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Eine Viertelstunde über „Keine anderen Götter“

Wenn gute Dinge Gottes Platz einnehmen

Predigttext:2. Mose 20,1–3  

Reihe: Die Zehn Gebote

Und Gott redete alle diese Worte und sprach: Ich bin der HERR, dein Gott, der ich dich herausgeführt habe aus dem Land Ägypten, aus dem Haus der Knechtschaft. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir./

Das wichtigste aller Gebote

Liebe Geschwister,

wir wollen in unserer Betrachtung der Zehn Gebote weitergehen. In der ersten Predigt haben wir gesehen, dass die Zehn Gebote Bundestafeln sind. Sie beschreiben den Bund, die besondere Beziehung zwischen Gott und seinem Volk. Darum wurden sie mitten unter dem Volk in der Bundeslade aufbewahrt.

An der ersten und obersten Stelle dieser Bundesworte steht die Aufforderung an Israel: „Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.“ Sie berührt das Zentrum der Beziehung zu Gott. Es gibt kein höheres Gebot als dieses.

Auf den ersten Blick scheint es beinahe absurd einfach zu sein. Wer von uns würde heute eine Götzenstatue anbeten?

Ich erinnere mich an einen Besuch im British Museum. Dort sind unzählige Gegenstände ausgestellt, die während der britischen Kolonialzeit aus aller Welt zusammengetragen wurden. Ein ganzer Raum war mit Götzenstatuen gefüllt, besonders mit Darstellungen aus dem Buddhismus und Hinduismus. Wir waren zu viert und machten uns über manche dieser Figuren lustig. Ich erinnere mich an eine goldfarbene Buddhafigur, die uns breit angrinste. Nichts daran verlockte mich, sie anzubeten.

Sollte es also nicht leicht sein, das Gebot zu halten: „Du sollst keine anderen Götter haben neben mir“?

Die Geschichte Israels spricht eine andere Sprache. Immer wieder wird das Volk beschuldigt, die Quelle des lebendigen Wassers verlassen und sich löchrige Zisternen gegraben zu haben. Immer wieder derselbe Vorwurf, immer wieder derselbe Verstoß: Götzendienst.

Die Verlockung des Götzendienstes

Wie konnte der Götzendienst für Israel so anziehend werden? Vielleicht hilft es, wenn wir uns für einen Augenblick in das Leben eines Israeliten zur Zeit der Richter versetzen.

Stellen wir uns einen frommen Israeliten vor. Nennen wir ihn Simeon. Er lebt ungefähr 1300 Jahre vor Christus in den schweren Jahrhunderten der Landnahme. Viele seiner Nachbarn sind Heiden: der eine vielleicht ein Amoriter, der andere ein Ammoniter, der dritte ein Kanaaniter. Simeon aber bleibt seinem Gott treu. Er bringt seine Opfer nur an der Stiftshütte dar. Er dient allein Jahwe, dem Gott des Bundes.

Doch dieses Jahr ist besonders heiß und trocken. Simeon ist Bauer. Er ist auf fruchtbaren Boden und Regen angewiesen, und die Sorge greift nach seinem Herzen. Er betet viel, doch Gott scheint ihn nicht zu hören. Was soll er tun?

Eines Abends trifft er auf dem Heimweg seinen amoritischen Nachbarn. Der sagt zu ihm: „Auch wir leiden unter der Dürre. Aber hast du schon unsere Fruchtbarkeitsgötter Astarte und Baal befragt? Wenn ich zum Tempel gehe, nehme ich eine kleine Darstellung der Astarte mit.“ Er zeigt Simeon ein einfaches Amulett, vielleicht nur einen grün bemalten Ast, der grob an die Gestalt einer Frau erinnert. „Probiere es doch einmal. Wenn du das nächste Mal zur Stiftshütte gehst, nimm es einfach in deiner Tasche mit.“

Simeon lässt sich darauf ein. Er geht zur Stiftshütte und betet äußerlich weiterhin nur zu Jahwe. Doch heimlich fragt er sich, ob Gott – oder vielleicht die Götter – ihn diesmal erhören werden, weil er das Amulett bei sich trägt.

Auf dem Heimweg beginnt es zu regnen.

Von da an kann Simeon sich kaum noch vorstellen, ohne dieses Amulett zum Heiligtum zu gehen. Was zunächst wie eine kleine Absicherung erschien, wird zum festen Brauch in seiner Familie. Solche und ähnliche Geschichten mögen sich unzählige Male wiederholt haben, bis der Götzendienst in ganz Israel etabliert war.

