Das am meisten vernachlässigte Gebot…

2.Mose 20,16: “Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten.”

… Ist für mich nicht das Sabbatgebot (bin ich ja kein Presbyterianer 🙂 ), sondern das Gebot von der Wahrhaftigkeit.

Ich glaube das dies in besonderer Weise für Menschen aus dem Ostblock gilt. Da finden sich einige sehr treffende Zitate von Solschenizyn dazu, z.B.: „In unserem Land ist die Lüge nicht nur zu einer moralischen Kategorie geworden, sondern zu einem Grundpfeiler des Staates.“ Oder, wahrscheinlich ein Klassiker, der Solschenizyn zugeschrieben wird, wobei ich die Quelle nicht einwandfrei überprüfen konnte (was ja nur die Notwendigkeit dieses Themas unterstreicht): “Wir wissen, sie lügen. Sie wissen, sie lügen. Sie wissen, dass wir wissen, sie lügen. Wir wissen, dass sie wissen, dass wir wissen, sie lügen. Und trotzdem lügen sie weiter. “

Auf der Suche nach einer Erklärung

Ich habe mich immer gefragt, warum eine Lüge in meiner Bubble als eine Bagatelle angesehen wird. Ja, das stimmt, dass Christen hier anders sind, aber nicht anders genug, wie mir nötig scheint, wenn man den Einen anbetet, der für sich beansprucht hat, DIE WAHRHEIT zu sein. Warum ist Lügen ein so derart typisches “Ost-Problem”? Ich habe nicht wirklich eine vollständig greifende Erklärung dafür: Natürlich ist hier die Regierungsform schon seit Jahrzehnten von Korruption, Diebstahl und Betrug durchzogen, aber das verschiebt die Frage ja nur auf eine weitere Ebene. Man braucht dann nur zu fragen: Warum ist diese Obrigkeit so lügenaffin? Ich würde vermuten, dass es mit der Abkehr vom Glauben in der Zeit (vor) der Oktoberrevolution zu tun hat. Seit dem ist ein gewisser Rechtsnihilismus an der Tagesordnung der Staaten unter Moskaus Fuchteln gewesen (was ja immerhin schon mehr als hundert Jahre her ist).

Aber selbst diese Erklärung reicht mir nicht aus. Den die russisch-zaristische Orthodoxie zeichnete sich auch vor 1917 nicht unbedingt durch ein Interesse an der Wahrheit aus. Man vergleiche nur, was Prokhanov in seiner Autobiographie “In the cauldron of russia” über diese Zeit berichtet.

Ich habe schlicht keine Erklärung für dieses Phänomen: Ich würde vermuten, dass selbst solche Analysen im Nebel der Unklarheit und Halblügen einfach “erwürgt werden. Das macht die Problembekämpfung aber umso dringender.

Ein paar Lösungsansätze

Dieser Artikel ist der Eröffnungsartikel für ein neues Schwerpunktthema, das meinen Blog mit Gottes Hilfe noch mehrfach in 2022 besuchen wird. Heute nur in aller Kürze einige Überlegungen, wie man entschieden einem Status Quo der Lüge entgegentreten kann.

1. Erkenne deinen Nächsten in der Wahrheit

Mich hat immer irritiert, dass das Gebot nicht heißt: “Du sollst nicht Lügen”, sondern ” du sollst kein Falsch Zeugnis gegenüber deinen Nächsten reden”. Das zog dieses Gesetzt entweder allzu sehr in rein juristische Angelegenheiten oder klang auch wie eine Abschwächung, da ja wohl nicht alle Lügen meinen Nächsten Betreffen. Erst beim Lesen des Heidelberger Katechismus ist mir hier aufgefallen, das genau unser Nächster der Grund für die Wahrheit ist.

