Biblische Lehre, Biblische Texte

Ist jedes falsche Bibelverständnis bereits eine Irrlehre?

“Denn wie ihr richtet, werdet ihr gerichtet werden; und mit welchem Maß ihr messt, wird euch zugemessen werden.” (Matthäus 7,2)

Manchmal geht man derart selbstverständlich von Annahmen aus, dass man sich wie “erschrocken” darüber wundern muss, dass es die Menschen anders sehen. Das ist z.B. beim Begriff der “Irrlehre” so. So weit ich an ein religiöses Leben in mir zurückdenken kann, war mir eigentlich immer klar, dass eine fehlerhafte, falsche, problematische Meinung nicht dadurch eine Irrlehre ist. Überhaupt hat mich sehr gewundert, wie sehr großzügig Johannes die Grenzen für eine Irrlehre setzt, z.B. im vierten Kapitel seines Briefes:

“Ihr Lieben, glaubt nicht einem jeden Geist, sondern prüft die Geister, ob sie von Gott sind; denn viele falsche Propheten sind hinausgegangen in die Welt. Daran erkennt ihr den Geist Gottes: Ein jeder Geist, der bekennt, dass Jesus Christus im Fleisch gekommen ist, der ist von Gott; und ein jeder Geist, der Jesus nicht bekennt, der ist nicht von Gott. (1. Johannes 4,1–3). Nach Johannes ist das eine Irrlehre, was Jesus nicht würdig bekennt, ihm z.B. die Gottessohnschaft abspricht. Natürlich muss man überhaupt an das Übernatürliche glauben, um recht zu glauben, dass sie das Übernatürliche ablehnen, dadurch machen sich z.B. Bibelkritiker zu Irrlehrern. Aber so haben wir eigentlich recht schnell die heutigen Irrlehrer beieinander: Zeugen Jehovas, Mormonen, Muslime.

Angesichts dessen ist es sehr überraschend für mich die Selbstverständlichkeit all jener zu sehen, die alle auch nur geringfügig von der Rechtgläubigkeit abweichende Meinungen als Irrlehren bezeichnen. Eine Gemeinde wollte über drei Irrlehren aufklären und entschied sich für Adventisten, Pfingstler und “jene, die an die Unverlierbarkeit des Heils glauben”. Wer die letzte Gruppe genau ist, ist mir unklar. Bei den Adventisten sind die Ketzerischen Elemente vor allem in der Entstehungszeit gewesen und seit  sie sich offensichtlich nicht mehr so sehr an die zusätzlichen Offenbarungen Ellen Whites klammern, in gewisser Weise orthodoxer geworden – aber ich muss gestehen ich kenne diese Gruppe kaum. Ich denke “die Pfingstler” sind eine gute Illustration für diesen Artikel.

Ich bin kein Pfingstler, die Begegnungen mit Pfingstlern waren regelmäßig erbaulich, regelmäßig auch irritierend. Aber ich habe schlichtweg ein Problem damit, – so mir nichts, dir nichts –  die Pfingstbewegung an sich schon als Irrlehre zu bezeichnen. Es will mir nicht über die Lippen kommen, wenn ich der Tatsache ins Blickfeld blicke, das Paulus gerade mit “Gabenexperimentierenden” in Korinth zu tun hatte. Er geht mit den Korinthern regelmäßig scharf ins Gericht, tadelt manch eine falsche Verhaltensweise genauso deutlich wie fehlende Heiligung. Dann kommt er auf das “Gabenchaos” sehr ausführlich (37 Verse!) im 14 Kapitel seines Briefes zu sprechen und versucht es hier zu entwirren. Er sagt, dass es besser ist fünf deutliche Worte auszusprechen als 10.000 in Zungen (V.19). Zungenreden sollte nur mit Auslegung praktiziert werden (V.13ff) und die Predigt dem Zungenreden vorzuziehen. Was Paulus nicht sagt: Ihr seid Irrlehrer oder zumindest die andere Variante davon: Ihr seid von einer Irrlehre verführt. Es fehlt beim Lesen des Korintherbriefes auch der starke Kontrast zwischen Kapitel 14 und Kapitel 15 auf. In Kapitel 15 wendet sich Paulus mit scharfen Worten an die, die die (leibliche) Auferstehung Jesu von den Toten leugneten (wahrscheinlich hielt diese Gruppe an einer Art “geistlichen Weiterleben Christi” fest”). Hier finden wir zwar auch nicht explizit den Begriff der Irrlehre aufgeführt, aber die Wortwahl ist deutlich: “Ist Christus aber nicht auferstanden, so ist euer Glaube nichtig, so seid ihr noch in euren Sünden;” (1. Korinther 15,17)

