Das Scheitern der evangelikalen Eliten

Carl Trueman:

Es gibt Zeiten in der Geschichte, in denen das Christentum seinen Platz in der Gesellschaft bedroht sieht. Wenn es sich an den Rand gedrängt sieht, entstehen zwei Versuchungen. Die erste ist ein wütendes Anspruchsdenken, ein Impuls, die ganze Welt anzuprangern und sich in kulturelle Isolation zurückzuziehen. Im frühen 20. Jahrhundert war der amerikanische Fundamentalismus ein gutes Beispiel für diese Tendenz: Er verzichtete auf öffentliches Engagement und grenzte sich gegen Alkohol, Evolution und Filme ab – typische Produkte einer Gesellschaft, von der er sich angegriffen fühlte. Vermutlich sehen wir heute etwas Ähnliches in der Unterstützung der Evangelikalen für Donald Trump, obwohl in diesem Fall der populistische Protestantismus um die Zukunft Amerikas kämpft, anstatt sich zurückzuziehen. Ich wage zu behaupten, dass die Leser von The Christian Century[1] sich wünschen, dass die widerspenstigen Evangelikalen die Benedikt-Option[2] wählen würden.

Die zweite Tendenz ist subtiler und verführerischer. Während sie den Anschein erweckt, für die Wahrheit zu kämpfen, passt sie das Christentum dem Zeitgeist an. Wenn fundamentalistisches Fäusteballen die Versuchung der weniger gebildeten Masse ist, dann übt Anpassung auf die einen Reiz aus, die einen Platz am Tisch der gesellschaftlichen Elite suchen. Und diese Elite-Aspiranten geben oft den Massen die Schuld, wenn ihre Einladung an den hohen Tisch nicht zustande kommt.

In den letzten Jahren hat Amerika viele Beispiele für beide Tendenzen erlebt. Wir haben die Wut der Evangelikalen erlebt, die glauben, dass ihnen das Land gestohlen wird, und wir haben die herablassende Haltung derer gesehen, die ihre weniger weltgewandten Glaubensbrüder für die Misere der Kirche und der Nation verantwortlich machen. Das Buch Prediger erinnert uns daran, dass es nichts Neues unter der Sonne gibt. So oft, wie das Christentum seine kultivierten Verächter hatte, so oft hatte es auch Anhänger, die darauf reagierten, indem sie entweder gegen das Zeitalter ankämpften oder aber indem sie versuchten, die Verächter zufrieden zu stellen – oft indem sie die antichristlichen Meinungen der damaligen Zeit als Ausdruck des wahren Glaubens umdeuteten.

Heute bestehen zahllose Glaubensverteidiger darauf, dass die Ablehnung der christlichen Sexualmoral in Wirklichkeit eine Erfüllung des christlichen Liebesgebots ist, das sie als das Gebot der “Inklusion” beschönigen. Einer der ersten dieser Vertreter, und wohl auch der raffinierteste, war Friedrich Schleiermacher. Er wird nachvollziehbar als der Vater der modernen Theologie bezeichnet, was in Wirklichkeit die moderne liberale protestantische Theologie meint. Liberale Protestanten leisteten Pionierarbeit mit der Taktik, Kritiker als “anti-modern” zu bezeichnen, anstatt auf ihre Argumente einzugehen. Erst in den letzten Jahrzehnten, als der liberale Protestantismus als kulturelle Kraft an Bedeutung verlor, haben Historiker erkannt, dass Theologien, die sich gegen den modernen Individualismus, Subjektivismus und Historismus richten, selbst einzigartig modern sind.

Als Schleiermacher ein junger Mann war, beherrschte ein älterer, konfessioneller Protestantismus noch die institutionalisierte Kultur in seinem Heimatland Deutschland. Aber schon damals befand sich die Gesellschaft im Umbruch, und das Christentum verlor unter den Eliten an Boden. Die erste Generation der Geschichtskritiker rüttelte an alten reformatorischen Gewissheiten. Die Theologie, einst die Königin der Wissenschaften und die Krone der universitären Ausbildung, wurde durch das Denken der Aufklärung grundlegend in Frage gestellt. Der Empirismus von Denkern wie David Hume stellte die traditionellen Beweise für die Existenz Gottes und die Glaubwürdigkeit von Wundern in Frage. Beeinflusst von Hume, schloss Immanuel Kant jede Möglichkeit aus, transzendente Wirklichkeiten zu erkennen. Die kantsche Philosophie, die rasch die deutsche intellektuelle Welt beherrschte, machte es in der Folge unmöglich, den klassischen christlichen Theismus aufrechtzuerhalten. In der Welt von Kant und seinen Nachfolgern war Gott vielleicht eine nützliche Voraussetzung, um moralische Pflichten zu verankern – was Kant ein “Postulat” der praktischen Vernunft nannte -, aber theologische Begriffe dienten keinem substanziellen Zweck. Zur gleichen Zeit stellte die Romantik das Gefühl in den Mittelpunkt des Menschseins. Auch dies stand im Gegensatz zu den überlieferten Formen des Christentums mit ihren Dogmen und systematischen Theologien voller klarer Argumente und feiner Unterscheidungen. Das Christentum wurde von den einflussreichen Forschungsmethoden abgegrenzt, die für Aufregung sorgten und das Prestige des Neuen genossen.

In diesem Kontext verfasste Schleiermacher sein brillantes Werk „Über die Religion: Reden an die Gebildeten unter ihren Verächtern“. Er bestritt nicht Kants strikte Ablehnung der Metaphysik, die besagt, dass wir die Offenbarung Gottes nicht kennen können, und damit bestritt erdie Autorität christlicher Dogmatik. Stattdessen griff er Kants Vertrauen auf Argumente und Analysen an. Gott, so betonte Schleiermacher, ist kein Postulat. Er ist vielmehr das Objekt unserer intensivsten Gefühle. Religion ist also eine Sache der Gefühle, nicht der Vernunft. Der Zweck der Lehre besteht also nicht darin, Wissen zu vermitteln, sondern intensive Gefühle zu wecken, die unsere Seele bewegen. Wir “kennen” Gott nicht, sondern wir kommunizieren mit Gott in einem “unmittelbaren Gefühl”.

Man staunt zu Recht über Schleiermachers Fähigkeit, alle philosophischen Punkte Kants zu übernehmen und gleichzeitig ein leidenschaftliches Plädoyer für die bleibende Relevanz frommer Gefühle zu halten. An einer Stelle stellt Schleiermacher fest, dass das Christentum von denjenigen, die vom aufklärerischen Denken beeinflusst sind, heftig abgelehnt wird. Die Leidenschaft des Unglaubens lässt erkennen, dass Religion große Macht und Bedeutung hat. Aufschlussreich ist jedoch nicht so sehr Schleiermachers Argumentation als vielmehr seine Strategie. Anstatt die christliche Orthodoxie zu verteidigen, räumt er das Terrain, das die kultivierten Verächter der Religion beanspruchen. Er definiert das Christentum neu, um es mit den Annahmen seiner Kritiker in Einklang zu bringen. Er argumentiert, dass sich das Christentum nicht durch irrationale Leichtgläubigkeit auszeichnet, weil es gar nicht um Glaubensüberzeugungen geht, sondern vielmehr um Gefühle. Nach Schleiermachers Denkweise sind die christlichen Überzeugungen Symbole, die geschätzt werden, weil sie das “unmittelbare Gefühl” hervorrufen, das uns mit dem Göttlichen verbindet.

Mit diesem Ansatz war Schleiermacher frei, sich an der zunehmenden Kritik an theologischen Systemen zu beteiligen. Er muss nicht die Autorität der Lehre oder derjenigen verteidigen, die glauben, dass die christliche Lehre objektive Aussagen über die Wirklichkeit macht. Indem er den dogmatischen Glauben früherer Generationen in eine Religion der Gefühle und Intuitionen verwandelte, konstruierte er die christlichen Lehren als Ausdruck religiöser Gefühle und nicht als Aussagen über die objektive Wahrheit. So war beispielsweise die Prädestination für ihn keine Frage göttlichen Handelns, das von einer ewigen Entscheidung oder einem Erlass Gottes bewirkt wurde und die Menschheit in Auserwählte und Verworfene teilte. Vielmehr war sie ein konzeptionell-poetischer Ausdruck des Gefühls der absoluten Abhängigkeit von Gott, das das Christentum hervorruft und das Christen erleben.

