Kapitel 7 aus Killjoys: The Seven Deadly Sins. Übersetzung von Lynn Wiebe.
Bisher erschienen:
Jonathon Bowers
Kapitel 7 aus Killjoys: The Seven Deadly Sins
O Völlerei, voller Fluch!
O erste Ursache unseres Verderbens!
O Ursprung unserer Verdammnis,
bis Christus uns mit seinem Blut wieder erkauft hatte!
– Geoffrey Chaucer, „The Pardoner’s Tale“– 1
Nahrung begleitet uns seit dem Anfang. Tatsächlich war die Ernährung eines der ersten Dinge, die Gott mit Adam und Eva im Garten ansprach. „Siehe, ich habe euch alles samentragende Gewächs gegeben, das auf der ganzen Erdoberfläche wächst, auch alle Bäume, an denen samentragende Früchte sind. Sie sollen euch zur Nahrung dienen“ (1. Mose 1:29). Als Teil von Gottes guter Schöpfung erinnert uns die Nahrung daran, dass wir nicht autark sind, sondern für unser Leben von etwas außerhalb unserer selbst abhängig sind. Nahrung kann heilen. Nahrung kann erhalten. Doch wie wir in 1. Mose 2–3 sehen, kann Nahrung auch töten. Nachdem Gott den Menschen in den Garten gesetzt hatte, gebot er ihm, von jedem Baum zu essen – mit einer Ausnahme: dem Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen. „Denn an dem Tag, da du davon isst, musst du gewisslich sterben!“ (1. Mose 2:17). Tragischerweise entschieden sich Adam und Eva als Reaktion auf die List der Schlange für den Tod statt für das Leben. Und seitdem sind Leben und Nahrung nie mehr dieselben gewesen.
Wenn wir uns mit der Todsünde der Völlerei beschäftigen, ist es bedeutsam, dass sich der Sündenfall der Menschheit im Geschmackssinn des ersten Menschenpaares vollzog. Die Versuchung drehte sich ganz um den Appetit. Unser Fall aus der Gnade hätte mit einem Mord verbunden sein können, wie bei Kain und Abel. Er hätte Vergewaltigung, Inzest oder irgendeine andere böse Tat einschließen können. Stattdessen war das Schicksal der Menschheit mit einem kleinen Imbiss verknüpft. Warum?
In 1. Mose 3:6 sehen wir, dass die Frucht für Eva weit mehr als bloße Nahrung bedeutete: „Und die Frau sah, dass von dem Baum gut zu essen wäre, und dass er eine Lust für die Augen und ein begehrenswerter Baum wäre, weil er weise macht; und sie nahm von seiner Frucht und aß, und sie gab davon auch ihrem Mann, der bei ihr war, und er aß.“ Im Augenblick der Versuchung verkörperte die Frucht Evas tiefste Sehnsüchte: das Verlangen nach Genuss, nach Schönheit und nach Weisheit. Anstatt diese Sehnsüchte innerhalb der Grenzen von Gottes guter Ordnung zu stillen, öffnete Eva ihren Mund – und ihr Herz – für die Rebellion.
Was ist Völlerei?
