Die zweite Meile

“Going the extra mile” ist ja zumindest im angelsächsischen längst in den Sprachgebrauch gegangen.

Über Jesu Aufruf die zweite Meile zu gehen, habe ich etwas nachgedacht:

a) Das Böse mit Gutem überwinden: Diese Aussage fällt ja im weiteren Kontext auf Rache zu verzichten. Eben nicht Auge um Auge zu handeln!  Mir ist das Wort “nötigt” in Vers 41 bisher nicht so aufgefallen. Ich hatte den Vers immer in diesem Sinne in Erinnerung: “Wenn jemand dich bittet, eine Meile zu gehen”. Aber Nötigung (das Wort kommt sonst nur beim Tragen des Kreuzes Jesu durch Simeon von Kyrene vor in Mt. 27,32 bzw. Mk. 15,21; so im Matthäus-Kommentar von Leon Morris) ist sicherlich zunächst einmal als unrechtmäßig zu werten. Juden im römischen Reich konnten so sicherlich manch aufgezwungene Meile auf staatlich geförderte Nötigung verbuchen. Aber Jesus sieht in dieser Nötigung eher eine Notwendigkeit für  das Gute. Das Problem in unserem Herzen fängt also nicht erst bei der zweiten Meile an! Schon bei der ersten sollte eine Veränderung in unserem Herzen stattgefunden haben.

b) Die zweite Meile ist nötig. Ok die genötigte Meile muss man ja wohl zähneknirschend abliefern. Aber Jesus sagt: die zweite Meile ist nötig, um das Böse zu überwinden. Das zeigt ja zweierlei: Sowohl der Bittsteller wie der Helfende stehen in der Gefahr das Problem, die Herausforderung zu unterschätzen. Ich sehe hier im Kern die Herausforderung für zwischenmenschliches Miteinander. Ob nun Forderungen, Bitten oder Nötigen: Die Anliegen unseres Nächsten scheinen uns generell übertrieben zu sein. Ein Ablehnen liegt nahe. Aber sagt man Hilfe zu (ob nun zähneknirschend oder nicht), erweist sich oft die Herausforderung, Puste zu behalten. Die am Anfang angenommene Meile dürfte da häufig nicht reichen. Ich glaube das ist für seelsorgerliches Miteinander unter Christen fast Schlüsselaufgabe Nr. 1. Ein Bruder klagt sein Leid, man erkennt schnell das Problem, fängt mit Lösungsschritten an, aber der Weg zur Heiligung wird viel steiniger und beschwerlicher, als sich ihn Hilfesuchender und Berater vorgestellt haben. Die Zweite Meile ist nötig. Das dürfte auch daran liegen, dass man von vielen Problemen oft nur die Spitze des Eisbergs überblickt! Ich glaube hier schützt Mt. 5,41 vor Frustration: Denn Jesus geht davon aus, das bei aller Nötigung eine berechtigte Not vorliegt. Das müssen nicht nur spezielle Situationen sein, sondern schließt durchaus einen zeitlich unpassenden Arbeitsauftrag des Vorgesetzen, eine störende Bitte des Kindes oder als ein unangenehm empfundenes Verhalten des Partners mit ein.

Fängt man mit der ersten Meile an und ringt sich für die zweite durch, merkt man plötzlich wie man einen gemeinsamen Weg mit jemanden geht, der davor als Feind abgelehnt wurde. Etwas, das man als Liebe bezeichnet, beginnt.

 

2 Antworten auf „Die zweite Meile“

  1. aggareuō wird auch mit “zwingen” übersetzt. Durch Nötigung/Zwang fühlt man sich unfrei. Um wieder frei zu werden, soll man mehr als nötig tun. Das ist das Prinzip: 1. innere Freiheit bewahren, 2. aus Freiheit Gutes tun, denn der Unfreie kann nichts Gutes tun.

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