Seelsorge

Das Kämmerlein und Pornographie

„Wenn du aber betest, so geh in dein Kämmerlein und schließ die Tür zu und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir’s vergelten.“ (matthäus 6,6)

Die Pornographie-Epidemie ist keine Kleinigkeit. Reihenweise fallen Männer (und sicher auch manche Frau) ihr zum Opfer, oft genug auch in christlichen Kreisen. Sie blockiert unser geistliches Wachstum, bremst unseren Dienst aus, schwächt uns auf ganzer Linie.

Es wäre verkehrt, das Problem der Pornographie in irgendeiner Weise kleinzureden. Gleichzeitig macht sich Ernüchterung breit: Auch der zwölfte Gang zum Bußaltar brachte nicht die gewünschte Lösung, genauso wenig wie der dritte Seelsorger oder das fünfte Buch. Kann Gnade jedem helfen – außer dir?

Die Beobachtungen bestätigen immer und immer wieder eine These: Wir machen es uns mit dieser Sünde zu einfach. Man meint, dass ein Bußgebet, eine Rechenschaftsgruppe oder sonst etwas reicht, während es bei einer ganzen Menge von uns über Jahre gerade nicht reicht. Offensichtlich betrügen wir uns in diesem Bereich also selbst. Denn sollte die Gnade Christi wirklich schwach geworden sein?

Die Ursachen für das Ausgeliefertsein gegenüber schweren Sünden sind vielfältig. Einige Aspekte habe ich in vergangenen Artikeln beleuchtet, aber zunehmend wird mir klar, dass eine Ursache – und Lösung – deutlich trivialer sein könnte als angenommen: Möglicherweise liegt deine Auslieferung an die Pornographie daran, dass du dein Kämmerlein, deine Stille Zeit, deine „time with God“ vernachlässigst.

Denn eines dürfte ziemlich klar sein: Egal ob Selbstbefriedigung, Pornographie oder unzüchtige Chats – all diesen Taten geht ein Gang voraus. Nämlich der Gang in die Abgeschiedenheit, in das Verborgene, in die Privatsphäre. Kaum einer wird diese Sünden öffentlich praktizieren, sondern hält sie privat.

Unser „Kämmerlein“, um die Sprache der Bergpredigt zu verwenden, wird dann nicht mehr der Ort der Gebetszeit mit Gott, sondern der Ort „unseres Vergnügens“. Niemals wurde mir das deutlicher als bei einem Evangelisten, der – um des Effektes und des schlechten Gewissens willen, übrigens völlig unangebracht und manipulierend – regelmäßig die Illustration von Männern gebrauchte, die „sich in ihren Zimmern einschließen“. „Was macht er da wohl?“, rief der Prediger in die Runde, und jeder wusste ziemlich genau, was er andeutete.

Und obwohl er dieses Spannungsfeld nur manipulativ verwendet hat – und ich denke, nirgendwo ist es gefährlicher, manipulativ vorzugehen als bei Bekehrungen –, hatte er in seiner Beobachtung dennoch recht: Was ist eigentlich von all unserer Männlichkeit (und auch Weiblichkeit?), Weisheit, Führungskraft und Selbstbeherrschung zu halten, wenn wir selbst die Privatsphäre nur zur Erfüllung unserer Lüste nutzen?

Praktisch bedeutet das: Egal wie tief ich im Sumpf der Sünde der Wollust stecke, im Kern steht diese Frage: Warum habe ich im Kämmerlein nicht Gott gesucht? Und andererseits: Egal wie tief ich drinstecke – was hindert mich eigentlich, mit dieser privaten Zeit mit Gott anzufangen? Steckt nicht hier wirklich Hoffnung und ein Ausweg, sogar für jahrelang Pornographiesüchtige? Mir scheint, darin steckt mehr Hoffnung als im Gang zum nächsten Seelsorgeprogramm oder in der Entscheidung, auch beim nächsten Altarruf wieder seine Sünden zu bekennen.

Denn gerade dass man diese Sünden privat praktiziert, offenbart ja eine Nährwurzel dieses Problems: Man gibt nach außen ein viel besseres Bild ab, als die Seele in Wirklichkeit ist. In Jesu Sprache: „Weh euch (…), ihr Heuchler, die ihr seid wie die übertünchten Gräber, die von außen hübsch scheinen, aber innen sind sie voller Totengebeine und lauter Unrat!“ (Matthäus 23,27)

Solange wir mehr Schein als Sein abgeben wollen, werden wir niemals Siege im Kampf gegen die Wollust erleben. Viel besser wäre es, mehr Sein als Schein abzugeben. Es nützt uns nicht das Geringste, wenn wir nach außen einen frommen, heiligen Schein abgeben, aber die Momente privater Zurückgezogenheit gerade antigöttlich für unsere Lusterfüllung nutzen.

Wie kann das praktisch aussehen? Das nächste Mal, wenn dich die Lust packt, dir auf illegitime Weise Erleichterung oder Entspannung zu verschaffen, entscheide dich doch vielmehr dafür: „Geh in dein Kämmerlein und schließ die Tür zu und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir’s vergelten.“

Für dich vielleicht ebenfalls interessant …

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert