Was ist ein Götze?

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Im Gespräch mit John Piper:

Willkommen im Jahr 2022 und zur ersten Episode in unserem zehnten Podcasting-Jahr. Unglaublich! Ich hätte nicht gedacht, dass wir damit etwas beginnen, das ein ganzes Jahrzehnt überdauert. Da wären wir, Pastor John. Das Jahr beginnt ausgerechnet mit einer Frage über Götzendienst. Es ist eine gute Frage.

„Hallo Pastor John, was genau ist ein Götze? Christen benutzen ständig diesen Begriff, insbesondere in Predigten. Also greife ich zu meiner Bibel. Dort stelle ich fest, dass Götzen Statuen oder Figuren „aus Gold und Silber, aus Bronze, Eisen, Holz und Stein“ waren, vor denen sich die Menschen verneigten (Daniel 5,4). Manchmal scheint es, dass Götzen Talisman-ähnliche Gegenstände waren, um Unheil abzuwehren – Schmuckstücke in Form von goldenen Klumpen oder goldenen Mäusen. Dabei denke ich an 1. Samuel 5,6-7,2. Aber die Götzen von heute sind ganz anders. Es scheinen Begierden des Herzens nach Geld, Sex, Macht und ähnlichen Dingen zu sein. Wie ist es dazu gekommen? Götzen waren früher geschnitzte Dinge; jetzt sind es Begierden des Herzens. Ich verstehe den Zusammenhang zwischen Statuen und Herzensgötzen nicht. Wenn ich mir die alttestamentlichen Götzen anschaue, verstehe ich diese auch nicht wirklich. Können Sie beide Formen von Götzendienst erklären und wie sie zusammenhängen?“

Nun  ich will es versuchen. Beginnen wir mit der Definition. Ich denke, um alle Fälle abzudecken, sollten wir einen Götzen definieren- ich hoffe, hiermit eine biblische Definition zu geben: Ein Götze ist alles, worauf wir uns verlassen, um Segen, Hilfe oder Führung zu erhalten, statt, dass wir dem wahren und lebendigen Gott uneingeschränkt vertrauen. Das wäre meine Arbeitsdefinition des Begriffes „Götze“. Wir sehen also, dass dies zum Beispiel eine Hasenpfote in der Tasche, das Bild eines Heiligen an der Wand, eine Reliquie aus einem heiligen Schrein auf dem Kaminsims, die offensiveren Darstellungen aus hinduistischen oder buddhistischen Tempeln oder das goldene Kalb, das Aaron machte, als Mose auf dem Berg war.

Was all diese Dinge zu Götzen macht, ist, dass wir uns nicht von ganzem Herzen auf den wahren und lebendigen Gott durch Jesus Christus verlassen, sondern auf die Hasenpfote, die Reliquie oder das Bild schauen, um besonderen Schutz, Segen, Führung oder Hilfe zu erwarten. Wir glauben nicht, dass wir all das bekommen können, indem wir allein auf Gott blicken.

Die Anatomie eines Götzen

Unser Freund, der diese Frage gestellt hat, hat meines Erachtens Recht. Das Wort Götze steht in der Bibel einheitlich für einen konkreten Gegenstand aus der Natur oder, noch häufiger, für einen von Menschenhand gefertigten Gegenstand. Man findet das Wort Götzendienst nicht im Zusammenhang mit übermäßiger Liebe zu seiner Frau, seinem Besitz, seinem Geld oder Geldbeutel. Ich denke, er hat also Recht, dass in der Bibel der Fokus eindeutig auf einem von Menschenhand gemachtem Gegenstand oder auf etwas aus der Natur liegt und nicht auf dieser starken Sehnsucht und dem starken Verlangen nach Dingen.

Das verbirgt sich korrekterweise hinter dem zweiten Gebot:

Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen, weder von dem, was oben im Himmel, noch von dem, was unten auf Erden, noch von dem, was im Wasser unter der Erde ist: Bete sie nicht an und diene ihnen nicht! Denn ich, der HERR, dein Gott, bin ein eifernder Gott. (2. Mose 20,4-5)

Mit anderen Worten: Gott ist so eifersüchtig auf unsere unmittelbare, persönliche Abhängigkeit, unsere Ehrfurcht und unsere Verehrung, dass er nicht nur Konkurrenz durch  sogenannte Götter missbilligt, die durch Götzen dargestellt werden, sondern auch die Erschaffung von Bildern, die ihn repräsentieren sollen – nicht nur falsche Götter, die durch Statuen dargestellt werden, sondern auch von Menschenhand gemachte Gegenstände, die ihn selbst darstellen und auf die wir schauen. Ich denke, wenn wir uns fragen, warum – also: warum ist er so eifersüchtig auf diese unmittelbare, persönliche Abhängigkeit, auf Ehrfurcht und Verehrung? – dann findet sich ein Teil der Antwort in Psalm 96,5: „Denn alle Götter der Völker sind Götzen; aber der HERR hat den Himmel gemacht.“

