Wie man ein Leben wie deines überlebt

Ein Artikel von Samuel James. Übersetzung mit Freundlicher Genehmigung von Desiring God. Download als pdf.

Es wurde zu einem sensationellen und rasend schnell verbreiteten Video. Jordan Peterson, Bestseller-Autor, Professor für Psychologie und Life-Coach, saß während einer Versammlung an der Liberty University auf dem Podium. Plötzlich stürzte jemand – scheinbar ein Student – aus dem Publikum auf die Bühne. Sekunden bevor der Sicherheitsdienst ihn einholte, schrie er unter Tränen: “Ich brauche Hilfe! Kann ich Sie treffen? Ich brauche Hilfe.”

Nach einem spontanen Gebet und der Abführung des Studenten von der Bühne wurde die Veranstaltung fortgesetzt, doch die Worte schienen wie ein Phantom im Gebäude zu verweilen.

Fakt ist, dass jedes Jahr Millionen von Amerikanern zugeben, dass sie Hilfe brauchen, und viele tun dies dadurch, dass sie zu Selbsthilfe-Gurus laufen. Das Selbsthilfe-Genre ist eines der zuverlässigsten und ertragreichsten Genres im Verlagswesen. Petersons “12 Regeln fürs Leben” ist lediglich eines der neuesten Phänomene: Seit 2018 wurden über drei Millionen Exemplare verkauft. Mittlerweile platziert sich Selbsthilfe-Literatur Jahr für Jahr auf der Liste der Bestseller, ein Jahrzehnt nach dem andern, von neueren Autoren wie Jen Sincero, Rachel Hollis und Eckhart Tolle, bis hin zu alten Klassikern wie Dale Carnegie, Tony Robbins und Norman Vincent Peale.

Auch wenn sich die Autoren in ihrer Sprache, Methodik und Perspektive unterscheiden, vereint sie alle das Eine: sie wollen deine Probleme beheben, und jeder hat dafür den besten Weg gefunden.

Die Sehnsucht nach Weisheit

Für Evangelikale ist es leicht das Selbsthilfe-Genre spöttisch zu belächeln. Ich beobachtete, dass das die führende Haltung in Evangeliums-zentrierten, christlichen Kreisen ist. In vielerlei Weise ist der Zynismus berechtigt. Da ist etwas zutiefst Trügerisches in der Mehrheit der Selbsthilfe-Literatur: ein spießiges Wohlstandsevangelium des ausdrucksstarken Individualismus.

Dennoch irren wir uns, wenn wir nur kritisieren. Es ist besser sich als Christ zu fragen, ob wir aus dem Erfolg des Selbsthilfe-Genres nicht etwas über uns selbst lernen können.

Selbsthilfe-Literatur gedeiht, weil Menschen sich nach Weisheit sehnen. Ohne bewusst anzuerkennen, dass das Leben schwer und unübersichtlich ist und dass wir mehr Hilfe brauchen, als wir in uns selbst haben, würde Selbsthilfe- und Motivations-Literatur nicht gekauft werden. Für Gläubige besteht nicht die Frage, ob wir uns bemühen sollten Weisheit fürs Leben zu erwerben, sondern was für eine Art der Weisheit wir brauchen.

Die Mehrheit der Selbsthilfe-Literatur beantwortet diese Frage mit überaus spießigen Appellen zu neuen Methoden, inspirierenden Mantras und (noch am wichtigsten) so viele Produkte des Gurus wie nur möglich zu kaufen. Sie tendiert auch dazu, komplexe Realitäten des Lebens gegeneinander auszuspielen – als ob das hartnäckige Festhalten am eigenen Selbstwertgefühl im Angesicht von Not und Kritik die Tatsachen von Versagen und Zerbrochenheit verschwinden ließen.

Während manch Selbsthilfe-Schrift tatsächlich hilfreiche Gewohnheiten bietet oder uns zur Vernunft zurückführt, so tut sie das doch fast immer mit einem blinden Auge auf die vielen Bereiche des Lebens, auf welche die Weisheit des Gurus keinen Zugriff hat.

