Jonathan Parnell
Kapitel 4 aus Killjoys: The Seven Deadly Sins. Übersetzung von Lynn Wiebe.
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„Worüber musst du eigentlich zornig sein?“ Manchmal sind in der Bibel Gottes eigene Worte an eine einzelne Person durchgehend relevant für uns alle. Gottes Frage an Jona – den aufgebrachten Propheten – ist ein Wort, das wir hören müssen.
Wie die Geschichte berichtet, ließ Gott von dem Unheil ab, das gegen Ninive gerichtet war. Das machte Jona unglücklich. „Das aber missfiel Jona sehr, und er wurde zornig.“ (Jona 4:1). An diesem Punkt wird den Lesern die eigentliche Wahrheit hinter Jonas Handeln offenbart und letztlich hinter dem ganzen Konflikt der Erzählung. Der Grund, warum der widerwillige Prophet im Bauch des Fisches landete, und der Grund, warum der Sturm aufkam, als er auf dem Meer war, und der eigentliche Grund, warum er von Anfang an nach Tarsis statt nach Ninive unterwegs war, liegt darin, dass Jona etwas über den Charakter Gottes wusste. „Ach, Herr, ist’s nicht das, was ich mir sagte, als ich noch in meinem Land war, dem ich auch durch die Flucht nach Tarsis zuvorkommen wollte? Denn ich wusste, dass du ein gnädiger und barmherziger Gott bist, langmütig und von großer Gnade, und das Unheil reut dich!“ (Jona 4:2).
Dies ist ein trauriger Ausgang einer Achterbahn-Geschichte – und er entfaltet sich im Zorn. Jona wollte der gottlosen Stadt Ninive nicht Buße predigen, weil er nicht wollte, dass die Niniviten Buße taten. Er wollte nicht, dass sie Gottes Barmherzigkeit erfuhren, und dass sie es doch taten, machte ihn wütend. Der Zorn wird daher zum tragischen Höhepunkt dieses Dramas. Er ist die Emotion, die die Bühne betritt und dem verwirrten Boten Gottes die Maske herunterreißt. Der Zorn zeigt uns, was wirklich vor sich geht – sowohl in Jonas’ Herzen als auch in unserem eigenen.
Zur Bedeutung des Zorns
Zorn steht auf der Liste der sieben Todsünden, weil die Menschen seit Jahrhunderten seine zerstörerische Kraft und seinen Einfluss beobachtet haben. Zorn zu verstehen ist jedoch weit komplizierter, als nur seine Auswirkungen zu betrachten. Zorn ist nicht lediglich eine Sünde, die Chaos verursacht, sondern eine Emotion, die auf etwas Tieferes hinweist – auf etwas in den unbewussten Begierden des menschlichen Herzens. Damit beginnt die schwierige, aber entscheidende Arbeit, unter die Oberfläche zu graben, um die Wurzelsünde1 des Zorns zu finden.
Es ist nichts inhärent Christliches oder auch nur Geistliches daran zu erkennen, dass Zorn ein Hinweisgeber für eine tiefere, dunklere Hingabe in der Seele ist. Sogar neuere säkulare Literatur über Zorn weist genau darauf hin. In ihrem Buch The Gift of Anger (auf Deutsch: Die Gabe des Zorns) – bescheiden untertitelt „Seven Steps to Uncover the Meaning of Anger and Gain Awareness, True Strength, and Peace“ (auf Deutsch: Sieben Schritte, um die Bedeutung des Zorns aufzudecken und Bewusstsein, wahre Stärke und Frieden zu gewinnen) – erklärt Marcia Cannon: „Du wirst zornig, wenn du die Wirklichkeit als unannehmbar definierst und dich nicht imstande fühlst, sie einfach zu korrigieren, sie zu ertragen oder sie loszulassen.“2 Beachte, dass der Schwerpunkt in dieser Aussage auf dem Kontext des Zorns liegt – auf der „Wirklichkeit“, wie sie von dir erlebt und definiert wird. Zorn ist nur das Symptom von etwas anderem – von Umständen, die wir als unannehmbar betrachten. Das bedeutet, Zorn ist seinem Wesen nach reaktionär und nicht originär. Wie Cannon nahelegt, gewinnen wir Einsicht in den Zorn, indem wir auf das unannehmbare Ding schauen, auf das der Zorn reagiert.
