Theologie

Wie man aus der Gnade fallen kann.

Paulus hat für die Gemeinde der Galater viele mahnende Worte übrig. Eine harte Phrase findet sich in Galater 5,4: “Ihr seid abgetrennt von Christus, so viele ihr im Gesetz gerechtfertigt werden wollt; ihr seid aus der Gnade gefallen.” (Galater 5,4)

Ich erinnere mich, dass mich solche Verse als jungen Christen sehr schwer trafen: Ich erkannte viele meiner Unzulänglichkeiten und sah mich genau als so einen Galater, kurz davor, aus der Gnade zu fallen. Es dauerte, bis ich lernte, harte biblische Aussagen in seinem Zusammenhang zu lesen. Damit werden solche Texte kaum entschärft, was viele befürchten! Nein, eigentlich werden sie nur viel schärfer.

Rückblickend wird mir klar, dass ich wahrlich als junger Christ häufig aus der Gnade fiel und abgetrennt war von Christus, weil ich ein furchtbar selbstgerechter Typ war, der seine Gerechtigkeit vor allem aus einem sehr umfangreichen Regelkatalog zog.

Das im Griechischen für „gefallen“ verwendete Wort lautet ἐκπίπτω (ekpipto) und hat sehr viele unterschiedliche Bedeutungen. Lukas verwendet es viermal, um die Gefahren der Schiffsüberfahrt nach Rom in Apostelgeschichte 27 zu schildern: Ihr Schiff steht wiederholt in der Gefahr, unerwünscht zu stranden (V. 26,29), in eine Strömung aufzulaufen (17) oder wegzutreiben (32). Ein starkes Verb, das auch ansonsten verwendet wird, um eine unerwünschte Situation der Gefahr oder des Verlorengehens zu schildern (vgl. 1. Pet 1,24; 2 Pet 3,17).

Christen stehen in Gefahr, aus der Gnade zu fallen und von Christus abgetrennt zu werden! Eine ernste Mahnung und ein in manchen Gemeinden sehr übliches und häufiges Predigt-Motiv. Jedoch wird bei allen Mahnungen vor dem Abfall selten dieser Punkt genannt, den Paulus hier nennt: Ihr seid aus der Gnade gefallen, wenn ihr im Gesetz gerechtfertigt werden wollt. Ist wirklich gerade mein Wunsch, das Gesetz zu erfüllen, ein Risiko für mein Heil? Schon mal so eine Predigt gehört?

Die Galater waren überzeugt: Ja, Christen sind wir durch das Evangelium geworden. Doch wollen wir auch „bis zum Schluss“ Christen bleiben? Dann brauchen wir die Beschneidung! Dass es hier ausgerechnet die Beschneidung ist, die natürlich zu sämtlichen weiteren Ordinationen des Gesetzes verpflichtet, verlockt uns heute daran zu denken, dass die galatische Gefahr „im Gesetz gerechtfertigt zu werden“ heute keine Rolle spiele: Welcher Christ will sich schon beschneiden lassen? Gerade hierin, dass die Zeremonien des Gesetzes auch für den gesetzlichsten Christen kaum selten je eine Rolle spielen, lassen wir uns davon ablenken, dass Paulus die Beschneidung hier stellvertretend für den Konflikt „Gnade oder Werk“ wählt. Es ist schließlich auch Paulus, der an einer anderen Stelle sagt: “So besteht nun auch in der jetzigen Zeit ein Überrest nach Auswahl der Gnade. Wenn aber durch Gnade, so nicht mehr aus Werken; sonst ist die Gnade nicht mehr Gnade.” (Römer 11,5–6). Werke sind immer Verdienst: In der Anfangszeit des Christentums verlockte es viele, Gott einen Grund zu geben, sie zu lieben, z. B. dadurch, dass man zur Beschneidung griff. Gnade ist immer ein unverdientes Geschenk. Gnade ist das Gegenteil von einem Lohndenken. Gnade ist freies Empfangen. Paulus drückt das wunderbar in Römer 4,15 aus: “Dem aber, der nicht mit Werken umgeht, aber an den glaubt, der den Gottlosen gerecht macht, dem wird sein Glaube gerechnet zur Gerechtigkeit.” (Römer 4,5)

Gnade oder Werke. Entweder – Oder. Deswegen ruft Paulus auch „jeden Menschen auf, der beschnitten wird, dass er das ganze Gesetz zu tun schuldig ist.” (Galater 5,3).

Ist das überhaupt realistisch, dass Menschen Christus gerade dadurch verlieren, dass sie zu „gesetzlich“ werden. Ist das nicht ein platter Vorwurf, mehr eine Ausrede verweltlichter Christen? Ich wohne in der Stadt Königsfeld. Das ist eine Planstadt der Herrnhuter Gemeine aus dem frühen 19. Jahrhundert. Hier waren früher alle fromm. Aus diesem Ort wurden viele Missionare in die ganze Welt gesandt. Neben dem wunderschönen Versammlungssaal der Brüdergemeine findet sich heute ein kleines Museum, das über Leben, Sitten und Taten dieser Gemeinde berichtet. Ich muss immer wieder staunen, wenn ich die Bilder in den Schaufenstern sehe. Diese zeigen das Leben der Gemeinde bis in die 70er Jahre des letzten Jahrhunderts hinein. Hier sieht man die Schwestern sämtlich in Hauben auf einer Seite sitzen, die Brüder sämtlich im Anzug auf der anderen. Die Hauben lassen unverheiratete Schwestern von Verwiteten oder Verheirateten unterscheiden. Die Ausstellung informiert über zahlreiche Sitten der Gemeinde: Liebesmähler, Singstunden, den Eifer für die Mission. Ausgehend von den Bildern fühlen sich auch äußerst konservative Gemeinden wie Espelkamp von deren „Sittenstrenge“ viele berichten, fast schon trivial an.

Wie gesagt, dies sind Bilder aus den 60ern und 70ern. Heute ist die gleiche Gemeinde bekannt für Taizé-Gottesdienste, spirituelle Wanderungen und Ski-Freizeiten. Der Pfarrer i.R. ist die Personifikation linker Positionen.

Dabei ist Königsfeld vor allem weiterhin eines: Es ist bemüht, eine gute, ordentliche Stadt zu sein. Eine Stadt für Soziales, Gutes, Rechtes. Gerade die älteren Bürgerinnen fallen durch ihren sehr interessanten Mix aus religiöser Sozialarbeit auf.

Das ist keine schlechte Sache. Auch die Beschneidung und das Gesetz sind keine schlechten Sachen. Und doch ging etwas verloren: die Gnade! Man predigt den Sündern nicht mehr die Buße und ruft sie auch nicht mehr auf, zu Christus zu kommen. Nein, die Überzeugung macht sich breit, dass man den Weg des Heils durch Werke begehen kann – Gesetzlichkeit ist somit kein moralisches, sondern ein soteriologisches Problem. Es ist unser Blick auf das Heil, der durch verschiedene Faktoren trüb wird, und plötzlich entfernen wir uns immer mehr von Christus.

Kommen wir zu unserem Ausgangstext zurück: Ja, die Gefahr, aus der Gnade zu fallen, ist äußerst real! Doch Paulus warnt uns dabei nicht vor „zu wenig Frömmigkeit“ auf dem Weg dahin, sondern vor dem Versuch, Gnade funktional zu ersetzen: Werke als den Weg zu Gott, der doch durch das Kreuz längst offen ist!

Die Gefahren einer Abtrennung von Christus befinden sich häufig in ganz anderen Bereichen, als wir vermuten. Bei den Galatern lagen Sie unter anderem auch in dem Bestreben, Gott einen Grund dafür zu geben, dass er sie rettet. Paulus erkannte frühzeitig, dass dieser Weg zum Scheitern bestimmt war.

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3 Kommentare

  1. Du erwähnst hier Taize-Gottesdienste. Heute hat mich jemand gefragt, wie Taize zu bewerten ist.
    Von dem, was ich mal so hier und da mitbekommen habe, vermute ich, dass es mehr um „Spiritualität“ und Gemeinschaftsgefühl geht, als um das Evangelium.
    Gibt’s da eine gute Quelle, zu einer geistlichen Bewertung oder kannst du da mal was zu schreiben?

    1. Gute Idee. Ich werde versuchen so einen Gottesdienst zu besuchen und werde dann hier berichten.

      Grüße, Sergej

  2. Oh, super! Danke!

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