Wie kann ich in einer Umgebung des Abfalls bestehen?

Hebräer 3,12–15 :“12 Seht zu, Brüder und Schwestern, dass niemand unter euch ein böses, ungläubiges Herz habe und abfalle von dem lebendigen Gott; 13 sondern ermahnt euch selbst alle Tage, solange es »heute« heißt, dass nicht jemand unter euch verstockt werde durch den Betrug der Sünde. 14 Denn wir haben an Christus Anteil bekommen, wenn wir die erste Gewissheit bis zum Ende festhalten, 15 solange es heißt : »Heute, wenn ihr seine Stimme hört, so verstockt eure Herzen nicht, wie es bei der Verbitterung geschah.«”

Die Realität und die Allgegenwärtigkeit des Abfalls

Nicht einmal ein Optimist kann mehr leugnen, dass im Westen ein  drastischer Abfall vom Christentum stattfindet. Damit meine ich gar nicht das Fliehen aus der Kirche derer, die wir als Evangelikale leichthin und gewohntermaßen als “Namenschristen” abtun. Wenn ich mir der allgegenwärtigen Präsenz des Abfalls vergegenwärtigen möchte, dann muss ich nur die Herrnhuter Gemeine meines Ortes besuchen und die Texte und Bilder im Nebenraum , die die Gemeinde vor etwa 60 Jahren zeigen, mit der Realität heute abgleichen. Wo früher echte Gottesfurcht und Pietät zu finden waren, – und mögen sie gesetzliche Formen angenommen haben – , sind heute (1,5 Generationen später) bibelkritische Predigen und spirituelle Wanderungen das Angebot der Stunde.

Ist aber nicht genau das die besonders hässliche Fratze des Abfalls, dass wir immer meinen, wir wären hier weniger gefährdet als andere? Ich entsinne mich an einen Prediger, der die oben genannten Verse auslegte und als Beispiele für das Abfallen Punkte wie den Verzicht auf die Kopfbedeckung der Frau und Hören von Rockmusik nannte. Nun, gegen das Kopftuchgebot habe ich persönlich noch nie verstoßen, aber gegen mein “böses und ungläubiges Herz” hilft es mir wenig. Sicherlich dürfte auch keiner in der Wüste Rockmusik gehört haben. Das macht deutlich, dass man gerade, weil man so billig von der Gefahr des Abfallens spricht, sich selber schon längst auf dem Weg des Abfalls befinden kann. Das finde ich entsetzlich, schockierend, beängstigend.

Die Vielschichtigkeit des Abfalls

Es scheint also, dass man in alle Richtungen, nach rechts und links, nach vorne und hinten, nach oben und unten abfallen kann. Immer wenn wir uns von Christus entfernen, beginnt der Lauf, und ob es nun Verführungen sind, Gewohnheitssünden, Gesetzlichkeit, es hielt uns bisher schließlich nur Gottes Gnade vom endgültigen Fall ab. Vielschichtig sind die Warnungen der Bibel: Ob es nun die Warnung an die Korinther ist, von der Einfalt in Christus abzurücken, oder die krasse Warnung an die Galater, aus der Gnade gefallen zu sein, wenn man “sich beschneiden lässt” (eine an sich weder konservative noch liberale, ja eigentlich eine absolut kleine Tat). Ob es nun die Verweltlichung der Kreter war, die zum Schiffbruch des Glaubens führte, der Ehrgeiz von Diotrephes oder die “Geistlichkeit der Engel” der Kolosser. So viele Wege führen von dem lebendigen Gott weg!

Wie Ernst ist doch die Gefahr des Abfalls! Wer meint, dass das Einhalten von ein paar Gewohnheiten ihn vom Abfall bewahrt, wandelt vielleicht schon auf den ungläubigen Wegen der Verstockung.

Die Quelle des Abfalls

Der Autor nennt uns die Quelle des Abfalls: “ein böses, ungläubiges Herz”. Was ist ein solches Herz? Eines, dass sich lieber verstockt, als Gottes Stimme zu folgen! Dafür besitzen wir ein derart hohes Potential, dass der Hebräerbrief uns aufruft, sich täglich daran zu erinnern. Wann hast du dich das letzte Mal ermahnt, nicht abzufallen? Wenn mir das alles aber schon zu hart ist, über was und wenn sagt das dann am meisten aus? Das kann ja nur das Potential meines Herzens enttarnen, vielleicht doch von Gott abzufallen! Immer wenn wir Sünde vorziehen, -Sünde in diesem absoluten Sinn, das wir lieber unsere Ehre als Gottes Ehre suchen- , stehen wir in der Gefahr uns ein stückweit (wieder) zu verstocken.

Der schleichende Charakter der Verstockung

Der Hebräerbrief greift auf die Wüstenwanderung Israels zurück, um zu illustrieren, wie Verstockung vonstatten ging. Mir fällt auf, dass Israel diese Verstockung nie gemerkt hätte, wenn es nicht in die Wüste geführt würde. Gerade dort wird nun Israels wirkliches murrendes Herz offenbar. So sind Prüfungen oftmals Gnade (indem sie unser Herz offenbaren). Aber das macht auch deutlich , dass Verstockung so schleichend stattfinden kann, dass man sie kaum bemerkt.

