„Geliebter, ahme nicht das Böse nach, sondern das Gute“ – 3. Joh. 11.
219 Wörter hat der 15 Verse umfassende dritte Johannesbrief (so im SBL Greek New Testament) und ist damit sogar noch 26 Wörter kürzer als der nur aus 13 Versen bestehende zweite Brief dieses Apostels. Als junger Leser war ich sehr verwundert darüber, dass solch kurze Briefe überhaupt Teil des Kanons sind: Können sie in dieser Kürze überhaupt etwas Brauchbares übermitteln?
Mit der Zeit lernte ich vor allem den dritten Johannesbrief lieben, weil ich finde, dass er einige sehr aktuelle Botschaften enthält. Eine Auswahl:
Plädoyer, in einer unidealen Gemeinde zu bleiben
Gajus, der Empfänger des Briefes, erlebt in seiner Gemeinde alles andere als ideale Umstände. Ein gewisser Diotrephes, „der gern der Erste sein will“ (V. 9), entwickelte sich zu so etwas wie einem kirchlichen Diktator. Selbst einer apostolischen Delegation widersetzt er sich und nutzt diese Situation sogar als Vorwand, um auf Mitglieder seiner Gemeinde zusätzlichen Druck auszuüben und sie gar auszuschließen (V. 10). Alles andere als bequeme Zustände.
Die Sorge des Johannes um seinen Vertrauten Gajus richtet sich nun aber nicht darauf, wie er möglichst schnell eine neue Gemeinde findet, sondern darauf, wie er lernen kann, auf dem guten, geraden Weg zu bleiben: Gajus soll nicht dem Beispiel des Diotrephes, sondern dem Beispiel des Demetrius folgen (V. 12).
An dieser Stelle finde ich den dritten Johannesbrief besonders relevant. Erst vor wenigen Tagen sprach ich mit jemandem, der meinte, man sei verpflichtet, sofort und konsequent seine Gemeinde zu verlassen, wenn man auch nur in einem Punkt mit Gemeinderegeln, Auflagen der Ältesten oder anderen Entscheidungen nicht einverstanden sei. Eine Darstellung, die ich immer wieder höre und die wohl auch typisch für unsere Zeit ist. Woher sonst sollten all die unendlich vielen Denominationen, Kirchlein, Gruppen, Versammlungen und Hauskreise kommen?
Egal wie populär diese Darstellung sein mag: Sie entspricht nicht der apostolischen Position – vielleicht auch deshalb, weil Johannes diese scharfe Unterscheidung zwischen Ortsgemeinde und weltweiter Gemeinde so gar nicht kennt. Johannes bleibt bei seinem Appell: „Wer Gutes tut, ist aus Gott; wer Böses tut, hat Gott nicht gesehen.“
Aufruf zum heiligen Ungehorsam
Zu jener Zeit war es üblich, ausgesandte Prediger, die oft wochenlang unterwegs waren, gastfreundlich aufzunehmen und materiell zu versorgen. Sie brachten häufig Nachrichten der Apostel oder aus anderen Gemeinden mit. Ein solcher apostolischer Bote scheint Demetrius zu sein (V. 12). Möglicherweise ist der dritte Johannesbrief sein „Empfehlungsschreiben“ – oder es lag dem Brief noch ein weiteres Empfehlungsschreiben bei.
Gajus hat nun die Wahl: Entweder seinem Gemeindevorsteher zu folgen oder dem apostolischen Auftrag – und damit in direkte Konfrontation mit diesem zu treten. Für Johannes ist klar: „Ahme nicht das Böse nach, sondern das Gute.“ Darin hat man im Zweifel auch eine Anleitung zu zivilem Ungehorsam. Das Gute bleibt immer gut und das Böse immer böse – egal, welche hohe Autorität versucht, diese Zuweisungen zu manipulieren.
Unbequeme Zeiten erfordern einen belastbaren moralischen Kompass
Damit zeigt der Brief auch, dass „Gehorsam um des Gehorsams willen“ kein ausreichend guter moralischer Kompass für unbequeme Zeiten ist. Zu oft gilt der „Gehorsam“ an sich schon als Maßstab. In gewisser Weise wird Gehorsam dann zur Tugend um ihrer selbst willen. So, als könne man durch Gehorsam die Dinge zu „gut“ und „böse“ erklären.
Der Mensch braucht aber einen Orientierungspunkt für seinen moralischen Kompass, der weiter reicht als der nächste „Gehorsamsschritt“. Gajus würde moralisch falsch handeln, wenn er einfach Diotrephes, der ja schließlich „der Erste“ sein wollte, gefolgt wäre. Johannes fordert ihn auf, einen anderen, höheren Maßstab zu wählen: Gott selbst. „Wer Gutes tut, ist aus Gott.“
Ein Kompass zeigt immer nach Norden, zum magnetischen Nordpol der Erde. Das tut er immer und überall – es sei denn, man bringt einen Magneten in seine Nähe, sodass die Nadel nun in Richtung dieses Magneten abgelenkt wird. So ist es auch mit uns: Fehlt uns die „Peilstation“ Gott, werden wir uns immer nach dem nächstbesten Trend ausrichten.
Für Gajus würde das bedeuten, sich nicht mehr nach Gott auszurichten, sondern nach jemandem, „der gern der Erste sein will“, und damit letztlich nach dem jeweils gültigen Trend. Heute will Diotrephes vielleicht keine apostolischen Boten aufnehmen, morgen vielleicht schon. Wer ein Wendehals bleiben möchte, sollte also immer einen Magneten in der Nähe seines moralischen Kompasses haben.
Wieder ist der dritte Johannesbrief so erfrischend stark: In unserer Zeit, in der Konformität mit den Anforderungen der Stunde oft alles zu sein scheint, weist der Brief darauf hin, dass es das eine wahre Gute immer gibt, an dem wir uns zuverlässig ausrichten können.
Authentisch ehrliche Analyse der Gemeinden
Als ich zum ersten Mal die Briefe des Neuen Testaments las, war ich erschüttert, welch unideale Gemeinden sich mir dort zeigten. „Und die alle nannten sich Christen?“ Ich war auch verwundert darüber, warum heutige Gemeinden scheinbar so viel heiliger und frommer sind. Es dauert natürlich einige Zeit, bis man lernt, hinter manche fromme Fassade zu blicken. Dann schätzt man die authentische Ehrlichkeit der Apostel umso mehr.
Johannes verschwieg die unangenehme Situation in der Gemeinde des Gajus genauso wenig wie Paulus die Missstände bei den Korinthern. Ich denke, vielen Christen heute würde etwas mehr Ehrlichkeit ähnlich gut stehen.
Was auf dem Spiel steht, ist nicht weniger als Glaubwürdigkeit. Gerade weil die Bibel von derart unperfekten Personen berichtet, stellen selbst grobe Skeptiker ihre Glaubwürdigkeit selten grundsätzlich infrage. Die Bibel bleibt einfach unbestechlich ehrlich.
Für Johannes ist eine wahrheitsgemäße Einschätzung der Gemeinde des Gajus wichtiger als seine Wunschvorstellung von ihr. Und Johannes hätte es sich wohl wirklich gewünscht, dass diese Gemeinde anders wäre. Aber seine Wünsche und Erwartungen machen ihn nicht blind für die tatsächliche Situation. Nein: Gerade weil er nichts schönredet, kann er Gajus hilfreiche Ratschläge erteilen und auch beginnen, konstruktiv tätig zu werden – er kündigt an, selbst eine apostolische Visitation vorzunehmen (V. 10).

