Biblische Texte

Ihr sollt niemand euren Vater nennen auf Erden…

“Aber ihr sollt euch nicht Rabbi nennen lassen; denn einer ist euer Meister; ihr aber seid alle Brüder. Und ihr sollt niemand euren Vater nennen auf Erden; denn einer ist euer Vater: der im Himmel. Und ihr sollt euch nicht Lehrer nennen lassen; denn einer ist euer Lehrer: Christus.” (Matthäus 23,8–10)

Jeder, der gerne mit seinen Mitmenschen über Gottes Wort redet, dem wird früher oder später ein Szenario dieser Art widerfahren: „Ich habe zu dem Thema ein Video von X angeschaut und er meinte…“

Es gibt natürlich die üblichen Verdächtigen für X, die da in meinem Umfeld wären: Liebi, Tscharntke, Riemenschneider, Ebertshäuser, Plock, Kauffmann usw.

Es soll mir hier nicht um die Kategorie X gehen. Sondern um das erwähnte Zitat. Ich habe erlebt, dass nicht nur einzelne, sondern scharenweise mit solch einem Vertrauen auf X verweisen, dass sie nicht einmal im Bezug auf die Bibel selbst besitzen. Tatsächlich habe ich sogar das folgende Szenario regelmäßig erlebt:

Ich zitiere irgendeine Schrift, man erklärt, man wolle keine Zitate und Menschenmeinungen, sondern Gottes Wort. Ich denke, dass das eine weise Aussage ist, greife zur Bibel, aber kaum fängt man an in die Bibel zu schauen, ist alle gute Muße zum Bibellesen vergessen und mein Gegenüber greift nur noch zu Zitaten von Liebi und Co.

Jesus warnt uns, dass wir niemanden Vater nennen sollen als den himmlischen Vater und niemanden unseren Lehrer als Christus nennen sollen. Blind vertrauen können wir nur Gott! Bedingungslos nachfolgen nur Christus! 100% Glaube nur gegenüber der Schrift! Hier ist die wahre Autorität zu suchen und zu finden. Ein eigentlich so offensichtlicher und doch so oft notwendiger Ratschlag, diese Autoritätsreihenfolge zu beherzigen.

Wie so oft ist es mir leichter diesen Fehler in meinen Nächsten zu sehen (Mt. 7.3 lässt grüßen!) als ihn in meinem eigenen Leben zuzugestehen. Doch wenn ich hier diesen Artikel so drastisch schreibe, dann, weil ich gerade im Rückblick in die letzten Jahre diesen Fehler auch regelmäßig gemacht habe. Nämlich mir einen christlichen Lehrer zu suchen (ich schweige darüber, welchen!), der für mich bei allen Unsicherheiten des Lebens und Unklarheiten der Bibel zum ausschlaggebenden Faktor wurde! So wie alle falschen Taten produzierte auch dieses Fehlverhalten tiefe Schmerzen!

Das hat mir gezeigt, dass man diesem Problem, sich einem unvollkommenen Vater, einem fehlerhaften Lehrer zuzuwenden, nicht dadurch Herr wird, indem man nicht mehr Riemenschneider und Co. hört.

Denn obwohl sich keiner der aufgeführten üblichen Verdächtigen findet sich in meiner Youtube-Playlist findet, bin ich dennoch nicht wenniger anfällig für diesen Fehler als meine Mitbrüder! Es soll also keiner denken, bei ihm wäre alles in Ordnung nur weil er diese Brüder nicht anhört.

In meinem Gemeindekontext z.B., wo die Laienpredigt einen hohen Stellenwert hat, merkt man ziemlich schnell, dass es eine ganze Menge Laienprediger gibt, die z.B. Ihrer Gemeindeleitung blind vertrauen. So blind, wie sie es z.B. der Schrift gegenüber nie tun würden. „Die Gemeindeleitung wird sich dabei etwas gedacht haben…“, um eine Rechtfertigung dieser Väter zu zitieren.