Schleiermacher ist längst tot, ebenso wie das Publikum der Aufklärung, das er ansprechen wollte. Aber das Problem des Christentums und seiner kultivierten Verächter ist nicht verschwunden. Es ist in den letzten Jahrzehnten immer offensichtlicher ans Licht gekommen. Die mächtigen Kräfte des Säkularismus, des metaphysischen Materialismus und des Szientismus haben neben anderen Faktoren die Religion aus ihren früheren Einflussbereichen vertrieben. Man braucht nur darauf hinzuweisen, dass fast alle privaten Universitäten in den Vereinigten Staaten von religiösen Gruppen gegründet wurden und lange Zeit in einer religiösen Tradition verankert waren, um dann in den letzten beiden Generationen säkular zu werden. Als Reaktion auf diesen Druck hat das Christentum wieder einmal diejenigen hervorgebracht, die versuchen, seine Verächter davon zu überzeugen, dass der Glaube nicht schädlich für die feine Gesellschaft ist.

Mitte der 1990er Jahre wurden anhaltende Anstrengungen unternommen, um die intellektuelle und akademische Integrität der orthodoxen Christen zu rehabilitieren und zu verteidigen. Die Anführer dieser Bewegung, die Historiker Mark Noll und George Marsden, traten tapfer für das christliche Denken ein. In The Scandal of the Evangelical Mind („Der Skandal des evangelikalen Denkens“) argumentierte Noll, dass der amerikanische Evangelikalismus war durch sein Engagement für unhaltbare Positionen, denen es an intellektueller Glaubwürdigkeit mangelte.[3] Dadurch zog sie die Verachtung gebildeter Menschen außerhalb der Kirche auf sich. Schlimmer noch, der Mangel an intellektuellen Standards machte nachdenklichen Menschen das Leben innerhalb der Kirche schwer. Noll konzentrierte sich auf den Dispensationalismus und die buchstäbliche Sechs-Tage-Schöpfung und argumentierte, dass diese Überzeugungen weder vor den Regeln der Vernunft gerechtfertigt werden könnten noch für einen streng orthodoxen christlichen Glauben notwendig seien.

The Scandal of the Evangelical Mind war ein Bestseller und wurde von Christianity Today zum Buch des Jahres gekürt. Das Ziel dieses führenden evangelikalen Magazins war es unter anderem, ein Christentum zu zeichnen, das die Exzesse des Fundamentalismus vermeidet und gleichzeitig das orthodoxe Christentum verteidigt. Kurz darauf argumentierte Marsden in einer gleichnamigen Monographie für das, was er als “die ungeheuerliche Idee der christlichen Gelehrsamkeit” bezeichnete. Der historische Teil seiner Argumentation basierte auf Untersuchungen, die er zuvor über die christlichen Ursprünge vieler der bedeutendsten amerikanischen Hochschuleinrichtungen veröffentlicht hatte. Marsden kam zu dem Schluss, dass die kultivierten Verächter des Christentums schlichtweg falsch lagen, als sie behaupteten, der Glaube bringe den Menschen in einen Konflikt mit seinem Verstand. Im konstruktiven Teil seines Plädoyers vertrat Marsden die Ansicht, christliche Gelehrte könnten einen sorgfältigen Respekt für die Regeln des akademischen Diskurses kultivieren und eine aufmerksame, ehrliche Auseinandersetzung mit anderen Akademikern innerhalb ihrer Zunft pflegen, ohne ihren Glauben zu kompromittieren.

Anders als Schleiermacher sind Noll und Marsden darauf bedacht, vollmundige Bekenntnisse zum orthodoxen christlichen Glauben aufrechtzuerhalten. Und anders als bei Schleiermacher finde ich ihre Argumente überzeugend. Der Glaube an den heilbringenden Tod und die leibliche Auferstehung Jesu Christi untergräbt in keiner Weise die intellektuelle Redlichkeit. Er kompromittiert in keiner Weise die akademischen Standards – es sei denn natürlich, diese Standards werden von vornherein als über jede Kritik erhaben betrachtet. Es kann jedoch kein Zweifel daran bestehen, dass die außerordentlich positive Aufnahme der Ideen von Noll und Marsden darauf zurückzuführen ist, dass die an den Universitäten ausgebildeten Evangelikalen in den 1990er Jahren aufgewühlt waren und sich nach Beruhigung sehnten. Die Universitäten, die sie besuchten, sagten ihnen zunehmend, dass ihr Glaube disqualifizierend sei. Noll und Marsden argumentierten anders und zeigten, dass ein gläubiger Mensch, der Selbstkritik übt und unhaltbare Überzeugungen verwirft, voll am modernen intellektuellen Leben teilnehmen kann.

