Stellvertretende Sühne

Ein Artikel von Thomas Schreiner: Substitutionary Atonement. Übersetzung unter Creative Commons License with Attribution – ShareAlike (CC BY-SA 3.0US) Download als .pdf

Definition

Die Perspektive der Sühne als Straf-Stellvertretung (engl.: penal substitutionary atonement) hält fest, dass das zentrale Ereignis in der Sühne die Annahme der vollen Strafe, die wir für unsere Sünde verdienen, durch Jesus Christus an unserer Stelle ist und das alle anderen Vorzüge der Sühne ihren Anhaltspunkt in dieser Wahrheit finden.

Zusammenfassung

Alle Menschen benötigen einen Stellvertreter, weil alle als Sünder gegen einen heiligen Gott schuldig geworden sind. Jegliche Sünde verdient Bestrafung, weil jegliche Sünde eine persönliche Rebellion gegen Gott höchstpersönlich ist. Während die Tieropfer im Alten Testamentes die Schuld des Gottes Volkes übernommen haben, konnten die Opfer niemals vollständig für die Sünden der Menschen sühnen. Deswegen kam Jesus Christus und starb an Stelle seines Volkes (Stellvertretung) und nahm auf sich die volle Strafe, die sie verdient haben (Strafe). Auch wenn es andere Theorien über die Sühne gibt, die auf andere gültige Aspekte dessen hinweisen, was im Tode Christi geschah, bewahrt die Straf-Stellvertretung in der Kreuzigung dem Volk Gottes all die anderen Vorzüge, die dieses durch den Tod ihres Repräsentanten erfährt.

Die Straf-Stellvertretung ist der Anker für andere Wahrheiten über die Sühne, ob wir nun über Christus Victor, Christus als Beispiel, oder das Heil das aus der Sühne kommt, sprechen wollen. Straf-Stellvertretung bedeutet, dass Christus an Stelle von Sündern gestorben ist, und auf sich selbst die Bestrafung nahm, die sie verdienten.

Menschliche Wesen benötigen einen Stellvertreter, weil alle „allesamt Sünder sind und des Ruhmes ermangeln, den sie vor Gott haben sollen“ (Röm. 3,23): Sünde trennt menschliche Wesen von Gott, was deutlich an der Sünde von Adam und Eva im Garten Eden zu erkennen ist. Nur völliger Gehorsam wird der Gerechtigkeit Gottes genügen und wir sehen das in Adam und Eva, die für eine Sünde von Gott getrennt wurden. Gal. 3.10 sagt: „Denn die aus des Gesetzes Werken leben, die sind unter dem Fluch. Denn es steht geschrieben (5. Mo. 27.26):>>Verflucht sei jeder, der nicht bleibt bei alledem, was geschrieben steht in dem Buch des Gesetzes, dass er’s tue!<<“. Der Fluch fällt auf alle, die Gottes Gebote übertreten und kein Mensch ist davon ausgenommen (Röm. 3,9-20,23).

Sünde verdient die Bestrafung, weil Gott heilig ist. Das Gesetz zu brechen ist nicht bloß eine unpersönliche Realität, vielmehr stellt Sünde Rebellion gegen Gott höchstpersönlich dar (1. Joh. 3,4). Der Kern der Sünde besteht im Versagen, Gott zu ehren und ihm zu danken (Röm. 1.21). Sünde ist somit die offenbare Weigerung, sich der Herrschaft Gottes zu unterordnen;  alle die aber sündigen, verdienen die rechtmäßige Strafe Gottes. Weil Gott heilig ist (3. Mo. 19,2), richtet er die, die sein Gesetz übertreten. Gottes Gericht wird in der Flut Noahs deutlich, im Gericht über die Heiden des AT und im Gericht über Israel für seine Sünde. Johannes der Täufer ruft die Menschen auf, dem kommenden Gericht Gottes zu fliehen (Matth. 3,1-12). Menschen werden aufgerufen Buße zu tun, bevor das Gericht kommt (Apg. 2,14-39; 3,12-26; 4.8-12). Paulus bezieht sich sehr häufig auf das endzeitliche Gericht Gottes (Röm. 2,5,16; 6,23; 9,22; 1. Kor. 1,18; 5.5; 2. Kor. 2,16; Gal. 1,8-9; Phil. 3,18-19; 1. Thess. 1,10; 2,14-16;5,9). Die vergeltende Art des Gerichts ist kaum deutlicher auszudrücken als in 2. Thess. 1,5-9.  Paulus sagt, dass Gott „gerecht“ ist, Menschen für ihre Sünden für immer zu bestrafen.

