Natürlich solltest du der Bibel ein Theologisches System „Überstülpen“…

…du musst nur sicher sein, dass es biblisch ist

Ein Artikel von Justin Dillehay, der am 28.10.2020 unter dem  Titel Yes, You Should ‘Impose’ a Theological System on the Bible (Just Be Sure It’s a Biblical One)” auf thegospelcoalition.org erschienen ist. Übersetzt von Viktor Zander, mit freundlicher Genehmigung von The Gospel Coalition. (Download als .pdf)

„Wie kannst du nur an Heilsgewissheit glauben? Hast du Hebräer 6 nicht gelesen?! Es ist doch ziemlich klar, dass es möglich ist, die himmlische Gabe zu schmecken und Anteil am Heiligen Geist zu haben, und dann ohne Hoffnung auf Erneuerung abzufallen. Es wäre so viel leichter, wenn du einfach nur der Bibel glauben würdest, anstatt sie in ein theologisches System hineinzupressen.“

Solche Gespräche habe ich schon einige Male geführt. Tatsächlich habe ich gerade bei diesem Thema beide Seiten vertreten. Früher habe ich diesen Einwand gemacht, später wurde er mir entgegengebracht. Es ist nicht unüblich, Christen folgendes sagen zu hören: „Ich habe keine Theologie. Ich glaube einfach nur der Bibel.“

Aber diese Aussage zeigt ein Missverständnis hinsichtlich Theologie – zumindest guter Theologie. Sie setzt voraus, dass Menschen, die nicht mit deiner Auslegung übereinstimmen, ihre Bibel nicht sorgfältig genug gelesen haben müssen. Sie setzt auch voraus, dass man theologisches System-Denken zugunsten eines reinen Biblizismus vermeiden kann, obwohl das tatsächlich gar nicht geht. Lass uns also einen Moment darüber nachdenken, wie Theologie funktioniert und wie man sie auf ehrliche Weise ausüben kann. Wir verwenden dafür das Thema Heilsgewissheit als Testfall.

Wo gute Theologie anfängt

Gute Theologie fängt nicht an, indem man ein System erschafft und dann die Bibel hineinzwängt. Gute Theologie beginnt dort, wo man auf Gottes Wort hört – indem man sich sorgfältig und im Gebet an den Text selbst wendet. Wenn du das tust, dann wirst du erkennen, dass sich nicht alles in der Schrift gleich anhört. Es gibt Abschnitte (wie Hebräer 6), die anscheinend sagen, Heilige können abfallen. Und es gibt andere (wie Römer 8), die anscheinend sagen, Heilige können für alle Ewigkeit ihres Heils gewiss sein. Weil sich gute Theologie an die Schrift als Gottes Wort wendet, vertraut sie drauf, dass es irgendeine zugrundeliegende Einheitlichkeit für beide Arten von Abschnitten geben muss.

Und an dieser Stelle kommt der Aufbau theologischer Systeme ins Spiel. Theologische Systeme sollten nicht etwas sein, was wir an die Schrift herantragen (zumindest nicht von Anfang an), sondern etwas, was wir aus der Schrift schöpfen. Wir errichten theologische Systeme, wenn wir versuchen zu verstehen, wie Hebräer 6 mit Römer 8 zusammenpasst. Sie sind unser Versuch, das ganze Wort Gottes zu bejahen, anstatt nur unseren Lieblingsstellen den Vorzug zu geben.

Der britische Theologe Stephen Holmes hat es einmal so gesagt: „Theologie ist, wenn man den Versuch unternimmt, sich etwas vorzustellen, was immer zutreffend ist, damit alles in der Bibel wahr sein kann.“ (Das umfasst Vorstellungen, die in der Schrift vorausgesetzt werden oder „zwingend enthalten“ sind, ohne dass sie explizit erwähnt werden.) In anderen Worten: Gute Theologie vertraut darauf, dass Gottes Wort in sich stimmig ist. Warum denn sonst sollte man nicht einfach die Schlussfolgerung ziehen, dass der Schreiber des Hebräerbriefs glaubte, wir können unsere Errettung verlieren, und Paulus eben nicht?