Zorn kennt kein Alter
Doch bevor wir zur Ursache des Zorns kommen, wollen wir drei Beschreibungen des Zorns betrachten, die ihn im Vergleich zu anderen Sünden einzigartig machen. Wie jede andere Sünde ist auch der Zorn „eine schuldhafte und persönliche Beleidigung gegen einen persönlichen Gott“,3 doch er besitzt seine eigenen Schichten von Besonderheit und Komplexität.
Zuerst gehört Zorn, wie Stolz, zu den am weitesten verbreiteten Sünden. Sicherlich, „alle haben gesündigt“ (Römerbrief 3:23), aber man könnte genauer sagen: „alle waren zornig“. Aus kulturhistorischer Perspektive erinnert man sich daran, dass das erste Zeugnis der Verwüstung durch die Sünde in der Welt ein zorniger Ausbruch war. Früh in der Genesis reagierte Kain schlecht, als Gott sein Opfer ablehnte. „Da wurde Kain sehr wütend, und sein Angesicht senkte sich.“ (1. Mose 4:5). Und wie konfrontiert Gott ihn? Er stellt die zentrale Frage dieses Kapitels: „Warum bist du so wütend, und warum senkt sich dein Angesicht?“ (1. Mose 4:6). Gott will, dass wir die Wurzel finden.
Zorn ist so weit verbreitet, weil er schon seit dem ersten Fehltritt da ist. Die Sünden unserer ersten Vorfahren haben seitdem jede Generation durchdrungen. Die Reichweite des Zorns ist allumfassend – kulturhistorisch (alle Völker zu allen Zeiten) und generationenübergreifend (alle Altersstufen). Könnte Zorn die erste Sünde sein, die jeder von uns begeht? Hast du je ein Kind schreien hören? Gewiss trifft das nicht auf die Kinder in deinem Umfeld zu, aber wenn ich von meinen eigenen spreche, dann liegt in ihren frühesten schrillen Schreien eine alles verzehrende Wut. Hätten sie Hände, so groß und funktionstüchtig wie unsere, gäbe es kaum Zweifel, dass sie sie um unseren Hals legen und zudrücken würden. Kinder, selbst Säuglinge, können durchaus „die Wirklichkeit als unannehmbar definieren“ – und sie bestehen darauf, dass jeder um sie herum das weiß. Ob die Kleinen hungrig sind oder jemand Rainbow Dash nicht teilt4, alle Eltern haben genug tränenverschmierte, rote Gesichter gesehen, um zu wissen, dass der Zorn uns allen schon in jungen Jahren begegnet. Und mehr noch: wir wachsen nie wirklich aus ihm heraus. Es lässt sich nicht leugnen, dass es Momente gibt, in denen Eltern selbst mit rotem Gesicht und erhobener Stimme dastehen, was uns daran erinnert, dass auch Erwachsene sich in Vierjährige verwandeln können, wenn sie ihren Willen nicht bekommen. Der Zorn kennt kein Alter.
Von manchen Persönlichkeiten heißt es, sie neigten zu roten Gesichtern und explosiven Ausbrüchen; andere seien unerschütterlich ruhig und gelassen. Doch die Wahrheit ist, wie die Neurophysiologin Nerina Ramlakham erklärt, dass jeder zornig wird – es wird nur auf unterschiedliche Weise ausgedrückt. „Heute unterscheiden wir Menschen vielmehr danach, ob sie ihre Wut in sich hineinfressen oder sie nach außen hin ausdrücken.“5 Es gibt Wut-Sammler und Wut-Ausgießer, doch in beiden Fällen ist Wut vorhanden. Alle waren zornig – manche laut und heftig, andere leise und verborgen.
