir bekennen, vernachlässigen.
Dennoch ist die Verteidigung des Glaubens ein nobles und biblisches Bestreben. Judas 3 fordert uns dazu in sehr klaren Worten auf, und sowohl der Galaterbrief wie 2. Timotheus betonen, dass wir das Evangelium hochhalten müssen, selbst wenn andere dasselbe verleugnen. Und doch müssen wir uns davor hüten, dass unsere “evangeliumsschützenden” Anstrengungen uns nicht wichtiger werden, als das Genießen der lebensspendenden Freiheit und Freude, mit der uns das Evangelium versorgt. Wir beschützen die Wahrheit, weil wir sie schätzen, und wir schätzen die Wahrheit, weil sie unser Leben ist.
Wenn wir alleine und stille vor Gott sind erinnern wir uns unserer vieler Sünden und unserer großen Unwürdigkeit. In solchen Momenten spüren wir die Ehre und die Schönheit des sola fide; wir bekennen “Da ich denn nichts bringen kann schmieg ich an Dein Kreuz mich an” (nothing in my hand I bring, simply to the cross I cling). Wir realisieren, dass wir nur aufgrund der Gnade Gottes mutig in die Gegenwart Gottes treten können, durch den Glauben in die Gerechtigkeit Christi allein. In der Tat ist sola fide belebend, weil es uns an die Gnade des Evangeliums erinnert und festhält, dass unsere Errettung- unser Bestehen und die Annahme vor Gott- vollständig von Gott kommt. Menschliche Werke können die göttliche Errettung nicht vollbringen. Somit schreibt sola fide alle Ehre Gott zu, so dass niemand sich Menschen rühmen könne (1. Kor. 1,31). Es erinnert uns daran, dass alles was wir haben ein Geschenk ist (1. Kor. 4,7).
Die fünf solas der Reformation sind eng zusammengebunden, doch wenn es um sola fide geht, gibt es eine besondere Verknüpfung mit sola gratia und solus Christus. Der Glaube schaut auf jemand anderen um Rettung, so dass die Rettung allein durch Gnade und allein in Christus ist.

Karten und nicht Matehmatik

Ein abschließendes Wort über die Verwendung von Slogans und Doktrinen. Anthony Lane stellt korrekt fest, dass Doktrinen Karten und Modelle und nicht mathematische Formeln seien. Deshalb müssen wir es vermeiden, uns auf vereinfachte Appelle an sola fide zu verlassen und ohne Gespräch oder Annahme jene zu verurteilen, die den Begriff ablehnen.
Stattdessen sollten wir uns fragen, was diejenigen, die sola fide ablehnen, beabsichtigen, wenn sie seine Eignung in Frage stellen. Vielleicht sprechen diejenigen, die es ablehnen und diejenigen, die es bestätigen, aneinander vorbei. Die Ängste derjenigen, die sola fide ablehnen, können berechtigte Einwände gegen Missverständnisse des Satzes darstellen.
Um mich klar auszudrücken, ich sage nicht, dass alle Unstimmigkeiten bloße Missverständnisse sind. Ich sage, wir sollten offen für den Dialog sein, damit wir nicht zu schnell davon ausgehen, dass wir anderer Meinung sind.
Slogans wie sola fide sind hilfreich, denn sie fassen kurz unsere Theologie zusammen, aber Slogans können auch gefährlich sein, denn wir können uns in einem Gespräch befinden, in dem wir unwissentlich mit verschiedenen Definitionen und Konzepten arbeiten. Bevor wir jemand anderen anklagen, sollten wir sicher sein, dass wir gehört haben, was er wirklich sagt.
Editors’ note:Dies ist ein angepasster Auszug aus Thomas Schreiners Buch: Faith Alone: The Doctrine of Justification (Zondervan, 2015) [review].Es ist der erste Band der The 5 Solas Series.


thomas-r-schreinerDieser Artikel erschien zuerst am 23.10.2017 auf The Gospel Coalition. Autor ist Thomas R. Schreiner. Er ist James Buchanan Harrioson Professor für Neues Testament und biblische Theologie, sowie Dekan für Bibelkunde und Hermeneutik am Southern Baptist Theological Seminary in Louisville, Kentucky. Folge ihm auf Twitter.

thegospelcoalition

Übersetzung mit freundlicher Genehmigung des Autors und The Gospel Coalition.

Bei der Übersetzung einzelner Sätze wurde DeepL Translator verwendet.