Kurz gesagt ist Völlerei die Anbetung des Essens. Sie richtet den Appetit auf falsche Ziele aus und sucht bei unseren Geschmacksknospen die Befriedigung, die Gott uns in der Gemeinschaft mit ihm durch Christus anbietet. Viele definieren Völlerei als übermäßiges Essen. Obwohl Völlerei oft zu übermäßigem Essen führt, zögere ich aus mehreren Gründen, das Überessen als ihr eigentliches Wesen zu bezeichnen. Erstens kann die Reduzierung von Völlerei auf übermäßiges Essen ein falsches Schuldgefühl gegenüber gelegentlichen Festmahlen erzeugen. Manchmal kann der Genuss großer Mengen an Nahrung ein Mittel sein, sich an Gottes Güte zu erfreuen. Zum Beispiel sollten die Israeliten nach dem mosaischen Gesetz jedes Jahr den zehnten Teil ihres Getreides, ihres Weines und ihres Öls dem Herrn weihen, indem sie ihn in seiner Gegenwart an der Stiftshütte verzehrten (5. Mose 14:22–23). Wenn sie weit von der Stiftshütte entfernt wohnten, konnten sie ihren Zehnten verkaufen und das Geld auf ihre Pilgerreise mitnehmen. Nach ihrer Ankunft sollten sie das Geld wieder in Lebensmittel umtauschen und vor dem Herrn ein Fest feiern: „Und gib das Geld“, ordnet Gott an, „für das aus, was irgend dein Herz begehrt, es sei für Rinder, Schafe, Wein, starkes Getränk oder was sonst deine Seele wünscht, und iss dort vor dem Herrn, deinem Gott, und sei fröhlich, du und dein Haus.“ (5. Mose 14:26). Gott missgönnt uns nicht von Zeit zu Zeit ein gutes Festmahl. Deshalb sollten wir bei der Definition von Völlerei darauf achten, Raum für größere als gewöhnliche Mahlzeiten zu lassen, die dem Feiern dienen.
Zweitens kann die Gleichsetzung von Völlerei mit übermäßigem Essen die Rolle unserer Begierden bei unseren Entscheidungen verharmlosen. Denken wir daran, dass Eva die verbotene Frucht aß, weil sie ihr Verlangen nach Genuss, Schönheit und Weisheit ansprach. Bei der Völlerei suchen wir in der Nahrung die Erfüllung eines tieferen Bedürfnisses – sei es nach Trost, nach Sinn oder nach einem Gefühl der Kontrolle. Deshalb reicht es bei der Bekämpfung der Völlerei nicht aus zu sagen, wir sollten uns einfach dazu zwingen, weniger zu essen. Wir müssen auch unseren Begierden große Aufmerksamkeit schenken. Augustinus schrieb beispielsweise in seinen Bekenntnissen: „Es ist nicht die Unreinheit der Speisen, die ich fürchte, sondern die Unreinheit der Gier.“2
Schließlich muss unsere Definition von Völlerei über bloßes Überessen hinausgehen und eine weitere Form des Missbrauchs von Nahrung einschließen: wählerisch sein. Es ist möglich, unsere Befriedigung in den Speisen zu suchen, die wir zu uns nehmen. Es ist aber auch möglich – und ebenso gefährlich –, unsere Befriedigung in den Speisen zu suchen, die wir meiden. In The Screwtape Letters bezeichnete C. S. Lewis – durch den Mund des Dämons Screwtape – beide Verhaltensweisen als Völlerei. Die erste nannte er die Völlerei des Übermaßes, die zweite die Völlerei der Feinschmeckerei. Im folgenden Auszug schreibt Screwtape an seinen Neffen Wormwood und erklärt die Lage einer Frau, deren anspruchsvoller Geschmack das Leben der Menschen um sie herum erschwert:
Sie ist der reinste Schrecken für Gastgeberinnen und Dienstboten. Ständig weist sie zurück, was ihr angeboten wird, und sagt mit einem bescheidenen Seufzer und einem Lächeln: ‚Ach bitte, bitte … alles, was ich möchte, ist eine Tasse Tee, schwach, aber nicht zu schwach, und ein winzig kleines Stück wirklich knusprigen Toast.‘ Verstehst du? Weil das, was sie möchte, kleiner und weniger kostspielig ist als das, was man ihr vorgesetzt hat, erkennt sie ihren festen Willen, genau das zu bekommen, was sie möchte niemals als Völlerei, ganz gleich, wie lästig das für andere sein mag. Genau in dem Augenblick, in dem sie ihrem Appetit nachgibt, glaubt sie, Mäßigung zu üben.3
In diesem Beispiel ist die Frau eine Sklavin ihres Magens, doch sie hat sich selbst eingeredet, frei zu sein. Sie ist ein heimlicher Fresser, der die eigene Schuld sogar vor sich selbst versteckt. Wie viele von uns könnten in diese Kategorie fallen? Die Besessenheit von einer bestimmten Ernährungsweise, das ängstliche Kalorienzählen, die Verachtung bestimmter Lebensmittel als moralisch fragwürdig: all das sind nur Variationen desselben Götzendienstes.4 Die Nahrung ist zu einem Gott geworden.