Übrigens ist Jesu Warnung eine Dreifache, und während zwei sich an die „Passiva“ richten, ist die erste an den Redner selbst gerichtet: „Ihr sollt euch nicht Rabbi nennen lassen…“. Dass manche Brüder für so viele zu ihren „Vätern“ werden, ist also durchaus auch auf diese Brüder selbst zurückzuführen. Und ich denke, diesen Vorwurf kann man manchen der heute populären Prediger schon machen, dass sie sich gerne als „noch einer der“ Prediger, der „noch die ganze Wahrheit“, in „all seiner Klarheit“ predigt. Nicht so wie die vielen anderen, die dann entweder zu gesetzlich, zu liberal, zu charismatisch geprägt sind, was auch immer.Ich denke, das erklärt den häufig kämpferischen Stil mancher dieser Prediger.

Ein anderer Faktor ist auch, dass man sich zu Themen äußert, die uneindeutig sind. Entrückung? Während all die anderen so unklar bleiben, habe ich hier den Zeitplan der Endzeit! Vorherbestimmung? Die Gefahren des Calvinismus für deinen freien Willen vollständig erklärt! Kopbedeckung? Nun bekommst du das Wohlgefallen der Engel! Erweckung! Warum es in deiner Gemeinde keine gibt!

Ich glaube schon, dass sich manche Prediger den Vorwurf gefallen lassen müssen, dass sie ihre Zuhörer mehr an sich als an Christus gebunden haben. Mehr an Ihre Lehre als an die Schrift. Wenn man überlegt, dass einige davon gerade aus der Brüderbewegung stammen, die ja immer gerade das Gegenteil beabsichtigte, nämlich keine dominante Lehrer zuzulassen, ist diese Entwicklung besonders beklagenswert.

Was ist übrigens daran so gefährlich, sich einen guten Lehrer zu suchen? Es entwickelt sich eine Abhängigkeit und Unmündigkeit von einem Lehrer, der nun mehr wird als ein bloßes Vorbild für die Nachfolge. Das kann durchaus auch bei historischen Personen stattfinden. Ich habe mal eine Recherche zu den antisemitischen Schriften Luthers durchgeführt und das Web ist voll von Luther-Fans, die auch die greulichsten Texte Luthers mit Eifer verteidigen! Einfach halt deswegen, weil es Luther ist! Schließlich hat er die Bibel übersetzt, das Evangelium entdeckt usw… da kann er sich doch in Bezug auf die Juden auch nicht irren! (Ich verzichte auf Links zu solchen Artikeln, die mich nur erschaudern ließen.)

Man kann die negativen Folgen der Abhängigkeit gerade daran beobachten, was passiert, wenn man von Lehrer X enttäuscht wird. Schon bald entscheidet man sich für Y, der meist das genaue Gegenteil, aber natürlich mit dem gleichen Eifer, vertritt. Neulich erzählte mir jemand die Geschichte von einem treuen Hörer Tscharntkes, der aber plötzlich durch irgendwas von ihm abgestoßen wurde und nun nur noch Riemenschneider hört. Wir begeben uns wirklich in eine unbiblische Abhängigkeit von Predigern, die übrigens ja häufig gar nicht die Prediger unserer Gemeinde sind.

Ich bin wirklich der Meinung, dass das beste Gegengift für diese Menschenhuldigung die Rückkehr zu den Predigern deiner eigenen Gemeinde ist. Vielleicht liegt es daran, dass man von dem Prediger vor Ort einfach auch mehr mit seiner Menschlichkeit und Fehlerhaftigkeit vertraut ist. So geht es zumindest mir. Drei unserer Pastoren sind wirklich feine Prediger, ich profitiere fast immer sehr deutlich von Ihren Predigten, aber die Versuchung, Ihnen blind zu folgen, hatte ich jetzt ehrlich gesagt noch nie…

