Gibt es eigentlich unwahre Erzählungen?

Manchmal geschehen Schlüsselereignisse. Eines davon war für mich die Begegnung zwischen Dr. Siegfried Zimmer und Dr. Lothar Gassmann zum Thema Bibeltreue, Bibelforschung und Bibelkritik im Jahre 2012.

Nun, um es kurz zu machen: Dr. Zimmer hat den Vortrag von Dr. Gassmann in kurzer Zeit zerstört. Natürlich konnte er sich dabei voll auf seine rhetorischen Fähigkeiten verlassen. Ich muss zugeben, ich war damals ebenfalls ziemlich schockiert, dass liberale Theologie derart leichtes Spiel hat. Nachträglich betrachtet, bin ich für diese extrem harte Erfahrung auch gleichermaßen dankbar. Eine damals von Dr. Zimmer formulierte These, möchte ich heute aufgreifen – weil Sie mir unabhängig von Dr. Zimmer regelmäßig den Weg kreuzte.

Damals argumentierte Zimmer (unter anderem) so, um zu erklären, warum die Bibel Wahrheit bleibt, ohne an Ihrer Unfehlbarkeit (oder göttlichen Inspiration) festhalten zu müssen: Der Wahrheitgehalt einer Aussage oder einer Erzählung hängt nicht davon ab, ob das berichtete wirklich stattfand. Er erzählte sehr bildlich von Victor Hugo, der das Leben der Ärmsten von Frankreich an eigenem Leib erlebte, weil er sich freiwillig entschied, über einen längeren Zeitraum in einem Armenviertel zu leben. Zurück im Bürgertum veröffentlichte er sein Meisterwerk „Die Elenden„, was in der französischen Welt zu einem Umdenken in sozialen Fragen führte. „Die Elenden“ ist dabei vollständig fiktiv und beschreibt doch die Unterschicht genau und präzise. Sie wäre also eine wahre Geschichte. Ähnlich berichtet auch die Bibel über Schöpfung, Inkarnation, Auferstehung und Pfingsten wahr, ohne dass diese Ereignisse unbedingt stattgefunden haben müssen.

Ein kleiner aber nicht unwichtiger Einwand

Nun könnte man hier verschieden argumentieren. Zum Beispiel so, dass es nicht möglich ist, Christ zu sein, wenn man die Inkarnation und die Auferstehung ablehnt. Das hat bereits das erste christliche Bekenntnis so festgehalten und reflektierte damit nur die apostolische Lehre (Vgl. z.B. 1.Kor. 15,14). Man könnte darauf verweisen, dass die Autoren des Neuen Testamentes (insbesondere Lukas, der auf besondere Weise gerade über die Inkarnation und Auferstehung ausführlich berichtet) den Anspruch erheben, Geschichte  und nicht Fiktion zu schreiben (Vgl. Luk. 1,3: „…nachdem ich von Anfang an sorgfältig erkundet habe…“).

Doch vor einigen Wochen wurde mir klar, dass das Argument eigentlich vollständig an den Haaren herbeigezogen ist, und es nur deswegen so schwer zu durchschauen war, weil man hungernde Kinder französischer Kurtisanen vor Augen hatte, die plötzlich Aussicht auf etwas mildere Umständen besaßen, nachdem Hugo sein Buch veröffentlicht. Wie warm es einem da ums Herz wird, nicht?

Drehen wir aber den Spieß einmal um: Welche Erzählung ist eigentlich nicht wahr? Wäre ein Buch, dass eine Lüge ist, nicht auch lehrreich? Man denke nur an den Baron von Münchhausen? Angenommen ich erfinde eine Geschichte, die eine bitterböse Satire ist, in der alles überzeichnet wäre. Könnte nicht genau diese das postmoderne europäische Weichei genau an der nötigen Stelle treffen? Wie sollte es möglich sein, nicht wahr zu schreiben? Vielleicht, in dem man über die Zukunft fantasiert? Orwell tat dies mit 1984; er bewegte und bewegt damit einiges. Wie treffend er sozialistisch getarnte Überwachung enttarnte. Wäre ein Märchen eine Lüge? Kurz: Ist nicht auch eine Lüge nicht bereits deswegen in einem bestimmten Sinne wahr, weil Sie nur als Gegenkonzept zur Wahrheit Sinn macht. Selbst wenn jemand also ein verleumderisches und irreführendes Werk „alternativer Fakten“ veröffentlichen würde, wäre letzen Endes (vor allem aus einem historischen Blickwinkel), auch dieses Buch wahr, weil es einen ungeahnt ehrlichen Blick auf die Herzen der Menschen zulässt.

Was nützt uns diese Überlegung? Das von Dr. S. Zimmer vorgebrachte Argument erscheint zunächst deswegen derart treffend, weil es uns so bekannt vorkommt. Mit „wahrer Fiktion“ sind wir durchgehend konfrontiert. (Wie oft argumentieren wir z.B. so: „Nehmen wir einmal an, dass…“) Die oben aufgeführten Beispiele sollen zeigen, dass diese Argumentation aber kein geeignetes Werkzeug zum Zugang an den biblischen Text sein kann (Dabei hat auch die Bibel genug „Nehmen wir einmal an…“-Erzählungen). Der Anspruch der Bibel ist ein Anderer. Sie erhebt den Anspruch als Gottes Wort zu offenbaren, was Wahrheit und was Lüge ist. Sie will die Leitkultur definieren (und tut es auch), an der wir die Wirkung von Hugos Werken messen. Sie offenbart Gottes Maßstäbe, die erklären, warum Satire für einen gefallenen Menschen nötig wird. Gleichzeitig pocht sie durchgehend auf ihre Historizität. Es ist unpassend und völlig unprofessionell von Generellem („Lektionen, die wir aus einem Buch, einer Geschichte, einem Märchen ziehen können“) auf Spezielles („Die Frage, ob die Bibel Gottes Wort ist“) zu schließen. Genauso gut, hätte man auch der Typographie der unterschiedlichen Bibelausgaben nachgehen können. Man würde Antworten bekommen, aber nicht auf die Frage die man gestellt hat: Ist die Bibel zuverlässig? Das Anerkennen der kulturgeschichtlichen Bedeutung der Bibel, macht keinen Menschen zu einem Christen. Meine Kritik an diesem Argument ist also der, dass Zweifel fromm verkauft wird. Nun ist keiner gezwungen, der Bibel zu glauben und diese als Gottes Wort anzunehmen. Der vorgebrachte „Work-Around“ eignet sich aber definitiv nicht als ein Kriterium, um das zu bewerten.

Kurz:  Die Bibel wird nicht dadurch wahr, weil sie sich für uns wahr anfühlt, oder weil wir ein paar ganz nette Lehren daraus ziehen, die unser soziales Verhalten ein bisschen verändern, sondern weil sie Gottes Wort ist. Glaubst du das?

 

Kommentar verfassen