Obwohl Marsden und Noll ihre Argumente vor weniger als dreißig Jahren vorbrachten, fällt mir auf, dass ihre Argumente aus einer längst vergangenen Zeit stammen. Die Vorstellung, dass eine Person, die sich zu Ehrlichkeit und Integrität in der Wissenschaft bekennt, Mitglied der heutigen Universitäten und anderer führender Institutionen werden kann, ist rückblickend betrachtet naiv. Das Hochschulwesen ist heute weitgehend das Land der „Woken“. Man mag ein brillanter Biochemiker sein oder ein profundes Wissen über die minoische Zivilisation haben, aber jedes Abweichen von der kulturellen Orthodoxie in Bezug auf Rasse, Sexualität oder selbst bei der Ausdrucksweise wird sich bei Einstellungs- und Bleibeverhandlungen als wichtiger erweisen als Fragen nach der wissenschaftlichen Kompetenz und sorgfältiger Forschung.

Noll und Marsden sind einer durch und durch übernatürlichen christlichen Orthodoxie verpflichtet. Dennoch ist ein soziologischer Vergleich ihres Projekts mit dem von Schleiermacher durchaus legitim. Wie der große deutsche Liberale gingen diese amerikanischen Evangelikalen davon aus, dass das Problem zwischen ihrer Religion und der Kultur, die sie verachtete, in erster Linie die intellektuelle Integrität und Respektabibilität betraf. Schleiermacher akzeptierte die Rationalität der kultivierten Verächter. Noll und Marsden verfolgten eine begrenztere Strategie, indem sie sich die wissenschaftlichen Kriterien der akademischen Welt zu eigen machten und glaubhaft darlegten, dass religiöse Gelehrte, wenn sie fähig sind, den Respekt der kulturellen Eliten verdienten. Es stimmte auch, dass diese amerikanischen evangelikalen Intellektuellen, wie schon Schleiermacher vor ihnen, den Christen selbst die Schuld an der Verachtung gaben, die ihnen entgegengebracht wurde – denn die Christen hatten es versäumt, zwischen dem wesentlichen Kern des Glaubens und einer möglichen weiteren Ausgestaltung zu unterscheiden, was zu unnötigen Konflikten mit Nichtgläubigen führen kann.

Was Noll und Marsden in den neunziger Jahren vertraten, schien, zumindest anfangs, gute Früchte zu tragen. Ihre Doktoranden veröffentlichten gute Monographien bei angesehenen akademischen Verlagen und erhielten Stellen an Hochschulen und Universitäten. Und ihre Idee, dass Christen hohe intellektuelle Ämter erlangen könnten, wenn sie sich den Erwartungen der akademischen Zunft anpassten, hatte vielleicht kein besseres Vorbild als Francis Collins.

Collins, ein angesehener evangelikaler Wissenschaftler, wurde von Präsident Obama an das Nationale Gesundheitsinstitut (National Institutes of Health NIH) berufen. Seine Ernennung wurde in der Washington Post als ein Zeichen dafür gefeiert, dass der Evangelikalismus endlich reif ist – ein Kommentar, der von Christianity Today zustimmend zitiert wurde. Wenn man je sagen könnte, dass der “evangelikale Geist” sein volles Potenzial ausgeschöpft hat, dann war dies sicherlich der richtige Moment. Ein gläubiger evangelikaler Christ wurde von einem progressiven demokratischen Präsidenten in eine angesehene Position in der wissenschaftlichen Gemeinschaft berufen! Collins war der eindeutige Beweis dafür, dass ein gläubiger Christ durch die sorgfältige Einhaltung wissenschaftlicher Standards in Verbindung mit einem freundlichen und nachdenklichen Auftreten einen Platz in der Berufselite einnehmen kann. Selbst im Amerika des 21. Jahrhunderts, in dem ein Präsidentschaftskandidat, Menschen die sich an Religion klammern, als bigott bezeichnet, können Christen in hohe Ämter aufsteigen und in der säkularen Welt etwas bewirken.