Tödlicher als die anderen
Zweitens ist der Zorn die gefährlichste der Todsünden. Noch einmal zur Klarstellung: „Der Lohn der Sünde ist der Tod“ (Röm. 6:23), doch der ungehemmte Ausdruck von Zorn kann ganz buchstäblich töten – körperlich das Objekt und geistlich das Subjekt. Jesus verbindet unseren Zorn mit Mord. „Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt ist: »Du sollst nicht töten!«, wer aber tötet, der wird dem Gericht verfallen sein. Ich aber sage euch: Jeder, der seinem Bruder ohne Ursache zürnt, wird dem Gericht verfallen sein.“ (Matthäus 5:21-22). Bavinck bemerkt: „Jesus sagt, dass nicht nur die Tat, sondern schon das erste Aufwallen eines unrechtmäßigen Zorns – selbst wenn es nicht in einem einzigen Wort ausgedrückt wird – die Menschen dem Gericht verfallen sein lässt.“6 Mord und Zorn liegen auf demselben Kontinuum und sind so eng miteinander verbunden, dass Jesus sie nahezu als gleichwertig betrachtet. Im Licht von Gottes Gericht sind Mord und Zorn lediglich unterschiedliche Formen desselben verwerflichen Vergehens. Wie der Apostel Johannes später schreibt: „Jeder, der seinen Bruder hasst, ist ein Mörder“ (1. Johannes 3:15).
Abgesehen von dieser tödlichen Verbindung und der Tatsache, dass ungerechtfertigter Zorn eine gewaltsame Entwürdigung eines heiligen Lebens ist, kann Zorn anderen sowohl kalkulierten als auch unkalkulierten Schaden zufügen. Alle sind sich einig, dass zorniger, vorsätzlicher Schaden bestraft werden sollte. Doch Zorn kann auch so spontan und unkontrollierbar sein, dass Menschen Verbrechen begehen, die sie sich selbst niemals zugetraut hätten. Das amerikanische Rechtssystem kennt dafür eine Kategorie: Affektdelikt. Dabei handelt es sich um einen Angriff, der infolge eines plötzlichen Impulses geschieht – wenn der Täter oder die Täterin so sehr von den eigenen Emotionen berauscht ist, dass er oder sie eine törichte Entscheidung trifft. Wird nachgewiesen, dass ein Angriff durch Wut ausgelöst wurde – im Gegensatz zu einer vorsätzlichen Planung –, betrachtet unser modernes Rechtssystem dies als ein geringeres Vergehen. Das Gericht zeigt tatsächlich ein gewisses Verständnis für impulsive und gewalttätige Zornige. Dies bezeugt die Vorstellung, dass Zorn sowohl berauschend als auch allgegenwärtig sein kann. Die meisten verstehen die verwirrende Macht des Zorns, und die meisten kennen ihn gut genug, um auf einer gewissen Ebene mit denen zu sympathisieren, die ihn erleben und sogar ausleben.
Das Gute, das Böse, das Zornige
Drittens ist nicht jeder Zorn Sünde. Zorn ist zunächst nur die Bezeichnung für etwas, das böse oder gut, gottlos oder gerecht sein kann. Schließlich unterscheidet sich der Zorn in einer wesentlichen Hinsicht von den anderen Todsünden: Gott wird zornig. Gottes Zorn findet sich auf jeder Seite der Heiligen Schrift. Wie der Psalmist sagt: „Gott ist ein gerechter Richter und ein Gott, der täglich zürnt.“ (Psalmen 7:12).