Bevor wir jedoch eine Lösung formulieren können, müssen wir ehrlich anerkennen, dass die Schrift beide Arten von Texten enthält. Viele Streitgespräche zwischen Calvinisten und Arminianern wären sehr viel weniger hitzig, wenn beide Seiten einfach nur anerkennen würden, dass die Bibel Abschnitte enthält, deren Erklärung der Gegenseite leichter fällt.

Die Vorgehensweise guter Theologie

Theologie ist also unvermeidlich. Und wenn du glaubst, die Bibel sei in sich stimmig, dann wirst du geduldig nach einer Auslegung dieses Textes suchen, die mit jenem Text im Einklang steht.

Die Herausforderung liegt darin, ein System zu entwickeln, das an sich biblisch ist. Weil wir, wenn wir der Bibel ein unbiblisches System überstülpen, an einem Punkt landen werden, an dem wir Verse, die „nicht passen“, verzerren oder verdrehen. Ein unbiblisches System wird „Problemtexte“ zum Schweigen bringen, während ein biblisches System jedem Text erlauben wird, mit seiner eigenen, unverwechselbaren Stimme zu sprechen – und ihn gleichzeitig davor bewahren, andere biblische Wahrheiten zum Schweigen zu bringen. Stimmen können harmonisieren, ohne sich dafür exakt gleich anhören zu müssen.

Ich möchte die Analogie ein wenig verfeinern: Texte sind wie Werkzeuge. Es gibt keinen Widerspruch zwischen einem Hammer und einem Schraubenzieher, sie sind einfach nur dazu bestimmt, unterschiedliche Dinge zu tun. Manche Texte sind zum Trost bestimmt, andere wiederum zur Ermahnung – und sie sollten als das gelesen werden, was sie sind. Der Leser, der die Schlussfolgerung zieht, dass Römer 8 Heilsgewissheit lehrt, kann trotzdem anerkennen, dass Hebräer 6 und ähnliche Abschnitte die Notwendigkeit des Ausharrens lehren und dass wir es nötig haben, darauf zu achten, dass wir nicht fallen (1Kor 10,12).

Eine weitere Herausforderung liegt darin, dass Glaubensgrundsätze ein miteinander verbundenes Netz sind. Heilsgewissheit ist verbunden damit, wie jemand die Souveränität Gottes sieht. Ein Christ, der bei der Frage, ob Hebräer 6 der Heilsgewissheit widerspricht, nicht einer Meinung mit dir ist, wird gewöhnlich jemand sein, der in Bezug auf die Souveränität Gottes und auf den freien Willen des Menschen zu unterschiedlichen Schlussfolgerungen gekommen ist (oder in dieser Hinsicht unterschiedliche Vorannahmen hat). Anstatt also mit der Aussage „Du sagst das nur, weil du Arminianer/Calvinist bist“ zum Angriff überzugehen, wäre es ehrlicher, die tiefer liegenden Unstimmigkeiten zu erkennen und diese anzusprechen.

Wie kommt man zu theologischen Schlussfolgerungen?

Ehrliche Calvinisten und Arminianer sollten also gerne anerkennen, dass die Schrift Verse enthält, welche anscheinend die Gegenseite stützen. Aber die Frage, die sich jeder stellen muss, lautet: „Welche Verse sind klarer und weniger offen für andere Auslegungen?“ Irgendwann muss jeder Ausleger entscheiden, dass dieser Abschnitt so klar ist, dass er nichts anderes bedeuten kann, und daher Abschnitte, die anscheinend etwas anderes aussagen, im Lichte dieser Stelle ausgelegt werden müssen. Das ist das zeitlose Prinzip „Die Schrift soll mit der Schrift ausgelegt werden“ und es erlaubt klareren Abschnitten, die eher unklaren auszulegen.

Ich gebe zu, dass das immer dann nicht einfach ist, wenn Menschen anderer Meinung darüber sind, welche Verse klarer sind. Aber bei der Frage der Heilsgewissheit habe ich irgendwann die Schlussfolgerung gezogen, dass Abschnitte wie Römer 8,28-30, Johannes 6,37-40 und 1. Johannes 2,19 gewichtiger sind als Hebräer 6. Und zwar hauptsächlich deswegen, weil sie alle eine strukturierte Argumentation umfassen. Diese Texte machen nicht einfach allgemeine Beobachtungen – sie stellen eine Behauptung auf und untermauern diese mit Begründungen. Manche Auslegungen werden dadurch ausgeschlossen, weil sie genau die Argumentation zunichtemachen, die der Autor zu führen versucht.