Achtet auf den Wortlaut von Antwort 112: “Ich soll gegen niemanden falsches Zeugnis geben, niemandem seine Worte verdrehen, nicht hinter seinem Rücken reden und ihn nicht verleumden. Ich soll niemanden ungehört und leichtfertig verurteilen helfen und alles Lügen und Betrügen als Werke des Teufels bei Gottes schwerem Zorn vermeiden. Vor Gericht und in all meinem Tun soll ich die Wahrheit lieben, sie aufrichtig sagen und bekennen und auch meines Nächsten Ehre und guten Ruf nach Kräften retten und fördern.”  

Das hat mich zutiefst ermahnt und ist Material für einige Artikel. Im Umkehrschluss heißt das natürlich, dass wir wenig auf Wahrheit wert legen, wenn wir nicht auf den Nächsten blicken. Ist nicht hier der Kern für das “Ost-Problem” zu suchen, dass jeder nur sich selbst der Nächste ist/war? – Pinnochio ist ein elender Egoist!

2. Lese nicht zwischen den Zeilen

Das ist sicher mehr eine Methode im Kampf um die Wahrheit, aber die mir immer mehr hilft und immer besser gefällt: Ich habe die Gespräche mit einigen meiner Nächsten Revue passieren lassen und mir ist aufgefallen, dass ich nahezu überhaupt nicht mehr darauf geachtet habe (und mein Gesprächspartner auch), was gesagt wurde, sondern darauf, was nicht gesagt wurde. Und das, was “gemeint war” war häufig im Grunde das (vermeintliche) Gegenteil des Gesagten. In den letzten Wochen entscheide ich mich regelmäßig gegen dieses Zwischen den Zeilen lesen und Lese nur das Gesagte/Geschriebene. Es ist nicht so einfach hier ein Beispiel zu geben, aber eines sei gewagt: Bezüglich meiner Bloggertätigkeit höre ich sporadisch die Rückmeldung ob nicht “meine Gemeindeleitung etwas dagegen hätte”. Nun ermutigte mich die Gemeindeleitung aber mehrfach zu dieser Tätigkeit. Aber diese Antwort scheint die Fragesteller nicht ganz zu besänftigen. Der zweifelnde Gesichtsausdruck bringt auch mich zum Grübeln. Und ein paar Grübeleien ist man sich nicht sicher, ob das “Ja” der Gemeindeleitung eigentlich ein “verächtliches Nein” war. Aber auf dieses Kaffeesatzlesen kann ich doch nicht meine täglichen Handlungen stützen! Deswegen kämpfe ich darum, mich dieser Versuchung “die echte Wahrheit” zu verstehen, zu widersetzen.

3. Liebe die Wahrheit

Wenn Jesus die Wahrheit ist, und wir ihn lieben sollen, dann sollen wir auch die Wahrheit lieben. Das ist auch eine Entscheidung! Denn häufig sieht die Wahrheit nicht besonders liebenswürdig aus. Ja, in vielen Fällen wäre eine Lüge lukrativer (Vergleiche meinen Artikel hier).

Das bedeutet auch Hingabe, Fleiß, Arbeit. Die Erkenntnis einer Person ist um ein vielfaches schwieriger und vielfältiger, als die verstandesmäßige Erkenntnis z.B. einer physikalischen Formel oder eines wirtschaftlichen Zusammenhangs.

Aber diese Erkenntnis ist auch erfüllender. So erfüllend wie die Begegnung mit Jesus. Damit wären wir aber mitten drin im geistlichen Kampf. Mit den Worten Augustins:  “Durch deine Gebete (er meint seine Mutter Monica) – ich weiß es und bekenne es ohne Zögern – hat Gott mir einen Sinn gegeben die Entdeckung der Wahrheit über alle Dinge gestellt. So dass ich nichts mehr wünschte, noch über etwas anderes dachte noch etwas anderes liebte —- It is by your prayers—I know it and admit it without hesitation—that God has given me a mind to place the Discovery of Truth above all things, to wish for nothing else, to think of nothing else, to love nothing else.”(aus Peter Brown, Augustine of Hippo S. 110.)

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