So wird verständlich, weshalb er für viele Israeliten verlockend war. Der Götze versprach Hilfe bei einer ganz konkreten Not.

Woran dein Herz sich hängt

Doch ist Götzendienst dreitausend Jahre später noch ein aktuelles Problem? Vermutlich trägt heute niemand eine grün bemalte Astartefigur in seiner Tasche. War das erste Gebot nur für eine Zeit wichtig, in der viele Menschen an eine Vielzahl von Göttern glaubten?

Um diese Frage zu beantworten, müssen wir zunächst fragen: Was bedeutet es überhaupt, einen Gott zu haben?

Martin Luther gab darauf im Großen Katechismus eine treffende Antwort: Woran du dein Herz hängst und worauf du dich verlässt, das ist eigentlich dein Gott. Ein Gott ist also das, von dem ich alles Gute erwarte und zu dem ich in meiner Not Zuflucht nehme.

Woran will sich das menschliche Herz hängen? Was möchte es um jeden Preis besitzen?

Der Dichter Kurt Tucholsky fasste es in seinem Gedicht „Das Ideal“ so zusammen:

> Wir möchten so viel: Haben. Sein. Und gelten.  

> Daß einer alles hat: das ist selten.

Haben, sein und gelten – dieser Dreiklang beschreibt das Streben des menschlichen Herzens. Sehr praktisch und unverblümt könnten wir auch sagen: Geld, Macht und sexuelle Erfüllung.

Die Bibel kennt diesen Dreiklang ebenfalls. Sie spricht von der Lust des Fleisches, der Lust der Augen und dem Hochmut des Lebens (1. Johannes 2,16). Der Puritaner Thomas Watson verband damit Schönheit, Besitz und Ehre. Wir könnten auch drei zunächst positiv klingende Begriffe verwenden: Sicherheit, Bedeutung und Erfüllung.

Wenn eine gute Sache zum Götzen wird

Ist der Wunsch nach Sicherheit etwas Böses? Ist es verkehrt, Erfüllung zu suchen oder von anderen ernst genommen zu werden? Nein. Doch eine gute Sache wird zum Götzen, wenn sie uns wichtiger wird als Gott – wenn unser Herz mehr an ihr hängt als an ihm und sie zum eigentlichen Ziel unseres Lebens wird.

Leo Tolstois Erzählung „Wie viel Erde braucht der Mensch?“ veranschaulicht diese Gefahr. Sie handelt von dem Bauern Pachom. Er lebt einfach, ist zufrieden und hat nur einen kleinen Wunsch: Er möchte etwas mehr Ackerland besitzen.

Bald bietet sich ihm die Gelegenheit, Land zu erwerben. Doch der größere Besitz macht ihn nicht zufriedener. Neue Probleme entstehen, und Pachom richtet sein ganzes Leben immer stärker auf einen einzigen Gedanken aus: mehr Land.

Schließlich hört er von einem außergewöhnlichen Angebot bei den Baschkiren im Osten Russlands. Für tausend Rubel darf er so viel Land erwerben, wie er an einem einzigen Tag zu Fuß umrunden kann. Die einzige Bedingung lautet: Bis zum Sonnenuntergang muss er wieder am Ausgangspunkt sein.

Pachom läuft los. Immer noch ein Stück weiter möchte er gehen, um noch mehr Land einzuschließen. Erst spät bemerkt er, wie tief die Sonne bereits steht. Er kehrt um und rennt völlig erschöpft, durstig und mit letzter Kraft zum Ausgangspunkt zurück. Gerade noch rechtzeitig erreicht er ihn. Das ganze umlaufene Land gehört nun ihm – doch im selben Augenblick bricht er zusammen und stirbt.

Sein Knecht gräbt ihm ein Grab. Am Ende beantwortet die Erzählung ihre Titelfrage so: Sechs Fuß Erde, vom Kopf bis zu den Fersen, waren alles, was er wirklich brauchte.

Es begann mit einem harmlosen Wunsch: Was sollte daran anstößig sein, etwas mehr Ackerland zu besitzen? Aber dieser Wunsch nahm Pachom so sehr in Beschlag, dass er ihn am Ende tötete.

