Die Odyssee des Bartes

Greg Morse:

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Joabs Aufforderung, sich als Mann zu erweisen, in der Schrift verewigt, gilt immer noch: „Sei stark, ja, lass uns stark sein für unser Volk und für die Städte unseres Gottes; der HERR aber tue, was ihm gefällt!“ (2.Samuel 10,12)

Joab, der sich an zwei Fronten Feinden gegenübersah, nahm einige seiner besten Männer und stellte sich den Aramäern in den Weg. Das übrige Heer sollte unter Führung seines Bruders Abisai den Ammonitern in den Rücken fallen. Joabs Worte an seinen Bruder sind legendär: „Wenn die Aramäer mir überlegen sind, so komm mir zu Hilfe; wenn aber die Ammoniter dir überlegen sind, so will ich dir zu Hilfe kommen. Sei stark, ja, lass uns stark sein für unser Volk und für die Städte unseres Gottes; der HERR aber tue, was ihm gefällt!“  (2.Samuel 10, 11.12)

Bei genauerer Betrachtung nahm diese Schlachtszene, die den besten Filmen wie Braveheart, Gladiator oder 300 das Wasser reichen kann, ihren Anfang mit dem Bart eines Mannes. Oder genauer, mit den Bärten mehrerer haariger Männer.

Geschoren wie Schafe

David hatte ein paar bärtige Boten ausgesandt, um dem neugekrönten König der Ammoniter, Hanun, sein Beileid zum Tod seines Vaters Nahas auszusprechen, dem er auf den Thron gefolgt war. Er sandte diese kinngepolsterten Kumpane aus, um Hanun „zu trösten wegen seines Vaters“ (2. Samuel 10,2). Nahas war David gegenüber stets loyal gewesen; als benachbarte Könige hatten sie Frieden gehalten. Davids Delegierte streckten also Hanun die rechte Hand des guten Willens entgegen.

Aber Hanun wollte diese Hand nicht schütteln.

Der von Misstrauen geleitete schlechte Rat der ammonitischen Fürsten überzeugte Hanun, dass die Knechte Davids nicht ermuntern, sondern erobern wollten. „Hat er nicht vielmehr seine Knechte deshalb zu dir gesandt, um die Stadt auszuforschen und zu erkunden und zu durchstöbern?“ (2. Samuel 10,3). Nun wurden die Dinge etwas haarig für den König. Wie sollte er reagieren?

Er entschied, Davids Männer zu beschämen und öffentlich zu demütigen. „Da ließ Hanun die Knechte Davids ergreifen und ihnen den Bart halb abscheren und ihre Obergewänder halb abschneiden, bis an ihr Gesäß; und er sandte sie fort“ (2. Samuel 10,4). Rosige Bäckchen wurden entblößt. Hanun schor diese Männer wie Schafe. Die Bäume verloren die Hälfte ihrer Blätter, die Löwen die Hälfte ihrer Mähne. Als David von der bar(t)bar-ischen Tat hörte, schickte er ihnen Boten entgegen, weil sie „sehr beschämt“ waren. Der König trug ihrer Beschämung Rechnung und ließ ihnen ausrichten: „Bleibt in Jericho, bis euer Bart wieder gewachsen ist; dann kommt wieder heim!“ (2. Samuel 10,5)

Was wird Davids nächster Schritt sein?  –> Vergreife dich an eines Mannes Ziege, und er zieht mit dir vor Gericht; vergreife dich an eines Mannes Bart, und er zieht mit dir in den Krieg.

Wartend in Jericho…

Im 21. Jahrhundert fällt es uns schwer nachzuvollziehen, welche Feindseligkeit durch diesen Akt ausgedrückt wurde, wie zutiefst beschämend dies für einen Israeliten damals war. Würde König Hanun uns heute den halben Bart abschneiden, fänden wir das eher seltsam als schändlich. Es wäre auch nicht so effektiv – wir könnten uns einfach die andere Hälfte auch abschneiden und wären immer noch voll gesellschaftsfähig. Warum also schnitt dieses Rasiermesser ihnen mitten ins Herz? Warum müssen sie außerhalb Jerusalems warten, bis der Bart nachgewachsen ist? Das IVB Bible Background Commentary klärt uns auf: „Was man als „Streich“ ansehen könnte, war tatsächlich als direkte Herausforderung von Davids Macht und Autorität gedacht und stürzte zwei Nationen in einen Krieg.“ (336)

Und abgesehen davon, dass es eine Art war, in Davids zum Frieden ausgestreckte Hand zu spucken, müssen wir die Bedeutung des Bartes in Israel näher betrachten.

