Andacht

Mehr als Überwinder

„Aber in dem allen überwinden wir weit durch den, der uns geliebt hat.“ Römer 8,37

In diesem Vers möchte ich den Schwerpunkt auf den Ausdruck „mehr als Überwinder“ legen. Dieser Ausdruck ist sehr bemerkenswert, und zwar aus mindestens zwei Gründen:

  • Zum einen kommt er in dieser Zusammenstellung in der Bibel nur an dieser Stelle vor.
  • Zum anderen könnte man bei flüchtigem Lesen auf den Gedanken kommen, dass hier eine überflüssige Aussage vorläge. Hat ein Überwinder die Gefahr mit Gottes Hilfe nicht schon gemeistert, ist er nicht schon mit seinem Herrn über die Mauer gesprungen?

„IN DEM ALLEN“

Wenn wir nur Römer 8,37 lesen, könnten wir denken: Das klingt nach einem schönen Siegesvers. Aber wir müssen den Zusammenhang anschauen. Direkt vorher schreibt Paulus in Römer 8,35: „Wer will uns scheiden von der Liebe Christi? Bedrängnis oder Angst oder Verfolgung oder Hunger oder Blöße oder Gefahr oder Schwert?“ Und dann sagt Paulus: „Um deinetwillen werden wir getötet den ganzen Tag; wir sind geachtet wie Schlachtschafe.“ Und dann kommt Vers 37: „Aber in dem allen überwinden wir weit durch den, der uns geliebt hat.“ Das ist entscheidend.

Paulus sagt nicht: „Wir überwinden, weil es keine Bedrängnis gibt.“ Er sagt: „In dem allen.“ In der Bedrängnis. In der Angst. In der Verfolgung. Im Hunger. In der Gefahr. Im Verlust. Im Leid. In dem allen. Das bedeutet: Christlicher Sieg bedeutet nicht, dass es in unserem Leben keine Schwierigkeiten gibt. Christlicher Sieg bedeutet, dass die Schwierigkeiten nicht das letzte Wort über unserem Leben haben.

Vielleicht ist jemand gerade mitten in seinem „in dem allen“. Vielleicht gibt es in deinem Leben gerade etwas, das du nicht verstehst. Vielleicht kämpft jemand mit Angst. Oder hat eine Enttäuschung erlebt. Vielleicht gibt es Sorgen in der Familie. Vielleicht hat jemand etwas verloren. Vielleicht betest du schon lange für eine Veränderung und fragst dich: „Gott, wann wird sich endlich etwas ändern?“

Römer 8,37 sagt nicht: „Dein Kampf ist nicht real.“ Römer 8,37 sagt: „In dem allen überwinden wir weit.“

WAS BEDEUTET „ÜBERWINDEN“?

Das Wort „überwinden“ ist im griechischen Text besonders stark. Paulus benutzt hier das Wort hypernikōmen. Es bedeutet nicht einfach: „Wir schaffen es irgendwie.“ Es bedeutet: überragend siegen.

Es beschreibt einen Sieg, der weit über ein knappes Gewinnen hinausgeht. Paulus sagt also nicht: „Wir kommen gerade so durch.“ Er sagt: „Wir sind mehr als Sieger.“ Und das ist der Kern unserer Botschaft. Ein Überwinder ist nicht jemand, der niemals fällt.

Ein Überwinder ist jemand, der nicht liegen bleibt. Ein Überwinder ist nicht jemand, der niemals Angst hat. Ein Überwinder ist jemand, der sich von seiner Angst nicht von Christus trennen lässt. Ein Überwinder ist nicht jemand, der niemals durch ein Tal geht. Ein Überwinder ist jemand, der mit Christus durch das Tal geht und auf der anderen Seite wieder herauskommt.

