Biographie

Der vergessene Riese

Vor einiger Zeit stellten wir Carl Henry hier vor. Heute möchten wir seinen Mitstreiter Harold John Ockenga vorstellen.

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Übersetzung von „The lost Giant among Giants“  von Kenneth E. Ortiz, zuerst erschienen am 30.11.2020. Übersetzt von Lynn Wiebe.

Lehren aus dem Leben von Harold John Ockenga (1905-1985)

Im September 1966 war John Piper Student im dritten Jahr am Wheaton College und bereitete sich auf eine Laufbahn in der Medizin vor. Damals begann Wheaton seine Herbstsemester mit der „Woche geistlicher Besinnung“. Piper konnte die Veranstaltungen nicht persönlich besuchen, da er an Pfeifferschem Drüsenfieber erkrankt war und im Gesundheitszentrum unter Quarantäne stand. Eine lokale Radiostation übertrug jedoch die Predigten, sodass er sie während der Quarantäne anhören konnte. Der Prediger jener Woche war Harold John Ockenga.

Das Hören von Ockengas Predigten veränderte Pipers Lebensweg. Er hat seine Zeit in Quarantäne als einige der „entscheidendsten“ Wochen seines Lebens bezeichnet. Warum? Weil er damals einen starken Ruf und ein tiefes Verlangen nach dem Dienst am Wort verspürte.

Piper erinnert sich an Ockengas Predigten als das wichtigste Werkzeug, das Gott in jener Woche gebrauchte, um in ihm ein Bewusstsein für die „Berufung“ zur Verkündigung zu wecken — eine Berufung, die bis heute ungebrochen ist. Am Ende dieser Woche war Pipers Herz erfüllt von dem Verlangen, „mit dem Wort Gottes so umzugehen, wie [Ockenga] damit umging.“ Bald darauf wechselte Piper sein Medizinstudium. Nach seinem Abschluss am Wheaton College studierte er am Fuller Theological Seminary – der von Ockenga mitbegründeten Hochschule.

Piper ist nicht der einzige bedeutende evangelikale Leiter, der stark vom Dienst Harold Ockengas geprägt wurde. Der bekannte Evangelist Billy Graham sagte einmal: „Ich habe unter den Evangelikalen nie einen Mann getroffen, der mit dem gewaltigen Intellekt und der geistlichen Reife von Harold John Ockenga zu vergleichen wäre“ (Awakening the Evangelical Mind, S. 66).

Ockenga war über dreißig Jahre lang Pastor in Boston. Er verfasste ein Dutzend Bücher und unzählige Artikel. Er war die treibende Kraft hinter der Wiederbelebung evangelikaler Gelehrsamkeit in der Mitte des 20. Jahrhunderts, war Mitbegründer zweier Seminare (Fuller und Gordon-Conwell) und ein enger Freund und Mentor mehrerer bedeutender evangelikaler Leiter, darunter Graham und der Theologe Carl F. H. Henry.

Harold Ockenga mag heute kein geläufiger Name mehr sein, doch es wäre keineswegs übertrieben, ihn zu den einflussreichsten Pastoren des 20. Jahrhunderts zu zählen.

Frühes Leben und Prägung

Ockenga wurde 1905 in Chicago geboren. Schon in jungen Jahren zeigte er einen scharfen Verstand, großes Rednertalent und natürliche Führungsqualitäten. Im Alter von elf Jahren bekannte er seinen Glauben, doch ein lebensveränderndes Erlebnis in Richtung Dienst geschah auf einer Konferenz, als er siebzehn war. Ursprünglich hatte Ockenga geplant, an der University of Chicago Jura zu studieren, doch die Erfahrung auf dieser Konferenz führte ihn zum Theologiestudium an der Taylor University in Indiana.

Während seiner Zeit an der Taylor University schloss er sich dem reisenden Predigtteam an, was ihm die Möglichkeit gab, noch vor seinem Abschluss mehr als vierhundert Mal zu predigen. Diese Erfahrung erwies sich als äußerst wertvoll. Nach seinem Abschluss an der Taylor University im Jahr 1927 besuchte Ockenga das Princeton Theological Seminary, um bei großen Gelehrten wie R. D. Wilson, Cornelius Van Til und J. Gresham Machen zu studieren.