Literatur der inspirierten Weisheit

Es gibt da eine Alternative. Besser, als einerseits eifrige Leser der Selbstverbesserung zu verachten, oder andererseits die Arena der Wahrheit säkularen Wahrsagern zu überlassen, können wir uns anderswo zu einer unerschöpflichen Quelle der realitätsnahen Erkenntnis, der ganzheitlichen Hilfe und der allgegenwärtigen Gnade wenden: biblische Weisheitsliteratur.

Leider würden viele Evangelikale höchstwahrscheinlich Mühe damit haben, überhaupt zu identifizieren, welche Bücher der Bibel als “Weisheit” eingestuft werden. Das Ausmaß und die Wichtigkeit biblischer Weisheit wird von uns oft nicht verstanden. Wir mögen in den Sprüchen nach Twitter-baren Schätzen graben. Bei Hiobs Leiden murmeln wir etwas von Gottes uneingeschränkter Souveränität. Prediger meiden wir komplett! Kein Wunder, dass säkulare Gurus den Hohlraum fluten, welcher dadurch entsteht, dass wir den Reichtum der Weisheit unseres Schöpfers übersehen.

Biblische Weisheitsliteratur gibt uns mehr als nur schlagkräftige Einblicke ins Gottvertrauen oder poetische Schnörkeleien über den Sinn (oder dessen Abwesenheit) des Lebens. Sie ist auch mehr als nur eine Hürde für Prediger, die es auf dem schnellsten Weg zum Evangelium zu überspringen gilt. Biblische Weisheit ist eher eine schlüssige, erleuchtete Regel des Lebens, die das wahre Wesen aller Dinge offenbart: Gott, Menschen, das Universum selbst.

Das sachte Glimmen der Selbsthilfe

Die besten Selbsthilfe-Bücher sind die, welche – vielleicht ihrem eigenen Willen zum Trotz – uns wirklich helfen, die Realität zu sehen, wie sie ist. Inmitten der Trümmer fehlgeleiteter Inspirationen erinnert uns effektive Selbsthilfe-Literatur an etwas Offensichtliches, das wir zu vergessen tendieren: Verhaltensweisen; Menschen reagieren auf Freundlichkeit viel besser als auf Härte; räum dein Zimmer auf.

Aber selbst die beste Selbsthilfe-Literatur, überaus im Einklang mit den Naturgesetzen, ist wie ein Knicklicht im dunklen Raum. Es wirft ein Licht, aber nicht weit und nicht auf Dauer. Biblische Weisheit hingegen erleuchtet, majestätisch wie ein prächtiger Kronleuchter, alles von ober her.

Weil säkulare Selbsthilfe-Literatur mit Ich beginnt –  mit meinen gefühlten Bedürfnissen, meiner Wahrnehmung von mir Selbst – ist sie verhängnisvoll begrenzt. Biblische Weisheit hingegen, beginnt mit Gott. “Der Weisheit Anfang ist die Furcht des Herrn” (Sprüche 9,10). Biblische Weisheit hat eine kosmische Perspektive, nicht bloß eine individuelle.

Die frische Brise der Offenbarung

Das Buch Hiobs – selbst nach säkularen Maßstäben ein Meisterwerk – ist eine erstaunliche Darstellung dessen. Wie Selbsthilfe-Literatur, so ist auch Hiob aufs Leid gerichtet. Aber anders als alle Selbsthilfe-Literatur gibt Hiob eine himmlische Perspektive; eine Perspektive, die den geistlichen Kampf und göttliche Vorsehung der irdischen Existenz in Betracht zieht.