Achtung vor theologischen Gefahren von links und rechts

Übersetzung eines Artikels von Thomas Schreiner: Paulus fordert Timotheus auf, das “anvertraute Gut zu bewahren” (2 Tim 1.14), welches das Evangelium Jesu Christi ist. Wir müssen beim Beschützen des Evangeliums wachsam bleiben, denn sowohl die Schrift wie auch die Kirchengeschichte erinnern uns, dass viele von der Wahrheit abgewichen sind. Selbst ein oberflächliches Lesen macht deutlich, dass das Aufrechterhalten der Wahrheit und der Reinheit des Evangeliums von Anfang an eine Herausforderung war. Heute erleben wir nichts neues und wir haben das Versprechen, dass die Gemeinde Jesu Christi über die “Pforten der Hölle” (Matt. 16,18) triumphieren wird.
In diesem Artikel möchte ich in Kürze die Angriffe auf das Evangelium betrachten: von links und von rechts. „Achtung vor theologischen Gefahren von links und rechts“ weiterlesen

Eine zeitgemäße Umdichtung von Hesekiel 16

Hast du auch diese ganzen Anklagen der Bibel satt? Möchtest du etwas lesen, was dir einfach gut tut, was dich bestätigt, was dir nicht irgendwie total super fremd vorkommt? Nun, ich helfe heute nach und fange damit an, dass ich Hesekiel 16 etwas humaner umformuliere. Dadurch geht der Text viel mehr um dich! Er ist viel humaner, denn du mein Leser, bist ein guter Mensch, einen Erlöser brauchst du natürlich nicht! Deswegen können diese veralteten Texte nicht so gemeint gewesen sein, sondern müssen in unsere Zeit übertragen werden und deine und meine Seele fein streicheln! Überhaupt diese ganzen absoluten Aussagen der Schrift! wir müssen alles relativieren, ich fange mal mit den ersten 18 Versen an, Hesekiel mit der Augen der Selbstrechtfertigung zu lesen! Nie vergessen, du bist das Zentrum des Universums und deswegen will Gott einzig und allein, dass du dich super gut fühlst!

Die Menschliche Variante von Hesekiel, Kapitel 16:

  1. Ich denke, dass könnte sowas wie Gottes Wort sein. Gott würde sagen:
  2. Selbst von einem Jerusalem, dass nicht ganz optimal ist, würde ich nur das Beste erzählen(nichts läge mir ferner als von Greueln zu reden)
  3. Wie ein absoluter Gott sage ich: Eure Vorfahren waren gute Völker, wie alle Völker es sind
  4. Als du als Volk enstandest, warst du genauso ein gutes Volk, wie ein feines gutes Kind, einfach ein typisch guter Mensch. Ich denke ein feines Baby symbolisiert dich gut
  5. Alle freuten sich über dich, so wie man sich über ein hübsches Baby freut. Du wurdest gut versorgt, denn du bist ja gut!
  6. Und ich freute mich auch, du warst einfach süß wie ein Baby, ich konnte dich einfach so annehmen. Jeder freut sich schließlich über feine Kinder
  7. Wie von alleine wurdest du fein und gut erzogen. Wie ein holdes Mädchen, so schön bist du, kaum Makel, komisch nur, dass du oft keine Kleider anhattest, aber es war ja deine eigene Entscheidung auf diese zu verzichten
  8. Ob nackt oder angezogen, mein ganzes göttliches Wohlgefallen ruhte auf dir! Ich gab dir noch mehr Kleider. Eigentlich brauchtest du keinen Bund mit mir, aber zusätzlich wollte ich meine Gunst durch einen besonderen Bund ausdrücken. Das soll aber auf keinen Fall so verstanden werden, dass ich irgendjemanden irgendwie bevorzuge.
  9. Du bist sauber und rein, und doch wenn du noch ein Wellnessbad bräuchtest, ich bin jederzeit da und gieße dir ein Bad ein
  10. Ich weiß dass du nicht so drauf stehst Kleider anzuziehen, aber falls du es mal erwägen solltest, ich könnte dir ein paar auch nicht schlechte Kleider geben, ist aber natürlich nur optional, ganz so wie du dich wohlfühlst
  11. Auch ohne Schmuck bist du spitze, überhaupt sich schmücken soll wohl böse sein, aber hier noch ein paar Ohrringe und Co. relax!
  12. Die ungeordneten Haare sind natürlich stylisch, wenn du magst, kannst du sie auch ordnen
  13. Finde ich spitze, dass du dich aus eigener Entscheidung für einen Style entscheidest, der mir gefällt. Natürlich kommt auf deinen Tisch nur das Beste!
  14. Schon vorher fanden dich alle super, aber wenn du noch den Glauben annimmst, wirst du noch coooler!
  15. Niemals wirst du dir was böses tun, wenn du mit anderen Götzen flirtest, dann nur mit den besten Absichten, Ich habe vollstes Verständnis dafür (Was für ein veraltetes und unzeitgemäßes Wort doch die Hurerei ist)
  16. Kein Problem habe ich damit, dass du meine Kleider mehr liebst als mich. Die Gaben anzubeten und nicht den Geber ist natürlich völlig in Ordnung
  17. Du betest alles an außer mich, aber ich stehe trotzdem voll Anerkennung vor dir, du bist nämlich gut!
  18. Und die Kleider die ich dir schenkte schmeißt du fort. Das respektiere ich, wenn dir mein Werk nicht genug ist!