Völlerei ist daher die Anbetung des Essens, die sich sowohl im übermäßigen Essen als auch in einer pharisäischen Vermeidung bestimmter Speisen zeigt. Obwohl es hilfreich wäre, in diesem Kapitel beide Erscheinungsformen der Völlerei zu betrachten, werde ich mich aus Platzgründen auf das übermäßige Essen beschränken. Es ist jedoch wichtig, daran zu denken, dass beide Arten der Völlerei die Anbetung des Essens beinhalten. Deshalb ist das biblische Heilmittel für die eine notwendigerweise mit dem biblischen Heilmittel für die andere verbunden. Mit diesem Gedanken im Hinterkopf wollen wir nun die Gefahren der Völlerei betrachten.
1. Gefahr: Gott herabsetzen
In Philipper 3 warnt Paulus seine Leser vor denen, die „als Feinde des Kreuzes des Christus wandeln“ (Philipper 3:18). „Ihr Ende ist das Verderben“, fährt er fort, „ihr Gott ist der Bauch, sie rühmen sich ihrer Schande, sie sind irdisch gesinnt“ (Philipper 3:19). Dieser Text zeigt die erste und wichtigste Gefahr der Völlerei auf: Sie setzt das Essen an die Stelle Gottes. Die Völlerei stellt das höchste Ziel des Menschen als einen reich gedeckten Tisch und einen gut gefüllten Magen dar. Der Hunger wird zum großen Feind, und der Kühlschrank wird zum Tempel, in dem wir unsere Erlösung suchen.
Die Völlerei verdreht, wie jede Sünde, den Zweck von Gottes guter Schöpfung. Nahrung war niemals dazu bestimmt, ein Selbstzweck zu sein. Sie ist ein Mittel, um die notwendige Versorgung zu empfangen, und zugleich ein Zeichen, das auf unsere Bedürftigkeit gegenüber Gott hinweist. Der Rhythmus von Hunger und Sättigung, den wir in unserem Magen erleben, ist eine Veranschaulichung der Beziehung zwischen Gott und unserer gesamten Existenz. Darauf zielt Gottes Wort an Israel in 5. Mose 8:3 ab: „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von all dem, was aus dem Mund des Herrn hervorgeht.“ Indem die Völlerei das Essen zu einem Selbstzweck macht, verdirbt sie unseren Appetit auf die Gemeinschaft mit unserem Schöpfer. Sie vertauscht die Herrlichkeit des unvergänglichen Gottes gegen ein Schinken-Sandwich und Kettle-Chips.
Aus diesem Grund steht im Kampf gegen die Völlerei nicht in erster Linie ein immer größer werdender Taillenumfang auf dem Spiel. Das ewige Leben steht auf dem Spiel. Jakobus verurteilt die Reichen, die sich „dem Genuss hingegeben und üppig gelebt“ haben auf Erden. Warum? Weil sie sich den Begierden ihres Fleisches hingegeben und dadurch ihre Herzen „gemästet“ haben „wie an einem Schlachttag“ (Jakobus 5:5). Doch die Völlerei zieht nicht nur das zukünftige Gericht nach sich – sie ist bereits jetzt eine Erfahrung eben dieses Gerichts. In 1. Timotheus 5 erläutert Paulus die Voraussetzungen für Witwen, die von der Gemeinde finanziell unterstützt werden sollen. Er warnt davor, eine Witwe zu unterstützen, die für ein ausschweifendes Leben bekannt ist, denn, so schreibt er: „eine genusssüchtige ist lebendig tot.“ (1. Timotheus 5:6). Da das wahre Leben darin besteht, sich von den Worten Gottes zu nähren, ist ein Leben, als ob uns allein das Brot ernährte, das geistige Äquivalent dazu, an Luft zu nagen.
