Christliche Ethik

Die sieben Todsünden (7): Wollust

Damit vollständig. Die anderen Kapitel:

Hochmut

Neid

Zorn

Faulheit

Habgier

Völlerei

John Piper

Kapitel 8 aus Killjoys: The Seven Deadly Sins. Übersetzt von Lynn Wiebe.

Lust kann natürlich auch ein ungeordnetes Verlangen nach anderen Dingen sein – nach Geld oder Essen, nach Macht oder Anerkennung. Da die historische Liste der Todsünden jedoch bereits Habsucht, Völlerei, Hochmut und Neid umfasst, werden wir Lust als sexuelle Sünde behandeln. Beginnen wir daher mit einer biblischen Definition. Lust ist ein sexuelles Verlangen, das sein Objekt entehrt und Gott missachtet. Ich möchte dir zeigen, wo ich diese Definition in 1. Thessalonicher 4:1–8 finde.

1. Thessalonicher 4,1–8 (ELB CSV)

Im Übrigen nun, Brüder, bitten und ermahnen wir euch im Herrn Jesus, wie ihr von uns empfangen habt, in welcher Weise ihr wandeln und Gott gefallen sollt, wie ihr auch wandelt, dass ihr reichlicher zunehmt. 2 Denn ihr wisst, welche Gebote wir euch gegeben haben durch den Herrn Jesus.

3 Denn dies ist Gottes Wille: eure Heiligkeit, dass ihr euch der Hurerei enthaltet, 4 dass jeder von euch sein eigenes Gefäß in Heiligkeit und Ehrbarkeit zu besitzen wisse, 5 nicht in Leidenschaft der Lust, wie auch die Nationen, die Gott nicht kennen; 6 dass er seinen Bruder nicht übersehe noch hintergehe in der Sache, weil der Herr Rächer ist über dies alles, wie wir euch auch zuvor gesagt und ernstlich bezeugt haben. 7 Denn Gott hat uns nicht zur Unreinheit berufen, sondern in Heiligkeit. 8 Deshalb nun, wer dies verachtet, verachtet nicht einen Menschen, sondern Gott, der euch auch seinen Heiligen Geist gegeben hat.

Es gibt verschiedene Übersetzungsvorschläge für die Verse 4–5. Die Zürcher-Übersetzung (Rev2007) lautet: : „dass jeder von euch in Heiligung und Würde mit seinem Gefäss, dem Leib, umzugehen wisse  – nicht in begehrlicher Leidenschaft wie die Heiden, die Gott nicht kennen“  Die Einheitsübersetzung gibt wieder: „dass jeder von euch lernt, mit seiner Frau in heiliger und achtungsvoller Weise zu verkehren, nicht in leidenschaftlicher Begierde wie die Heiden, die Gott nicht kennen  Die Elberfelder (CSV-Version) lautet am wörtlichsten „dass jeder von euch sein eigenes Gefäß in Heiligkeit und Ehrbarkeit zu besitzen wisse, nicht in Leidenschaft der Lust, wie auch die Nationen, die Gott nicht kennen;“.

Die kursiv gesetzten Wörter übersetzen denselben Ausdruck aus dem griechischen Original. Man erkennt den Grund für die Mehrdeutigkeit. Der wörtliche Begriff „Gefäß“ könnte sich auf die Geschlechtsorgane des Mannes oder auf die der Frau beziehen. Es ist nicht notwendig, diese Frage zu klären, um die Bedeutung der „Lust“ zu erkennen, die allen diesen Übersetzungen gemeinsam ist.

Lust entehrt ihr Objekt

Beachte, dass die Verse 4 und 5 uns auffordern, etwas auf eine bestimmte Weise zu tun, aber nicht auf eine andere. Nimm dir eine Frau oder beherrsche deinen Leib bzw. dein Gefäß „in Heiligung und Ehre, nicht in Leidenschaft der Lust“. Achte auf den Gegensatz: „in Heiligung und Ehre, nicht in Leidenschaft der Lust“. Die Leidenschaft der Lust ist also das Gegenteil von Heiligung und Ehrbarkeit. Daher stammt meine Definition von Lust.

            Sexuelles Verlangen an sich ist gut. Gott hat es am Anfang geschaffen. Es hat seinen rechtmäßigen Platz. Doch es wurde dazu geschaffen, von zwei Anliegen bestimmt, geregelt und geleitet zu werden: von Ehre gegenüber der anderen Person und von Heiligkeit gegenüber Gott. Lust ist das, was aus sexuellem Verlangen wird, wenn diese Ehre und diese Heiligkeit fehlen.