Gottes Zorn über die Sünde stellt seine persönliche Reaktion auf die Sünde dar. Das Gericht ist nicht einfach nur Ursache und Wirkung, sondern Gottes heiliger Zorn über die Sünde; dieser Zorn muss vom sündigen menschlichen Zorn unterschieden werden. Gottes Zorn ist heilig und deswegen herrlich und richtig, weil Sünde so schrecklich ist, dass ihr Bestrafung sicher ist. Die Unfähigkeit das zu erkennen, deutet nur an, dass man Sünde für einen geringfügigen Mangel, statt für einen zerstörerischen und verunstaltenden Krebs hält.

Wir finden stellvertretende Sühne in den Opfern des AT, denn ihr zentraler Zweck war die Erlangung der Vergebung der Sünden. Die Menschen legen die Hände auf das Tier um darzustellen, dass das Tier als Stellvertreter für die Person fungiert und ihre Sünden wurden auf das Tier übertragen. Der grausame Tod des Tieres stellt die Strafe dar, die Menschen für ihre Sünden verdienen. Somit fungiert der Tod des Tieres als Stellvertretung für den Anbeter. Die stellvertretende Art der Opfer wird vor allem am Versöhnungstag deutlich (3. Mo. 16), diesem großen Tag, an dem einmal pro Jahr für die Sünden Israels gesühnt wurde. Wir erkennen in 3. Mo. 17,11 dass Sühne durch Blutvergießen möglich wurde, was nur durch einen grausamen Tod möglich war. Vergebung kommt nur durch den grausamen Tod eines Tieres und das Tier nimmt die Strafe auf, die der Anbeter verdient.

Tieropfer können und haben nicht endgültig für die Sünde gesühnt (Heb. 9,1-10,18). Solche Opfer zeigen vielmehr auf den Tod Jesu Christi, der die vollständige und andauernde Vergebung der Sünden gewährleistet. Wir sehen in Jes. 53, dass Jesus als der Diener Gottes an Stelle der Sünder den Tod erleidet: „Er trug unsre Krankheit und lud auf sich unsre Schmerzen.“ (Jes. 53,4). Im nächsten Vers heißt es: „Er ist um unsrer Missetat willen verwundet und um unsrer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt.“ (Jes. 53,5). Er starb als „Schuldopfer“ an Stelle der Sünder (53,10). In seinem Tod „trug er die Sünde vieler“ (53,12). Der Herr „wollte ihn zerschlagen“ (53,10) und Jesus Christus als Diener Gottes erlitt den Zorn Gottes, denn die Sünder verdient haben.

Röm. 3,21-26 ist ein zentraler Text über die Straf-Stellvertretung. Im vorhergehenden Abschnitt des Briefes erkennen wir, dass alle ohne Ausnahme Sünder sind, die das endgültige Gericht verdienen (Röm. 1,18-3.20). Paulus bestätigt in Röm. 3,21-22, dass eine rechtmäßige Beziehung mit Gott nicht durch das Halten des Gesetztes (weil alle sündigen, Röm. 3,23) erwirkt werden kann, sondern nur durch den Glauben an Jesus Christus. Wie kann Gott Sündern vergeben, damit sie in eine rechtmäßige Beziehung mit ihm treten können? Die Antwort wird in Röm. 3,25-26 gegeben: „Den hat Gott für den Glauben hingestellt zur Sühne in seinem Blut zum Erweis seiner Gerechtigkeit, indem er die Sünden vergibt, die früher begangen wurden in der Zeit der Geduld Gottes, um nun, in dieser Zeit, seine Gerechtigkeit zu erweisen, auf dass er allein gerecht sei und gerecht mache den, der da ist aus dem Glauben an Jesus.“ Das Wort, dass mit Sühne wiedergegeben wird, besitzt eine technische Bedeutung und kann mit „Versöhnung“ oder „Gnadenstuhl“ (gr.: hilasterion) wiedergegeben werden. Das Wort Versöhnung bedeutet, dass Gottes Zorn im Kreuz Christi besänftigt oder gestillt wurde.