Anders ausgedrückt: Eines der Probleme von Götzen ist, dass sie der Transzendenz Gottes als Schöpfer widersprechen. Jede Darstellung von Gott, die von Menschenhand gemacht wurde, führt zu einem falschen Verständnis von der Transzendenz Gottes. Es vermittelt den Eindruck, ja stellt sogar die Behauptung auf, dass Gott irgendwie in unserer Macht stünde. Wir können ihn schnitzen, malen, ihn in unsere Hosentasche stecken oder ihn auf unser Regal stellen. Und so sagt der Psalmist: „Nein! Der HERR hat den Himmel gemacht.“ Mit anderen Worten: Er ist absolut transzendent und man kann ihn nicht schnitzen oder sonst in irgendeiner Weise kontrollieren.

Ich denke, einen weiteren Grund dafür, warum Gott so abgeneigt gegenüber Götzen ist (sowohl sogenannten Göttern als auch Darstellungen seiner selbst), finden wir in
Psalm 115,4-8:

Ihre Götzen aber sind Silber und Gold,
von Menschenhänden gemacht.
Sie haben einen Mund und reden nicht,
sie haben Augen und sehen nicht,
sie haben Ohren und hören nicht,

sie haben Nasen und riechen nicht,
sie haben Hände und greifen nicht,
Füße haben sie und gehen nicht,
und kein Laut kommt aus ihrer Kehle.
Die solche Götzen machen, werden ihnen gleich,
alle, die auf sie vertrauen.
(Psalm 115,4-8)

Mit anderen Worten: Die Darstellungen verfälschen nicht nur das Wesen Gottes, sie zerstören auch das Wesen des Menschen. Sie verwandeln die Menschen in hirnlose, kraftlose Klumpen von geistlosem Fleisch. Wir werden wie diese Statuen. Die Nichtigkeit der Götzen macht den Menschen zum Nichts.

Austausch der Herrlichkeit Gottes durch Bilder

So, nun kommen wir zu der Frage unseres Freundes. Okay, wenn es das ist, was die Bibel als Götzen bezeichnet, dann sind die „Götzen von heute“, wie er sagt, „ganz anders. Es scheinen Begierden des Herzens nach Geld, Sex, Macht und ähnlichen Dingen zu sein. Wie ist es dazu gekommen? Götzen waren früher geschnitzte Dinge; jetzt sind es Begierden des Herzens.“

Und ich sage, „Sehr gute Frage.“ Wie ist es dazu gekommen? Erstens würde ich sagen, dass diese andere Fokussierung bei der Definition von Götzendienst der Tatsache geschuldet ist, dass wir im Westen leben, in Kulturen, in denen die Verwendung von Bildern für die religiöse Anbetung weniger üblich ist als in manch anderen Kulturen. Es stellt sich also die Frage: Haben diese biblischen Lehren über Götzendienst irgendeine Bedeutung für diejenigen von uns, die in Kulturen leben, wo der Gebrauch von Statuen, vor denen sich die Menschen tatsächlich niederknien und sie anbeten, weniger üblich ist? Sind diese Lehren überhaupt relevant?

Die Antwort lautet: Ja. Ich glaube nicht, dass die Verwendung des Begriffs Götzendienst für die gottverachtende Liebe zu Geld, Sex und Macht ein falscher Gebrauch des Begriffs Götzendienst ist, wenn man sich genauer mit dem auseinandersetzt, was in der Bibel wirklich mit einem Götzen einhergeht. Im Folgenden sind ein paar neutestamentliche Hinweise in diese Richtung, um zu zeigen, warum es meiner Meinung nach in Ordnung ist, den Begriff Götzendienst so zu verwenden, wie er sagt, dass moderne Leute dazu neigen, ihn zu verwenden.

Die erste Stelle, Römer 1,21-23, bezieht sich auf Menschen, die keine direkte Kenntnis des Evangeliums haben. Aber sie haben eine allgemeine Offenbarung in der Natur, so dass sie Gott auf diese Weise erkennen können und dafür verantwortet werden, ihn zu ehren und ihm zu danken. Dort heißt es:

Denn obwohl sie von Gott wussten, haben sie ihn nicht als Gott gepriesen noch    ihm gedankt, sondern sind dem Nichtigen verfallen in ihren Gedanken, und ihr unverständiges Herz ist verfinstert. Die sich für Weise hielten, sind zu Narren geworden und haben die Herrlichkeit des unvergänglichen Gottes vertauscht mit einem Bild gleich dem eines vergänglichen Menschen und der Vögel und der  vierfüßigen und der kriechenden Tiere.