Doch in den Jahren seit seiner Ernennung hat Collins die Verwendung von fötalem Gewebe aus freiwilligen Schwangerschaftsabbrüchen konsequent verteidigt. Schlimmer noch, in den letzten Monaten sind Details eines NIH-Finanzzuschusses aufgetaucht, der die Forschung an den Überresten abgetriebener Babys unterstützt, die speziell von ethnischen Minderheiten ausgewählt wurden – eine Gräueltat, die von Christianity Today nicht kommentiert wurde. Sicherlich hat Collins diesen Zuschuss nicht persönlich genehmigt. Aber es muss möglich sein, zu fragen, welchen Unterschied seine Präsenz als Christ an der Spitze seiner Organisation macht, wenn diese Forschung finanziert, die gleichzeitig Abtreibung und Rassismus legitimiert. Woke Christen, die in der Regel so sensibel auf Fragen des systemischen Rassismus reagieren, haben sich bei einem offensichtlich eindeutigen Beispiel dafür eher bedeckt gehalten.

Die Hoffnung war, dass Collins ein Beispiel für das ist, was James Davison Hunter als “treue Präsenz” bezeichnete: die Idee, dass Christen weltliche Vorstellungen von Macht und Einfluss meiden und nicht versuchen sollten, die Welt durch direkte Einflussnahme zu verändern. Stattdessen sollen sie als treue Jünger, die auf gottgefällige und demütige Weise irdischen Berufungen nachgehen, die Welt indirekt verändern – oder zumindest die Menschen und Institutionen, mit denen sie verbunden sind. Im Prinzip ist diese Idee gut, und Collins hätte sie in die Praxis umsetzen können. Aber damit die treue Präsenz wirksam ist, muss die Treue mindestens so wichtig sein wie die Präsenz. Das scheint hier nicht der Fall zu sein.

Das Problem mit dem Ansatz von Noll und Marsden wie auch mit Hunters verwandtem Konzept der treuen Präsenz besteht darin, dass die moderne intellektuelle Kultur nie interessiert war an einer moralisch neutralen Praxis der Weiterentwicklung der Regeln der intellektuellen Forschung und Debatte. Die führenden Köpfe der Aufklärung und ihre intellektuellen Nachfahren haben mehr oder weniger bewusst daran gearbeitet, den moralischen Einfluss des orthodoxen Christentums anzugreifen.

In Revelation and Reconciliation (Offenbarung und Versöhnung) warnt uns Stephen Williams davor, die Moderne beim Wort zu nehmen: Obwohl die “erkenntnistheoretische Herausforderung des Christentums ernst genommen werden muss”, dürfen wir nicht vergessen, “dass sie auf einen grundlegenden Widerstand gegen die Botschaft der Versöhnung aufgepfropft ist.” Die Aufklärung rebellierte nicht nur gegen die alten Denkweisen über das Wissen, sondern auch gegen die moralischen Lehren des Christentums. Der Mainstream des modernen Denkens hat die Lehren von der Sündhaftigkeit des Menschen und der Sühne Christi als unvereinbar mit der menschlichen Autonomie und Freiheit angesehen. Dieser moralische und politische Einwand gegen das Christentum ist das beherrschende Motiv der heutigen kultivierten Verächter. Anders als die Grundregeln der Wissenschaft kann der Einwand, das Christentum fördere Unterwürfigkeit, Ungerechtigkeit und Hass, von Christen nicht akzeptiert werden. Die Vernunft ist mit dem Glauben vereinbar aber steht derDemut vor Gott und Gehorsam gegenüber seinen Geboten entgegen.