2. Gefahr: Unseren Bruder hassen
Eine zweite Gefahr der Völlerei ist der Schaden, den sie in unseren Beziehungen anrichtet. Völlerei ist oft mit Ungerechtigkeit verbunden. Wenn jemand in bestimmten Situationen mehr Nahrung zu sich nimmt, als er sollte, kann es sein, dass jemand anderes Hunger leidet. Unser Appetit hat soziale Folgen. So war es auch beim reichen Mann und Lazarus. „Es war aber ein reicher Mann,“ sagt Jesus zu den Pharisäern, „der kleidete sich in Purpur und kostbare Leinwand und lebte alle Tage herrlich und in Freuden.“ (Lukas 16:19). Nach allem, was wir erfahren, war dieser Mann ein Fresser. Gelegentliche Festmahle sind angemessen, wie wir bereits gesehen haben. Doch der reiche Mann schwelgte im Überfluss. Und das nicht nur an Wochenenden oder Feiertagen, sondern jeden Tag. Dieser Mann aß wie ein König, wie der Gott seines eigenen Universums. Was seine Verfehlung jedoch noch verschlimmerte, war seine entsprechende Vernachlässigung des Lazarus. Jesus fährt fort: „Es war aber ein Armer namens Lazarus, der lag vor dessen Tür voller Geschwüre und begehrte, sich zu sättigen von den Brosamen, die vom Tisch des Reichen fielen; und es kamen sogar Hunde und leckten seine Geschwüre.“ (Lukas 16:20-21). Die Formulierung „begehrte, sich zu sättigen“ deutet darauf hin, dass dieses Verlangen nie erfüllt wurde. Anders als der lahme Mephiboseth, den David einlud, an seiner königlichen Tafelgemeinschaft teilzuhaben (2. Samuel 9:1–13), verbrachte Lazarus seine Tage abgeschnitten vom Überfluss dieses reichen Pseudo-Königs.
Die Völlerei besteht auf die Befriedigung unserer körperlichen Begierden, selbst wenn dadurch jemand anderes Hunger leiden muss. Persönlich erkenne ich das am deutlichsten in meinem eigenen Herzen bei gemeinsamen Mahlzeiten, besonders wenn nur eine begrenzte Menge an Essen vorhanden ist. In meinen schlechtesten Momenten erschrecke ich bei dem Gedanken, weniger zu essen, als ich gewohnt bin. Anstatt meinen Bruder zu lieben und darauf zu achten, dass auch er genug zu essen hat, nehme ich mir eine ordentliche Portion für mich selbst, obwohl ich genau weiß, dass ich diejenigen benachteilige, die nach mir kommen. Ob sie jemals bemerken, dass ich sie übergangen habe oder nicht – der sündige Zustand meines Herzens ist real. Andere werden nicht geliebt, und Gott wird nicht verherrlicht.
Die Gemeinde in Korinth stand vor einem ähnlichen Problem. Wenn sie zum Mahl des Herrn zusammenkamen, wurden einige betrunken, während andere hungrig blieben (1. Korinther 11:21). Ungerechtigkeit ist die Währung der Völlerei. Wenn wir dieser Sünde nachgeben, stimmen wir den giftigen Früchten zu, die sie in unseren Beziehungen hervorbringt.
3. Gefahr: Selbstverwöhnung
Schließlich ist die Völlerei gefährlich, weil sie eine Form der Selbstverwöhnung ist, und Selbstverwöhnung gleicht einem rollenden Stein. Sie gibt sich niemals zufrieden, sich mit ihrer Naschlust niederzulassen und vielleicht ein paar Kinder zu bekommen. Sie verspürt ständig den Drang zu reisen, fremde Laster in fernen Ländern jenseits des Meeres kennenzulernen. Wenn wir uns allem hingeben, wonach unser Magen verlangt, sollten wir nicht überrascht sein, auch andere sündige Ausschweifungen in unserem Leben zu entdecken. Hophni und Pinehas sind dafür ein Beispiel. Diese beiden Männer waren Söhne des Priesters Eli. Obwohl sie im Haus des HERRN in Silo dienten, macht 1. Samuel 2:12 deutlich, dass sie Ungläubige waren, ja sogar „Söhne Belials“. Wann immer ein Israelit kam, um ein Opfer darzubringen, nahmen sich Hophni und Pinehas großzügige Anteile vom Opferfleisch und bedrohten jeden mit Gewalt, der sich ihnen in den Weg stellte (1. Samuel 2:13–16). Der Abschnitt schließt mit den Worten: „So war die Sünde der jungen Männer sehr groß vor dem Herrn; denn die Leute verachteten die Opfergabe des Herrn.“ (1. Samuel 2:17).