Und mehr als nur ihn zu empfinden, vollzieht Gott seinen Zorn im Gericht, weshalb Mose nach dem Vorfall mit dem goldenen Kalb betete: „Wende dich ab von der Glut deines Zorns und lass dich des Unheils gereuen, das du über dein Volk bringen willst!“ (2. Mose 32:12). Darüber hinaus lodert dieser Zorn – fern von Marcions verhängnisvollem Irrtum – durch die ganze Bibel, Altes wie Neues Testament. Nach Paulus ist es tatsächlich Jesus selbst, der eines Tages wiederkommen wird, um den göttlichen Zorn endgültig und vollständig zu vollstrecken, „wenn er Vergeltung üben wird an denen, die Gott nicht anerkennen, und an denen, die dem Evangelium unseres Herrn Jesus Christus nicht gehorsam sind.“ (2. Thessalonicherbrief 1:8). Selbst während des irdischen Dienstes Jesu, als er mit den halsstarrigen Pharisäern konfrontiert wurde, blickte er sie „ringsumher mit Zorn an, betrübt wegen der Verstocktheit ihres Herzens.“ (Markus 3:5).
Wenn also Gott zornig wird (Römerbrief 1:18) und Gott niemals sündigt (Jakobus 1:13; Hebräer 4:15), dann muss Zorn – wenn er in rechter Weise ausgedrückt wird – notwendigerweise keine Sünde sein. Wir müssen daher auf die Beweggründe für den Zorn schauen – auf die Reaktionen zorniger Menschen auf die Wirklichkeiten um sie herum –, um den Zorn sündiger Menschen zu verstehen und zu erkennen, wie er sich von Gottes gerechtem Zorn unterscheidet. Cannon schreibt: „Dein Zorn steigt automatisch auf, wenn du Hilfe brauchst, um mit einer wahrgenommenen Bedrohung oder mit scheinbar schwierigen Situationen umzugehen, bei denen du dich nicht stark genug fühlst, sie ruhig und gelassen zu handhaben.“7 Diese Definition beschreibt offensichtlich nicht Gottes Gründe für seinen Zorn. Gott ist allmächtig und reagiert niemals aus einem Gefühl der Hilflosigkeit heraus. Doch wie Cannon andeutet, reagieren Menschen aus einer weit verletzlicheren Position. Sowohl Gott als auch der Mensch erleben Zorn, aber es ist die Ursache des Zorns, nicht sein Erleben, die ihn als sündig oder gerecht kennzeichnet. „Worüber musst du eigentlich zornig sein?“ – das ist wirklich die Frage.
Was hat Liebe damit zu tun?
Worüber wir zornig sein müssen, lässt sich auf eine Frage reduzieren: Liebe. Manchmal gewinnen wir mehr Einsicht in eine bestimmte Sünde, indem wir ihr heiliges Gegenstück verstehen – durch den Vergleich von Lastern und Tugenden. Zum Beispiel können wir Stolz durch die Linse der Demut betrachten oder Habgier im Licht der Großzügigkeit aufdecken. Zorn jedoch ist nicht so symmetrisch. Wir könnten annehmen, dass das Gegenteil von Zorn Liebe ist, aber tatsächlich ist das Gegenteil von Zorn Gleichgültigkeit. „In seiner unverdorbenen Urform“, erklärt Tim Keller, „ist Zorn tatsächlich eine Form von Liebe.“8 Zorn ist die Art, wie wir auf alles reagieren, das jemandem oder etwas, das uns wichtig ist, bedroht. Wie wir die Wirklichkeit wahrnehmen und darauf reagieren, hängt davon ab, was wir wertschätzen. Zorn ist Liebe in Bewegung, um das Objekt unserer Liebe zu schützen. Wenn wir wissen wollen, worüber wir zornig sein müssen, sollten wir auf die Objekte unserer Zuneigung schauen. Und wenn wir wissen wollen, wann Zorn sündig ist, achten wir darauf, wie unsere Lieben verzerrt worden sind.