Als Ockenga sich am Princeton Theological Seminary einschrieb, befand sich die Institution mitten in einer Kontroverse, die bereits fast ein Jahrzehnt zwischen Modernisten und Fundamentalisten tobte. Die Modernisten vertraten eine Ideologie, die ihre Wurzeln in der Aufklärung und bei den liberalen Theologen des 19. Jahrhunderts hatte. Viele von ihnen stellten die Zuverlässigkeit der Heiligen Schrift infrage und argumentierten, dass Christen die Lehre im Licht der modernen Wissenschaft überarbeiten sollten. Die Fundamentalisten hingegen hielten an der christlichen Orthodoxie, der Autorität und Unfehlbarkeit der Bibel, der Göttlichkeit Christi und der Priorität der Evangelisation fest.

Der Streit tobte in den 1920er Jahren ununterbrochen am Princeton Theological Seminary. Von allen älteren theologischen Hochschulen und Seminaren war Princeton die einzige, die noch orthodoxe Lehre vermittelte. Leider gewannen die Modernisten schließlich die Oberhand. Ockenga erlebte einen entscheidenden Moment in der Geschichte des amerikanischen Christentums aus erster Reihe. Diese entscheidende Erfahrung prägte ihn.

1929 verließen Machen und eine Gruppe von Gelehrten Princeton, um das Westminster Theological Seminary in Philadelphia zu gründen. Ockenga verließ Princeton ebenfalls, um an das neu gegründete Westminster zu wechseln, und wurde Machens wichtigster Protegé. Nach seinem Abschluss am Westminster Theological Seminary war Ockenga kurze Zeit Pastor in New Jersey, bevor er nach Pittsburgh zog, um dort mehrere Jahre als Assistent Pastor zu dienen. Während dieser Zeit erwarb er seinen Doktortitel an der University of Pittsburgh und lernte seine Frau Audrey kennen.

Prediger an der Park Street Church

1936 wurde Ockenga Pastor der historischen Park Street Church. Dr. A. Z. Conrad, sein Vorgänger an der Park Street, war ein bedeutender Prediger mit erfolgreichem Radiodienst gewesen. Große Fußstapfen also, in die Ockenga treten musste – doch er war der Aufgabe gewachsen. Der Biograf Harold Lindsell bemerkte, dass Ockenga sich sofort nach seiner Ankunft an der Park Street Church als ein „Prediger der Prediger“ etablierte (Park Street Prophet, S. 75).

Ockenga setzte Conrads Radioprogramm fort und baute es sogar aus. Menschen aus ganz Neuengland und sogar Teilen Kanadas hörten regelmäßig seine kraftvollen, expositorischen Predigten. Seine Beliebtheit wuchs parallel zum Wachstum der Park Street Church – sowohl in Bezug auf Mitgliederzahlen als auch auf Einfluss. Mitte der 1940er Jahre hatte die Kirche mehr als zweitausend Mitglieder, unterstützte eine Vielzahl von Missionaren und war zur einflussreichsten Kirche der Region geworden.

Ockengas Dienst war dynamisch. Er war ein treuer und brillanter Ausleger der Bibel, der sich mit Theologie, Kulturkritik, Kirchengeschichte, Philosophie und Kanzel-Evangelisation beschäftigte. Er scheute sich nicht, öffentlich falsche Lehren zu tadeln und politische Ideologien zu verurteilen, von denen er glaubte, dass sie das menschliche Gedeihen behindern würden.

Wenn der Autor Owen Strachan Ockengas Predigten beschreibt, sagt er, Ockenga habe „diesen altmodischen Calvinismus gepredigt; er legte die Herrlichkeiten der ästhetischen Kultur dar; [und] er warf den politischen Handschuh hin“ (Awakening the Evangelical Mind, S. 63). Ockenga war, wie Lindsell feststellte, „einer der besten Prediger und standhaftesten Verteidiger des Glaubens, die dieses Land je gekannt hat“ (Park Street Prophet, S. 11).

Die Geburt des Neo-Evangelikalismus

Als Ockenga in den 1930er Jahren den pastoralen Dienst aufnahm, waren die meisten kirchlichen Institutionen, Seminare und Verlagshäuser in ganz Amerika von theologischen Liberalen dominiert – was die Verbreitung echter Evangeliumsarbeit erheblich erschwerte. Der Evangelikalismus schien unter Druck zu stehen.

Doch in den 1940er Jahren entstand eine neue Form des Evangelikalismus – eine Form, die bewusst den akademischen Bereich einbezog, die darauf abzielte, die einflussreichsten kulturellen Institutionen zu beeinflussen, und die über Konfessionsgrenzen hinweg für das Evangelium zusammenarbeitete. Diese neue Form des Evangelikalismus – später als „Neo-Evangelikalismus“ bezeichnet – wurde zunächst vor allem durch die Gründung der National Association of Evangelicals NAE im Jahr 1942 gefördert.