Erstens diente der Bart in der israelischen Kultur als Symbol reifer Männlichkeit. Jeder israelitische Mann ließ sich einen Bart wachsen. Gott hatte befohlen: „Ihr sollt den Rand eures Haupthaares nicht rundum abschneiden, auch sollst du den Rand deines Bartes nicht beschädigen“ (3.Mose 19,27). Bärte waren das Aushängeschild der Männlichkeit und unterschieden Männer auf den ersten Blick von Jungen und Frauen.

Der volle, runde Bart war ein Zeichen der Mannhaftigkeit und der Stolz eines hebräischen Mannes. Man wertete ihn als Zierde, und seiner Pflege wurde viel Aufmerksamkeit geschenkt. Die Wohlhabenden und Prominenten machten aus ihrer Bartpflege eine Zeremonie. Der Brauch erlaubte es nicht, den Bart zu rasieren, sondern nur zu stutzen (3.Mose 19,27; 21,5), außer unter besonderen Umständen (wie z. B. bei großer Klage oder Not: siehe Jeremia 41,5; Esra 9,3) (Vgl. Dictionary of Biblical Imagery, S. 80).

Darum bedeutete das Abschneiden der Bärte eine „symbolische Entmannung der Friedensboten und damit Davids“ (IVP Bible Background Commentary S.158). Auch ohne Haarspalterei lässt sich behaupten, dass die Bärte Zeichen der Manneskraft waren: „Bärte wurden im Altertum mit großem Respekt betrachtet und symbolisierten oft Stärke und Potenz“ (Erdman´s Dictionary of the Bible S.158). Sich daran zu vergreifen, war ein Angriff auf das Symbol ihrer Männlichkeit.

Doch was ist mit den Bartlosen?

Die Verbindung zwischen Männlichkeit und ungemähten Wangen ist durch die Kirchengeschichte herabgeflossen wie das Öl auf den Bart Aarons (Psalm 133,2).

Augustinus schreibt in seinem Kommentar zu Psalm 133: „Der Bart steht für die Mutigen, der Bart zeichnet den erwachsenen Mann aus, den ernsthaften, tatkräftigen, energischen Mann. Wenn wir jemand mit diesen Charakterzügen beschreiben wollen, so sagen wir: Er ist ein bärtiger Mann“ (Augustinus Kommentar zu den Psalmen, Johannes und 1.Johannes). Oder nimm Charles Spurgeon, der seinen Studenten sagte, dass „einen Bart zu tragen, eine höchst natürliche, schriftgemäße und segensreiche Gewohnheit“ sei (Lectures to my Students, S.99). Oder denke an die Prediger der Reformationszeit, die sich das Symbol der Männlichkeit als Kampfansage an die zölibatären, glattrasierten Gesichter der katholischen Priesterschaft wachsen ließen.

Wenn wir unserer Zeit lauschen, hören wir,  wie C.S. Lewis in der Dienstanweisung für einen Unterteufel den Oberteufel an seinen Neffen schreiben lässt: „So triumphieren wir nun schon seit vielen Jahrhunderten so sehr über die Natur, dass wir fast alle Frauen dazu gebracht haben, gewisse sekundäre Merkmale des Mannes (wie etwa den Bart) unangenehm zu finden – und dahinter steckt mehr, als du vielleicht annimmst“.

Wohin also, frage ich, mit den Bartlosen?

Römische Männer (auch die Ägypter) waren in biblischen Zeiten glattrasiert. Wenn diese Bartlosen zum bärtigen Christus kamen, mussten sie sich keinen wachsen lassen, um ins Reich Gottes einzugehen. Sie wurden, wie wir auch, nur aus Gnade durch Glauben allein gerettet ohne auch nur eine Strähne guter Werke, damit sich die Haarigeren unter uns nicht rühmen können. Last uns den Tatsachen ins Gesicht sehen: Bärte sind nicht von heilswichtiger Bedeutung und auch nicht geboten. Auch die Rasierten können gerettet werden. Auch macht uns der Bart nicht zum Mann. Es gibt ein paar Jungs, die im Keller hocken und ihrer Videospiel- und Pornosucht frönen und sich einen Bart wachsen lassen. Aber hier bewegen wir uns auf einem schmalen Grat. Verbannt das den Bart, dieses uralte Wahrzeichen, in die Mottenkiste überholter Modevorstellungen? Ist er wirklich bloß eine Frage persönlicher Vorliebe?