            Nehmen wir zum Beispiel die Ehre. Gott hat eine Beziehung eingesetzt, die Ehe genannt wird, in der ein Mann und eine Frau einen lebenslangen Bund schließen, um einander mit Treue und Liebe zu ehren. Das sexuelle Verlangen wird zum Diener und zur Würze dieses Bundes gegenseitiger Ehre. Wenn man daher zu einer anderen Person sagt (mit oder ohne Worte): „Ich möchte, dass du mein sexuelles Verlangen mit dir stillst, aber ich möchte dich nicht als Bundespartner in der Ehe“, bedeutet das im Grunde: „Ich möchte deinen Körper zu meinem Vergnügen gebrauchen, aber ich möchte dich nicht als ganze Person.“ Das ist entehrend und deshalb lustvoll. Lust ist sexuelles Verlangen ohne die Verpflichtung, die andere Person zu ehren.

Lust missachtet Gott

Aber das ist noch nicht alles. Der Text sagt: „in Heiligung und Ehrbarkeit, nicht in Leidenschaft der Lust“. Sexuelle Heiligkeit hat mit Gott zu tun – mit einem Leben, das für Gott ausgesondert ist. Deshalb heißt es in Vers 5: „nicht in Leidenschaft der Lust wie die Heiden, die Gott nicht kennen“. Gott wirklich zu kennen und entsprechend zu leben, bewahrt das sexuelle Verlangen davor, zu Lust zu werden. In Vers 8 heißt es: „Deshalb — wer dies verwirft, der verwirft nicht Menschen, sondern Gott, der doch seinen Heiligen Geist in uns gegeben hat.“ Das Kernproblem bei der Begierde ist die Ehrfurcht vor Gott. Heiligkeit bedeutet, in höchster Ehrfurcht vor einem heiligen Gott zu leben.

            Lust ist das Gegenteil. Lust ist sexuelles Verlangen, das nicht von höchster Achtung vor Gott geregelt, beherrscht oder geleitet wird. Gott hat die Sexualität geschaffen. Er hat sie gut und schön geschaffen, zum Wohl seiner Geschöpfe. Er allein besitzt die Weisheit und das Recht, uns zu sagen, wie wir sie zu seiner Ehre und zu unserem Wohl gebrauchen sollen. Lust ist das, was aus diesem sexuellen Verlangen wird, wenn wir ihm freien Lauf lassen und Gott missachten.

            Zusammenfassend lässt sich also sagen: Lust ist ein sexuelles Verlangen, das seinen Gegenstand entehrt und Gott missachtet. Sie ist die Verderbnis einer guten Sache durch das Fehlen einer ehrbaren Verpflichtung und durch das Fehlen höchster Achtung vor Gott. Wenn dein sexuelles Verlangen nicht von der Achtung vor der Ehrbarkeit anderer und von der Achtung vor der Heiligkeit Gottes geleitet wird, dann ist es Lust.

Die tödliche Gefahr der Lust

Warum ist das nun wichtig? Warum ist Lust eine so ernste Sache? Ist sexuelle Sünde – besonders wenn sie nur ein Verlangen und keine Tat ist – nicht bloß eine vergleichsweise kleine Sünde? Sollten wir uns nicht vielmehr den größeren Themen widmen wie weltweiten Pandemien, Menschenhandel, terroristischen Bedrohungen und der weitverbreiteten Armut?

            Manche sagen, sexuelle Einstellungen und sexuelles Verhalten seien eine Angelegenheit von verhältnismäßig unbedeutender persönlicher Frömmigkeit. Entscheidend sei vielmehr, ob man gegen diese gewaltigen gesellschaftlichen und globalen Übel kämpft. Sexuelle Unmoral sei schlicht keine große Sache, solange man sich öffentlich gegen rassistische Ungerechtigkeit und Menschenhandel zum Zweck sexueller Ausbeutung einsetzt. Pornografie im Internet anzusehen sei völlig unbedeutend, wenn man gerade auf dem Weg zu einer Beratung über die globale Erwärmung sei. So denken Millionen von Menschen.