Bei dem Treffen, bei dem die NAE gegründet wurde, klagte Ockenga: „Das evangelikale Christentum hat über Jahrzehnte hinweg nichts als Niederlagen erlitten.“ Doch Ockenga glaubte, dass sie „den gesamten zukünftigen Verlauf des evangelikalen Christentums in Amerika beeinflussen“ könnten, wenn sie bereit wären, ihren Ansatz in Bezug auf Kultur und Gottesdienst zu überdenken.

Ockenga leitete die Bewegung, indem er drei Jahre lang als erster Rektor der NAE diente. Er war der leidenschaftlichste Verfechter des Neo-Evangelikalismus. Er durchquerte das Land, förderte und initiierte zahlreiche Projekte. Strachan schreibt: „Keine Persönlichkeit hat mehr getan als Ockenga, um die führenden Institutionen der Bewegung zu leiten, aufzubauen und zu beleben“ (Awakening the Evangelical Mind, S. 23)

Wichtigkeit theologischer Gelehrsamkeit

Welche Lehren lassen sich heute aus Ockengas Dienst ziehen?

Eine der größten Lehren, die wir aus Ockengas Dienst ziehen können, ist, dass evangelikaler Intellektualismus und qualitativ hochwertige theologische Ausbildung von großer Bedeutung sind. Der Theologe Al Mohler schrieb, dass Ockenga zusammen mit dem evangelikalen Führer Carl Henry den „intellektuellen Rückzug der konservativen Protestanten“ aus dem „geistigen Leben der Nation“ als den Hauptgrund für den Niedergang des konservativen Protestantismus in Amerika diagnostizierte (Awakening the Evangelical Mind, S. 14). Evangelikale verloren ihren Einfluss, als sie sich aus den akademischen Bereichen zurückzogen.

Ockengas erste akademische Initiative war die Gründung der Boston School of the Bible, die Kurse für Laien in Kirchengeschichte, Dogmatik, Evangelisation, Mission und Apologetik anbot. Die Schule zog Hunderte von Studierenden aus der gesamten Region an, darunter auch viele aus liberalen Kirchen. Obwohl dies für viele wie ein Erfolg erschien, erreichte es nicht ganz das, was Ockenga wirklich wollte – nämlich kirchliche Leiter und angehende Gelehrte auszubilden, die in den Institutionen kultureller Einflussnahme tätig werden konnten. Sowohl Ockenga als auch Henry waren der Meinung, dass das Christentum kulturell ins Wanken geraten sei, nicht wegen eines „Mangels an evangelistischem Eifer“, wie Mohler schreibt, sondern wegen des „Mangels an intellektueller Vitalität“.

Dies inspirierte Ockenga dazu, die Plymouth Scholars’ Conferences ins Leben zu rufen und zu veranstalten. Diese Konferenzen, die alle zwei Jahre stattfanden, sollten ein Forum sein, in dem Evangelikale sich mit Strömungen und Gedanken aus der akademischen Welt auseinandersetzen konnten – zum Fortschritt evangelikaler Gelehrsamkeit. Diese Konferenzen waren die Vorläufer der Evangelical Theological Society, die 1949 gegründet wurde.

Ockenga förderte die evangelikale Gelehrsamkeit zudem, indem er sich mit dem Radioevangelisten Charles Fuller zusammentat, um das Fuller Theological Seminary in Kalifornien zu gründen. Während er weiterhin in Boston als Pastor diente, übernahm Ockenga aus der Ferne das Amt des ersten Rektors der Hochschule.

Die letzte formale akademische Initiative in Ockengas Leben kam nach seinem Rückzug aus dem pastoralen Dienst im Jahr 1969. Ockenga wurde Rektor des Gordon College und der Divinity School. Unter seiner Leitung fusionierte die Divinity School von Gordon mit der Conwell School of Theology zu einem neuen Seminar. Ein Jahrzehnt lang diente Ockenga als Rektor des Gordon-Conwell Theological Seminary.

Freundschaften zählen

Eine weitere Lektion, die wir aus dem Leben Harold Ockengas lernen können, ist die Bedeutung von Freundschaften im Dienst. Ob Calvin und Bucer, Whitefield und Edwards oder sogar Jonathan und David aus dem Alten Testament – wir erkennen: Freundschaften sind entscheidend. Ockengas Freundschaften mit Carl Henry und Billy Graham bildeten das Fundament für viele Projekte.