Ich kenne mehr als nur ein paar gottesfürchtige Männer, die bezeugen, dass trotz wiederholter Versuche, der Feigenbaum nicht blüht und am Weinstock keine Frucht gefunden wird. Es sprossen kleine Haarinseln, aber nie formieren sich die Länder zu einem Kontinent. Sie sind mehr Jakob als Esau, dessen Mutter die Felle der Ziegenböcklein um seine Hände und den glatten Hals legte (1. Mose 27,16), damit er als sein behaarter Bruder durchging (und der Ältere musste dem Jüngeren dienen 1.Mose 25,23; 27,15.42). Kinnperücken, mein Bruder, sind auch keine Lösung.

Die Lösung ist, der Mann zu sein, zu dem Gott dich gemacht hat. Manche Zeitgenossen möchten keinen Bart und sind deshalb nicht weniger wert. Mit all seinem bärtigen Geplänkel will dieser Artikel nichts Negatives über dich sagen. Wir stimmen Shakespeare zwar darin zu, dass, „wer einen Bart hat, mehr ist als ein Jüngling“ ist, aber nicht, wenn er fortfährt: “Und wer keinen hat, ist weniger als ein Mann“ (Viel Lärm um nichts, 2.1). Wenn du deiner gottgegebenen und gottgewollten Männlichkeit gemäß lebst, bist du ein bärtiger Mann, ob du nun Haare im Gesicht hast oder nicht. Um diese Aussage zu verstehen, muss man bedenken, warum Gott wunderbarerweise Bärte geschaffen hat.

O Bart, wo bist du?

Warum hat Gott Männer mit dem Potential geschaffen, sich einen Bart wachsen zu lassen? Warum überhaupt Bärte, oder warum nicht Bärte für Kinder und Frauen, wie es einige bei den Zwergen von Mittelerde vermuten?

Liegt es nicht daran, dass Gott Freude hat an den Unterschieden, die er geschaffen hat? Tag und Nacht, Land und Wasser, Himmel und Erde, Mann und Frau: –  „Alles Gut“. Jahrhundertelang hat er vor uns verborgen gehalten, dass in jeder Zelle unseres Körpers chromosomale Signaturen vorhanden sind, und hat sich ohne uns daran erfreut. Aber trotzdem hat er sich nicht ohne Zeugen gelassen – sogar der Unwissenschaftliche konnte es erkennen. Von Anbeginn hat sein Stift das Gesicht des Mannes schattiert. Welche Begeisterung bei Adam, als er in das schöne und glatte Gesicht Evas sah – wie ich und doch anders!

Diese Wertschätzung ist heute vielerorts unter Beschuss. Bildlich gesprochen findet unsere Kultur alles an Bärten falsch. Wir kleben den Frauen falsche Bärte an und scheren die Männer kahl und lehren die Kinder, dass es keinen Unterschied gibt. Haar ist einfach Haar. Mit genug Hormonen kann jeder sie wachsen lassen. Indem wir uns für weise halten, sind wir zu Narren geworden und haben die Herrlichkeit Gottes mit Bildern vertauscht (Römer 1,22–23) – und nun tauschen wir unsere eigene ein.

Das macht meiner Meinung nach wortwörtliche Bärte zu einer guten Sache. Bärte protestieren gegen eine verrückt gewordene Welt. Sie legen auf ihre borstige Art Zeugnis davon ab, dass geschlechtliche Unterschiede von Belang sind und dass die Hanuns dieser Welt sie nicht so leicht abrasieren, scheren oder abschneiden können. Mit kratziger Stimme bezeugen sie widerborstig: „Als Mann und Frau schuf er sie“ (1.Mose 1,27).


Ein Artikel von Greg Morse, erschienen am 22.08.2022 auf desiringgod.org. Übersetzung von Ruth Metzger mit freundlicher Genehmigung von desiringGod.

Greg Morse ist Mitarbeiter von DesiringGod.org und Absolvent des Bethlehem College & Seminary. Er und seine Frau Abigail leben mit ihrem Sohn und ihrer Tochter in St. Paul.

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