Der junge Mann, der mit bibelkritischen Ideen spielt, sieht in seinen Gedanken häufig eine Überlegenheit im Vergleich gegenüber all den “Pietisten um ihn herum”. Auf die Idee, dass “alles Denken in den Gehorsam gegen Christus gefangen genommen werden muss” (1 Kor 10,5) , dass also ein geistlicher Kampf stattfindet, der mit allen Mitteln gefochten werden muss, kommt er gar nicht. Das ist nur ein Beispiel für unzählige Möglichkeiten. Eine andere Möglichkeit ist, sein Heil “in seiner Konservatität” zu suchen, so als wäre Gott uns eines Gefallens dafür schuldig, dass wir “immer so hübsch bescheiden sind”. Überhaupt ist es schon ein Zeichen der Verstockung, wenn wir auf andere “herunterschauen” oder der  Ansicht sind, “Gott wäre uns einen Gefallen schuldig”. Oder wenn wir uns für von Gott privilegiert halten (aufgrund eines anderen Grundes als seines ewigen Ratschlußes)  Irgendwas muss Gott ja an uns gefunden haben, dass er gerade uns gegenüber gnädig ist!  Was ist eine solche These anderes als eine Perversion des biblischen Erwählungsgedanken, die für die erfahrene Bevorzugung durch Gott keinen anderen Grund kennt, als seine Gnade

Mit so vielen scheinbar frommen Gedanken finden wir uns plötzlich auf der Seite der Feinde Gottes wieder. Ist es nicht schockierend, das gerade die religiösen, frommen und orthodoxen Leute der Zeit Jesu in besonderer Weise in der Gefahr standen, das Werk Jesu ein für alle mal abzulehnen und das Wirken des Geistes zur Buße derart zu dämmen, dass sie für immer von Gott getrennt werden?

Wie kann ich bis zum Ende festhalten?

Was kann ich also tun? Woher soll ich die Puste holen, vor allem wen der Weg so hart, die Kraft aber so schwach ist?

Was der Autor des Hebräerbriefes hier so in düsteren Farben ausmalt, ist ja nichts anderes als eine Reflektion über “das Wachen und Beten”. Das Potential der Anfechtung ist furchtbar groß. Nur Wachen und Beten kann hier ein Ausweg sein. Es ist schon der Weg des Abfalls, wenn wir uns für weniger “abfallgefährdet” halten. Es ist schon der Weg des Abfalls, wenn wir meinen, nicht mehr auf Gebet angewiesen zu sein. Es ist schon der Weg des Abfalls, wenn wir das Wachen nicht für nötig halten. “Sehet also zu…” ist hier ja nur ein Synonym für “Wachet!”

Hier ist aber ein wirklich wichtiger, ja fundamentaler Punkt zu beachten, nämlich der Unterschied von Glaubensgerechtigkeit und Selbstgerechtigkeit. Auch beim Wachen, auch beim Kampf gegen die Verstockung des Herzens, auch bei der Furcht vor dem Abfallen gibt es diesen Unterschied. Ich habe das lange nicht verstanden, bis ich eines Tages die Predigt gehört habe, die ich oben erwähnt habe: Der Prediger schloss eben, nachdem er die Allgegenwart des Abfalls festgestellt hatte, mit diesem Appell ab, der sich so furchtbar ähnlich nach “Wachen und Beten” anhört, aber im Kern doch nur auf eine andere Weise von Christus wegführt: Sein Fazit war: Strengt euch ein bisschen mehr an! Es liegt an euch! Dabei geht es hier nicht um Worte und Formulierungen, es geht um die Perspektive: Es wäre nämlich nichts törichter als die Idee, dass ich bestehen kann, wenn ich es nur noch ein Stückweit härter probiere. Das ist eben nicht Wachen (auf sein Herz) und Beten ( zu Gott). Nicht ich selbst muss mir die Heilsgewissheit zu sprechen, sondern ich muss sie am Kreuz Christi suchen. Nichts anderes als sich selbst Gewissheit geben zu wollen, heißt aber sich “vorzunehmen, es ab morgen noch ein Stück weit härter zu probieren”. Die richtige Reaktion auf ein verstocktes Herz ist der Weg der Buße und des Glaubens. Der Abfall aber ist immer eine Folge des Unglaubens, wie uns auch 3,19 lehrt: “Und wir sehen, dass sie nicht hineinkommen konnten wegen des Unglaubens.”

Wenn ich wachsam bin, dann entdecke ich das extreme und hohe Abfallpotential meines Herzens. (Wie bitter erfuhr das Petrus!) Aber töricht ist es zu meinen, man könnte dieses Potential durch eigene Anstrengung reduzieren. Denn, dann wäre ja Christus vergeblich gestorben. Es wäre gerade die Tat des Unglaubens, mit seiner Not nicht zu Christus zu kommen! Wohin denn sonst mit meinem verstockungsanfälligem Herzen? Wer kann es heil machen? Wer kann es verändern? Natürlich niemand als Gott allein. Deswegen kann auch der Autor des Hebräerbriefes einfügen: Denn wir haben an Christus Anteil bekommen, wenn wir die erste Gewissheit bis zum Ende festhalten.

Ein harter Text! Die Verzagten, wie die Verstockten will ich zum Überwinden ermutigen, mit Röm 8,37-39:

37 Aber in dem allen überwinden wir weit durch den, der uns geliebt hat. 38 Denn ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, 39 weder Hohes noch Tiefes noch irgendeine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.