Diese Darstellung passt mit dem Gedankenfluss des Römerbriefes, denn wir sehen in Röm. 1,18, dass „Gottes Zorn vom Himmel her offenbart wird über alles gottlose Leben und alle Ungerechtigkeit der Menschen“ (Röm. 1,18). Uns wird in Röm. 2,5 gesagt, dass alle mit unbußfertigen und verstockten Herzen „sich selbst Zorn auf den Tag des Zorns und der Offebarung des gerechten Gerichtes Gottes anhäufen“. Röm. 3,25-26 lehrt uns somit, dass Gottes Gerechtigkeit, Heiligkeit und Gerechtigkeit im Tode Christi gesättigt werden. Am Kreuz Christi zeigt sich, Gott als Liebe und Heiligkeit, als gnädig und gerecht, als gerechter Rechtfertiger jener, die an Jesus glauben. Gott hat seine Gerechtigkeit nicht kompromittiert, weil Christus die Strafe der Sünde getragen hat, und als Stellvertreter an Stelle des Sünders starb.

Wir entdecken die gleiche Wahrheit in Gal. 3,10-13. Niemand kann dem Fluch Gottes durch Gesetzeswerke entkommen, weil niemand ohne Sünde ist. Die Lösung für das Böse der Menschen wird in Gal. 3,13 vorgestellt. „Christus aber hat uns losgekauft von dem Fluch des Gesetzes, da er zum Fluch wurde für uns – denn es steht geschrieben 5. Mose 21,23: »Verflucht ist jeder, der am Holz hängt«“ – Der Fluch, den jede Person verdient, ist von denen entfernt, die ihr Vertrauen auf Christus setzen, weil Christus den Fluch, den wir verdient haben, auf sich selbst nahm. Er nahm die Strafe, die wir verdienen und erfüllte die Worte aus 5.Mo. 21,23 dass jene, die auf einem Baum hängen, verflucht sind.

Die gleiche Wahrheit findet sich auch in 2. Kor. 5,21: „Denn er hat den, der von keiner Sünde wusste, für uns zur Sünde gemacht, auf dass wir in ihm die Gerechtigkeit würden, die vor Gott gilt.” Hier finden wir den „fröhlichen Tausch“. Jesus nimmt unsere Sünde, in dem er an unser statt starb und wir empfingen seine Gerechtigkeit.

Doch diese Lehre beschränkt sich nicht nur auf Paulus. Jesus selber lehrt sehr deutlich die Straf-Stellvertretung in Mrk. 10,45: “Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und sein Leben gebe als Lösegeld für viele.” Wir haben hier eine Anspielung an Jes. 53. Jesus als der Menschensohn aus Daniel 7 ist auch der leidende Knecht aus Jesaja 53. In dem er sein Leben dem Tode ausliefert, stirbt er als Lösegeld für viele. Sein Tod stellt die Zahlung dar, die für die begangen Sünden fällig wurde. Die gleiche Lehre ist auch im Evangelium des Johannes zu finden: “Siehe, das ist Gottes Lamm, das der Welt Sünde trägt!” (Joh. 1,29). Jesus als das Opferlamm Gottes, ob nun als Passahlamm, als Lamm der Opferzeremonien oder das Lamm aus Jes. 53,7 (oder in allen drei Formen) stirbt als ein Opfer an Stelle der Sünder.

Die stellvertretende Sühne ist in das Gewebe des Neuen Testaments gewirkt. Petrus erklärt, als er sich auf Jes. 53 bezieht: “der unsre Sünden selbst hinaufgetragen hat an seinem Leibe auf das Holz, damit wir, den Sünden abgestorben, der Gerechtigkeit leben. Durch seine Wunden seid ihr heil geworden.” (1 Petr 2,24). Im nächsten Kapitel erklärt er: „Denn auch Christus hat einmal für die Sünden gelitten, der Gerechte für die Ungerechten, damit er euch zu Gott führte; er ist getötet nach dem Fleisch, aber lebendig gemacht nach dem Geist.” (1 Petr 3,18)

Straf-Stellvertretung bildet den Kern der Sühne, denn in dem Sühneopfer Christi erkennen wir sowohl die Liebe wie auch die Gerechtigkeit Gottes. Hier müssen wir auch nicht den Vater gegen den Sohn ausspielen, denn der Sohn gab sich willentlich und froh selbst für die Sache der Sünder hin (Joh. 10,18). Das Johannesevangelium betont regalmäßig, dass der Vater den Sohn gesandt hat, dass aber der Sohn sich daran freute den Willen des Vaters zu tun.

Weiterführende Literaturhinweise

 

 

 

 

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