Gott – ich kann das nicht!

Ein Artikel von Jon Bloom. Erschienen am 26.01.2019 unter dem Titel: I Can’t do this, God. Übersetzt von Ruth Metzger, mit freundlicher Genehmigung von Desiring God (.pdf-download).

Schwach, unbedeutend, verachtet und unqualifiziert – das sind die wesentlichen Eigenschaften, nach denen Gott bei denen Ausschau hält, die ihm dienen sollen. Und er wählt diese Eigenschaften ganz bewusst. (1. Korinther 1,27-29)

Du glaubst es nicht? Dann schau dir mal diese merkwürdige Liste von Qualifikationen an, aufgrund derer Gott unglaublich wichtige Positionen in der Geschichte vergeben hat:

–           Vater (und Mutter) des Bundesvolkes Gottes: Ehepaar, muss unfruchtbar und alt sein (1.Mose 17,8.15-16)

–           größter König Israels: muss bei seiner Erwählung ein Hirte im Teenageralter sein, Musiker und Dichter, für einige Jahre Flüchtling unter ständiger Todesdrohung (1.Samuel 20,30)

–           Messias:  persönlicher Hintergrund im Zimmermanns-Gewerbe (Markus 6,3), muss in einer unbedeutenden Stadt mit schlechtem Ruf heranwachsen (Johannes 1,46), darf keine formale theologische Ausbildung haben (Johannes 7,15)

–           leitender Apostel: muss aus der Fischindustrie kommen und darf keine formale theologische Ausbildung haben (Matthäus 4,18; Apostelgeschichte 4,13)

–           der Meister-Theologe, -Apologet und -Missiologe unter den Aposteln: muss ein eifriger Verfolger von Christen gewesen sein (Apostelgeschichte 8,3)

Ganz abstrakt wissen wir es vielleicht, dass Gott gerne Schwachheit und Gebrochenheit benutzt. In einer biblischen Geschichte oder einer Missionsbiografie finden wir das vielleicht sehr ermutigend. Unter Umständen lehren wir es sogar und predigen es andern. Aber wenn es um unsere eigene Qualifikation geht, ist es doch immer eine unangenehme und verwirrende Überraschung, dass Gott unsere Schwachheiten hervorheben will. Und wie Mose wünschen wir uns manchmal, dass Gott sich für diese Aufgabe doch bitte jemand anderen aussucht.

Aber Gott hat für dieses Handlungsmuster einen sehr strategischen Grund. Wenn wir diesen Grund mit offenen Armen begrüßen können, werden unsere Schwachheiten für uns zu einer Quelle der Freude werden, und wir werden uns ihrer nicht mehr schämen.

Herr, schick doch jemand anderen!

Mose war so einer von Gottes merkwürdigen Erwählten. Was stand denn da auf Gottes Liste von Qualifikationen für den großen Führer Israels aus Ägypten und größten Propheten des Alten Testamentes? Er musste ein jüdisches Mitglied des ägyptischen Königshauses sein (2.Mose 2,10), einen Mord begehen (2.Mose 2,12.15), 40 Jahre lang als Schafhirte mit Flüchtlingsstatus in der Versenkung verschwinden (2. Mose 2,15; 7,7) – und – auch das noch! – ein schlechter Redner sein (2.Mose 4,10).

Für uns ist Moses Geschichte sehr inspirierend, aber wir müssen uns mal wirklich in seine Lage versetzen, wie er da vor diesem brennenden Busch stand. Hättest du dich als geeignet empfunden, dem Pharao entgegenzutreten und zu verlangen, dass er seine komplette Belegschaft an Arbeitssklaven freilässt? Mose jedenfalls konnte sich nicht in dieser Position sehen. Er hatte eine ganz lange Liste von Einwänden gegen Gottes Wahl (2.Mose 3,12 – 4,12). Und als Gott sich nicht umstimmen ließ, sagte er geradeheraus: „Herr, bitte schick doch einen anderen!“ (2.Mose 4,13)

Schick doch jemand anderen. Das ist die angsterfüllte Antwort eines Menschen, der nicht nur fühlt, sondern weiß, dass er zu schwach ist, um das zu tun, womit Gott ihn beauftragt. Ja, die Antwort lässt es an Glauben fehlen, aber andrerseits ist sie doch eine korrekte Einschätzung: In seiner eigenen Kraft wird Mose nicht fähig sein, den Auftrag auszuführen. Sein Zittern ist sehr angemessen.

Hast du dich je so gefühlt? Ich schon. Ich fühle es heute in meinen mittleren mehr als in meinen jüngeren Jahren, weil ich meine Schwachheiten und Grenzen inzwischen besser kenne. Mein Lebenslauf enthält inzwischen Versagen in Dienst und Familie, und das ist vor allem durch fehlgeleitetes Vertrauen in meine eigene Weisheit und meine eigenen Fähigkeiten entstanden. Ich sehe schon, dass diese Bedenken mit einem Mangel an Glauben zu tun haben, aber ich kann Mose gut verstehen, der lieber mit seinen Herden über die stillen Hügel von Horeb wandern wollte, als den Auftrag Gottes anzunehmen.

Herr, ich bin mir sicher, dass es bessere Leute als mich gibt, um (… füll die Lücke aus) zu tun. Ich möchte mich wirklich lieber bedeckt halten.

Qualifiziert durch Schwachheit

Diese Antwort, so sehr sie auch menschlich verständlich ist, zeigt nur, dass wir nicht verstehen, um was es geht. Gott beruft uns nie in irgendeine Verantwortung im Reich Gottes, weil wir in der Lage wären, sie zu erfüllen.