            So denkt der menschliche Verstand, wenn die höchste Achtung vor Gott aufgegeben worden ist. Aber das ist nicht das, was Gott gesagt hat. Wie beurteilt Gott die Bedeutung deines Sexuallebens? Ist es eine ernste Sache? Vers 6: dass niemand zu weit geht und seinen Bruder in dieser Angelegenheit übervorteilt; denn der Herr ist ein Rächer für alle diese Dinge, wie wir euch zuvor gesagt und ernstlich bezeugt haben.“

            Das bedeutet, dass die Folgen von Lust genauso schlimm, oder sogar schlimmer sein werden, als die Folgen von Krieg. Alles, was ein Krieg tun kann, ist deinen Körper zu töten. Und Jesus sagte: „Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten und nachher nichts weiteres tun können. Ich will euch aber zeigen, wen ihr fürchten sollt: Fürchtet den, welcher, nachdem er getötet, auch Macht hat, in die Hölle zu werfen!“ (Lukas 12:4-5). Mit anderen Worten: Gottes Rache ist weitaus furchterregender als die irdische Vernichtung. Nach 1. Thessalonicher 4:6 wird Gottes Rache über diejenigen kommen, die die Warnungen vor der Lust missachten. „Der Herr ist ein Rächer für alle diese Dinge.“

Lust und ewige Sicherheit

Vor einigen Jahren sprach ich vor der Schülerschaft einer christlichen Highschool über das Thema „Zehn Lektionen im Kampf gegen die Lust“. Lektion Nummer sechs lautete: „Denke über die ewige Gefahr der Lust nach.“

            Mein Text war Matthäus 5:28–29, wo Jesus sagt: „Ich aber sage euch: Wer eine Frau ansieht, um sie zu begehren, der hat in seinem Herzen schon Ehebruch mit ihr begangen. Wenn aber dein rechtes Auge dich zur Sünde verführt, so reiß es aus und wirf es von dir! Denn es ist besser für dich, dass eines deiner Glieder verlorengeht, als dass dein ganzer Leib in die Hölle geworfen wird.“ Ich wies darauf hin, dass Jesus sagt, dass Himmel und Hölle davon abhängen, was du mit deinen Augen und mit deiner Vorstellungskraft tust.

            Nach der Botschaft kam einer der Schüler zu mir und fragte: „Willst du damit sagen, dass ein Mensch sein Heil verlieren kann?“ Genau dieselbe Reaktion hatte ich einige Jahre zuvor erhalten, als ich einen Mann wegen des Ehebruchs, in dem er lebte, zur Rede stellte. Geduldig versuchte ich, seine Situation zu verstehen, und flehte ihn an, zu seiner Frau zurückzukehren. Dann sagte ich: „Du weißt doch, dass Jesus sagt: Wenn du diese Sünde nicht mit einem solchen Ernst bekämpfst, dass du bereit bist, dir dein eigenes Auge auszureißen, wirst du in die Hölle kommen und dort für immer leiden?“ Er sah mich völlig ungläubig an, als hätte er in seinem ganzen Leben noch nie etwas Derartiges gehört. Er sagte: „Du glaubst, dass ein Mensch sein Heil verlieren kann?“

            Ich habe immer wieder aus eigener Erfahrung gelernt, dass es viele bekennende Christen gibt, die eine Vorstellung von der Errettung haben, die sie vom wirklichen Leben loslöst. Sie machen die Warnungen der Bibel unwirksam und stellen den Menschen, der behauptet, ein Christ zu sein, aber keinen Krieg gegen seine Sünde führt, außerhalb der Reichweite der biblischen Drohungen. Eine solche Lehre spendet Tausenden Trost auf ihrem Weg in die Hölle. Jesus sagte: Wer nicht gegen die Begierde kämpft, kommt nicht in den Himmel. Die Konsequenzen sind weitaus größer als globaler Terrorismus. Wenn du die Lust nicht bekämpfst, wirst du nicht in den Himmel kommen (1. Petrus 2:11; Kolosser 3:6; Galater 5:21; 1. Korinther 6:10; Hebräer 12:14).