In ihrem ungeordneten Hunger haben Hophni und Pinehas sowohl Gott verachtet, als auch ihren Mitmenschen Unrecht getan. Doch beachte, wie ihr Mangel an Selbstbeherrschung auch ihre Sexualität verdarb. Einige Verse später lesen wir in 1. Samuel 2, dass die Söhne Elis „bei den Frauen lagen, die vor dem Eingang der Stiftshütte den Dienst verrichteten.“ (1. Samuel 2:22). Man sollte diesen Zusammenhang nicht übersehen. Völlerei und sexuelle Perversion mögen wie voneinander unabhängige Übel erscheinen, doch beide beziehen ihre Kraft aus derselben dunklen Quelle: der Selbstverwöhnung. Um das Bild zu wechseln: Selbstgefälligkeit ist wie ein Chamäleon. Setzt man sie neben Essen, nimmt sie die Gestalt der Völlerei an. Setzt man sie neben eine attraktive Frau (oder einen gewandten Mann), nimmt sie die Farben der Lust an. Deshalb können wir es uns nicht leisten zu glauben, unsere Essgewohnheiten seien im Kampf gegen die Sünde ein neutraler Bereich. Wenn wir mit der Völlerei Frieden schließen, werden wir – in der einen oder anderen Form – auch mit anderen Lastern Frieden schließen.
Strategien für den Kampf
Glücklicherweise gibt es noch eine andere Möglichkeit. Wir können der Völlerei den Krieg erklären, gestärkt durch die Hoffnung, dass jeder Fortschritt auf diesem Gebiet auch an anderer Stelle unerwartete Früchte tragen wird. Doch wie kämpfen wir gegen die Völlerei? Hier sind zehn Vorschläge.
1) Denke daran, dass Selbstbeherrschung Freiheit ist und Völlerei Knechtschaft.
Völlerei verführt uns oft zu dem Glauben, dass die Zügelung unserer Impulse bedrückend und einschränkend sei. Doch wie alle gerechten Grenzen schafft Selbstbeherrschung den Raum, in dem wir unter Gott aufblühen können. Der Fresser genießt das Essen nicht wirklich. Er ist sein Gefangener.
2) Denke daran, dass Selbstbeherrschung eine Gabe Gottes ist und nicht das Ergebnis eigenständiger Willenskraft.
Damit will ich nicht sagen, dass wir um Selbstbeherrschung beten und dann nichts tun sollten, bis sie sich einstellt. Selbstbeherrschung ist eine Übung. Aber wir wirken nur deshalb, weil Gott zuvor in uns wirkt (Philipper 2:12–13). Über die Völlerei schreibt Augustinus: „Manchmal schleicht sie sich an deinen Diener heran, und nur deine Barmherzigkeit kann sie vertreiben. Denn niemand kann enthaltsam sein außer durch deine Gabe.“5 Nur durch Gottes Befähigung können wir unsere Begierden so beherrschen, wie wir es sollten.
3) Denke daran, dass Christus für unsere Völlerei Sühnung geschaffen und uns einen Geist der Selbstbeherrschung gegeben hat.
Christus, die vollkommene Verkörperung von Selbstbeherrschung, wurde als „Fresser und Weinsäufer“ verleumdet (Matthäus 11:19; Lukas 7:34), und zwar deshalb, weil er gern mit Sündern zu Tisch saß. Er nahm die Schmach des Tisches der Sünder auf sich, damit wir – lauter Fresser und ungehobelte Menschen – die Freude am Tisch des Herrn kennenlernen könnten. Jesus hat uns von unseren ungeordneten Begierden gereinigt. In ihm haben wir das Fleisch samt seinen Leidenschaften und Begierden gekreuzigt (Galater 5:24). Darüber hinaus hat Christus seinen Geist gesandt, um uns zu erfüllen – den Geist, der in seinem Volk die Frucht der Selbstbeherrschung hervorbringt (Galater 5:22).
4) Sättige dich an Jesus.
Jesus ist das wahre Brot, das aus dem Himmel herabgekommen ist (Johannes 6:32). Und für dieses Brot gibt es keine empfohlene Portionsgröße. Wir können – und müssen – so viel davon essen, wie wir möchten, und immer wieder nachnehmen. Mit den Worten von Jonathan Edwards: „Es gibt kein ‚Zuviel‘, wenn es darum geht, geistige Nahrung zu sich zu nehmen. Es gibt keine Tugend der Mäßigung beim geistigen Festmahl.“6
5) Betrachte den Tisch des Herrn als ein Übungsfeld für Selbstbeherrschung.
Jedes Mal, wenn wir das Brot essen und den Kelch trinken, führen wir Krieg gegen die Völlerei und ihre Täuschung. Erstens erinnern wir uns daran, dass Nahrung kein Selbstzweck ist, sondern dazu dient, uns an das Bedürfnis unserer Seele nach Christus zu erinnern. Zweitens verzichten wir, weil wir das Mahl des Herrn gemeinsam mit anderen Gläubigen feiern, auf jede selbstsüchtige Gier nach Essen, um miteinander zu teilen. Der Tisch ist ein gemeinsamer Tisch, eine Gelegenheit, unsere Liebe zu den Mitgläubigen zu bekräftigen (1. Korinther 10:17). Schließlich erinnern uns die festgelegten Portionen für jeden Einzelnen an die Schönheit der Selbstbeherrschung.7
6) Nimm dir Zeit für gelegentliches Fasten.
David sagte über Gott: „Du hast mir Freude in mein Herz gegeben, die größer ist als ihre, wenn sie Korn und Most in Fülle haben.“ (Psalmen 4:8). Glaubst du, dass Gott dir mehr Freude schenken kann als ein voller Magen? Probiere es aus und überzeuge dich selbst. Du wirst nicht enttäuscht werden.8
7) Nimm dir Zeit für gelegentliche Festmahle.
Ich stelle diesen Rat unmittelbar nach dem Fasten nicht deshalb voran, weil ich die Bedeutung des Fastens schmälern möchte, sondern weil ich sicherstellen will, dass wir auf unser Überessen nicht dadurch reagieren, dass wir das Essen selbst zum Problem erklären. Paulus sagte, er habe gelernt, „sowohl satt zu sein als auch zu hungern, sowohl Überfluss zu haben als auch Mangel zu leiden.“ (Philipper 4:12). Paulus wusste, wie man fastet; Paulus wusste auch, wie man feiert. Er konnte beides zur Ehre Gottes tun, weil er erkannte, dass beide Situationen christliche Genügsamkeit erfordern (Philipper 4:11). Möge auch uns die Gemeinschaft mit Christus so tief zufriedenstellen, dass wir mit derselben Entschlossenheit am Dienstag das Mittagessen auslassen und beim gemeinsamen Gemeindemittagessen am Sonntag noch eine zweite Portion nehmen können.
8) Danke Gott vor deiner Mahlzeit.
Dankbarkeit erstickt die Völlerei. Wir werden eine Speise kaum anbeten, wenn wir sie als ein Geschenk des Herrn betrachten. Das Gebet vor dem Essen ist keine Garantie gegen die Völlerei. Wie alle guten Gewohnheiten kann es schnell zu einer bloßen Formsache werden. Doch eine heilige (und kurze!) Pause einzulegen, bevor man seinen Teller füllt, kann viel dazu beitragen, einen aufrührerischen Gaumen zu zügeln.
9) Lerne Bibelverse auswendig.