Vielleicht hatten wir schon mal den Gedanken: „Wenn ich wirklich Glauben hätte, müsste ich doch stärker sein.“ Oder: „Warum habe ich immer noch mit diesem Problem zu kämpfen?“ Vielleicht ist jemand enttäuscht von sich selbst. Aber der Vers gibt uns diese Wahrheit: Unser Kampf bedeutet nicht, dass wir kein Überwinder sind. Denn Paulus sagt: „In dem allen überwinden wir weit.“ Nicht erst, wenn alles vorbei ist. In dem allen.

ABER WODURCH ÜBERWINDEN WIR?

Jetzt kommt der wichtigste Teil des Verses. Paulus sagt: „… durch den, der uns geliebt hat.“ Das ist entscheidend. Paulus sagt nicht: „Wir überwinden durch unsere Willenskraft.“ Er sagt nicht: „Wir überwinden durch unsere geistliche Stärke.“ Er sagt nicht: „Wir überwinden, weil wir immer genug Glauben haben.“ Er sagt: „Durch den, der uns geliebt hat.“

Das Zentrum des Überwinderlebens ist also nicht der Überwinder. Das Zentrum ist Christus. Unsere Stärke liegt nicht in uns. Unsere Stärke liegt in dem, der uns liebt. Deshalb beginnt das Überwinderleben nicht mit dem Satz: „Ich bin stark.“ Es beginnt mit dem Satz: „Ich bin geliebt.“ Das ist ein gewaltiger Unterschied. Denn wenn meine Stärke die Grundlage meines Glaubens wäre, dann wäre ich irgendwann am Ende.

Es gibt Tage, an denen wir stark sind. Aber es gibt auch Tage, an denen wir schwach sind. Es gibt Tage, an denen wir voller Glauben sind. Und es gibt Tage, an denen wir mit Fragen kämpfen. Es gibt Tage, an denen wir voller Freude sind. Und es gibt Tage, an denen wir weinen. Wenn unsere Hoffnung auf unserer eigenen Stärke beruhen würde, wären wir verloren. Aber unsere Hoffnung beruht nicht auf unserer Stärke. Sie beruht auf seiner Liebe.

DIE LIEBE CHRISTI IST DIE GRUNDLAGE UNSERES SIEGES

Paulus sagt: „durch den, der uns geliebt hat.“ Nicht: „durch den, der uns vielleicht lieben wird.“ Nicht: „durch den, den wir erst noch überzeugen müssen.“ Sondern: „durch den, der uns geliebt hat.“ Das erinnert uns daran, dass wir nicht um Gottes Liebe kämpfen müssen. Wir müssen nicht erst perfekt werden, damit Gott uns liebt. Christus hat uns geliebt. Und aus dieser Liebe heraus dürfen wir leben.

Das bedeutet: Wir kämpfen nicht um Gottes Liebe. Wir kämpfen aus Gottes Liebe heraus. Das verändert alles. Wenn ich weiß, dass Gott mich liebt, kann ich durch schwierige Situationen gehen. Wenn ich weiß, dass Gott mich liebt, muss ich nicht bei jedem Problem denken: „Gott hat mich verlassen.“ Wenn ich weiß, dass Gott mich liebt, kann ich auch in einer Situation, die ich nicht verstehe, sagen: „Herr, ich verstehe es nicht. Aber ich weiß, dass du mich liebst.“ Und manchmal ist genau das der stärkste Glaube. Nicht zu sagen: „Ich verstehe alles.“ Sondern: „Ich verstehe es nicht, aber ich kenne den, der mich liebt.“

MEHR ALS ÜBERWINDER BEDEUTET NICHT, DASS WIR NIE LEIDEN

Hier müssen wir besonders aufpassen. Man könnte Römer 8,37 falsch verstehen. Man könnte sagen: „Wenn ich wirklich glaube, dann werde ich immer gesund sein.“ „Wenn ich wirklich glaube, werde ich immer Erfolg haben.“ „Wenn ich wirklich glaube, werden alle meine Probleme verschwinden.“ Aber Paulus selbst widerspricht diesem Gedanken. Denn direkt vor Römer 8,37 spricht er von Bedrängnis, Angst, Verfolgung, Hunger, Gefahr und sogar Tod. Und dann sagt er: „Aber in dem allen überwinden wir weit.“