Letztes Jahr habe ich am Grove City College einen Kurs über historische Methoden gehalten. Einer unserer Texte war Marsdens The Outrageous Idea of Christian Scholarship. Die Reaktion der Studenten auf das Buch war beeindruckend. Obwohl sie Marsden für einen nachdenklichen und engagierten Autor hielten, waren sie der Meinung, dass sein Argument – dass Christen einen Platz am Tisch der akademischen Welt finden könnten, wenn sie gute Gelehrte seien und ihre Kollegen mit Respekt behandelten – im heutigen Kontext nicht überzeugend ist. Kein Student glaubt heute, dass ein Professor einer Forschungsuniversität, der höflich und respektvoll zu einem schwulen Kollegen ist, auch seine Einwände gegen die Homo-Ehe äußern darf. So funktioniert das System nicht mehr.

Meine Studenten können die Realität sehr genau einschätzen. Die kultivierten Verächter des Christentums von heute halten dessen Lehren nicht für intellektuell unplausibel, sondern für moralisch verwerflich. Und das war schon immer zumindest teilweise der Fall. Das war der Punkt, den Noll und Marsden übersehen haben – auch wenn er in den neunziger Jahren am Wheaton College oder an der Universität von Notre Dame vielleicht nicht so offensichtlich war wie heute fast überall im Hochschulbereich. Unsere postmoderne Welt sieht alle Wahrheitsansprüche als Machtansprüche, alle unverrückbaren Denkkategorien als manipulativ an – und die Aufgabe der akademischen Welt ist es, die Studenten dazu zu erziehen. Eine solche Welt lehnt per definitionem jede Vorstellung ab, dass wissenschaftliche Denkweisen, Annahmen und Methoden von moralischen Überzeugungen und Ergebnissen getrennt werden können. Der Hauptgrund, warum das orthodoxe Christentum heute verachtet wird, ist die Nichtanpassung an die neuen Orthodoxien in Bezug auf Rasse, Moral, sexuelle Orientierung und Geschlechtsidentität. Diese postmodernen Lehren beruhen auf kulturellen Theorien, die dem Christentum nicht gerecht werden können, gerade weil sie die heutige akademische Weigerung, alternative Ansprüche zu diskutieren und abzuwägen, verfestigen. Wer sich der kritischen Rassentheorie oder der Gender-Theorie widersetzt, nimmt eine moralische Position ein, die von den Wichtigtuern der Kultur von vornherein als unmoralisch angesehen wird. Die kleinste Andeutung von Opposition disqualifiziert einen von der Aufnahme in die feine Gesellschaft.

Hier ist das Problem: In christlichen Kreisen, insbesondere in den Leitungsebenen und den damit verbundenen Institutionen, ist der Wunsch, die kultivierten Verächter der Religion zu besänftigen, zu einer mächtigen Kraft geworden. Wie Schleiermacher glauben diejenigen, die an dieser Vision festhalten, dass eine erfolgreiche Strategie darin besteht, Schulter an Schulter mit den Verächtern zu stehen. Das bedeutet nicht mehr nur, dass man sich an die Regeln des akademischen Diskurses hält, wie es Noll und Marsden wohlüberlegt getan haben. Es bedeutet, die woke Empörung zu teilen. Und es bedeutet, wo immer möglich, die Schuld für das Versagen des Christentums, elitären Standards zu genügen, anderen Christen zuzuschieben, typischerweise denen, die politisch rechts von den “guten Christen” stehen und die wirtschaftlich und gesellschaftlich unter ihnen stehen. Leider hat das schleiermacher‘sche Bestreben, die kultivierten Verächter zu beschwichtigen, die menckenitische Tendenz verstärkt, die “fundamentalistischen” Massen zu verhöhnen. Die Spaltung in der amerikanischen Gesellschaft zwischen den gebildeten Menschen, die relevant sind, und den “ungebildeten” Menschen, die nicht relevant sind, zeigt sich genau dort, wo sie niemals zu finden sein sollte: in der Gemeinschaft der christlichen Gläubigen.

