Warum man über Pornographie (deutlich) reden und schreiben sollte

“Man solle keine schlafenden Hunde wecken”, erwiderte mir neulich ein Bruder, den ich darauf ansprach, dass man den Umgang und Kampf mit der Pornographie mehr in der Gemeinde wecken sollte. Ich bin mir nicht ganz sicher, was mit der Aussage wirklich gemeint ist, sie klingt mir ehrlich gesagt zu allgemein und kann irgendwie alles bedeuten.

Ein klein bisschen, kann ich dieses Argument auch nachvollziehen:

  1. So heißt es in Eph 5,12: “Denn was von ihnen (= den Werken/Menschen der Finsternis) heimlichgetan wird, davon auch nur zu reden ist schändlich.” Das will ich gerne eingestehen, dass man über Pornographie sehr behutsam sprechen soll, aber bereits der Vers davor, Eph. 5,11 ermutigt uns, Sünden trotzdem aufzudecken, wenn es heißt: “und habt nicht Gemeinschaft mit den unfruchtbaren Werken der Finsternis; deckt sie vielmehr auf.” Ich finde hier den Umgang der Bibel selbst mit sexuellen Sünden eine hilfreiche Stütze. Sie verschweigt nicht, was Lots Töchter mit ihrem Vater trieben und bleibt doch züchtig. Sie beschreibt Davids Fall einschließlich Uhrzeit und Ort und macht doch keine lüsterne Romanze daraus. Dass sich die Sprüche als Erziehungswerk intensiv mit dem Thema der Hurerei auseinandersetzen, zeigt die didaktische Notwendigkeit, wenn uns nicht genügen sollte, dass selbst die Zehn Gebote, die uns im Neuen Bund ins Herz geschrieben wurden, uns sagen: “Du sollst nicht ehebrechen”.
  2. Auch sehe ich die Gefahr, von der Paulus spricht, wenn er schreibt: “Brüder und Schwestern, wenn ein Mensch etwa von einer Verfehlung ereilt wird, so helft ihm wieder zurecht mit sanftmütigem Geist, ihr, die ihr geistlich seid. Und sieh auf dich selbst, dass du nicht auch versucht werdest.” (Gal. 6,2). Das ist wahr, dass man selbst ganz aus Fleisch und Blut ist, und immer den Anfechtungen seiner “Beichtkinder” ausgeliefert ist. Aber Paulus sagt trotzdem nicht, dass man die Hilfe versagen sollte, sondern dass man selber aufpassen sollte, nicht ins Wasser zu fallen.

Ob nun eher Fall 1 oder Fall 2 mit der Aussage gemeint ist, “keine schlafenden Hunde” zu wecken, so zeigt eine nähere Prüfung eher die Gefahren auf, die es zu beachten gilt, wenn man mit dem Hund, nein dem Drachen der Pornographie zu tun hat. Aber Christus ist der echte Drachentöter und von ihm wollen wir lernen!

Im Folgenden möchte ich aber noch 5 Argumente nennen, warum wir über Pornographie reden sollten:

  1. Es ist eines der dringendsten geistlichen Schlachtfelder: Desiring God hat 2015 eine Umfrage unter 8000 Christen durchgeführt und festgestellt, dass fast 50% von jungen Christen zwischen 18-29 Jahren regelmäßige Verwendung von Pornographie zugaben. Die Autoren der Studie kommen zum Schluss dass, “sexuelle Sünde ist eine der größten Bedrohungen für ein gedeihliches und lebendiges christliches Leben. Viele Christen, vor allem junge Singles, sind in ihrem Kampf um die Überwindung der sexuellen Sünde entmutigt und besiegt.” Gott sorgte in den letzten Jahren bereits für gutes Material (Endlich frei,  Pornographie,  Neuanfang), das man z.B. für gemeinsame Gespräche nutzen kann. Alle drei aufgeführten Werke halte ich für sehr behutsam und Evangeliums-zentriert.
  2. Diese Sünde kriecht aus allen Löchern:  Als ich meinen ersten Pornographischen Film angeschaut habe, da war ich gerade mal in der vierten Klasse. Damals gab es aber für mobiles Internet fähige Geräte noch kaum. Heute sind die Quellen und die Mittel zu vielfältig. Zu den krassen Seiten gesellen sich anstößige Bilder, SoftPorno-Gifs, dreckige Witze und vieles mehr, alles schnell über die sozialen Netzwerke verschickt. Je mehr wir tabuisieren, desto mehr werden die anderen schreien.
  3. Das wir alle gegen Lüsternheit zu kämpfen haben, sollte uns zueinander mehr Erbarmen schenken! Das habe ich besonders gut verstanden, als ich Neuanfang von D.Powlison gelesen habe: Ich glaube jeder Mann der gegen Pornographie kämpft oder gekämpft hat, steht in der Gefahr, Pornographie für die schlimmste Sünde in seinem Leben überhaupt zu halten und mit der Überwindung “dieser Baustelle” hält man sich plötzlich für fast perfekt. Ich habe diesen Gedanken schon in einem anderen Artikel ausführlicher analysiert,  aber hier in Kürze: Jesu Anspruch ist nicht: Schaue keine Pornographie sondern es heißt:  “Ich aber sage euch: Wer eine Frau ansieht, sie zu begehren, der hat schon mit ihr die Ehe gebrochen in seinem Herzen.” (Mt. 5,28) Wer von uns aber hat nicht gegen Begierde zu kämpfen? Das ist ernüchternd, aber das nimmt auch jegliche Verachtung oder Runterblicken auf jemanden, der mit Pornographie, Selbstbefriedigung o.Ä. zu kämpfen hat. Was als Werke der Finsternis sollen aus dem Herzen des Alten Adam kommen?  – – Ich sehe hier auf Jesus, der die Frauen ganz anders anblickte, er war häufig in ihrer Nähe, sie dienten ihm, küssten sogar seine Füße, ja einer begegneter er zuallererst nach seiner Auferstehung. Doch nicht die Lüsternheit sondern echte Liebe prägte seinen Umgang mit Frauen. Er wurde in allem versucht wie wir und blieb ohne Sünde, das darf immer eine Ermutigung für uns sein.
  4. Eine offene Sprache schützt vor geistlichem Missbrauch: Ich erinnere mich an einen Vortrag für Prediger an dem der Redner einen Begriff für Selbstbefriedigung verwendet hat, denn ich vorher noch nie gehört habe, es war nicht Onanie oder Masturbation, ich kann mich nicht mehr erinnern, es war irgendwas mit Nestor…. Keiner kannte diesen Begriff und der Redner hüllte sich in die unterschiedlichsten Andeutungen. Ich frage mich bis heute, was davon der Mehrwert war. Aber der Redner war auch bekannt dafür, sich von seinen Beichtkindern die Beichten solcher Sünden zu merken und noch Jahre, ja Jahrzehnte danach vorzuhalten. Das setzte mich regelmäßig unter Druck, der ich hier auch nur ein armer Sünder und Kämpfer bin. Die Beschämung Sünde zuzugeben wurde hier machtlos für machtgierige Ziele ausgenutzt. Ich habe nur unter größtem Druck einen Ausweg gefunden: Als ich anfing offen über meine Sünden zu sprechen, und dass ich dafür nur am Kreuz Christi Vergebung suche, waren die Druckmittel dieses Redners/Seelsorgers/Pastors (damit ich nicht zu viel sage), auf einen Schlag weg. Im Grunde führte das dazu, dass ich über meine Niederlagen sogar ganz öffentlich geschrieben habe.  Damit will ich sagen, dass mich Gott auch in diesen Drucksituationen geführt hat, es aber nicht richtig ist so zu handeln. Ich habe immer den Verdacht, dass irgendwie unzulässige Abhängigkeiten, sprich geistlicher Missbrauch stattfindet, wenn man vage und unklar von Vergehen und Recht tun spricht. Ein erprobtes Gegengift ist Klarheit in Beidem.
  5. Klares Sprechen über Sünde schützt vor einem gefährlichen Mix aus Tabu und Verachtung: Was ich damit meine, ist weniger klar zu erfassen, aber ich beobachte es häufig. Ein Beispiel: Man tabuisiert gerade sexuelle Sünden auf eine völlig unnatürliche Weise, die Dinge werden nicht einmal beim Namen genannt, trotzdem tauscht man sich ständig mit so gut wie jedem darüber aus, warum die Ehe des einen schiefgeht, oder ein anderer aufgehört hat zu predigen oder ein dritter kranke Kinder hat. Natürlich “kann man die Sachen nicht bei Namen nennen”, aber man “könne sich schon denken, was diese Leute so heimlich treiben”. Ja was denn genau? Merken wir, dass hier dann jeder nach seiner Sensibilität urteilt?

Es gibt hier noch zwei wichtige Bemerkungen, die diesem die nötige Balance geben dürften:

  • Zunächst einmal glaube ich nicht, dass es am Reden oder am Verschweigen dieser Sünde liegt, dass wir so wenig Heiligung in diesem Bereich erleben. Über Sünde zu reden können auch die, die sie nicht mehr ernst nehmen. Das ist eben nicht gemeint, dass man sich jahrelang trifft und ein Bruder dem nächsten erzählt “wie oft er gefallen sei” und man für einander betet und eigentlich unverändert weitermacht. Aber das ist gemeint, dass selbst, wenn ich mein ganzes Leben lang gegen den Drachen der Pornographie viele Niederlagen erlebt habe, ich in Christus Sieg finden darf, und nie die Hoffnung verlieren darf: in hoc signo vinces.
  • Des Weiteren gelingt es mir in der obigen Darstellung nicht ganz die Unterscheidung von Frucht und Ziel aufzuzeigen und es ist auch missverständlich, was ich hier schreiben werde: Aber es geht nicht darum, keine Pornographie mehr zu schauen, sondern um ein verändertes Herz, das befreit ist Gott anzubeten. Im Blick auf das Kreuz Christi, da sehe ich Gottes große Liebe zu mir und da ist es mir plötzlich nicht mehr so schwer, mein Versagen vor Gott, den Menschen und mir selbst einzugestehen.

Als Fazit aus diesen Überlegungen habe ich mir für glaubend.de überlegt, vermehrt Artikel über dieses Thema zu veröffentlichen. Desiring God hat hier eine ganz Rubrik an Artikeln und mit Gottes Hilfe und der Unterstützung von Ruth, Viktor und anderen Brüdern und Schwestern hoffe ich hier einige Artikel veröffentlichen zu können.

Wir haben bereits einige Artikel zu diesem Thema übersetzt und veröffentlicht, darunter:

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