Das erklärt, warum das Problem des Zorns so allgegenwärtig ist. Der Mensch ist im Kern ein Liebender, wie James K. A. Smith es ausdrückt: „… Die Weise, wie wir in der Welt leben, ist nicht in erster Linie als Denker oder sogar als Glaubende, sondern vielmehr als emotionale, verkörperte Wesen, die sich ihren Weg durch die Welt mehr ertastend als erdenkend bahnen.“9 Wir sind immer hoffnungslos in irgendetwas verliebt, auch wenn uns das nicht bewusst ist. Die Frage ist nicht, ob wir lieben, sondern was wir lieben. Smith fährt fort: „Was uns wirklich definiert, ist, was wir lieben – wonach wir uns sehnen; was wir begehren.“10 Tatsächlich sind wir das, was wir lieben. Der Theologe des 17. Jahrhunderts Henry Scougal formuliert es so: „Der Wert und die Vortrefflichkeit einer Seele werden am Gegenstand ihrer Liebe gemessen.“11 Weil wir die Wirklichkeit grundlegend als Liebende deuten und weil Bedrohungen für das, was wir lieben, an jeder Ecke existieren, entstehen überall und jederzeit Gründe, zornig zu sein.
Angesichts so vieler Versuchungen sehen wir immer wieder, dass Menschen nicht nur Liebende, sondern zerbrochene Liebende sind. Diese Zerbrochenheit zeigt sich in unserer ungeordneten Liebe oder – wie Augustinus sie nannte – in unseren „ungeordneten Neigungen“. Wir wurden geschaffen, um Gott am meisten und am innigsten zu lieben, doch allzu oft ziehen wir uns selbst und die Dinge, die uns dienen, vor. Hier liegt das uralte Problem, das uns in uns selbst verkrümmt und gute Dinge zum Höchsten erhebt. Hier gerät der Zorn außer Kontrolle – hier verliert er jede Ähnlichkeit mit Gerechtigkeit und wird böse. Wir wünschten, das Einzige, was uns zornig machte, wäre der rücksichtslose Lieferwagenfahrer, der durch unsere Straße rast, während unsere Kinder im Vorgarten spielen, oder die schrecklichen Ungerechtigkeiten von Terrorismus oder Sklaverei, denn wir wissen, dass diese Dinge auch Gott zornig machen. Doch allzu oft stellen wir fest, dass wir uns über die einfachsten und am wenigsten gerechtfertigten Dinge ärgern – über Dinge wie eine verdorrende Pflanze an einem sonnigen Tag (Jona 4:9).
Sündiger Zorn ist daher seinem Wesen nach töricht. Er entsteht, wenn wir die Wirklichkeit fälschlich als unannehmbar wahrnehmen, wenn wir so sehr von unseren selbstbezogenen Lieben geblendet sind, dass wir alles vernichten wollen, was uns nicht dient. Sündiger Zorn entsteht, wenn wir – statt Gott nachzuahmen – versuchen, Gott zu spielen, indem wir uns das Recht anmaßen, die Grenzen zu ziehen und zu bestimmen, was sein soll und was nicht. Im sündigen Zorn reagieren wir in einer Weise, die in keinem Verhältnis zu den Tatsachen steht, und zwingen alle um uns herum, die Welt nach unseren Maßstäben zu deuten auf der Grundlage dessen, was wir am meisten lieben – und das ist allzu oft das Objekt im Spiegel.
Ungerechter Zorn ist, um einige Worte einer bekannten Redewendung anzupassen, die explosive Kraft einer fehlerhaften Zuneigung. Tim Keller gibt ein Beispiel:
„Es ist nichts falsch daran, bis zu einem gewissen Grad zornig zu werden, wenn jemand deinem Ruf schadet, aber warum bist du zehnmal – hundertmal – zorniger darüber als über irgendeine schreckliche Ungerechtigkeit, die Menschen in einem anderen Teil der Welt angetan wird?