Ob wir nun berufen sind, dem Pharao entgegenzutreten oder unseren Nächsten genug zu lieben, und ihm das Evangelium weiterzusagen –  niemand kann tun, was nur Gott kann: Das menschliche Herz öffnen oder verhärten (Römer 9,18). Gott allein hat alle Macht (Psalm 62,11). Und wenn es nicht Gott ist, der in uns „das Wollen und Vollbringen nach seinem Wohlgefallen“ wirkt, wird alle unsere Anstrengung umsonst sein (Philipper 2,13).

Wenn wir nicht ganz tief fühlen, wie unangemessen wir für jedweden Auftrag Gottes sind, dann haben wir den Kontakt mit der Realität verloren. Denn wenn wir irgendetwas tun wollen, das Gott ehren soll oder sein Königreich voranbringen oder sein Wort einer widerstrebenden Welt verkündigen, oder wenn es darum geht, verlorene Menschen zu gewinnen und zu retten, uns um Seelen zu kümmern, dämonische Mächte zu bekämpfen oder die in uns wohnende Sünde bekämpfen: Wer in aller Welt ist dazu tüchtig? (2. Korinther 2,16)

Gottes Diener müssen schwach sein, damit es für uns und die beobachtende Welt klar und deutlich ist, dass unsere Fähigkeiten nicht ausreichen. Gott legt seinen Schatz in tönerne Gefäße, um zu zeigen, „dass die überfließende Kraft von Gott kommt und nicht von uns“ (2 Korinther 4,7). Unsere Schwachheiten, die Dinge, die uns peinlich sind und von denen wir uns wünschen, dass wir nicht mehr mit ihnen kämpfen müssten, die Dinge, die wir gerne voreinander und vor der Welt verbergen würden, die dazu führen, dass wir Gott bitten möchten, jemand anders zu senden – diese Schwachheiten sind ein wesentlicher Teil unserer Sendung. Sie sind ein Teil der Strategie Gottes, sich selbst der Welt zu offenbaren. Durch unsere Schwachheiten zeigt Gott viel mehr als durch unsere Stärken, dass er existiert und die belohnt, die ihm vertrauen und ihn suchen (Hebräer 11,6).

Fröhliches Prahlen mit Schwachheiten

Wir wissen alle, dass Paulus viele bewundernswerte Stärken hatte. Aber gerade er verstand diese tiefgründige Wahrheit und war dahin gekommen, wo er sagen konnte:

Doch der Herr hat zu mir gesagt: »Meine Gnade ist alles, was du brauchst, denn meine Kraft kommt gerade in der Schwachheit zur vollen Auswirkung.« Daher will ich nun mit größter Freude und mehr als alles andere meine Schwachheiten rühmen, weil dann die Kraft von Christus in mir wohnt. Ja, ich kann es von ganzem Herzen akzeptieren, dass ich wegen Christus mit Schwachheiten leben und Misshandlungen, Nöte, Verfolgungen und Bedrängnisse ertragen muss. Denn gerade dann, wenn ich schwach bin, bin ich stark.        (2. Korinther 12,9-10 NGÜ)

Denk nicht, dass das von jemand kommt, der so begabt war, dass er die demütigenden Schwächen, mit denen wir Normalsterbliche uns herumschlagen, sowieso nicht mehr empfand. Wir können uns wahrscheinlich nicht so wirklich vorstellen, wie sehr die diversen Schwachheiten von Paulus zu Tage traten und welche schier unmöglichen Entbehrungen, herzzerbrechenden Erfahrungen und vergebliche Versuche er tatsächlich durchleben musste. Aber wir wissen, dass Jesus direkt nach seiner Bekehrung über ihn gesagt hat: „Denn ich werde ihm zeigen, wie viel er leiden muss um meines Namens willen.“ (Apostelgeschichte 9,16)

Und es war nicht so, dass Gott ihn etwa mit Leiden und Schwachheiten bestrafte, weil er früher Christen verfolgt hatte. Dafür hatte Jesus selbst bezahlt. Sondern es war eine wichtige Art und Weise, wie Gottes Kraft sich der Welt zeigte – so sehr das Paulus ein fröhlicher „Angeber“ wurde in dem, was ihn schwach aussehen ließ, weil in seiner Schwachheit jedem deutlich wurde, dass die einzige Stärke, die er hatte, von Gott kam.

Warum du schwach bist

Das ist der Grund, warum wir unsere Schwächen haben. Sie sind vielleicht mehr als unsere Stärken das, was uns qualifiziert, da zu dienen, wo Gott uns in seinem Reich hinstellt. Nichts lehrt uns die betende Abhängigkeit so sehr, wie die Verzweiflung, mit der wir kämpfen, wenn wir mit etwas beauftragt werden, das wir ohne Gott unmöglich tun können.

Menschen sind oft von der ganzen Bandbreite menschlicher Stärken beeindruckt. Gott dagegen lässt sich nur von einer menschlichen Stärke beeindrucken: starkem Glauben. Denn Glaube ist Abhängigkeit von Gottes Kraft. Deswegen stellt Gott sicher, wenn er uns in unsere verschiedenen Rollen in seinem Reich beruft, dass unsere Berufungen jede Menge Gelegenheit bieten, unsere Schwächen ans Licht zu bringen. Und je mehr wir den Grund dafür verstehen, desto mehr werden diese Gelegenheiten für uns ein Anlass zur Freude statt zur Beschämung.

 

 

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