Ich lese die Bibel und spüre gar nichts – Was soll ich tun?

Ein Artikel John Piper im Rahmen der Ask Pastor John-Reihe: I Read the Bible and Feel Nothing – What Should I Do?, vom 11.12.2015. Übersetzt von Viktor Zander, mit freundlicher Genehmigung von DesiringGod. (download als .pdf)

Hier nun eine sehr häufig gestellte Frage, die viele Christen bewegt. Es ist eine Frage, die dir Pastor John sehr häufig gestellt wird, wenn du unterwegs bist. Es ist eine der häufigsten Fragen, die wir in den Emails unserer Zuhörer lesen.

„Ich lese meine Bibel, aber ich spüre nichts. Kein Gefühl in dem die Würde, der Wert, die Kostbarkeit, die Schönheit, die Freude bleiben, welche diese Worte eigentlich kommunizieren müssten. Was kann ich dagegen tun? Oder muss ich einfach warten und zulassen, dass ich das zukünftig erleben werde?“

Wie lautet deine Antwort?

30 Sprichwörter

Ich freue mich über diese Frage, weil ich erst vor kurzem darüber nachgedacht habe. Ich habe mich intensiv mit einem Abschnitt aus dem Buch der Sprüche beschäftigt. Und ich denke, dieser Abschnitt wird von dem inspirierten Autor auf eine Weise eingeleitet, die genau diese Frage beantwortet.

Der Abschnitt beginnt in Sprüche 22,17 und geht bis Sprüche 24,22. Er wird „Die Worte der Weisen“  genannt. Wenn man sich Sprüche 22,20 anschaut, dann heißt es dort: „Habe ich dir nicht dreißig Sprüche aufgeschrieben?“ Diese dreißig Sprüche finden sich  in Sprüche 22,17-24,22.

Manche Bibeln listen diese dreißig Sprüche auf. Jedes Mal also, wenn ein neues Thema beginnt, dann beginnt ein neuer Spruch, und in diesem Abschnitt gibt es dreißig davon. Sie beginnen in Vers 17 und dort heißt es: „Hör mir zu! Vernimm die Worte von Weisen!“ Also werden diese Sprüche üblicherweise mit „Die Worte der Weisen“ betitelt.

Spitz die Ohren

Was daran so wichtig ist? Ich denke, die ersten beiden Verse oder vielleicht die ersten drei Verse dieses neuen Abschnitts der dreißig Sprüche, sind ganz genau dafür geschrieben worden, um die Frage zu beantworten, die uns gerade gestellt wurde. Nämlich: Wie hört man auf diese Worte und wie sehen angemessene Gefühle darauf aus?

Lass mich Sprüche 22,17-18 lesen:

Hör mir zu! Vernimm die Worte von Weisen und nimm dir meine Einsicht zu Herzen! Es ist gut, wenn du die Worte auswendig lernst, damit du sie [diese Worte der Weisen, die Wissen vermitteln] jederzeit aufsagen kannst.

Beachte zwei Dinge. Zu Beginn heißt es: „Hör mir zu! Vernimm die Worte von Weisen!“ Die Aussage ist hier also ganz klar, dass Worte gesprochen werden und du die Ohren spitzen und zuhören solltest. Wenn du sie also buchstäblich nicht hören kannst… Was tun wir, wenn wir nicht hören können? Wir spitzen die Ohren. Wir kommen näher.

Wir tun das aber auch mit unserer Aufmerksamkeit. Wenn du Worte liest, oder wenn du Worte hörst und die Worte an dir vorbeigehen, dann sagt er: „Lass sie nicht an dir vorbeigehen. Lass nicht eines der Worte an dir vorbeigehen. Achte genau, sorgfältig, aufmerksam auf die Worte selbst, weil die Worte in deinem Denken dein Wissen prägen werden.“

Vom Kopf ins Herz

Danach heißt es: „Nimm dir meine Einsicht zu Herzen“. Einsicht ist also das, was im Denken gewisse Vorstellungen prägt. Es geht um ein Mitteilen von wertvollen, kostbaren, wichtigen oder weisen Dingen, und zwar durch das Mittel der Worte, die an dein Ohr dringen, hineingehen und Einsicht hervorbringen.

Und dann heißt es tatsächlich, dass die Auswirkungen „gut“ sein werden. Ich verstehe das so, dass das Herz der Ort für Erfreuliches oder Vergnügliches ist. Darum geht es doch bei der Frage, oder? Wie kann ich beim angemessenen Bewundern, Wertschätzen, Lieben, Umfangen, und Genießen dessen, was ich durch die Worte wahrnehme, Freude erleben? Salomo sagt: Das geschieht, wenn du es zu Herzen nimmst.

Ich muss jetzt noch kurz etwas darüber sagen, was das bedeutet. Man muss im Grunde genommen nur wissen, dass dieser Schreiber, dieser inspirierte Schreiber, deine Frage mit einem „Ja!“ beantwortet. Gibt es irgendetwas, was du tun kannst, um von dem Zustand, in dem das Ohr den Worten zuhört und der Verstand die Erkenntnis begreift, hin zu dem Zustand zu kommen, in welchem das Herz sich an dem Inhalt der Worte erfreut? Gibt es irgendwas, das du tun kannst? Seine Antwort lautet: Ja. Und die Worte, die er verwendet, lauten: „Nimm dir das zu Herzen, was dein Ohr hört und das, was sich in deinem Verstand als Wissen bildet.“

Nimm dir zu Herzen

Was bedeutet das? Ich habe es direkt hier auf meinem Bildschirm vor Augen: תָּשִׁ֥ית, das hebräische Wort für „annehmen“. וְלִבְּךָ֗ תָּשִׁ֥ית bedeutet „Nimm dir zu Herzen“, oder buchstäblich: hinstellen, hinlegen, hinsetzen, platzieren. Du nimmst also dein Herz und schiebst es. Du platzierst es bei den Worten, die du mit eigenen Augen gesehen oder mit eigenen Ohren gehört hast. Du drückst die Nase deines Herzens in die Schönheit der Erkenntnis.

