Ein Artikel von DesiringGod, zuerst erschienen unter dem Titel: God did the Work – Period
John Piper
Meine Würdigung von Billy Graham (1918–2018)
Heute Morgen erinnerte ich mich (mit mehr Emotion, als ich erwartet hatte), dass eine meiner Ängste als Junge, der in Greenville, South Carolina, aufwuchs, war, dass Billy Graham sterben könnte. Ich weiß, dass viel unreife Unfähigkeit dabei war, Gott zu vertrauen, der durchaus fähig ist, die Welt ohne Billy Graham zu lenken. Aber es gibt einem doch einen Einblick in die Rolle, die er als eine Art Sonne spielte, die die Planeten im Sonnensystem meiner religiösen Welt Ende der 1950er Jahre an ihrem Platz hielt.
Jetzt bin ich 72 Jahre alt in Minneapolis (erinnert ihr euch an „Box 123“?!), nicht mehr ein Teenager in South Carolina. Und Billy ist heute im Alter von 99 Jahren gestorben. Heute Morgen habe ich seine Lieder gesungen („Just as I Am“ und „How Great Thou Art“). Die Flut an Emotionen, die sie nach einem Leben voller tiefer Erinnerungen wecken, ist eine süße Traurigkeit. Danke, Herr, dass du meine kindlichen Gebete erhört und sein Leben so lange bewahrt hast. Und nicht nur sein Leben, sondern auch seinen Glauben und sein Zeugnis.
„Ich gebe alles hin“
Billy Graham wurde am 7. November 1918 in North Carolina geboren. 1934 bekehrte sich Billy unter der Predigt des Evangelisten Mordecai Ham zu Christus. Er besuchte ein Jahr lang die Bob Jones University in Cleveland, Tennessee, und verbrachte dreieinhalb Jahre am Florida Bible Institute in Tampa. Im März 1938 spürte er zum ersten Mal Gottes Ruf, zu predigen.
Eines Nachts im März 1938 kehrte Billy Graham von seinem Spaziergang zurück und erreichte das Grün am letzten Loch des Golfplatzes direkt vor der Eingangstür der Schule. „Die Bäume waren voll Spanischem Moos, und im Mondlicht sah es aus wie ein Märchenland.“ Er setzte sich an den Rand der Rasenfläche, blickte zum Mond und zu den Sternen und spürte eine warme Brise aus dem Süden. Die Spannung löste sich. „Ich erinnere mich, dass ich auf die Knie ging und sagte: ‚Gott, wenn du willst, dass ich predige, werde ich es tun.‘ Tränen strömten über meine Wangen, als ich mich in dieser großen Hingabe dazu entschloss, ein Botschafter für Jesus Christus zu werden.“ (John Pollock, Billy Graham, 17)
In den Sommerferien 1937 hatte er Emily Cavanaugh einen Heiratsantrag gemacht. Im Mai 1938 sagte sie nein.
Billy wurde 1939 ordiniert. Das erste Mal, dass er selbst einen „Altarruf“ machte, war in einer kleinen Kirche an der Golfküste, in der etwa 100 Menschen anwesend waren. Zweiunddreißig junge Männer und Frauen traten nach vorn (Pollock, 22).
Im Herbst 1940 begann er sein Studium am Wheaton College. Er begegnete Ruth Bell in der Lobby von Williston Hall – demselben Wohnheim, in dem meine Frau Noël lebte, als wir während unserer Zeit in Wheaton miteinander ausgingen.
Ruth sagte Billy schließlich, dass sie sich doch nicht sicher sei. Sie fürchtete, dass ihr Wunsch, seine Frau zu werden, einem klaren Missionsruf widerspreche, es sei denn, er wäre auf dem Weg nach Tibet. „Er ging und betete darüber, ob er in dieses Missionsfeld gehen sollte, und er hatte einfach keinerlei Führung. Schließlich sagte er: ‚Nun, glaubst du, dass Gott uns zusammengeführt hat?‘ – und ich musste zugeben, dass ich das empfand.“ Billy wies darauf hin, dass der Ehemann das Haupt der Frau ist: „Der Herr führt mich, und du folgst.“ Ruth stimmte im Glauben zu. (Pollock, 26)
Sie heirateten am 13. August 1943.