In diesem Zusammenhang war die militante Unterstützung der evangelikalen Basis für das Phänomen Trump paradoxerweise ein Geschenk an die evangelikalen Eliten. Für die evangelikalen Führer war es nur zu einfach, das simplifizierte progressive Narrativ zu übernehmen: Jeder einzelne Trump-Wähler ist ein ignoranter Fanatiker und, wenn er sich zum Christentum bekennt, auch ein Heuchler. Der Gedanke, dass nicht alle, die für Trump gestimmt haben, dies mit Begeisterung taten, hatte keinen Platz in der Interpretation der säkularen Elite von 2016; und er passte auch nicht in das therapeutische Narrativ, das von vielen Anti-Trump-Christen übernommen wurde. Zuzugeben, dass Trumps Sieg kein Produkt des weißen christlichen Nationalismus oder eines ähnlich simplen Konstrukts war, hätte ein schmerzhaftes Maß an Gewissensprüfung und Selbstkritik seitens der leitenden Schichten der Gesellschaft im Allgemeinen und des Christentums im Besonderen erfordert. Und das machte die beiden extremen Lager, Trump und Anti-Trump, ähnlich in ihrer moralischen Klarheit, mit der jedes glaubte, seine Gegner zu verstehen. Rhetorisch gesehen war die Sprache vieler prominenter Persönlichkeiten auf beiden Seiten extrem bösartig und mit dem christlichen Anstand unvereinbar. Dennoch erhoben beide Seiten ohne zu zögern Anschuldigungen, weil ihre Gegner (für sie) offensichtlich böse waren. Geschichten darüber, wie führende #NeverTrumper litten wie Shakespeare’sche tragische Helden unter den Händen des Trump’schen Twitter-Mobs, verdienen eine ebensolche Shakespeare’sche Antwort: Eine Plage über eure beiden Häuser!

Nach Trump hat sich die politische Landschaft verschoben, aber das Spiel ist das gleiche. Die moralischen Sorgen des säkularen, progressiven Amerikas konzentrieren sich jetzt auf zwei grundlegende Themen: Rasse und LGBTQ+-Rechte. Christliche Leiter, die sich zur Orthodoxie bekennen, können die Rechte von Homosexuellen, etwa in Form des Gleichstellungsgesetzes, nicht unterstützen. Es ist daher nicht überraschend, dass die Mitglieder des christlichen Establishments in Fragen der Rasse so viel Empörung äußern. Dieses Thema bietet den christlichen Leitern die perfekte Gelegenheit, sich (ausnahmsweise) auf die “gute” Seite einer moralischen Debatte zu stellen, die in der breiteren Gesellschaft für Aufruhr sorgt, und sich damit auf die Seite der kultivierten Verächter zu stellen. Außerdem kann die ältere Generation der jungen Generation versichern, dass die Kirche kein Hort reaktionärer Fanatiker ist, wie ihre säkularen Altersgenossen glauben machen wollen. Und angesichts des amerikanischen Erbes von Sklaverei und Rassentrennung bietet die Rassenfrage reichlich Gelegenheit für die öffentliche Zurschaustellung von Selbstverachtung und Schamgefühlen, also für Akte der Sühne, die das progressive Amerika fördert und genießt.

Dennoch agieren führende antirassistische Christen innerhalb der von den kulturellen Progressiven gesetzten Parameter. Polizeieinsätze im Jahr 2018 waren für den Tod von weniger als dreihundert Afroamerikanern verantwortlich, während im selben Jahr mehr als 117.000 afroamerikanische Babys abgetrieben wurden. Man sollte meinen, dass dieser extreme Unterschied (390 zu eins) die Abtreibung in den Mittelpunkt der christlichen Rassismuskritik rücken würde. Doch in den unzähligen Meinungsbeiträgen und Blogposts über George Floyd und die kritische Rassentheorie, die im Jahr 2020 die christlichen Internetseiten des Establishments beherrschten, wurde das Thema Abtreibung erstaunlich selten erwähnt. Das ist nicht überraschend: Die Verurteilung der Abtreibung wäre nicht nach dem Geschmack der kultivierten Verächter gewesen.

Lassen Sie es mich unverblümt sagen: Mit empörter Stimme über Rassismus innerhalb der von der “Woke Culture” gesetzten Grenzen zu sprechen, ist ein ausgezeichneter Weg, um nicht über die dringenden moralischen Fragen zu sprechen, bei denen sich Christentum und Kultur gegenüberstehen: LGBTQ+-Rechte und Abtreibung. Selbst Schleiermacher würde zusammenzucken. Die christlichen Eliten versuchen, die säkulare Welt davon zu überzeugen, dass sie gar nicht so schlecht sind – nicht mehr im Sinne der aufklärerischen Vorstellungen von Vernunft, sondern im Sinne der durcheinandergeratenen moralischen Voreingenommenheiten unserer Zeit.