Weil … wenn das, worin du wirklich deine Bedeutung und Sicherheit suchst, die Anerkennung von Menschen oder ein guter Ruf oder Status oder etwas Ähnliches ist, dann wirst du unversöhnlich zornig, sobald irgendetwas zwischen dich und das kommt, was du unbedingt haben musst. Du musst es haben. Du gehst über jedes Maß hinaus. Du kannst es nicht einfach abtun.“12
Die Wahrheit ist: Wenn wir hinter die gewöhnlichen Anlässe unseres Zorns schauen, wird es hässlich. Wenn wir feststellen, dass wir ungewöhnlich aufgebracht sind, weil wir in den sozialen Medien übergangen wurden oder im Verkehr geschnitten wurden oder für unsere Arbeit keine Anerkennung bekommen oder eine Idee von uns abgelehnt wird oder wir uns von unserem Ehepartner nicht wertgeschätzt fühlen, dann liegt das wahrscheinlich daran, dass wir uns selbst zu sehr lieben. Sündiger Zorn ist das Ergebnis unserer ungeordneten Lieben – oft unserer schamlosen Selbstliebe. Das Ende unseres Zorns kommt nur durch Schalom in unseren Seelen – eine Neuausrichtung unserer größten Liebe und Hingabe.
Eine Methode gegen den Wahnsinn
Wie bei jeder anderen Sünde herrscht ungerechter Zorn nicht über Herzen, die durch Gottes Gnade verwandelt sind (Römerbrief 6:14). Es gibt einen Ausweg (1. Korintherbrief 10:13), auch wenn der Weg nicht immer leicht zu finden oder einfach zu gehen ist. Den Zorn zu überwinden erfordert, dass wir die Quelle unseres Zorns entwirren – unsere Wahrnehmungen der Wirklichkeit. Das kann eine schwierige, ja sogar frustrierende Aufgabe sein, doch diese drei Schritte bieten eine Methode gegen den Wahnsinn.
1) Analysiere den Zorn frühzeitig.
Wir müssen so schnell wie möglich zur Quelle des Zorns gelangen. Wenn wir merken, dass wir zornig werden – wenn der Stress zu steigen beginnt und die Gemüter sich erhitzen –, müssen wir Gottes Worte hören: Worüber musst du eigentlich zornig sein? Halte inne und frage dich: Was ist mir so wichtig, dass ich so defensiv und emotional reagiere? Was liebe ich so sehr, dass mein Herz dadurch zu diesem Zorn bewegt wird?
Das Befragen unserer Zuneigungen ist der beste Weg, fehlgeleitete Aggression zum Schweigen zu bringen. Eine praktische Weise, wie sich das in meinem Leben zeigt, ist in der Erziehung. Der häufigste Anlass für meinen Zorn ist der Ungehorsam meiner Kinder. Einerseits ist es richtig, über ihr törichtes Verhalten in angemessener Weise empört zu sein. Ich liebe sie, und der Weg ihrer Torheit führt zu Schaden. Andererseits ist ihr Ungehorsam nicht immer das eigentliche Problem. Die schwierige Frage ist, ob ich zornig bin, weil mich ihr Ungehorsam unbequem trifft. Wenn ich meine Kinder mehr liebe als mich selbst, reagiert mein Zorn auf ihren Ungehorsam mit geduldiger und konkreter Fürsorge und Erziehung. Sie sind die Gegenstände meiner Liebe, und mein Zorn soll sich mit der Bedrohung befassen, die ihre Torheit für ihr Gedeihen darstellt. Wenn ich jedoch hauptsächlich um mich selbst besorgt bin, ist mein Zorn keine Liebe zu ihnen. Dann richtet er sich nur gegen die Unannehmlichkeit, die ihr Ungehorsam für mich bedeutet. Er ist impulsiv, kurzsichtig und auf das ausgerichtet, was für mich selbst am besten ist – nicht für meine Kinder. In diesem Moment liebe ich mich selbst, nicht meine Kinder.
Immer wenn der Zorn den Raum betritt, muss die erste Frage sein: Worüber musst du eigentlich zornig sein? Wen liebe ich gerade? Um wen sorge ich mich wirklich?
2) Erkenne, wie lächerlich deine Lächerlichkeit ist.