Seine Glaubenskrise
Im August 1949 wurde sein Glaube an die Bibel auf die Probe gestellt. Der Höhepunkt kam auf einer Studentenkonferenz in den San-Bernardino-Bergen in Kalifornien. Charles Templeton hatte Fragen über die Wahrhaftigkeit der Bibel gestellt, die Billy nicht beantworten konnte.
Billy ging hinaus in den Wald und wanderte den Berg hinauf, während er im Gehen betete: „Herr, was soll ich tun? Was soll die Richtung meines Lebens sein?“
Er war an einen Punkt gelangt, den er für eine Krise hielt.
Er erkannte, dass der Verstand allein die Frage nach Autorität nicht lösen konnte. Man muss über den Verstand hinausgehen. Er dachte an den Glauben, der im täglichen Leben ständig gebraucht wird: Er wusste nicht, wie ein Zug, Flugzeug oder Auto funktionierte, aber er benutzte sie dennoch. … War es nur in geistlichen Dingen falsch, einen solchen Glauben zu haben?
„Also ging ich zurück, holte meine Bibel und ging hinaus ins Mondlicht. Ich kam zu einem Baumstumpf, legte die Bibel darauf, kniete nieder und sagte: ‚O Gott, ich kann manche Dinge nicht beweisen. Ich kann einige der Fragen, die Chuck stellt, und die manche der anderen Menschen stellen, nicht beantworten, aber ich nehme dieses Buch im Glauben als das Wort Gottes an.‘“ (Pollock, 53)
Im folgenden Monat kam der entscheidende Wendepunkt in Billys weltweiter Evangelisation, die Los Angeles Crusade (großes evangelistisches Treffen). Über Nacht wurde er landesweit bekannt. Ein Jahr später nannte ihn Newsweek „Amerikas größten lebenden Evangelisten“ (1. Mai 1950).
„Reine Souveränität wählte mich“
Er verlor nie die unerschütterliche Überzeugung, dass Gott ihn souverän zum Werk der Evangelisation berufen hatte und dass er alles der Initiative Gottes verdankte.
„Mit ganzem Herzen glaube ich – wenn ich auf mein Leben zurückblicke – dass ich für diese besondere Aufgabe [der Evangelisation] ausgewählt wurde, so wie ein Mensch dazu berufen sein könnte, nach East Harlem zu gehen und dort zu arbeiten, oder in die Elendsviertel Londons wie General Booth. Ich glaube, dass Gott in seiner Souveränität – ich habe keine andere Erklärung dafür – mich rein aus seiner Souveränität für diese Aufgabe erwählt und auf seine Weise vorbereitet hat.“ (Christopher Catherwood, Five Evangelical Leaders, 234)
Trotz all der Technik, die er einsetzte, vertraute er in der Arbeit der Evangelisation zutiefst auf den Heiligen Geist.
Er sagte 1964 zu Studenten der Harvard Divinity School: „Früher dachte ich, dass ich in der Evangelisation alles selbst tun müsse, aber jetzt gehe ich mit einer völlig anderen Haltung an die Evangelisation heran. Ich gehe mit völliger Gelassenheit daran. Erstens glaube ich nicht, dass irgendein Mensch zu Christus kommen kann, wenn der Heilige Geist sein Herz nicht vorbereitet hat. Zweitens glaube ich nicht, dass irgendein Mensch zu Christus kommen kann, wenn Gott ihn nicht zieht. Meine Aufgabe ist es, die Botschaft zu verkünden. Die Aufgabe des Heiligen Geistes ist es, das Werk zu tun, Punkt.“ (Catherwood, 230)
Als es noch nicht politisch korrekt war, setzte er sich für die Überwindung von Rassentrennung und für gegenseitigen Respekt ein.
