Christliche Ethik

Und was ist mit den bösen Tagen?

Im Ehegelübde verspricht man „die Treue in guten und in bösen Tagen“. – So eine jahrhundertealte und bis heute gängige Variante.

Nun dürften die wenigsten eine Ehe in den guten Tagen beenden wollen. Zwar kommt es vor, dass selbst das Gute nicht genügt, wenn sich die Aussicht auf etwas vermeintlich Besseres eröffnet. Doch der Wert der Treue zeigt sich nicht in den guten, sondern in den schlechten Tagen.

Regelmäßig begegne ich Scheidungssituationen – fast jedes Mal drängt sich mir eine Frage auf, die erschreckend oft zu spät gestellt wird: Was ist mit den bösen Tagen? Ja wohl wahr, jetzt gerät alles aus dem Ruder in eurer Beziehung, aber gilt es nicht gerade jetzt seinem Ehegelübde nachzukommen?

Oder verspricht man die Treue für die bösen Tage, in der Hoffnung, dass diese kurz sind und möglicherweise gar nicht vorkommen? Das hieße ja, sich selbst gar nicht ernst zu nehmen und etwas zu versprechen, was man gar nicht gewillt ist zu halten.

In jedem Fall stellt das Ehegelübde die Treue über eigene Vorteile, über Privilegien und über Komfort. Demgegenüber steht ein Denken, das fragt: Was bringt mir diese Beziehung? Und wenn sie keinen Gewinn mehr abwirft, dann eben Scheidung – und danach vielleicht eine neue Beziehung, später gar keine mehr, und am Ende am liebsten etwas völlig Unverbindliches..

Die Bedeutung der Wahlfreiheit, der Entscheidung, ist für uns so wichtig geworden, dass die Treulosigkeit in schlechten Tagen bei Weitem nicht nur die Ehe betrifft. Eine Schieflage muss sich nur ankündigen, und man wechselt die Gemeinde, den Arbeitgeber und denkt im Zweifel sogar über Auswanderung nach.

Wir leben in einer Zeit, in der Treue in den bösen Tagen als sinnlos erscheint. In deiner Stadt wird es kaum anders sein als in meiner, dass beständig hier und dort Gemeinden entstehen, die häufig kaum größer sind als ein Hauskreis, und deren Mitglieder im Wesentlichen Verwandte des Pastors sind. Die Entstehungsgeschichte dieser Gemeinden: Eine in irgendeiner Weise versagende Ursprungsgemeinde. Doch wie viele dieser Gemeinden überdauern mehr als eine Generation? Man könnte von einer regelrechten Gemeindeninflation1 sprechen. Auch hier möchte man fragen: Was ist nun mit den schlechten Tagen? Einige meiner Lebensjahre habe ich mir nichts mehr gewünscht, als die Gemeinde zu wechseln. Wenn ich also die Frage nach der gemeindlichen Treue, dann ist es keine, die mir leicht fällt.

Ich muss auch eingestehen, dass das Ehegelübde viel schwerer wiegt als die Zugehörigkeit zu einer Ortsgemeinde. Es gibt Gründe, die einen Wechsel rechtfertigen. Zu selten erkenne ich in den zahlreichen Konversionen, Wechseln solche gewichtigen Gründe.

Möglicherweise stehen wir bei der Anfechtung, die Gemeinde zu wechseln, viel mehr unter den Einflüssen des Zeitgeistes, als wir uns selbst einzustehen bereit sind. In seinem ungewöhnlichen Artikel „Which Henry Caused the Reformation?“, weist Carl Trueman darauf hin, dass der amerikanische Industrielle Henry Ford kirchliche Landschaften mehr verändert hat als jeder Reformator. Das kostengünstige Automobil veränderte alles. Nun wählte man sich die Gemeinde, die einem zusagte.

In Truemans Worten: „Es war das Erscheinen des Verbrennungsmotors und anschließend des massenproduzierten Automobils, das wirklich alles veränderte. Es veränderte unser Verhältnis zur Zeit, zum geografischen Raum und zu unseren Gemeinschaften und allem, was darin enthalten ist. Das Automobil war es, das die Menschen tatsächlich von der Beschränkung befreite, ihren Gottesdienst in fußläufiger Entfernung von ihrem Zuhause besuchen zu müssen. Das Auto machte Kirchen zu Wahlmöglichkeiten, die auf dem Markt der sonntäglichen Freizeitangebote um Kunden konkurrieren. Es verwandelte uns alle – Protestanten wie Katholiken – in konsumorientierte Kongregationalisten.“

Was wir hier kirchlich beobachten, begegnet uns auch auf ganz weltlichem Gebiet. Einst war der Beruf eine Berufung. Im Begriff des Rufes schwang ein gerader Weg mit, eine Linie, der man folgte. Heute spricht man von Jobs und Karrieren – und warum sollte man einen Job behalten, der der eigenen Karriere im Weg steht?

Ich wünsche mir für dich und für mich, dass wir zu Menschen werden, die für ihre Treue bekannt sind – nicht nur in den guten, sondern gerade in den bösen Tagen. Eine Sache ist in jedem Fall klar: Gottes Treue währt! Er lässt uns in den schlechten Zeiten nicht fallen.

Anhang:

Weitere Artikel, die sich mit dem Thema Scheidung auseinandersetzen:

  1. Scheidungspflicht!
  2. Wenn sich Scheidung lohnt.
  1. Die ersten Christen versammelten sich sehr wohl in kleinen überschaubaren Gemeinschaften (Vgl. Apg 2,46; 5,42;8,3;10,22-27;12,12;16,15;16,32-34;18,7,20,20; Röm 16,3-5.10-11;1 Kor 6,19; Kol 4,15; Phlmn 2; 2 Joh 10; Heb 10,24-25). Das zeugt von lokalen kleinen persönlichen Versammlungen mit starken Einbindungen von Familien. Das älteste bekannte „Gemeindehaus“ ist etwa ab dem Jahr 230 n. Chr. bezeugt und war auch da noch ein umgebautes Wohnhaus (Hauskirche von Dura Europos). Die vielen kleinen und mittleren Gruppen eines Ortes bildeten dennoch ein gemeinsames Volk „der Christen“. Zur Einheit wurde niemals nur eine kleine Versammlung, sondern die Christen eines ganzen Ortes berufen (1. Kor 1,10; 12,12-27; Epheser 4,1-6;2,14-16; Phil 2,1-4; Kol 3,14-15; Apg. 2,42-47). Das steht den vielen zahlreichen christlichen Gruppen heute entgegen, in denen die Abgrenzung gegenüber anderen Christen des gleichen Ortes oft im Vordergrund steht. Wenn man sich vernetzt dann mit geographisch entfernten Gemeinden. – Prove me wrong! ↩︎

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