Ich möchte einfach darauf hinaus: Paulus hat nicht jeden Irrtum, selbst einen solchen, den er äußerst scharf korrigieren musste, bereits als Irrlehre bezeichnet. Vielleicht ist es diese Nähe der Begriffe Irrtum und Irrlehre die uns dazu verleitet, jede noch so kleine Abweichung vom Gewünschten schon als Irrlehre zu bezeichnen. Warum sollte mein Eigendünken, ich mag unter den Christen so wichtig und angesehen sein, entscheiden was eine Irrlehre ist und was nicht, und nicht Gottes Wort? Bei den Galatern herrscht die Gefahr, wirklich aus der Gnade zu fallen. Hier ist Paulus knallhart und eindeutig in seinen Formulierungen, ganz anders als im Korintherbrief.

Eine Differenzierung der Abweichungen von der biblischen Norm muss das Gebot der Stunde sein. Verlangen wir von den Menschen hundertprozentige Übereinstimmung mit der Lehre der Bibel, damit sie keine “Irrlehrer sind”, dann machen wir die Errettung nicht mehr vom Glauben sondern von der Erkenntnis biblischer Lehren abhängig. Damit soll nicht der starke Zusammenhang der zwischen Glauben und Erkenntnis existiert heruntergespielt werden. Andererseits ist es auch für uns selbst gefährlich, wenn wir jeden um uns, der ein bisschen anders glaubt als wir schon als Irrlehre sehen. Natürlich wählen wir nicht immer diese Formulierung. Manchmal sagt man auch: Es ist gefährlich! oder: Man solle an seinem Trog bleiben! oder: Die Brüder sehen das nicht gern und Gehorsam ist besser als Opfer.

Doch das Problem ist doch: Lege ich ein super heftiges Maß an meine Brüder und Schwestern an, dann muss ich doch das gleiche Maß auch an mich anlegen! Null Toleranz bedeutet, dass ich mich gefährlich nahe dahin bringe, dass Gott mich dereinst auch mit Null Toleranz messen wird. Wer wird aber für sich beanspruchen können, die ganze Lehre der Heiligen Schrift vollständig erfasst zu haben? Denn dieses vollständige Wissen ist ja nötig, um ganz genau und zutreffend festzustellen, was wahr und was falsch ist.

In der Geschichte der christlichen Kirche kam und kommt es ständig vor, dass gerade die, die allen anderen ein Irrlehrer-Stempel aufdrücken eigentlich selber gefährliche sektiererische oder ketzerische Elemente aufwiesen. Ich denke da an die katholische Kirche. Die Lehre von der Rechtfertigung aus Gnaden war und ist für die Katholiken eine ausgemachte Ketzerei. Eine Kirche, die nicht den Papst als Oberhaupt hat, kann keine Kirche Christi sein. Das ist bis heute die offizielle Position dieser Kirche: Kein Heil außerhalb der katholischen Kirche!  Jeder ein Ketzer, der kein Katholik! Währenddessen führte diese Kirche immer mehr außer- und widerbiblische Praktiken ein und hinterlässt bei  vielen Protestanten dieses ungewissen Gefühl, dass man im Gespräch mit Katholiken besitzt: Einerseits eine große Nähe, andererseits diese vielen Abweichungen von der Norm: Messe, Beichte, Mariakult, Priestertum, Absolution…

Drei Dinge zum Schluss:

Zunächst kann dieser Artikel in dieser Kürze nicht die Frage klären, was denn nun eine eindeutige Irrlehre (jeder Irrlehrer ist gemäß der Bibel ein Verdammter) und was eine Abweichung ist, die nicht zum Heilsverlust führt. Das ist weder die Absicht dieses Artikels noch würde ich mir diese Fähigkeit zutrauen. Es geht darum, dass der inflationär verwendete Stempel “Irrlehrer”, den man für abweichende und/oder fehlerhafte Positionen anderer Denominationen verwendet, schlicht unbiblisch ist. Ich hoffe, dass die Leser meines Artikels genauso den Wunsch haben, mehr und bibeltreuer zu sein und nicht andere Denominationen aus irgendwelchen politischen Gründen denunzieren. (Z.B. ist es durchaus möglich sich als besonders bibeltreuer Hardliner zu positionieren und innerhalb seiner Ortsgemeinde mancherlei Lorbeeren dafür einsammeln, dass man mit Abtrünnigen Meinungen Null-Tolerant sei, aber besonders biblisch ist so ein Vorgehen halt leider nicht…).