1972 nahm Graham eine Einladung an, in Durban und Johannesburg zu sprechen, unter der Bedingung, dass das Publikum ohne rassische Trennung versammelt würde. Der südafrikanische Staat missbilligte das und stimmte nur widerwillig zu. … Howard Jones erinnert sich, dass [Martin Luther] King zu Graham sagte: „Deine Veranstaltungen haben mehr zur Verbesserung der Beziehungen zwischen den Rassen beigetragen als alles andere, was ich kenne.“ (Catherwood, 209)
Zwei Wurzeln seiner Botschaft
Er ist dafür bekannt zu sagen, dass er zu viel predigte und zu wenig studierte.
Eines meiner großen Bedauern ist, dass ich nicht genug studiert habe. Ich wünschte, ich hätte mehr studiert und weniger gepredigt. Die Menschen haben mich dazu gedrängt, zu Gruppen zu sprechen, während ich hätte studieren und mich vorbereiten sollen. Donald Barnhouse sagte, dass er, wenn er wüsste, der Herr käme in drei Jahren, zwei davon mit Studium und eines mit Predigen verbringen würde. Ich versuche es wiedergutzumachen. (Christianity Today, 23. September 1977)
Das ist besonders ironisch im Blick auf Pollocks Beschreibung aus dem Jahr 1966 von Billys Studiengewohnheiten:
Vor allem anderen studiert Billy Graham die Bibel, die höchste Autorität für seinen Glauben und sein Handeln. Jeden Tag liest er fünf Psalmen und kommt so in einem Monat durch alle Psalmen, sowie ein Kapitel aus den Sprüchen, dem Buch, das „uns zeigt, wie wir unser eigenes Leben zu unseren Mitmenschen in Beziehung setzen sollen“. Jede Woche liest er ein Evangelium durch, wobei er Kommentare und moderne Übersetzungen verwendet, und er kehrt ständig zur Apostelgeschichte zurück. Er macht sich überall in der Bibel Notizen. „Manchmal macht sein Wort einen so starken Eindruck auf mich, dass ich die Bibel weglegen und ein paar Augenblicke umhergehen muss, um wieder zu Atem zu kommen.“ (Pollock, 248)
All dies war durchdrungen vom Gebet. „Ich habe jeden Tag so viele Entscheidungen zu treffen und so viele Probleme, dass ich die ganze Zeit beten muss“ (Pollock, 248).
John Pollock hat sicherlich recht, wenn er sagt, dass „Gebet und Bibellesen, untrennbar miteinander verbunden, die Hauptwurzeln von Billy Grahams Charakter und seiner Botschaft sind“ (248).
In ewige Freude
Es gibt verschiedene Wege, die Größe des Einflusses eines Menschen zu messen. Einer wäre die Institutionen, die im Gefolge seines Wirkens entstanden sind. Ein anderer wäre die prägende Kraft seiner Ideen in der Kultur insgesamt. Wieder ein anderer wäre der methodische und stilistische Einfluss seiner Art zu arbeiten auf das religiöse Leben Amerikas.
Eine weitere wäre der unermessliche, ewige Unterschied, den es macht, als menschliches Werkzeug in Gottes Hand zu dienen und Hunderttausende von Menschen aus der Finsternis ins Licht zu führen, aus der Herrschaft des Satans in die Familie Gottes, aus der Verurteilung in die Vergebung, aus der Sünde in die Heiligkeit und aus der Hölle in die ewige Freude bei Gott. Ganz zu schweigen von den unzähligen praktischen Auswirkungen zum Guten, die daraus entstanden, dass das Leben dieser Menschen in dieser Welt verwandelt wurde.
Während nur Gott den Welleneffekt des Lebens eines Menschen in all seinen Einflussbereichen richtig beurteilen kann, wäre mein eigenes Urteil, dass Billy Grahams größter Einfluss der ewige Unterschied ist, den er bewirkte, indem er unzählige Menschen aus aller Welt aus der Verdammnis in ewige Freude und Liebe führte. Dies war seine Hauptaufgabe. „Denn so sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verlorengeht, sondern ewiges Leben hat“ (Johannes 3:16).
Ein Artikel von John Piper. Übersetzt von Lynn Wiebe