1950 lud Ockenga Billy Graham ein, auf einer Jugendkundgebung zu sprechen. Diese Veranstaltung löste eine Erweckung in Boston aus und führte zu einer Reihe weiterer Erweckungen in Neuengland. Dadurch verstärkte sich Grahams Einfluss in der gesamten Region. Zugleich festigte sich eine Freundschaft zwischen Ockenga und Graham, die ein Leben lang halten sollte.

Später diente Ockenga als einer der Direktoren der Billy Graham Evangelistic Association und gehörte zu Grahams engsten Vertrauten. Im Laufe ihres Lebens arbeiteten Graham und Ockenga gemeinsam mit Henry an verschiedenen Projekten im Dienst. Eines der bekanntesten ist Christianity Today. Ockenga wirkte 25 Jahre lang als Autor, Herausgeber und Vorsitzender des Herausgebergremiums der Zeitschrift.

Ein weiteres bedeutendes Werk, das aus der Freundschaft zwischen Ockenga und Graham hervorging, war die Gründung der World Evangelical Fellowship. Beide Männer brannten für die Mission. Die World Evangelical Fellowship ermöglichte es einheimischen Gruppen in 21 Ländern weltweit, in der Mission zusammenzuarbeiten, um das zu erfüllen, was Ockenga als die „Aufgabe, die viel zu lange unerledigt geblieben war“ bezeichnete (The Surprising Work of God, S. 217).

In die nächste Generation investieren

Schließlich zeigte Ockenga, wie man ein bleibendes Vermächtnis hinterlässt. Er war überzeugt, dass die Verpflichtung zur Jüngerschaft der nächsten Generation entscheidend ist. Pastor Larry Osborne hat über die Bedeutung geschrieben, in „junge Adler“ zu investieren – also in die Leiter der kommenden Generation der Kirche. Ockenga lebte dies in eindrucksvoller Weise vor. Ein Autor berichtete von einer Situation, in der Ockenga (mitten in seinen Vierzigern) bei einer Veranstaltung von einer Gruppe junger Männer in ihren Zwanzigern und frühen Dreißigern umgeben war. Häufig war er in der Gesellschaft junger Männer, die er anleitete.

Durch Ockengas Präsenz in Boston war er in einer hervorragenden Position, viele brillante junge Köpfe kennenzulernen und geistlich zu begleiten. Männer wie Edward Carnell, Wayne Grudem, Kenneth Kantzer, George Eldon Ladd, John Gerstner, Samuel Schultz, Merrill Tenney, Roger Nicole, Gleason Archer und J. Harold Greenlee wurden alle während ihrer Zeit in Boston nachhaltig von Ockenga geprägt. Diese Männer sollten später angesehene evangelikale Gelehrte, Theologen und Leiter werden.

Riese unter Riesen

Ockengas Predigt, Führung, Gelehrsamkeit und Unternehmergeist waren außergewöhnlich. Wenige evangelikale Leiter des 20. Jahrhunderts waren so einflussreich wie Ockenga. Doch in seinen letzten Momenten auf Erden wird die Demut dieses einflussreichen Predigers deutlich.

Als Ockenga an Krebs starb, kamen die Ältesten der Park Street Church zu ihm, um ihn zu besuchen. Einer von ihnen sagte: „Denke nur an all die Dinge, die Gott durch dich getan hat. Er hat es dir ermöglicht, Millionen von Menschen zu dienen, Rektor des Fuller Theological Seminary und des Gordon-Conwell Theological Seminary zu sein, einer der Gründer der NAE und der gesamten evangelikalen Bewegung zu werden und einer der Menschen zu sein, die Billy Graham den Start ermöglicht haben“ (aus Surprising Work, S. 224).

Ockenga schien von seinem eigenen Lebenslauf nicht beeindruckt zu sein. Dann sagte ein anderer Ältester leise: „Nun, Harold, ich schlage vor, dass du, wenn du den Meister siehst, einfach sagst: ‚Gott, sei mir Sünder gnädig.“ Tränen liefen Ockengas Wangen hinab.

Harold John Ockenga, der Mann, den manche den „Park Street Prophet“ nannten, starb am 8. Februar 1985. Bei der Beerdigung ehrte ihn Billy Graham mit den Worten: „Er war ein Riese unter den Riesen. Niemand außerhalb meiner Familie hat mich mehr beeinflusst als er. Ich habe nie eine bedeutende Entscheidung getroffen, ohne ihn vorher anzurufen und um Rat und Weisung zu bitten.“

Kenneth E. Ortiz (Master of Theology) ist leitender Pastor der Horizon City Church, Doktorand am Midwestern Baptist Theological Seminary und Moderator von Theology for the Rest of Us.

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