Betrachten wir zum Beispiel 1. Johannes 2,19. Hier die Argumentation von Johannes in logischer Reihenfolge:

Behauptung: „Von uns sind sie ausgegangen, aber sie waren nicht von uns …“

Begründung: „… denn wenn sie von uns gewesen wären, würden sie wohl bei uns geblieben sein, …“

Schlussfolgerung: „… aber sie blieben nicht, damit sie offenbar würden, dass sie alle nicht von uns sind.“

Hier nun der Grund, warum dieser Vers für mich als Arminianer zum Problem wurde, und wie es dazu kam, dass er für mich den Ausschlag pro Heilsgewissheit gab: Die Begründung, die Johannes gibt, um seine Behauptung zu untermauern, hätte ich so nicht geben können. Warum nicht? Weil die zentrale Behauptung meiner arminianischen Sichtweise wie folgt lautete: Man kann wirklich „von uns“ sein, ohne „bei uns“ zu bleiben. Meine Sichtweise des freien Willens bedeutete, dass es keine Garantie dafür gab, dass wahre Gläubige bis zum Ende im Glauben bleiben würden. Aber eine solche Behauptung macht die komplette Argumentation des Johannes zunichte, die ausdrücklich zusagt, dass jene, die wirklich „von uns“ sind, auch „bei uns“ bleiben werden.

In diesem Sinne gibt es zwei gute Fragen: „Hätte der Schreiber das gesagt, wenn er mit meiner Theologie übereinstimmen würde?“ und „Was müsste die Bibel sagen, um meine Sichtweise zu widerlegen?“

Kurz gesagt: Nicht alle Texte sind gleichermaßen klar, aber manche sind klar genug, um den Ausschlag zu geben. Ebenso wie eine Mausefalle nicht reduzierbar komplex ist (man kann keines ihrer Teile weglassen, ohne ihre Funktion zu zerstören), so sind auch einige Abschnitte der Schrift nicht reduzierbar komplex (man kann ihre Teile nicht unterschiedlich auslegen, ohne ihre Argumentation zunichtezumachen). Und dieser Art von Abschnitten muss die höchste Gewichtung zukommen, wenn man ein theologisches System errichtet.

Baue weiter

Ich habe oben schon gesagt, dass theologische Systeme etwas sind, was wir aus der Schrift schöpfen sollten, anstatt sie der Schrift überzustülpen. Wenn du aber die Schlussfolgerung gezogen hast, dass 1. Johannes 2,19 beim Thema Heilsgewissheit entscheidend ist, dann ist es vollkommen berechtigt, dieser Stelle zu gestatten, die Auslegung anderer Abschnitte zu bestimmen. Tatsächlich wäre es falsch, wenn du es nicht tun würdest. Und zwar weil du an diesem Punkt entschieden hast, dass 1. Johannes 2,19 endgültig genug ist, um die Heilsgewissheit in deiner Theologie als nicht verhandelbar zu verankern.

Das bedeutet natürlich nicht, dass du diese Frage im Lichte zukünftigen Bibelstudiums niemals neu bedenken darfst. Wir sollten immer offen sein für die Möglichkeit, dass wir vielleicht falsch liegen! Wir sind schließlich keine unfehlbaren Ausleger. Aber manche Glaubensgrundsätze sind sehr viel zentraler als andere, und nicht jede Schlussfolgerung sollte einfach so verändert werden. Gib dich bis dahin damit zufrieden, gewisse theologische Schlussfolgerungen als „funktional nicht verhandelbar“ zu sehen, wie Don Carson das ausdrückt. Vielleicht nicht in Stein gemeißelt, aber sorgfältig aufgebaut und nicht so einfach aufzulösen.

Wir alle sind Theologen, ob wir wollen oder nicht. Aber mit Gottes Hilfe können wir lernen, ehrliche Theologen zu werden.

 

Justin Dillehay (MDiv, The Southern Baptist Theological Seminary) ist Pastor der Grace Baptist Church in Hartsville, Tennessee, wo er mit seiner Frau Tilly und seinen Kindern Norah, Agnes und Henry lebt. Er ist Teil des Redaktions-Teams bei The Gospel Coalition.

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