Nun, ich denke dieser Text weist auf den Kern des Problems hinter der äußerlichen Form von Götzendienst hin, nämlich, dass wir die Herrlichkeit Gottes mit Bildern vertauschen. Die erste Art von Bildern, die Paulus erwähnt, sind Bilder, die dem Menschen ähneln und ich glaube es ist nicht übertrieben zu sagen, dass das vorrangige Menschenbild, das Gott zu ersetzen droht, das Bild ist, das wir im Spiegel sehen. Wir lieben die Selbstverherrlichung, die unsere Liebe zur Gottesverherrlichung ständig bedroht. Ich denke, es ist richtig, diesen Austausch als eine Form von Götzendienst zu bezeichnen.

Hütet Euch vor den Götzen

Zurück zu meiner allgemeinen Definition. Sie lautete: Ein Götze ist alles, worauf wir uns verlassen, um Segen, Hilfe oder Führung zu erhalten, anstelle eines uneingeschränkten Vertrauens auf den wahren und lebendigen Gott. Wenn wir nach dem Lob anderer Menschen lechzen, es lieben, davon abhängig sind, darauf vertrauen und damit unsere Selbstverherrlichung steigern, oder wenn wir uns nach mehr Geld, Macht, Sex, Familienleben, Produktivität oder sonst irgendetwas anderes neben Gott selbst sehnen und uns davon den größten Segen, Hilfe, Führung und Zufriedenheit erhoffen, dann tun wir im Grunde genau das, was der Götzendienst immer getan hat.

Ich möchte noch eine Stelle aus 1. Johannes 5,21 nennen. Es ist der allerletzte Vers des 1. Johannesbriefes und er lautet so: „Kinder, hütet euch vor den Götzen!“  Warum beendet Johannes seinen Brief auf diese Weise? Er hatte in dem ganzen Buch nicht ein einziges Mal von Götzen gesprochen. Er hat in seinem ganzen Evangelium nicht ein Mal auf Götzen hingewiesen. Aus heiterem Himmel kommt dieser Schlusssatz mit dem Wort Götze, welches normalerweise eine Statue von etwas bezeichnet, mit der wir Gott ersetzen. „Gebt euch nicht den Götzen hin; hütet euch vor den Götzen.“

Warum hat er seinen Brief also so beendet? Hier folgt mein abschließender Gedanke: Er sagte in 1. Johannes 2, 15-16: „Habt nicht lieb die Welt noch was in der Welt ist. Wenn jemand die Welt lieb hat, in dem ist nicht die Liebe des Vaters. Denn alles, was in der Welt ist, des Fleisches Lust und der Augen Lust und hoffärtiges Leben, ist nicht vom Vater, sondern von der Welt.“

Nun, der Apostel Johannes hatte vielleicht buchstäblich materielle Dinge im Sinn, als er sagte: “Hütet euch vor den Götzen.” Aber ich glaube, er denkt auch an das viel grundlegendere, tödliche Problem, dass alles auf der Welt, das sich als Konkurrenz zu unserer Liebe zu Gott erweist, ein Götze ist. Hütet euch also vor den Götzen – das heißt: Liebt Gott und alles, was er für uns durch Christus ist, mehr als alles andere.


Ein Artikel von John Piper, veröffentlicht am 03.01.2022: https://www.desiringgod.org/interviews/what-is-an-idol#exchanging-god-s-glory-for-images, Übersetzt von Monika Peters. Übersetzung und Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung von DesiringGod.org.

 

 

Ein Kommentar

  1. Hallo Sergej,
    vielen Dank für deinen Artikel. Gerade der von dir erwähnte Vers aus 1 Johannes 5,21 beschreibt die aktuelle Dringlichkeit. Was bewegt Johannes ausgerechnet diesen Satz als letzten Satz eines Briefes zu schreiben, wenn nicht die Wichtigkeit und der Wunsch das dieser auf jeden Fall in Erinnerung bleibt.
    Was ich aber anmerken möchte ist das immaterielle Götzen auch in der Bibel öfter erwähnt werden. Bsp.: Philipper 3,19 “…ihr Bauch ist ihr Gott…” (Genuss, maßloser Genuss, …),
    Epheser 5,5 “…Habsucht ist Götzendienst…”,
    oder auch Galater 2,16 “… Gesetzeswerke…” (Religion, …).
    Die Begierden des Herzens sind somit keine “modernen Götzen” sondern immer schon vorhanden, aber aktuell in den Vordergrund gerückt

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