Wenn das Herz nichts spürt, dann sagst du zu deinem Herzen: „Herz, wache auf!“ Und du lässt das Herz nicht los und nimmst es zu Herzen. Du schiebst es. Du platzierst es in der Erkenntnis. Du schiebst es hinein.

Es gibt etwas, das du tun kannst.

Ein Steak genießen

Hier eine Analogie:

Nehmen wir an, du würdest gerne ein Steak probieren. Du kannst es draußen auf dem Grill brutzeln hören. Du gehst also hinaus und dort sehen deine Augen das Steak auf dem Grill brutzeln. Und wenn du nah genug ran gehst, dann wird wahrscheinlich deine Nase das auf dem Grill brutzelnde Steak riechen, und doch ist da in deinem Mund immer noch kein Geschmack von Steak. Gibt es irgendetwas, was du tun kannst?

Du kennst die Antwort. Du nimmst ein Messer und schneidest dir ein Stück ab und steckst es in deinen Mund und du kaust und du kaust und dann schluckst du es hinunter und du schmeckst es. Genauso sagst du zu deinem Herzen: „Iss, mein Herz. Iss, mein Herz!“

Bäume betrachten

Ich habe noch weitere Beispiele

Ich gehe zu Fuß zur Kirche. Es ist Oktober. Also genau wie die letzten beiden Wochen. Die Blätter an den Bäumen in meiner Nachbarschaft sind unglaublich strahlend gelb und orange,die Sonne schien, dabei war es sehr viel milder als es für den Oktober üblich ist, etwa 15°C. Die Blätter rascheln im Wind und es ist absolut atemberaubend. Aber ich gehe zumGebetstreffen in die Kircheund nehme nichts davon wahr. Meine Augen sehen es, und ich sehe es nicht.

Was muss passieren? Ich halte inne. Gottes Gnade lässt mich innehalten. Dieser Artikel bringt dich zum Innehalten.

Du schaust hin. Du schaust weiter hin. Du nimmst es zu Herzen und du sagst: „Mein Herz, das ist orange. Das ist gelb. Sie waren grün und nun sind sie orange und gelb und goldfarben, und die Sonne bringt sie zum Strahlen. Und sie winken dir mit jedem Windhauch zu, und Gott versucht, deine Aufmerksamkeit zu bekommen.“ Dann sagst du: „Hier erstrahlt die Herrlichkeit Gottes. Schau hin, mein Herz.“ Und du drückst die Nase deines Herzens gegen die Bäumein.

Gib nicht auf

Das Folgende erlebte ich in der letzten Zeit mehrals beim heimkehren. Eswaren so atemberaubend, dass ich aus dem Fenster schaute und aus dem Staunen nicht herauskam. Ich stand auf, ging die Treppe hinunter, ging unter den Baum und schaute auf. Dann ging ich über die Straße und schaute zurück. Dann zückte ich meine Kamera und versuchte, ein paar Bilder zu machen. Dann ging ich um die Ecke des Hauses um einen anderen Blickwinkel auszumachen.

So schiebt  man das Herz hinein in das Gold der natürlichen Offenbarung. Dasselbe tust du mit dem Wort Gottes. Dir wird ein Diamant angeboten. Du siehst den Diamanten, aber du siehst den Diamanten nicht, also sagst du zu deinem Herzen: „Mein Herz, gehe um den Diamanten herum. Schau dir den Diamanten von dieser Seite an, und schau dir den Diamanten von jener Seite an.“

Und wenn ein wiedergeborener Mensch das tut, was im zweiten Teil von Sprüche 22,17 steht – „nimm dir meine Einsicht zu Herzen, nimm sie dir zu Herzen, nimm sie dir zu Herzen“ – dann kann er nicht anders, als ins Gebet gehen. „Na komm schon, mein Herz, wach auf. Komm schon, mein Herz, schau dir das mal an. Komm schon, mein Herz, spüre das. Das ist wunderschön. Wach auf, mein Herz.“ Wenn du so zu deinem Herzen predigst und zu deinem Herzen sprichst, dann bist du instinktiv im Gebet.

Du sprichst nicht einfach nur zu deinem Herzen – obwohl du zu deinem Herzen sprichst, weil es das ist, was der Text sagt: Nimm zu Herzen – sondern du betest auch: „Gott, hilf mir bitte! Gott, öffne bitte meine Augen.“

Darf ich dir also folgendes raten? „Ich habe das schon ausprobiert, und es funktioniert nicht.“ „Ich habe überhaupt keine Ahnung, was du da schreibst.“ Selbst wenn du das jetzt liest und so reagierst, darf ich dich dringend bitten, dich anflehen? Es ist vielleicht wirklich so, dass du darin ein Anfänger bist, wie ein kleines Kind, das keine Ahnung von Sex  hat. Vielleicht fällt dir eine bessere Analogie ein. Du bist vielleicht wirklich ein solcher Anfänger, dass du einfach Übung benötigst.

Bitte, gib nicht auf. Sag bitte nicht, dass es deine Fähigkeiten übersteigt, die Schönheit der Erkenntnis Gottes in der Bibel und die Einsicht in seine Wege zu spüren. Dieser Text ist Gottes Wort für dich. Nimm es dir zu Herzen.

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