Zudem ist dieser Artikel keine Einladung für Gleichgültigkeit in Lehrfragen. (Sowieso ist glaubend.de wenn dann eher zu penibel in theologischen Fragen.) Es geht darum, Irrtümer zu gewichten. Meine große Überzeugung ist, dass die Schrift uns entschieden lehrt, Meinungsunterschiede von Fehlern von Irrlehren zu unterscheiden. Wir sollten uns hier an die Schrift halten nicht an Eigendünkel. Auch bei der Beurteilung was eine Irrlehre ist, ist nicht die Bequemlichkeit des Pastors ausschlaggebend, sondern das Wort Gottes! Ich habe eine sehr ähnliche Frage in diesem Artikel thematisiert: An der Grenze von Irrtum und Falschheit

Zuletzt möchte ich noch zwei Literaturhinweise für die geben, die dieses Thema gerne vertiefen möchten. J. Holcombs Vorwort in seinem Buch Know The Heretics hat mich zu diesem Artikel inspiriert. An einer anderen Stelle habe ich das Buch besprochen . G. Ortlund hat ein sehr praktisches Buch zu einer Menge Fragen geschrieben, über die Christen unterschiedlicher Meinung sind. Manchmal ist es zu oberflächlich und manchmal zu amerikanisch, aber insgesamt bietet Finding the Right Hills to Die on , den richtigen Weg an, wie wir Christen über unterschiedliche Meinungen reden und uns in diesen begegnen können.

 

 

Für dich vielleicht ebenfalls interessant...

3 Kommentare

  1. Vlad sagt:

    Ist es ok dann so zu lehren das wenn du keine Gabe des Heiligen Geistes hast (dh die Zungensprache nicht hast) du keine Taufe bekommst und somit dann auch nicht gerettet bist?
    (Ich komme ursprünglich aus einer PfingstGemeinde und kann viele weitere interessante Auslegungen liefern 🙂 )

    Ich bin aber mit deinem Text einverstanden. Besser als pauschal jede Denomination als Irrlehre zu bezeichnen ist es Differenzen bzw. Fehlauslegungen aufzuzeigen. Überall gibt es Geschwister die Durstig nach Wahrheit sind und diese werden auch alles prüfen und anhand der Bibel sich auch korrigieren lassen.

    1. Hi Vlad, danke für diesen Kommentar. Was war für dich der Anlass die Pfingst-Gemeinde zu verlassen, wenn ich so offen fragen darf?
      Tatsächlich zeigt dein Beispiel dass man so gut wie jede Situation neu bewerten muss, und das Koppeln des Heils an “äußere” Werke und Zeichen ist schon deutlich ketzerischer als “bloße” Zungenrede /Bejahung der Gaben (Erinnert ein bisschen an “ihr müsst auch Beschnitten sein, um gerettet zu sein” der Galater) . Von Russlanddeutschen Pfingstgemeinden habe ich schon ähnliche Beispiele gehört.

      1. Vlad sagt:

        Der Anlass war tatsächlich die Lehre. Ich mag die Menschen in der ehemaligen Gemeinde und auch den Ablauf der Versammlung, Gesang sowieso und es gab viele gute Predigten aber so einiges in der Lehre widerspricht der Bibel und wird recht frei ausgelegt. Ja und die Werksgerechtigkeit ist vordergründig.
        Zu der Pfingstbewegung gibt es recht gute Literatur zb Georg Walter: Pfingstbewegung, MacArthur: Fremdes Feuer, Ebertshäuser: die PfingsCharismatische Bewegung und sehr gut fand ich auch Legrand: Ich rede mehr in Zungen als ihr alle.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert