Christians Abenteuer (2): Der Oberpharisäer

Jakobus 4, 11-12: “Verleumdet einander nicht. Wer seinen Bruder verleumdet oder seinen Bruder verurteilt, der verleumdet und verurteilt das Gesetz. Verurteilst du aber das Gesetz, so bist du nicht ein Täter des Gesetzes, sondern ein Richter. Einer ist der Gesetzgeber und Richter, der selig machen und verdammen kann. Wer aber bist du, dass du den Nächsten verurteilst?”


Aus Yann Jobuhn “some lost chapters of the pilgrim’s progress” habe ich ja bereits ein Kapitel übersetzt: Christian kann nicht genießen! Heute folgt nun das zweite Kapitel. Der Autor berichtet dort darüber, wie Christian zu einem Oberpharisäer wurde und wie er vor diesem Sauerteig wieder befreit wurde.

Christian hasste jegliche Art von Gesetzlichkeit. Das war zunächst etwas, das sowohl gute Gründe wie gute Früchte hatte. Und doch wuchsen eklige Dornen, als dieser Hass immer mehr zu einem Kernbestandteil seiner Identität wurde.

Betrachten wir die gute Seite. Christian beobachtete in seiner Gnadenkirche, dass das Einhalten von sittsamen Gepflogenheiten immer mehr zum eigentlichen Maßstab und so zum Ersatz für Glauben und Gottesfurcht wurde. Christian besaß die Gabe so etwas zu enttarnen: So bemerkte er, dass der Verantwortliche für die Musikarbeit seiner Gemeinde, ein gewisser  Lyricus Vanita in der Gemeinde und auch außerhalb der selben als ein begnadeter Musiker vor dem Herrn gefeiert wurde. Das aber geschah nicht aufgrund von geistlichen Früchten, die weitestgehend fehlten oder aufgrund seines Wandels, der eher unklar war oder gar aufgrund seines Verhaltens gegenüber seiner Familie, das vor allem von Unfreundlichkeit geprägt war. Nein dieser Lyricus Vanita galt als ein gottesfürchtiger Musiker einzig und allein aus dem Grund, weil er Synkopen verachtete, ja sich sogar um den Neologismus Sündkope verdient gemacht hat. Seinen ansonsten eher gottfernen Wandel versteckte Lyricus auf diese Weise sehr geschickt. Alle konzentrierten sich auf den Kampf gegen die Sündkopen und so brauchte man nicht mehr so sehr auf die Heiligung zu achten.

Ja Christian war so sehr vom Geist geführt, dass er diesen Trick durchschaute, vielmehr noch, er überwand sich sogar nach einigem Ringen dazu, den Lyricus auf seine fehlende Gottesfurcht hinzuweisen. Ein Gespräch an das er eher mit Grausen, wenn auch mit einem gewissen Stolz zurückblickte. Grausen deswegen, weil Lyricus in seinem Wandel nur bestätigt wurde und die Kritik als einen “neidischen Angriff auf einen Diener des Herrn abtat”. Stolz deswegen, weil Christian gewagt hatte, sich für “das Richtige”, wie er es zu nennen pflegte auf Gedeih und Verderben einzusetzen.

In einem anderen Fall bemerkte Christian, dass Evangelista Stultum, der in seiner Gemeinde eifrigste Bruder beim Verteilen von evangelistischen Flyern, beim Einsatz in evangelistischen Veranstaltungen, Missionsreisen und allem was im nahen oder entfernten Sinne mit Mission zu tun hatte, den Hang hatte, all diese Dinge nicht aus “Liebe zu den Verlorenen” oder aus “Liebe zum Heiland” zu tun, sondern schlichtweg aufgrund seiner permanenten Suche nach Selbstbestätigung.