Noch eine letzte Beobachtung: Einmal war ich auf einer DWG-Konferenz und hörte hier Prediger, die ich eher anhöre und die ich oben unter X nicht erwähnt habe. Ich habe aber an manchem Blick der Zuhörer gesehen, mit welcher Begeisterung sie die Verkündigung aufnahmen. Ihre Augen sprachen klar davon, dass sie nun endlich mal die „wahre und ganze Botschaft“ hören, nicht so „wie in Ihrer Gemeinde“. Tatsächlich hat mir einer darauf angesprochen, das nahezu wörtlich bestätigt. Ich fand das beunruhigend, war doch der Tenor der Ausagen schon darauf abzielend, warum es in all den christlichen Gemeinden keine Erweckung gibt. Damals wurde mir klar, wie man gerade mit diesem berechtigten Wunsch nach Erweckung nichts anderes tut als Unzufriedenheit und Streitsucht in den Gemeinden zu nähren. Denn die Zuhörer kehren in Ihre Gemeinden zurück und vergleichen einen idealen Prediger, denn man nur auf einer Konferenz sah, mit den Predigern Ihrer Gemeinde. Ist ja wohl klar, wer besser abschneidet. Und dann ist es auch kein Wunder, denkt man sich, warum in meiner Gemeinde keine Erweckung ist. Und statt mehr Erweckung, hat man nur mehr Unzufriedenheit in der Christenheit gewährt. Von allen Untugenden gibt es wohl kaum eine die mehr kontraproduktiv für Erweckung ist, als Unzufriedenheit!

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6 Kommentare

  1. Liegt das nicht auch an den theologischen Systemen, denen wir mehr huldigen als der Bibel selbst? Der beste Lehrer ist dann jeweils der , der es schafft, mit großer Sicherheit den Bibeltext am besten in mein Lieblingssystem zu massieren 😉
    Und was ich in Amerika schon lange beobachte und hier mit zunehmender Sorge (das geht gerade erst so richtig los), ist dass man seine Lehrer entsprechend ihrer politischen Tendenz wählt bzw von vornherein abqualifiziert. So meint Riemenschneider z.b., man müsste seine Gemeinde verlassen, falls Charlie Kirk nicht als Märtyrer für den Glauben in der Predigt erwähnt wurde.

    1. ja das Video habe ich auch gesehen, ich bin mir nicht ganz sicher, ob man Riemenschneiders Aussage auch so deuten kann, dass man das tun sollte, wenn der Pastor Kirks Taten ignoriert oder sozusagen ablehnt…Was insgesamt dennoch nicht so ohne ist, denn eine Zusammenarbeit mit Trump geht wohl nur mit dem Verkauf der eigenen Seele…

  2. Seine Seele verkaufen? Mit dieser konsevativen politischen Ansicht (rechts) bzw als AfDler kann man kein Christ sein bzw. als linksrotgrüner kann man kein Christ sein!!! So geht das zur Zeit hin und her! Aber nur Gott weiß, wer sein Kind ist und wir können höchstens die Früchte eines Menschen ansehen und danach urteilen – aber nicht verurteilen! Ich empfinde Kirk als Glaubensvorbild, aber mit US typischem Benehmen, was auch mich befremdet. Ich habe mich zum Beispiel 1 Jahr intensiv mit Björn Höcke beschäftigt um ein dann auch erhaltenes 4stündiges Interview mit 4 Freunden zu erhalten, alles Christen in der AfD! Vieles was Herr Höcke sagt, würde ich so nicht sagen. Aber wir trafen einen Mann, der sich in Philosophie verstrickt hat und uns um Gebet bat, die Freiheit des Evangeliums wieder kennenzulernen. Er erhielt von mit eine NeÜ (die ja in Thüringen erarbeitet wurde) und gute evangelistische Literatur. Das ist unsere Aufgabe als Christen: Nicht (nur) theologische Fragen zu erörtern, sondern das Evangelium an Menschen aller politischen Richtungen, Hautfarben, sexuelle Ausrichtungen und Nationalitäten weitergeben! Das sehen wir Chrafdler so und auch die Mitglieder des Migrantenvereins der AfD, wo ich Fördermitglied sehen das so. Vorstand ist der griechisch stämmige AfD Fraktionsvorsitzende aus Wiesbaden und Stellvertretende Vorsitzende die in Nigeria geborene Schwarzafrikanerin Catherine Schmiedel aus dem Odenwald, die dort Lehrerin ist. Es gibt viel Lüge über die AfD!