Trotz all seiner Brillanz hat Schleiermacher wenig dazu beigetragen, die kulturelle Verachtung des Christentums durch die Elite zu mildern oder die christliche Orthodoxie für künftige Generationen zu bewahren. Er hat zu viel preisgegeben und übersah, dass das Christentum nicht nur wegen seiner lehrmäßigen Inhalte verachtet wird, sondern auch wegen seiner moralischen Lehren. Ich vermute, dass sich das gleiche Prinzip auch heute bestätigen wird: Diejenigen, die eine selektive Solidarität mit unseren kultivierten Verächtern über die woken Fixierungen unserer Zeit suchen, werden feststellen, dass ihre Strategie von Natur aus instabil ist. Wir können uns unsere moralischen Prioritäten nicht aussuchen. Das christliche Evangelium ist in erster Linie ein Urteil über diese Welt, nicht eine selektive Bejahung im Dienste der Gewinnung von Freunden und der Beeinflussung von Menschen.

Christen sollten nicht erwarten, von der Welt warmherzig umarmt zu werden. Sie sollten nicht einmal erwarten, toleriert zu werden. In Johannes 15 sagt Christus zu seinen Jüngern:

Wenn die Welt euch hasst, dann wisst, dass sie mich gehasst hat, bevor sie euch gehasst hat. Wenn ihr von der Welt wärt, würde die Welt euch lieben wie ihre eigenen Leute; weil ihr aber nicht von der Welt seid, sondern ich euch aus der Welt erwählt habe, darum hasst euch die Welt.

Auf die Worte Jesu zu hören, ist keine Entschuldigung für schlampige Forschung und auch keine Entschuldigung für Gleichgültigkeit gegenüber Ungerechtigkeit und Bösem. Es ist auch keine Rechtfertigung dafür, diejenigen, mit denen wir nicht einverstanden sind, mit Verachtung zu behandeln. Christen, die sich verachtenswert verhalten, sollten sich nicht beschweren, wenn sie verachtet werden. Aber die Warnung Jesu erinnert uns auf jeden Fall daran, dass wir unseren kulturellen Verächtern nicht glauben müssen; noch weniger sollten wir uns auf ihre Seite gegen diejenigen stellen, die tatsächlich unseren Glauben teilen. Das Christentum sagt der Welt, was sie nicht hören will. Wir sollten nicht erwarten, von denen umarmt zu werden, deren Gedanken und Taten den Wahrheiten unseres Glaubens widersprechen. Wir sollten auch nicht versuchen, unseren Glauben schmackhafter zu machen, sonst verliert das Salz seinen Geschmack. Sich den Forderungen der Welt anzupassen ist ein Irrweg, wie jeder wissen sollte, der Schleiermacher liest.

Carl R. Trueman ist Professor für Bibel- und Religionswissenschaften am Grove City College und Mitglied am Ethics and Public Policy Center

Der Artikel erschien in der November 2021 Ausgabe der Zeitschrift FirstThings. Übersetzt von Markus Till. Übersetzung und Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung von FirstThings.


 

[1] The Christian Century ist eine progressive, ökumenische Zeitschrift mit Sitz in Chicago. The Century setzt sich mit der Frage auseinander, was es bedeutet, den christlichen Glauben in unserer Zeit zu glauben und zu leben, und engagiert sich für kritisches Denken und ein Leben im Glauben.

[2] Hier spielt Trueman auf Rod Drehers Buch ein. Rod Dreher setzt sich in seinem Buch weniger auf einen lautstarken evangelikalen politischen Protest, als für eine konsequente Gründung kleiner christlicher Zentren ein, um die innere Struktur von Gemeinden bzw. christlichen Vereinigungen zu stärken.

[3] Carl Trueman selbst hat 2011 bereits ein Werk veröffentlicht, dass sich mit Nolls Thesen auseinandersetzt. Truemans Werk ist unter dem Titel The real Scandal of the evangelical Mind erschienen.

 

 

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