Wir lernen von Hiob, dass das Leid dazu neigt, unser Verständnis zu übertreffen; wir können Krebs, oder den Tod von Kindern, oder einen brennenden Helikopterunfall nicht völlig “fassen”. Keine Menge an therapeutischer Arbeit kann uns helfen den Sinn eines Universums zu verstehen, in dem Fressen und Gefressenwerden die Regel ist. Stattdessen ist da die Realität Gottes – seine Gegenwart, sein Recht zu herrschen und seine Fürsorge über seine Schöpfung. Dieses Bewusstsein vermag viel mehr als bloß eine positive Einstellung. Es befähigt zu einer Anbetung, die es sowohl schafft, den Frieden frei zu setzen, der allen Verstand übersteigt, als auch letztlich unsere Auferstehung und Erlösung vom Tod zur Folge hat.

Biblische Weisheit beleuchtet die Welt außerdem im Licht der Realität. Jede Generation tendiert dazu eine verzerrte Sicht der Realität zu haben. Wir geben unsere Aufmerksamkeit den kulturellen Gurus, die den Zeitgeist entweder bestätigen (Selbstverwirklichung um jeden Preis) oder sie fordern auf, sich dem entgegen zu stellen (Opfer bringen; sich in Hingabe verlieren). Die Weisheit der Schrift korrigiert beide unserer Irrtümer.

Wahre Weisheit offenbart, dass harte Arbeit oft belohnt wird, aber nicht immer (Sprüche 13,23). Sie treibt uns voran, das Beste aus dem Leben zu machen, während sie uns den unausweichlichen Tod nicht vergessen lässt (Prediger 3,19). Biblische Weisheit erinnert uns, dass es gut ist sich etwas zu verdienen, aber auch, dass der Erwerb nicht befriedigt (Prediger 2,11)

Wir brauchen mehr als Motivation

Der größte Unterschied zwischen biblischer Weisheit und der Selbsthilfe liegt jedoch in seinem Angebot der Gnade. Weder das noch so lautstark-motivierende Alphamännchen noch die lebhafteste, selbstbewusste Cheerleaderin kann sich mit der Gnade messen, die Gottes Weisheit bietet.

Warum? Weil die Weisheit den Schlichten zuruft. Biblische Weisheit ist absolut einzigartig: sie ist für die Törichten, nicht die Klugen. Für die Armen, nicht die Reichen. Höre den Ruf der Weisheit:

“Die Weisheit ruft draußen laut, öffentlich erhebt sie ihre Stimme; im ärgsten Straßenlärm schreit sie, an den Pforten der Stadttore hält sie ihre Reden: Wie lange wollt ihr Einfältigen die Einfalt lieben und ihr Spötter Lust am Spott haben und ihr Toren Erkenntnis hassen? Kehret um zu meiner Zurechtweisung! Siehe, ich will euch meinen Geist sprudeln lassen, euch meine Worte kundtun (Sprüche 1,20-23)

Biblische Weisheit kann die Törichten weise machen. Das ist gute Neuigkeit für willensschwache Leute wie mich, die mehr als nur Motivation brauchen. Wir brauchen Vergebung. Es reicht nicht aus, versichert zu werden, dass man es schaffen kann. Ich muss wissen, dass ich auch an den Tagen sicher und geborgen bin, an welchen ich es nicht geschafft habe. Das ist das Versprechen der leibhaftigen Weisheit: Jesus, “welcher uns von Gott gemacht worden ist zur Weisheit, zur Gerechtigkeit, zur Heiligung und zur Erlösung” (1. Korinther 1,30)

Es ist nicht zu spät dafür, uns dem Weg von Gottes Weisheit anzuvertrauen, indem wir Tag und Nacht darüber nachdenken, während wir stark werden, genährt wie ein Baum am Flussufer (Psalm 1,1-3). Suche die Hilfe, die du in einer dunklen Welt brauchst um klar zu sehen und die Gnade, die du brauchst, um wieder aufzustehen, wenn du gestolpert bist – und finde sie auf den Seiten Gottes perfekter, wohlwollender und reichlicher Weisheit.

Übersetzung vom glaubend.de Team

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