    1. Entschuldigen Sie bitte die späte Freigabe Ihres Kommentars. Ehrlich gesagt muss ich das wiederholen, ich kann schon verstehen wie man konservative und sogar völkische Positionen vertreten kann, aber für ein Christen wäre ein Verhalten, dass das Fehlvergehen Trumps aktiv übersieht, um mit ihm mitzuwirken, unvereinbar und kommt schon einem Verkauf der Seele gleich ja.

  3. Spinoza sagt:

    Wichtige Beobachtungen.
    Bei den uneindeutigen Themen musste ich ein wenig schmunzeln. Für die Hörer von x ist schließlich nichts unklar. Ein wenig intellektuelle Demut und ein vorsichtiges Abwägen wären hier wohl der bessere Weg.

    Bei deinem „Gegengift“ bin ich allerdings etwas unsicher. Ob Menschenverehrung wirklich dadurch verhindert wird, dass man ab und an mit jemand Lokalem einen Kaffee trinkt, erscheint mir fraglich. Konsequent zu Ende gedacht müsste man dann doch fragen, warum etwa Freikirchen überhaupt unabhängig sind. Oder ob die Zeitgenossen Luthers dann nicht lieber beim Papst hätten bleiben sollen. Ganz ohne lokale Bindung wird es jedoch wahrscheinlich auch schwierig. Eine Zerteilung des Leibes Christi wegen Kleinigkeiten kann schließlich auch nicht der richtige Weg sein.

    Vielleicht ließe sich dein Gegengift modifizieren: Einen ständigen Rückgriff auf die Schrift setze ich als selbstverständlich voraus. Wer aber die Muße hat, soll auch anderes hören und lesen — allerdings breiter. x sollte nicht nur die klassischen YouTube-Stimmen umfassen. Es gibt auch andere Klassiker; man könnte ebenso durch die Kirchengeschichte streifen. Oder vielleicht sollte man die eigene zeitgenössische Blase gelegentlich auch verlassen.

    Wobei ich einschränken möchte: Eine hippe, queere Pfarrperson in Berlin hat vermutlich deutlich konträre Ansichten zu meinen. Doch auch hier gilt: Wer viel redet, hat nicht notwendigerweise etwas zu sagen.

    1. Lieber Baruch, schön wieder von dir zu hören.
      Danke für deine Überlegungen, beim „Gegengift“ bin ich in der Tat auch nicht sicher, dass allein meine vorgeschlagenen „Mittelchen“ ausreichen sollten.
      Überlegungen deiner Art habe ich auch angestellt – Es gibt etwas, was mich da stört. Man kann dann nämlich entweder überall „unklar und unkonkret“ werden, was ich fast noch weniger ertragen kann als den „X-Faktor“.
      Oder aber man muss dann für jede Frage ein intensives Studium hinlegen, so dass man kaum mehr als eine handvoll Fragen überhaupt beantworten kann.
      Irgendwie muss es möglich sein, konkret und eindeutig zu sein, ohne dass man in ein „unendliches Bücherwälzen“ verkommt – Im Übrigen, ein Problem das ich vor allem bei mir selbst wahrnehme. Man zerlegt einen Aspekt vom Zehntel ins Hundertste, und Tausendste und… das ist ein Weg der zu lang und umständlich ist für eine ganze Menge Fragen, für die man sich auch positionieren muss.

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