Wie besteht man in einem pharisäischen System?

In den Evangelien nimmt die Auseinandersetzung Jesu mit den Pharisäern großen Raum ein. Matthäus 23 dürfte dabei der Höhepunkt der Kritik von Jesus an den Pharisäern sein. Seine Jünger wiederum ermahnt er regelmäßig, sich vor der Heuchelei “zu hüten”. Das bewegt mich zu einigen Überlegungen.

Heuchelei ist kein typisch christliches Problem

Gerne wird darauf verwiesen, dass Christen Heuchelei zelebrieren. So verbietet die katholische Kirche z.B. Verhütungsmittel, aber kaum ein Katholik hält sich daran. Heuchelei ist jedoch das Problem der Menschheit, und wahrscheinlich intensiver des wohlhabenden Westens. So ist man in Europa durchaus in der Lage, Abtreibungen zu zelebrieren, während man gleichzeitig gegen die Abholzung einiger Bäume demonstriert. Ich würde sogar dafür plädieren, dass Christen sich üblicherweise dadurch absetzen, dass sie Heuchelei (immerhin) wahrnehmen und auch versuchen dagegen vorzugehen.

Hohe Ansteckungsgefahr

Das regelmäßige Warnen Jesu macht klar: Heuchelei besitzt hohe Ansteckungsgefahr. So wie ein kleiner Klumpen Sauerteig eine riesige Teigmenge vollständig durchsäuert, ergeht es uns, wenn wir der gewaltigen Versuchung nachgeben, uns besser zu verkaufen, als wir wirklich sind. Einmal in der Spur findet man sich damit wieder, dass man seine eigenen Lügen glaubt und sich sogar selbst etwas vorheuchelt (Man denke nur an Ananias und Saphira). Um eine Probe aufs Exempel zu liefern: Wie oft denkt man über konservative Christen: “Zum Glück sind wir nicht solche Pharisäer”. Kierkegaard deckte dies besonders gut auf, als er in einem kleinen Werk den Zöllner im Tempel besprach. Es ist schließlich nur eine weitere Spielart pietistisch getarnten Pharisäismus, stolz auf seine eigene “Bußfertigkeit” und seine “derart ungewöhnlich hohe Ähnlichkeit mit dem Zöllner, für die man dem Gott doch so sehr danken möchte”.

Kein typisch konservatives Problem

Das bringt mich auf den nächsten Punkt. Selber kenne ich eigentlich nur die konservative, evangelikale Welt, aber wenige vereinzelte Begegnungen haben gezeigt, dass dasselbe Problem nur gespiegelt vorliegt. Auf der einen Seite darf es ja auf gar keinen Fall und unter keinen Umständen Schlagzeug sein (“Wir sind ja nicht so verweltlicht”), auf der anderen Seite, muss es einfach unter allen Umständen groooovy sein (“Wir sind ja nicht so spröde”). Zwei Extrembeispiele: Auf der rechten Seite begegne ich Leuten, die ihre Überlegenheit bereits darin erkennen, dass sie keine Shorts tragen. Auf der linken Seite erinnere ich mich noch sehr gut an eine Predigt eines Predigers, der die Lebensweise des Pharisäers als das eigentlich erstrebenswerte Ziel lobte (Zitat: “Er nahm sich an, weil Gott ihn annahm, so sollen und dürfen auch wir uns annehmen, weil Gott uns annimmt.”).

Sollte man nicht den Schwachen annehmen?

Gemäß Röm. 14 sollen die Starken auf den Schwachen Rücksicht nehmen. Ich stelle fest, dass dieses Kapitel derart entartet wird, sodass schließlich auch Jesus Christus eigentlich dagegen verstieß, als er die Pharisäer nicht nur ermahnte, sondern in aller Öffentlichkeit bloßstellte. Verfolgt man das Kapitel im Römerbrief, wird schnell deutlich, dass sehr wohl Rücksicht auf das schwache Gewissen genommen werden soll, der Schwächere aber keinen Anspruch auf Tyrannei besitzt, um seine Ansprüche für die ganze Christenheit verbindlich zu machen. Kurz: Natürlich kannst du deine Hände waschen, wenn du Skrupel hast, mit ungewaschenen Händen zu essen (und du solltest auch, wenn du ein Schwaches Gewissen besitzt, weil es sonst zur Sünde wird). Das jedoch für andere verpflichtend zu machen, dazu hast du kein Recht. Deutlich komplizierter wird das ganze Thema auch dadurch, dass ja keiner, der gerne unterstreicht, welchen Anstoß er hier und dort an den Christen nimmt, gerne hören möchte, dass er ja dadurch nur offenbart, dass er ein schwacher Christ ist. Anstoß zu nehmen (an nahezu der ganzen Christenheit, außer den wenigen eigenen Verwandten) ist offensichtlich in weiten Kreisen zu einem Synonym geistlicher Reife verkommen.

Der Kampf wird heiß

Möchte nun jemand gegen ein pharisäisches System vorgehen, muss er sich klar machen, dass dies ein heißer Kampf wird. Wie sollte auch der schmale Weg eine angenehme und leichte Sache sein? Wie ich versucht habe zu zeigen, steckt in jedem von uns extreme Anfälligkeit für Heuchelei. Schließlich hielt selbst Adam Gott für den Schuldigen an seinem Fall und meinte, dass er selber eigentlich immer noch ein ganz feiner Geselle sei, auch wenn er lieber mit Satan kooperiert als Gott zu gehorchen. In all diesem Chaos durchdringt der Ruf Christi an seine Schafe, beharrlich an der Heiligung festzuhalten.

Was kann man und was muss man tun?

Man sollte pharisäisches Verhalten aufdecken. Nutzt man Beobachtungen der Schwäche an anderen Christen nur als Mittel der Selbstbestätigung, offenbart man nur seine eigene Infizierung mit dem Sauerteig der Heuchelei. Eine weise wirkende Haltung: “Wusste ich doch schon immer, dass er so ist”, kann kaum die ganze Lösung sein. Wir werden aufgerufen, aktiv zu ermahnen und gegen Verführungen vorzugehen.

Zuletzt: Regelmäßig hört man, dass man offensichtlich kriminelles Verhalten in den Kirchen und Gemeinden zudeckt, da man “kein Schlechtes Licht auf die Gemeinde werfen will.” Beobachten Sie Missbrauch, Gewalt, Diebstahl, Erpressung oder andere Verbrechen, sollte Gottes Dienerin, die uns zugute da ist (Röm 13,4) eingeschaltet werden. Sie soll das Schwert nicht umsonst tragen (ebd.). Es ist ein absolutes Unding, dass z. B. sexueller Missbrauch in einer Gemeinde mit einer leichtsinnigen Entschuldigung abgetan sein sollte.

Fazit

Heuchelei zu überwinden, ist oftmals ein Kampf mit der Menschenfurcht. Das fängt zunächst damit an, dass man sich selbst nicht verkleidet und geht damit weiter, dass man auch den zurechtweist, der sich zügelloser (oder auch unbewusster) Heuchelei hingibt.

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