Absurder Stolz

Ein Artikel von Ed Welch. Erschienen am 13.10.2020 unter dem Titel „The Absurdity of Pride“ auf ccef.org. Übersetzung von Ruth Metzger, mit freundlicher Genehmigung von CCEF. (Download als .pdf)

Stolz kann uns womöglich kurzfristig dabei helfen, uns stark und in unseren eigenen Augen attraktiv zu fühlen. Aber tatsächlich ist er eine grobe Verletzung unserer schöpfungsmäßigen Machart. Näher betrachtet ist er hässlich, destruktiv und total absurd. Speziell diese Absurdität und Lächerlichkeit möchte ich ins Auge fassen.

Ein Kind schlägt den kleinen Bruder. Sein Fehlverhalten ist offensichtlich, und die Mutter sagt ihm, dass es um Verzeihung bitten soll. Um Verzeihung bitten – was könnte selbstverständlicher sein? Aber die Worte wollen einfach nicht aus seinem Mund kommen. Sein Stolz würde jede andere Erziehungsmaßnahme akzeptieren, nur das nicht: „Kannst du mir vergeben?“ Vier Worte – warum sagt es sie nicht einfach? Weil sein Stolz schon die Vorstellung dessen hasst. Es hat einen irrationalen Abscheu vor Demut. Und in diesem Kind siehst du die ganze Menschheit wie in einem Brennglas. Wie viele Erwachsene haben etwas offensichtlich Falsches getan und können sich einfach nicht dafür entschuldigen? Wie viele Erwachsene haben noch nie gesagt: „Es tut mir leid“ – was ein kleiner Schritt wäre –, geschweige denn: „Kannst du mir vergeben?“ Das ist wirklich merkwürdig, wenn man die Wahrheit über uns bedenkt. „Absurder Stolz“ weiterlesen

Von Lieblingen und Lieblingskindern

Ein Artikel von Ed Welch:  Playing Favorites, erschienen am  19.08.2020 bei CCEF. Übersetzung von Viktor Zander (Download als .pdf)

Jakob macht mich wütend. In 1. Mose heißt es, dass er Josef mehr liebte als jeden seiner anderen Söhne (37,3). Obwohl die Schrift keinen expliziten Kommentar zu dieser Art von Bevorzugung abgibt, entfesselt Jakobs Vorliebe eine Familiengeschichte, die damit endet, dass Josefs Brüder ihn in die Sklaverei verkaufen. Jedes Mal wenn ich das lese, werde ich wütend.

Aber diese Geschichte hat eine Vorgeschichte und einen größeren Rahmen. Vor Jakobs eklatanter Bevorzugung wurde er von seinem Onkel Laban betrogen. Ihm wurde eine Frau gegeben, die er nicht gewollt hatte. Das zwang Jakob die Polygamie auf und wir können mehr oder weniger verstehen, warum er eine Vorliebe für den Sohn seiner gewollten Ehefrau hatte. Die Polygamie ist also schuld. Jakob ist ebenfalls Opfer der Bevorzugung seiner Eltern gewesen. Sein Bruder Esau war der Liebling ihres Vaters und Jakob war der Liebling seiner Mutter. Unfassbar fürchterlich. In Josefs Geschichte gab es alle möglichen mildernden Umstände, aber ich bin trotzdem wütend auf Jakob. Er sündigte an seiner Familie, führte eine scheußliche Tradition fort und es gibt keinen Grund zur Annahme, dass er dabei eine rühmliche Rolle spielte. „Von Lieblingen und Lieblingskindern“ weiterlesen