Rechtfertigender Glaube ist ein Glaube, der die Lust bekämpft

Sind wir also nicht durch den Glauben gerettet – dadurch, dass wir an Jesus Christus glauben? Geschieht Rechtfertigung nicht allein durch den Glauben? Ja, wir werden tatsächlich durch den Glauben gerettet, und die Rechtfertigung geschieht allein durch den Glauben. Diejenigen, die im Glauben ausharren, werden gerettet werden (Matthäus 24:13; 10:22; 1. Korinther 15:3; Kolosser 1:23; 2. Thessalonicher 2:13). Wenn Gott uns durch den rettenden Glauben ergreift, werden wir dazu bewegt, nach ihm zu greifen. „Doch ich setze alles daran, es zu ergreifen, weil ich von Jesus Christus ergriffen bin.“ (Philipper 3:12). Wie ergreift man das ewige Leben? Paulus gibt in 1. Timotheus 6:12 die Antwort: „Kämpfe den guten Kampf des Glaubens: ergreife das ewige Leben“ Wir ergreifen das ewige Leben, indem wir den guten Kampf des Glaubens kämpfen. Der rettende Glaube ist nichts, was nur einen Augenblick dauert. Er ist die tägliche Haltung der geretteten Seele. Und er ist ein Kampf, weil Satan ihn zerstören will (Lukas 22:31–32).

            Das führt uns zu unserem Hauptanliegen – zu zeigen, dass der Kampf gegen die Lust ein Kampf gegen den Unglauben ist. Der Kampf um sexuelle Reinheit ist der Kampf des Glaubens. Der große Irrtum, den ich zu widerlegen versuche, besteht darin, dass der Glaube an Gott das eine und der Kampf um Heiligkeit etwas anderes und davon Getrenntes sei – der Irrtum, dass der Glaube dich in den Himmel und die Heiligkeit dir Belohnungen bringt. Du erlangst deine Rechtfertigung durch den Glauben und die Kraft zu deiner Heiligung durch Werke. Du beginnst das christliche Leben in der Kraft des Geistes und setzt deinen Weg in den Bemühungen des Fleisches fort. Das ist ein schwerwiegender Irrtum. … Manche haben gesagt, der Kampf um Gehorsam sei optional, weil für die Errettung allein der Glaube notwendig sei.

            Unsere Antwort lautet: Der Kampf um Gehorsam ist für die Errettung absolut notwendig, weil er im Grunde der Kampf des Glaubens ist. Der Kampf gegen die Lust ist für die Errettung absolut notwendig, weil er der Kampf gegen den Unglauben ist. Allein der Glaube rettet vor der Hölle, und der Glaube, der vor der Hölle rettet, ist der Glaube, der von der Lust befreit.

Ein größeres Evangelium

Dieses Evangelium ist ein größeres Evangelium als das andere. Es ist das Evangelium von Gottes Sieg über die Sünde, nicht nur von seiner Duldung der Sünde. Es ist das Evangelium aus Römer 6:14: „Denn die Sünde wird nicht herrschen über euch, weil ihr nicht unter dem Gesetz seid, sondern unter der Gnade.“ Allmächtige Gnade! Souveräne Gnade!

Er bricht die Macht der vergebener Sünde,
befreit den, der gefangen war;
sein Blut macht selbst den Schlimmsten rein,
auch für mich war sein Blut da.

„Selig sind, die reinen Herzens sind; denn sie werden Gott schauen“ (Matthäus 5:8). Das ist Gottes Forderung, und das ist Gottes Gabe. Es ist alles aus Gnade. Deshalb ist der entscheidende Kampf gegen die Lust der Kampf des Glaubens – der Kampf darum, Christus täglich so vollkommen willkommen zu heißen und wertzuschätzen, dass die Versuchung zur Sünde ihre Macht über uns verliert. Der Kampf gegen die Lust ist der Kampf gegen den Unglauben. Der Kampf des Glaubens besteht darin, in allem, was Gott für uns in Jesus ist, zufrieden zu sein. Die Lust verliert ihre Macht in dem Maß, in dem wir auf diese Weise an Christus glauben.

Du kannst Gott kennen und ihn doch nicht kennen

In 1. Thessalonicher 4:5 sagt Paulus: „…nicht mit leidenschaftlicher Begierde wie die Heiden, die Gott nicht kennen“ Siehst du, was das über die Wurzel der Lust aussagt? Gott nicht zu kennen ist die Ursache der Lust. Nimm dir eine Frau oder beherrsche deinen Leib bzw. dein Gefäß, nicht in Leidenschaft der Lust, denn so handeln Menschen, die Gott nicht kennen.