Wir sollten Trauer über unsere Sünde empfinden. Wenn wir die Frage nach der Liebe in unserem Zorn stellen, sagt Tim Keller: „Meistens wirst du sofort beschämt sein, weil du oft merkst, dass das, was du verteidigst, dein Ego, dein Stolz oder dein Selbstwertgefühl ist.“ Häufig zeigt unser Zorn, dass wir selbstbezogen und lächerlich sind, und genau das müssen wir dringend erkennen. Im besten Fall werden wir beschämt sein; im schlimmsten Fall werden wir verzweifeln. Es ist schmerzhaft, den Deckel unseres eigenen Herzens zu öffnen und eine solche Verdorbenheit darin zu entdecken.
So verdreht unsere Herzen auch sein mögen, können wir dieser Finsternis doch mit einer mutigen und hoffnungsvollen Traurigkeit begegnen. Wir sind mutig, weil die Verdorbenheit – so real und gegenwärtig sie auch sein mag – uns weder verurteilen noch besiegen kann. Wenn wir in Christus sind, hat er den Preis für unsere verkehrten Lieben bezahlt. Er befreite uns von der Schuld der Sünde, indem er den Zorn trug, den wir verdient haben. Er gab uns die Macht über die Herrschaft der Sünde, indem er von den Toten auferstand. Wir sind zu Recht traurig darüber, wie langsam unsere Seelen darin sind, Gottes Gnade anzunehmen. Wir sind traurig, dass uns ein verletztes Ego mehr erregt als die Abtreibungen, die in der Innenstadt stattfinden; dass wir eher die Faust gegen unhöfliche Medien schütteln, als unsere Hände zu erheben, um Zerbrochene zu heilen; dass wir diejenigen, die mit uns nicht übereinstimmen, innerlich verspotten, statt öffentlich die Rechte der Stimmlosen zu verteidigen. Über diese Dinge sind wir tief betrübt – mit einer ernsten Traurigkeit, die sich nicht damit zufriedengibt, alles so zu lassen. Wir werden zur Buße betrübt (2. Korinther 7:9-10). Wenn wir wirklich bis zum Grund unserer Selbstprüfung vordringen, sind wir traurig darüber, dass wir über Dinge zornig sind, über die wir es nicht sein sollten, und zugleich nicht zornig sind über das, was Gott zornig macht. Dann wenden wir uns zu ihm und sagen: Nicht mehr, Herr. Bitte, nicht mehr. Und wir wissen, dass er fähig ist, rechten Zorn in uns zu wecken und falschen Zorn in unserem Herzen zu töten.
3) Erinnere dich an den Zorn Gottes und ahme ihn nach.
Zorn ist Liebe in Bewegung, um das Objekt unserer Liebe zu schützen. Der Fahrersitz des Zorns sind die Zuneigungen, und wenn wir jemals verstehen wollen, warum wir zornig werden, müssen wir in unsere Herzen schauen. Das erfordert glaubensvolles Prüfen und sorgfältige Analyse. Die Beweggründe hinter dem Zorn sind oft gemischt und selten offensichtlich. Bei Gott jedoch ist es niemals so. Gottes Zorn fließt immer aus reinen und heiligen Beweggründen, und er zeigt immer seine vollkommene Liebe.
Gott ist Liebe, und über alle Dinge hinaus liebt er das Aufleuchten seines Wesens. Er liebt es, wenn die Wahrheit seines Herzens sichtbar wird – wenn das, was er ist, auch das ist,was wir sehen. Die gute Nachricht für uns ist, dass gerade ihn zu sehen uns am meisten glücklich macht. Dafür wurden wir geschaffen. Unsere Seelen sind dazu bestimmt, seine Herrlichkeit zu schauen, sich an seinem Wert zu erfreuen und in seinen Vollkommenheiten zufrieden zu sein. Gott liebt es am meisten, uns dies zu zeigen. Unsere Seelen verlangen am meisten danach – seine Herrlichkeit zu sehen, aufzunehmen und widerzuspiegeln.