Tatsächlich war es sogar so, dass Christian aus seinen Erfahrungen Mit Lyricus gelernt hatte und nicht mehr den Frontalangriff suchte, sondern zunächst eine Beziehung zu Evangelista aufzubauen suchte. Was auch, zumindest ein Stückweit, gelang. Mehrfach begleitete er ihn bei seinen Einsätzen, traf sich einige Male zum Kaffee und einmal hatten sie sogar eine Gebetsgemeinschaft. Erst dann sprach Christian über seine Beobachtungen und interessanterweise nahm sie Evangelista sogar an und Christian hoffte nun auf eine baldige Änderung, die, wie er befürchtet hatte, auf sich warten ließ. Das Nachfolge immer soviel Geduld kostet!

Das meine ich, wenn ich von sowohl guten Gründen wie guten Früchten seiner Erkenntnis spreche. Christian wurde so zu einem Werkzeug und in der Gemeinschaft mit Evangelista lernte er ein Stückweit seine Gabe weise einzusetzen und selber zu reifen. Aber der Teufel geht umher wie ein brüllender Löwe und gebrauchte diese Gabe auch zu einem Fall für Christian. Das kam so langsam und unmerklich über ihn, dass wir eigentlich nur den Moment des Aufwachens festhalten können. und dieser geschah so:

Eines Sonntagsvormittags im Gottesdienst war die Predigt wie so häufig mal wieder eher von der langweiligen Art. Nachdem Christian in seinen Gedanken die obligatorische Zählung der Lichter an der Decke beendet hatte, betrachtete er die Gesichter der Zuhörer um ihn. Die penible und auch spießig wirkende Kleidung von manch einem stieß ihn ab und Christian fragte sich, wer sich wirklich die Mühe machte, zuzuhören. Als er verstohlen zur Seite blickte, wuchsen seine Zweifel daran, dass es überhaupt einer tat. Dafür waren viel zu viele leere Blicke um ihn zu finden! Er nahm sich vor den ein oder anderem bei Gelegenheit nach dem verkündigten Inhalt auszufragen. Was waren die Christen doch für Pharisäer! Früher wunderte sich Christian immer darüber, dass der Konflikt Jesu mit der geistlichen Elite Israels in den Evangelien so viel Platz, ja streckenweise geradezu Zentralität einnahm. Doch so langsam wunderte ihn gar nichts mehr.

Und plötzlich geschah es! Christian sah sich die ganze Gemeinde an und vor seinem inneren Auge erhob sich über mach einen Besucher eine Art “Antiheiligenschein” in Form eines  P. P natürlich für Pharisäer. Dieser Heiligenschein erinnerte eher an einen frechen Smiley, der seine Zunge ausstreckte. Eigentlich verwarf Christian diesen Gedanken sofort und würde vielleicht nicht weiter darüber nachgedacht haben, würde er nicht im Anschluss an den Gottesdienst etwas erlebt haben, dass diese Anti-Vision so stark bestätigt hat.

Nach dem Gottesdienst drehte er sich zu seinen Schwiegereltern Superba und Simplicitas Parvus um und rief beiden deutlich genug ein Hallo zu. Doch das schien ignoriert worden zu sein und man blickte ihn nicht einmal richtig an, ja ging auf den Boden starrend an ihm vorbei. So schien es Christian zumindest, ja je mehr er darüber nachdachte, desto eindeutiger deutete er das Verhalten.Nun ja, für euch beide habe ich auch einen P-förmigen Heiligenschein übrig, dachte sich Christian, so gar einen besonders großen.

Irgendwie faszinierte ihn nun das Verteilen von “virtuellen Antiheiligenkränzen” an seine Mitchristen aber es raubte auch die Freude. Und die Freude bliebe ihn vielleicht lange geraubt, wäre er nicht durch ein ernstes Wort Gottes geweckt worden. Es geschah durch das Nachdenken über das Gleichnis vom Verlorenen Sohn (Lk. 15,11-32). Als er das zum wiederholten Male las, merkte er, wie auch der ältere Sohn, der sich so grob gegenüber seinem Vater verhält (V.29), sich weigert seinen Bruder als Bruder anzuerkennen (V.30) und die Einladung des Vaters zunächst einmal stehen lässt (V.28), ein Musterpharisäer schlecht hin! Als sich Christian diese Szene ausmalte glänzte der P-förmige Heiligenschein über dem Haupt des älteren Sohnes. “Dieser hat es wirklich nicht verdient, mit dem Vater mitzufeiern” brummte Christian in seinen nicht vorhandenen Bart (da dieser rasiert werden musste).