            Paulus meint nicht, dass bloßes Kopfwissen über Gott die Lust überwindet. In Markus 1:24 ist Jesus gerade dabei, einen Dämon aus einem Mann auszutreiben, als der unreine Geist ausruft: „Ich weiß, wer du bist: der Heilige Gottes!“ Satan und seine Heerscharen haben durchaus sehr genaue Erkenntnis über Gott und Jesus, aber das ist nicht die Art von Erkenntnis, die Paulus hier im Sinn hat. Die Erkenntnis, die er meint, ist eine Erkenntnis Gottes um des höchsten Wertes und der Schönheit willen, die er tatsächlich besitzt. Diese Art des Erkennens ist eine Art des Schmeckens. „Schmeckt und seht, wie freundlich der HERR ist“ (Psalmen 34:8). Es ist die Art von Erkenntnis, auf die Paulus in 2. Korinther 4:6 Bezug nimmt – „das Licht der Erkenntnis der Herrlichkeit Gottes im Angesicht Jesu Christi“ (siehe Galater 4:8; 1. Korinther 2:14; 2. Petrus 1:3–4). Es ist das Erkennen der Größe, des Wertes, der Herrlichkeit, der Gnade und der Macht Gottes durch die Seele. Es ist eine Erkenntnis, die dich überwältigt und demütig macht. Es ist eine Erkenntnis, die dich gewinnt und festhält. Es ist die Art von Erkenntnis der Schönheit, die du nicht hast, wenn du während des Hallelujah Chorus nur gelangweilt dasitzt oder am Rand des Grand Canyon vor dich hin murrst. Es ist möglich zu hören und doch nicht zu hören, zu sehen und doch nicht zu sehen (Matthäus 13:13). Das ist nicht die Art von Erkenntnis, die wir brauchen.

            Wahre Erkenntnis sieht aus wie bei Lydia, als der Herr die Augen ihres Herzens öffnete (Apostelgeschichte 16:14). In einem Augenblick meinst du, an der Fülle dieser Erkenntnis zu zerbrechen, und plötzlich tut sich ein Abgrund der Sehnsucht nach mehr auf. Es ist die Art von Erkenntnis, die wir Glauben nennen – „eine feste Zuversicht auf das, was man hofft, eine Überzeugung von Tatsachen, die man nicht sieht“ (Hebräer 11:1). Es ist eine Erkenntnis, die für deine Seele so real, so kostbar und so befriedigend ist, dass jeder Gedanke, jede Haltung, jede Emotion und jede Abhängigkeit, die diese Erkenntnis zu behindern droht, mit dem ganzen geistlichen Eifer eines bedrohten Lebens bekämpft wird. Das ist der Kampf des Glaubens, der in der Gottesfürchtigen Seele tobt, wenn die Lust den Verstand von Gott weglockt.

Die reinen werden Gott schauen

Ich möchte mit einer Illustration aus einem Artikel schließen, den ich vor Jahren gelesen habe, und mit einer Möglichkeit, sich auf den Kampf vorzubereiten. Der Artikel war nicht mit einem Namen versehen, wurde aber von einem Prediger geschrieben, der zehn Jahre lang in der Knechtschaft der Lust lebte. Er erzählt die Geschichte davon, was ihn schließlich daraus befreite. Es ist eine so eindringliche Bestätigung dessen, was ich zu sagen versuche, dass ich den entscheidenden Absatz zitieren möchte.

            Er stieß auf ein Buch von Francois Mauriac mit dem Titel What I Believe (Was ist glaube). Darin räumte Mauriac ein, dass ihn die Plage der Schuld nicht von der Lust befreit hatte. Er kommt zu dem Schluss, dass es einen mächtigen Grund gibt, nach Reinheit zu streben, nämlich den, den Christus in den Seligpreisungen nennt: „Selig sind, die reinen Herzens sind; denn sie werden Gott schauen.“ Der namentlich nicht genannte Pastor schreibt:

Der Gedanke traf mich wie eine Glocke, die in einer dunklen, stillen Halle angeschlagen wird. Bis dahin hatte keines der erschreckenden, negativen Argumente gegen die Lust es geschafft, mich von ihr abzuhalten … Doch hier war eine Beschreibung dessen, was ich versäumte, indem ich weiterhin an der Lust festhielt: Ich schränkte meine eigene innige Gemeinschaft mit Gott ein. Die Liebe, die er anbietet, ist so erhaben und erfüllend, dass unsere Fähigkeiten zuerst gereinigt und geläutert werden müssen, bevor wir sie überhaupt aufnehmen können. Könnte er tatsächlich einen anderen Durst und einen anderen Hunger an die Stelle dessen setzen, den ich niemals gestillt hatte? Würde das lebendiges Wasser die Lust irgendwie stillen? Das war das Wagnis des Glaubens.1