Mit anderen Worten: Gottes unerschütterliche Hingabe an seine Herrlichkeit bedeutet, dass Gott sich am meisten gerade für das einsetzt, was uns die größte Freude bringt. Daher ist jede Ausdrucksform seines Zorns ein präziser Schritt, um seine Herrlichkeit und unsere Freude zu verteidigen. Gottes Zorn ist weder willkürlich noch launenhaft, sondern eine überlegte und wirksame Antwort, um die Feinde unseres ewigen Wohls zu beseitigen. Das höchste Beispiel dieses Zorns sehen wir am Kreuz Jesu, geplant vor Grundlegung der Welt (Offenbarung 13:8), ausgeführt unter gewaltigen Anfechtungen (Matthäus 4:1–11) und schließlich eindrucksvoll und unwiderruflich erfolgreich (Jesaja 53:11).
Unser bestes Mittel, gegen sündigen Zorn zu kämpfen, ist es, uns an den Zorn Gottes zu erinnern – uns an seine Liebe zu erinnern und daran, welchen Preis er bezahlt hat, um alle Bedrohungen gegen sie zu beseitigen. Nur dort, wenn wir Gottes Liebe sehen – wenn wir unsere Lieben mit den seinen in Einklang bringen –, kann unser Zorn geheiligt werden. So zu lieben, wie er liebt, ist die einzige Möglichkeit, dass unser Zorn richtig ist. „Worüber bist du wirklich zornig?“ Wir sollten mit den Dingen antworten, die die Herrlichkeit Gottes angreifen. Mit der Zeit, und schließlich am letzten Tag, wird eine solche Liebe rechten Zorn hervorbringen und allen falschen Zorn beenden.
Das Gegenmittel für Zorn ist nicht ruhiger Stoizismus oder kühle Gleichgültigkeit; es ist, leidenschaftlich zu lieben, was am meisten liebenswert ist. Das Ende des sündigen Zorns beginnt mit unserem unermüdlichen Streben, von Gott ergriffen zu sein – von ihm überwältigt zu werden und dann von ihm bewegt zu werden, alles zu schätzen, was auch er schätzt. Wir sagen „nein“ zum sündigen Zorn und zu seinem Muster, uns zu verzehren, indem wir „ja“ zu Gottes Herrlichkeit sagen und zulassen, dass wir immer mehr von ihm erfüllt werden.
Fußnoten:
1 Jack Miller, Repentance: A Daring Call to Real Surrender (Fort Washington: CLC Publications, 2010), 15.
2 Marcia Cannon, The Gift of Anger: Seven Steps to Uncover the Meaning of Anger and Gain Awareness, True Strength, and Peace (Oakland: New Harbinger Publications, 2011), 17.
3 Cornelius Plantinga, Not the Way It Is Supposed to Be: A Breviary on Sin (Grand Rapids: Eerdmans, 1995), 13.
4 Rainbow Dash ist eine fiktive Figur (und Spielzeugfigur) aus der Zeichentrickserie My Little Pony.
5 Victoria Lambert, „Why Anger Is Bad for You“ in The Australian, 14. März 2014, http://www.theaustralian.com.au/news/world/why-anger-is-bad-for-you/story-fnb64oi6-1226854026035
6 Herman Bavinck, Reformed Dogmatics: Sin and Salvation in Christ, Bd. 3 (Grand Rapids: Baker Academic, 2005), 154.
7 Cannon, The Gift of Anger: Seven Steps to Uncover the Meaning of Anger and Gain Awareness, True Strength, and Peace, 7.
8 Tim Keller, „The Healing of Anger“, gepredigt am 17. Oktober 2004 in der Redeemer Presbyterian Church, New York, online verfügbar unter http://www.gospelinlife.com/the-healing-of-anger-5464.html.
9 James K. A. Smith, Desiring the Kingdom: Worship, Worldview, and Cultural Formation, Cultural Liturgies (Grand Rapids: Baker, 2009), 47.
10 James K. A. Smith, Discipleship in the Present Tense: Reflections on Faith and Culture (Grand Rapids: Calvin College Press, 2013), 181.
11 Zitiert in John Piper, The Pleasures of God: Meditations on God’s Delight in Being God (Colorado Springs: Multnomah, 2012), 2.
12 Keller, “The Healing of Anger.”