Da fragte sich Christian jedoch: Wo wäre eigentlich ich gewesen. Und er sah sich nun als einen dritten Bruder dieser Runde. Und plötzlich wurde ihm bewusst, dass er die Perspektive des älteren Bruders besaß. Mit dem einzigen Unterschied, dass er sie nicht auf “den jüngeren” sondern eben auf diesen selbst anwandte. Der Ältere Bruder dachte, dass der Jüngere es nicht verdient hatte, mit dem Vater mitzufeiern. Christian aber dachte, dass der Ältere Bruder es nicht verdient hatte, mit dem Vater mitzufeiern.

Und da ging ihm auf, was eigentlich passiert. In dem Verurteilen der Pharisäer um ihn herum, verkam er selber zu einem Oberpharisäer. Das war mal eine peinliche Entdeckung, kann ich euch sagen! Christian ging auf, dass der schnellste Weg ein Pharisäer zu werden, darin besteht, die Pharisäer zu hassen. Er verstand, dass Christus sehr wohl harsch auf Selbstgerechtigkeit reagierte, aber nur weil er auch die Selbstgerechten erreichen wollte.

Christian tat Buße und beschloss somit seine neue Erkenntnis umzusetzen: So dachte er an die Begegnung mit seinen Schwiegereltern zurück. Zunächst viel es ihm schwer, etwas anderes als Selbstgerechtigkeit in ihrem Verhalten zu erkennen. Aber doch musste er sich eingestehen, dass er in seiner Beurteilung ihres Verhaltens Gott gespielt hat. So blendete er z.B. aus, dass sich diese in Anwesenheit vieler Leute immer unwohl fühlten, eine sehr niedrige Schamschwelle besaßen und immer, wenn viele Leute anwesend waren, eigentlich möglichst schnell den Raum verlassen wollten. Auch wenn er sich so ein Verhalten für sich selbst nicht vorstellen konnte, musste er sich eingestehen, dass es gut möglich war, dass nicht Ignoranz sondern Scham hinter ihren Motiven lagen.

Er dachte an Lyricus. Bisher hatte er doch auch viel Groll über seine Unfreundlichkeit besessen. Aber langsam ging ihm auf, wie viel Freude sich Lyricus selbst rauben ließ, wenn er nicht die Freude in Christus suchte, sondern einfach blind Regeln im Gemeindegesang umsetzte. Christian konnte nun wirklich für Lyricus beten. Nicht dass er wirklich so viel in seinem Tun gutheißen konnte, aber Christian konnte doch auch einen inneren Frieden darüber machen, dass Gott Obrigkeiten einsetzt und wieder absetzt und auch Lyricus unter Kontrolle hat. Das war nicht Christians Aufgabe. Wohl war es aber seine Aufgabe, sowohl mit Trost, wie mit Ermahnung auch Lyricus zu dienen (Röm. 12,8).

Aber das was hier so in einigen Beispielen geschildert ist, ist natürlich nur die Spitze des Eisbergs. Irgendwann ging Christian auf, dass er sich selbst viel Freude rauben lässt, weil er zu einem Verleumder und Verurteiler seiner Brüder wurde. Er erhob sich über seine Brüder, und mögen einige wirklich gesetzlich gewesen sein. Er sprach ihnen die Gnade Gottes ab, statt sie ihnen zuzusprechen.

Doch vor allem erkannte Christian aufs Neue die Geduld Gottes mit ihm selbst! Das Gott sein Aufspielen auf den Richterstuhl Gottes so lange toleriert, geduldet und getragen hat, beschämte aber befreite ihn auch. Und genau diese Neuentdeckung der Gnade Gottes ließ ihn mit seinen Mitmenschen gnädiger werden! Doch darüber werden wir ein andermal berichten müssen…

 

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