Der Sieg Gottes zeigt sich nicht immer darin, dass die schwierige Situation sofort verschwindet. Manchmal zeigt sich der Sieg darin, dass wir mitten in der Situation Frieden haben. Manchmal zeigt sich der Sieg darin, dass wir trotz Tränen weitervertrauen. Manchmal zeigt sich der Sieg darin, dass wir nach einem Fall wieder aufstehen. Manchmal zeigt sich der Sieg darin, dass wir trotz Enttäuschung weiterbeten. Und manchmal bedeutet Überwinden sogar, dass unser äußeres Leben von Leid geprägt ist, aber unser Inneres trotzdem Christus gehört.

Die Welt kann uns vieles nehmen. Sie kann unseren Besitz nehmen, unsere Gesundheit. Sie kann uns ablehnen. Sie kann uns verfolgen. Sie kann uns sogar das Leben nehmen. Aber eines kann sie nicht: Sie kann uns nicht von Christus trennen. Und genau deshalb sagt Paulus: „In dem allen überwinden wir weit.“

EIN ÜBERWINDER LEBT AUS DER LIEBE CHRISTI

Wir müssen Gott nicht beweisen, dass wir stark sind. Vielleicht versucht jemand seit Jahren, geistlich stark zu sein. Vielleicht hat jemand das Gefühl: „Ich müsste mehr glauben.“ „Ich müsste stärker beten.“ „Ich müsste mehr Vertrauen haben.“ Natürlich sollen wir im Glauben wachsen. Aber Römer 8,37 richtet unseren Blick nicht zuerst auf uns. Es richtet unseren Blick auf Christus. „… durch den, der uns geliebt hat.“

Das bedeutet, wenn wir schwach sind, dürfen wir zu ihm kommen. Wenn wir Angst haben, dürfen wir zu ihm kommen. Wenn wir gefallen sind, dürfen wir zu ihm kommen. Wenn wir nicht weiterwissen, dürfen wir zu ihm kommen. Denn der Sieg hängt nicht daran, wie stark wir sind. Der Sieg hängt an dem, der uns liebt. Wir leben aus dem Sieg, den Christus bereits errungen hat.

WAS IST DEIN „IN DEM ALLEN“?

Was ist gerade dein „in dem allen“? Was ist die Situation, in der du dich gerade wie ein Verlierer fühlst? Vielleicht ist es eine Krankheit, eine schwierige Beziehung, Einsamkeit, finanzielle Sorgen, ein geistlicher Kampf, eine Enttäuschung, ein Versagen, deine Vergangenheit oder die Angst vor der Zukunft. Vielleicht gibt es etwas, worüber du mit niemandem sprichst.

WORAUF SCHAUE ICH?

Worauf schaue ich? Auf die Größe meines Problems? Oder auf die Größe meines Gottes? Aus welcher Quelle lebe ich? Aus meiner eigenen Kraft? Oder aus der Liebe Christi?

Vielleicht bin ich erschöpft, weil ich versuche, aus einer Quelle zu leben, die irgendwann leer wird. Unsere eigene Kraft hat Grenzen. Unsere Gefühle verändern sich. Unsere Umstände verändern sich. Aber Gottes Liebe verändert sich nicht. Deshalb sagt Paulus:

„… durch den, der uns geliebt hat.“ Nicht durch mich. Nicht durch meine Leistung. Nicht durch meine Perfektion. Durch Christus.

Der Überwinder lebt nicht aus seiner eigenen Stärke, sondern aus der Liebe dessen, der ihn überwunden hat. Deshalb können wir heute sagen: Ich weiß nicht, was morgen kommt. Ich weiß nicht, wie dieser Kampf ausgeht. Ich weiß nicht, wie Gott meine Situation verändern wird. Aber ich weiß, wem ich gehöre. Und weil ich Christus gehöre, bin ich mehr als Überwinder.

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