Es war kein Wagnis. Du kannst nicht verlieren, wenn du dich Gott zuwendest. Er entdeckte dies in seinem eigenen Leben, und die Lektion, die er daraus lernte, ist vollkommen richtig: Der Weg, die Lust zu bekämpfen, besteht darin, den Glauben mit der Erkenntnis eines unwiderstehlich herrlichen Gottes zu nähren.

Anthem: Eine Strategie zum Kampf gegen die Lust

Hier ist die Strategie, die ich selbst unzählige Male im Kampf gegen den Unglauben der Lust angewandt habe. Mit diesen sechs Schritten denke ich an Männer und an Frauen. Bei Männern ist die Krise offensichtlicher. Die Notwendigkeit, gegen die Flut visueller Versuchungen zu kämpfen, die darauf abzielen, sich auf sexuelle Bilder zu fixieren, ist dringend. Bei Frauen ist sie oft weniger offensichtlich, aber genauso groß, besonders wenn wir den Bereich der Versuchung auf Essen, die eigene Figur oder Beziehungsfantasien ausweiten. Ich konzentriere mich hier auf den Bereich der Gedanken, der Vorstellungskraft und des Verlangens, der zu sexuellem Fehlverhalten führt. Hier ist also eine Reihe von Strategien im Kampf gegen falsche Begierden. Ich fasse sie in Form eines Akronyms zusammen: ANTHEM.

A – Avoid

Vermeide so weit wie möglich und vernünftig die Anblicke und Situationen, die unangebrachtes Verlangen wecken. Ich sage „möglich und vernünftig“, weil eine gewisse Berührung mit Versuchung unvermeidlich ist. Und ich sage „unangebrachtes Verlangen“, weil nicht jedes Verlangen nach Sex, Essen und Familie schlecht ist. Wir wissen, wann Verlangen unangebracht ist, nicht hilfreich ist und sich dahin entwickelt, uns zu versklaven. Wir kennen unsere Schwächen und wissen, was sie auslöst. „Vermeiden“ ist eine biblische Strategie. „Fliehe vor den jugendlichen Lüsten und jage der Gerechtigkeit nach“ (2. Timotheus 2:22). „Pflegt das Fleisch nicht bis zur Erregung von Begierden“ (Römer 13:14). Und natürlich geschieht dies aus Glauben. Das heißt, wir tun es, weil wir in Christus eine größere Befriedigung haben als in allen Dingen und unsere wankelmütigen Herzen nicht über das hinaus in Versuchung führen wollen, was notwendig ist.

N – No

Sage zu jedem lustvollen Gedanken sofort Nein. Und sage es mit der Autorität Jesu Christi ganz entschieden: „Im Namen Jesu: Nein!“ Du hast nicht viel mehr als ein paar Sekunden. Gib dem lustvollen Gedanken mehr Zeit, in der du ihm ungehindert nachgibst, und er wird sich mit einer solchen Macht festsetzen, dass er sich kaum noch vertreiben lässt. Sage es laut, wenn du dich traust. Sei entschlossen und kämpferisch. Wie John Owen sagte: „Töte die Sünde, oder sie wird dich töten.“ Schlage schnell und hart zu. „Widersteht dem Teufel; so flieht er von euch“ (Jakobus 4:7).

T – Turn

Wende deinen Verstand entschlossen Christus als der größeren Befriedigung zu. „Nein“ zu sagen wird nicht genügen. Du musst von der Verteidigung zum Angriff übergehen. Bekämpfe Feuer mit Feuer. Greife die minderwertigen Versprechen der Sünde mit den überlegenen Verheißungen Christi an. Die Bibel nennt die Lust „trügerische Begierden“ (Epheser 4:22). Sie lügen. Sie versprechen mehr, als sie halten können. Die Bibel nennt sie „Begierden eurer früheren Unwissenheit“ (1. Petrus 1:14). Nur Narren geben ihnen nach. „Auf der Stelle geht er ihr nach, wie ein Ochse zur Schlachtbank geht“ (Sprüche 7:22). Täuschung wird durch Wahrheit besiegt. Unwissenheit wird durch Erkenntnis besiegt. Es muss herrliche Wahrheit und wunderschöne Erkenntnis sein. Wir müssen unseren Verstand mit den überlegenen Verheißungen und Freuden Jesu füllen. Dann müssen wir uns ihnen unmittelbar zuwenden – nachdem wir „Nein!“ gesagt haben.