Hier sehen wir eine geistliche Wirklichkeit unseres Herzens. Johannes Calvin schrieb, das menschliche Herz sei eine fortwährende Fabrik von Götzen. Unser Herz kann sogar aus einer guten Gabe einen Götzen machen. Nicht die gute Sache an sich ist das Problem. Zum Götzen wird sie, wenn sie zum obersten Ziel wird, dem wir alle anderen Ziele opfern.

Wenn Gott nur noch Mittel zum Zweck ist

Auf diese Gefahr können wir sehr fromm reagieren. Wir sagen vielleicht: „Gott, ich will dich haben – aber schenke mir doch noch dies oder jenes.“ Unmerklich soll Gott dann helfen, ein anderes, eigentlich wichtigeres Ziel zu erreichen. Das kann sehr geistlich aussehen, doch in Wirklichkeit hört Gott auf, unser Gott zu sein. Er wird zum Mittel für einen anderen Zweck.

Manche junge Menschen wenden sich Christus zu und suchen bei ihm Halt. Doch wenn nach einem oder zwei Jahren der ersehnte Ehepartner nicht gekommen ist, werfen sie den Glauben für die nächste Beziehung über Bord. Daran wird sichtbar, dass Christus nicht das eigentliche Ziel war. Er sollte den ersehnten Menschen und die gewünschte Erfüllung schenken.

Andere fragen: „Ich will doch zu Jesus. Warum schenkt er mir keine Freiheit von meiner sexuellen Sünde?“ Dann müssen wir ehrlich nachfragen: Willst du Jesus – oder willst du nur die Freiheit? Möchtest du Gott selbst, oder brauchst du ihn nur als Weg zu einem anderen Ziel?

Das kann in vielen Lebensbereichen geschehen:

– „Gott, segne meine Arbeit, damit ich finanziell erfolgreich und abgesichert bin.“

– „Gott, gib mir diesen Menschen, diese Ehe und diese Erfüllung.“

– „Gott, gebrauche mich, damit mein Leben Bedeutung bekommt.“

Sogar im geistlichen Dienst können Bedeutung und Macht in den Vordergrund treten. Aus der Bitte „Gott, gebrauche mich“ kann unbemerkt die Bitte „Gott, mache mich bedeutend“ werden.

Entlarve und Zerstöre die Götzen

Das Gebot „Du sollst keine anderen Götter haben neben mir“ ist auch dreieinhalbtausend Jahre nach seiner Verkündigung aktuell. Es gilt ebenso in unserer christlichen Kultur, denn unser Herz kann aus jeder Gabe und jeder Sache einen Götzen machen.

Darum müssen wir anfangen, unsere Götzen zu erkennen und zu töten. Entlarve ihre falschen Versprechen:

– Geld sagt: „Ich gebe dir Sicherheit.“

– Sexuelle Erfüllung sagt: „Ich stille deinen Hunger.“

– Macht und Anerkennung sagen: „Ich gebe dir Bedeutung.“

Der Durst, den du in dir spürst, ist nicht das eigentliche Problem. Entscheidend ist, wo du diesen Durst stillen willst.

Als Gideon zum Gott Israels zurückkehrte, musste der Altar des Baal niedergerissen werden (Richter 6). Das Götzenbild durfte nicht neben dem Altar Gottes stehen bleiben. Umkehr verlangt eine klare Entscheidung. Jesus sagt: „Niemand kann zwei Herren dienen“ (Matthäus 6,24). Wir müssen uns immer wieder fragen: Wo steht in meinem Leben ein Götze? Wo suche ich Sicherheit, Bedeutung oder Erfüllung mehr als Gott?

Vielleicht leidest du darunter, zu wenig Anerkennung zu bekommen. Dann frage dich: Warum suche ich meine Bedeutung dort? Bei Gott findest du eine Bedeutung, die dir kein Mensch geben kann. Dein Name darf im Buch des Lebens stehen. Wer Christus treu bleibt, empfängt den Siegeskranz des Lebens.

Nirgendwo finden wir größere Erfüllung als bei Gott. Wir werden nie mehr besitzen, als wenn wir Gott selbst haben. Wenn wir Gott haben, besitzen wir mehr, als uns das ganze Universum bieten könnte. In seiner Hand ist unser Sein größer und sicherer, als jede irdische Absicherung es machen kann. Bei ihm erhält unser Leben eine Bedeutung, die ewig bleibt.

Aus dieser Perspektive erkennen wir, wie groß und umfassend das erste der Zehn Gebote ist:

> Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.

Amen.

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