Zur Klarstellung: Obiger Text ist Sarkasmus, unbedingt den tatsächlichen Text von Hesekiel 16 lesen!

ER & ich

Christus aber hat uns erlöst von dem Fluch des Gesetzes, da er ward ein Fluch für uns (denn es steht geschrieben: “Verflucht ist jedermann, der am Holz hängt !”(Gal 3,13)

Ein Liebeslied

Von der Liebe Christi kann man auf unterschiedliche Art und Weise singen, ein Neues Lied habe ich die letzten Monate gelernt, welches ich versuche hier (schief und schräg) zu singen:
Keine Geschichte fesselt mich mehr als diese: Gott schließt einen Bund mit Abraham und sagt zu ihm: Du wirst mein Volk werden und ich werde dein Gott sein. Abraham glaubt es, sagt aber auch: Woran soll ich es merken(1.Mo 15,8) ? Nun, daraufhin lässt Gott sich darauf herunter mit Abraham einen Vertrag zu schließen. Abraham bereitet alle Formalitäten dafür vor, indem er das Kadaver von Tieren zweiteilt.  Gott spricht zu Abraham, dem klar ist, dass er nun einen wichtigen Bund mit Gott schließen wird, doch jeder Bund hat auch Bedingungen. Jeder der ihn bricht, trägt die Folgen des Bundesfluches. Das besiegelte man in Kanaan damaliger Zeit üblicherweise folgend: der Geringere Part eines Bundes ging durch die Kadaver und nahm so den Bundesfluch auf sich, in dem er bekannte dass ihm gleich wie dem Kadaver geschehen sollte, beim Versagen. Nun, dass Gott seinen Teil des Bundes hält, steht ja nicht zur Debatte, aber der Mensch, wie soll er seinen Teil erfüllen? Dass Gott Abrahams Gott sein sollte, dass kann Abraham gut glauben, aber wie sollen alle seine Nachkommen Gottes Volk bleiben? Unmöglich! Aber achtet darauf was geschieht: Durch die Kadaver geht nicht Abraham hindurch sondern Gott (1.Mo 15,17-18). Gott nimmt den Bundesfluch auf sich! Er sagt, wenn du versagst, und der Bund wird gebrochen, wird einer sterben müssen, und das werde Ich sein! Wisst ihr wann das geschah, am Kreuzestod Christi. Diese Geschichte fesselt mich ungemein. Das gibt unfassbar viel Halt im Glaubensleben, Trost, Motivation. So sehr liebt Gott sein Volk, dass er bereit ist, den Bundesfluch für den Bundesbruch (wie oft und unbedingt begangen, da ich ja ein Sohn Adams bin) auf seinen Eingeborenen Sohn zu laden! Wow, unglaublich. Diese Geschichte ist eine Geschichte teurer Gnade!
Nun, das unfassbare, ein Erbe Abrahams, bin auch ich geworden.  Irgendwie bin ich ein Teil der Kinder der Verheißung geworden (Röm 9,8; Heb 2,16). Diese Geschichte fesselt mich so sehr in den letzten Wochen, sie krempelt mein Leben um! Wie sollte ich da stumm bleiben? (P.S.: eine wunderbare Predigt zu 1.Mo 15 gibt es von Timothy Keller)
Deswegen nun das Loblied: „ER & ich“ weiterlesen

Nachgedacht: Du sollst nicht lesen!

Kaum eine Anmerkung höre ich öfter als diese. Meist lautet es eher so: “Ich würde dir empfehlen mich weniger damit auseinanderzusetzen”. Zu lange habe ich die Falle dahinter übersehen: Ratet mir einer auf andere weniger zu hören, will er sich ja selber zu einem Ratgeber machen! Wie aber kann ich einen Rat annehmen, wenn ich prinzipiell Ratgeber ablehnen soll? Nur von Jesus akzeptiere ich: “Hör nicht auf andere, höre auf mich!”
Anderes ist noch stupider:

  • Für was lesen, wenn man alles in Wikipedia nachschlagen kann
  • Es ist besser alles selbst zu entdecken (was ist aber wenn meine Meinungsbrille so dick ist, dass ich kaum was erkenne?)
  • Man wird nur verwirrt (Was ist aber wenn ich schon vor dem ersten Buch völlig verwirrt bin?)

Besser gefällt mir, was Spurgeon feststellte:

“It  seems odd that certain men who talk so much of what the Holy Spirit reveals to themselves should think so little of what he has revealed to others”