H – Hold

Halte die Verheißung und die Freude an Christus fest in deinem Verstand, bis sie die anderen Bilder verdrängt. „Richtet eure Augen auf Jesus“ (Hebräer 12:2). Hier scheitern viele. Sie geben zu schnell nach. Sie sagen: „Ich habe versucht, es zu verdrängen, aber es hat nicht funktioniert.“ Ich frage: „Wie lange hast du es versucht?“ Eine Minute? Fünf? Zehn? Wie lange hast du gegen diese eine Versuchung gekämpft? Wie sehr hast du deinen Verstand eingesetzt? Der Verstand ist wie ein Muskel. Du kannst ihn mit aller Kraft anspannen. Reiße das Reich Gottes mit Gewalt an dich (Matthäus 11:12). Sei unerbittlich. Halte die Verheißung Christi vor deinen Augen. Halte sie fest. Halte sie fest! Lass sie nicht los! Halte weiter daran fest! Wie lange? So lange, wie es nötig ist. Kämpfe! Um Christi willen, kämpfe, bis du gewinnst. Wenn ein elektrisches Garagentor dein Kind zu zerquetschen drohte, würdest du es mit aller Kraft hochhalten und um Hilfe schreien und es halten und halten und halten und halten. Bis es dir die Finger abtrennen würde.

E – Enjoy

Genieße eine größere Befriedigung. Entwickle die Fähigkeit, Freude an Christus zu finden. Ein Grund dafür, dass die Lust über so viele Menschen herrscht, ist, dass Christus für sie so wenig Anziehungskraft besitzt. Wir fallen auf die Täuschung herein, weil wir wenig Freude an Christus haben. Sage nicht: „Eine solche Freude liegt mir einfach nicht.“ Welche Schritte hast du unternommen, um deine Zuneigung zu Jesus zu wecken? Hast du um Freude gekämpft? Denke nicht fatalistisch. Du wurdest dazu geschaffen, Christus von ganzem Herzen wertzuschätzen – mehr als Sex, Zucker, Sport oder Einkaufen. Wenn du wenig Geschmack an Jesus findest, werden konkurrierende Freuden die Oberhand gewinnen. Flehe Gott um die Befriedigung an, die dir fehlt: „Sättige uns früh mit deiner Gnade, so wollen wir jubeln und fröhlich sein unser Leben lang.“ (Psalmen 90:14). Dann schaue und schaue und schaue auf die großartigste Person im Universum, bis du ihn als so überaus großartig und befriedigend erkennst, wie er wirklich ist.

M – Move

Widme dich einer nützlichen Tätigkeit, die dich von Untätigkeit und anderen gefährdenden Verhaltensweisen wegführt. Die Lust wächst schnell im Garten der Muße. Suche dir gute Arbeit und verrichte sie mit aller Kraft. „Im Eifer lasst nicht nach; seid brennend im Geist; dient dem Herrn“ (Römer 12:11). „Seid fest, unerschütterlich, nehmt immer zu in dem Werk des Herrn!“ (1. Korinther 15:58). Nimm reichlich Arbeit auf dich. Steh auf und tu etwas. Feg einen Raum. Schlage einen Nagel ein. Schreibe einen Brief. Repariere einen Wasserhahn. Und tue es um Jesu willen. Du wurdest dazu geschaffen, zu verwalten und zu gestalten. Christus ist gestorben, um dich „eifrig zu guten Werken“ zu machen (Titus 2:14). Verdränge trügerische Begierden durch eine Leidenschaft für gute Taten.

Und zwischen den Momenten des Nahkampfs mit lustvollen Gedanken widme dich in jeder Hinsicht dem Ziel, den überragenden Wert Christi zu erkennen und auszukosten. Das wird der Sieg sein. „ja, wahrlich, ich achte alles für Schaden gegenüber der alles übertreffenden Erkenntnis Christi Jesu, meines Herrn“ (Philipper 3:8).

1 Leadership, Herbst 1982, 43–44.

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