Wenn wir von Gottes Wort leben und nicht vom Brot allein, dann ist eine wirksame Verteidigung gegen die Täuschungen der Völlerei gewiss darin zu finden, dass unsere geistigen Kühlschränke reich mit der Heiligen Schrift gefüllt sind. Auf diese Weise widerstand Jesus der Versuchung, seinen Hunger auf unrechtmäßige Weise zu stillen (Matthäus 4:1–4; Lukas 4:1–4). Als Anfang könntest du einige der Bibelstellen auswendig lernen, die wir in diesem Kapitel betrachtet haben.
10) Bleibe aktiv.
Müßiggang ist ein Nährboden für die Völlerei. Wie oft essen wir einfach deshalb, weil uns langweilig ist und wir nichts Besseres zu tun haben? Körperliche Aktivität hingegen kann unsere Begierden regulieren und sogar unsere Freude am Essen steigern. Versuche deshalb zusätzlich zu den genannten Vorschlägen, mit deiner Familie spazieren zu gehen, eine Partie Basketball zu spielen oder die Blätter in deinem Garten zusammenzurechen. Schließlich besteht Gottes Gabe an uns nicht nur darin, zu essen und zu trinken, sondern auch darin, Freude an all unserer Arbeit zu haben (Prediger 3:13).
Wie wir gesehen haben, ist Völlerei die Anbetung des Essens. Durch Christus jedoch hat Gott uns von der Tyrannei unseres Bauches befreit, sodass wir nicht mehr zu unserem eigenen Verderben essen müssen, sondern die Freude kennenlernen dürfen, zur Ehre Gottes zu essen (1. Korinther 10:31). Möge der Herr uns reichlich Gnade schenken, damit wir immer wieder schmecken und sehen, wie freundlich der Herr ist (Psalmen 34:8).
1 Geoffrey Chaucer, The Canterbury Tales, übers. von Peter Tuttle; Barnes & Noble Classics (New York: Barnes & Noble, 2007), S. 495.
2 Augustinus, The Confessions, übers. von Maria Boulding; Vintage Spiritual Classics (New York: Vintage, 1998), S. 227.
3 C. S. Lewis, The Screwtape Letters (New York: HarperCollins, 2001), S. 87–88. Hervorhebung im Original.
4 Zur Klarstellung: Ich spreche hier nicht von Menschen mit Nahrungsmittelallergien oder anderen gesundheitlichen Beschwerden, die besondere Ernährungsvorschriften erfordern. Vielmehr meine ich diejenigen, die ein ungesundes Bedürfnis verspüren, ein bestimmtes Körperbild zu erreichen, oder die übermäßig von den zahlreichen populären Tiraden gegen Gluten, raffinierten Zucker oder nicht-biologische Produkte beeinflusst worden sind.
5 Augustinus, The Confessions, 226.
6 Jonathan Edwards, „The Spiritual Blessings of the Gospel Represented by a Feast“, in Sermons and Discourses: 1723–1729, hrsg. von Kenneth P. Minkema, Bd. 14 der Works of Jonathan Edwards Online (New Haven, Conn.: Yale University Press, 1997), S. 286. Online verfügbar unter http://edwards.yale.edu/research/browse.
7 In der Bethlehem Baptist Church beispielsweise werden in einem der Gottesdienste am Wochenende bereits zugeschnittene Brotstücke gereicht, die in eine Schale mit Traubensaft eingetaucht werden. In den anderen Gottesdiensten nehmen die Teilnehmer ein kleines Stück gebrochenen Knäckebrots zusammen mit einem kleinen Becher Traubensaft. Trotz dieser unterschiedlichen Formen zeichnen sich beide Formen des Mahls des Herrn dadurch aus, dass jedem Teilnehmer nur eine begrenzte Portion gereicht wird.
8 Für eine ausgezeichnete biblische und praktische Anleitung zur geistlichen Disziplin des Fastens siehe John Piper, A Hunger for God: Desiring God through Fasting and Prayer, überarbeitete Ausgabe (Wheaton, IL: Crossway, 2013).

