Joe Bidens Transgender-Fiktionen

Carl Trueman:

Zu Beginn der Transgender-Diskussion zitierten die Leute gerne Thomas Jeffersons Aussage über die Beziehung zwischen Staatsmacht und Religion: “Was schadet es mir, ob mein Nachbar meint, es gäbe zwanzig Götter oder gar keinen Gott? Weder wird mir dadurch in die Tasche gegriffen, noch bricht es mir ein Bein.”  Aus welchem Grund also, fragte man mich, machst du dir Gedanken darüber, ob jemand, der als Mann geboren ist, sich selbst später als Frau identifiziert, wenn es dir doch nicht schadet, weder finanziell noch für Leib und Leben? Damals gab mir diese Frage noch zu denken, aber das ist lange vorbei.

Nimm zum Beispiel John Bidens Durchführungsverordnung “Verhinderung und Bekämpfung von Diskriminierung aufgrund von Genderidentität oder sexueller Orientierung”, die wenige Stunden nach Amtsübernahme unterschrieben wurde, und der einige Tage später eine Verordnung folgte, die den Ausschluss von Transgender-Personen vom Militär aufhob.

Richter Gorsuch mag wirklich davon ausgegangen sein, dass sich sein Urteil im Fall Bostock gegen Clayton County lediglich auf die berufliche Einstellungspraxis auswirken würde. Aber diese neue Verordnung, die sich auf den Präzedenzfall von Bostock beruft, zeigt deutlich, was Gorsuch irgendwie entgangen war: Ist einer Gruppe erst einmal der legale Status und besondere Schutz in einem Bereich der Gesetzgebung zugesprochen worden, ist es sehr schwierig und kaum aufrechtzuerhalten, diesen Schutz nicht auch auf andere Gebiete auszudehnen. Nach Bidens neuer Verordnung kann die Nutzung von Schultoiletten und Umkleidekabinen sowie der Sport nicht mehr auf der Grundlage von Geschlecht oder “geschlechtsbasierten Stereotypen” (so die bevorzugte Sprachregelung der derzeitigen Administration) geregelt werden.

Verständlicherweise hat es einen Aufschrei gegeben, besonders wegen der offensichtlichen Konsequenzen für den Frauensport, wo körperliche Unterschiede einen entscheidenden Einfluss haben. Zum Beispiel kann der Laufsport, vom 100m-Lauf bis zum Marathon, leicht von Männern dominiert werden, die sich als weiblich identifizieren. Besorgniserregender ist aber, dass Kontaktsportarten wie Frauen-Rugby sehr gefährlich werden können.

Ich bin der Fakultätsbetreuer des Frauen-Rugby-Teams am Grove City College. Wird es bald einen Gesetzesverstoß darstellen, wenn ich mich weigere zuzulassen, dass die Frauen gegen ein Team spielen, in dem sich biologische Männer befinden, die “geschlechtsbasierte Stereotype” ablehnen? Wie immer die Gesetzeslage ist, ich würde es für eine kriminelle Unverantwortlichkeit halten, so ein Match zuzulassen.

Ach, wenn es lediglich der Frauensport wäre, der vom ESPN zum History Channel wandert! Viel schwerwiegender ist der totale Zusammenbruch jedes stabilen Konzepts der menschlichen Persönlichkeit. Was die Person ausmacht, ist nun offensichtlich nur noch dein Gefühl, deine Psychologie. Du fühlst, entgegen dem, was dein Körper dir zeigt, dass du eine Frau bist? Dann musst du verstehen, dass dein Körper hier nicht das Sagen hat, vertrau deinem Gefühl! Und wenn es (wie J.K. Rowling entdecken musste), von vornherein klar ist, dass alles, was mit körperlichen Kategorien zu tun hat, als irrelevant für die Genderidentität einzuordnen ist, dann bleibt kein Argument gegen diesen Unsinn mehr übrig. Hat Präsident Biden je eine Seite der Gendertheorie gelesen? Mit einem Federstrich hat er ihre ungeheuerlichen, an den Haaren herbeigezogenen Fiktionen zum Gesetz des Landes gemacht.

Transgenderismus ist wirklich nur der letzte und radikalste Ausdruck der Vorstellung, dass es kein menschliches Telos außer dem recht nebulösen Konzept gibt, dass wir vielleicht so zusammenfassen könnten: “sich als Individuum gut fühlen”. Menschen sind nur Materie, und wie diese biologisch organisiert ist, hat keinerlei moralische Bedeutung. Der Körper besitzt kein intrinsisches Telos und keine Sinnhaftigkeit, denn er kann manipuliert werden, um sich den Gefühlen unterzuordnen, denen wir die entscheidende Autorität zugesprochen haben.

Wie Angela Franks es kürzlich in einem Essay ausgedrückt hat, ist der Verlust der Vorstellung, dass Menschen irgendeinen Lebenszweck haben, die Geißel unserer Zeit:

Wir wissen nicht, wer wir sind, woher wir kommen und wohin wir gehen. All das würde erfordern, dass wir in einer solideren Wirklichkeit verankert wären, als der, die die zeitgenössischen Eintagsfliegen uns garantieren. Da solch eine formale und finale Kausalität nur noch eine kulturelle Erinnerung ist, sind wir auf unsere eigenen Ressourcen zurückgeworfen.

Frank zieht aus diesem Absatz den tiefsinnigen Schluss: „Daher ersetzen wir das Gut-Sein durch ein einfacheres Projekt: gut aussehen.” Man könnte auch sagen, mit “sich gut fühlen”.

Das wirft natürlich das politische Problem auf, dass dieser expressive Individualismus, der es erlaubt, ja, sogar erfordert, dass wir unsere eigenen Identitäten und Biografien erschaffen, immer noch an Grenzen stößt, die als Verletzung wahrgenommen werden, wie die Ausführungsverordnung zeigt. Jede Form sozialer Ordnung, die die Identität der Transgender-Personen leugnet oder anzweifelt, ist per Definition ihnen gegenüber diskriminierend.

Würze das Ganze noch mit Intersektionalität, wie die Ausführungsverordnung das tut, dann wird diese Sache mit der Diskriminierung noch komplizierter und ihr spezifischer Inhalt noch schwerer fassbar. Nur das Opfer, bzw. wer als Opfer dargestellt wird, kann dann noch irgendeinen moralischen Status haben. Nicht nur der Frauensport ist auf dem Weg ins Museum, sondern alles, was als unterdrückerisch eingeordnet werden kann – ob nun religiöse Organisationen, traditionelle moralische Überzeugungen oder bisher eindeutige Pronomen.

Im Grunde verdeutlicht die Ausführungsverordnung eine ziemlich offensichtliche Wahrheit: Nicht alle Vorstellungen von persönlichem Glück sind realisierbar, und die Gesellschaft musste schon immer einige zurückweisen und andere unterdrücken, z.B. die von Serienkillern und Vergewaltigern. Aber traditionell beruhte die Entscheidung darüber, was legitim und was nicht legitim war, auf einem Konsens über Zielsetzungen, die alle Menschen teilen und die über das Individuum hinausweisen. Hat man diese Zielsetzungen erst einmal zugunsten personalisierter und maßgeschneiderter Formen persönlicher Glücksvorstellungen aufgegeben, geschieht etwas Merkwürdiges. Auch wenn kein Konsens mehr darüber besteht, wozu menschliche Wesen da sind, muss doch immer noch jemand entscheiden, welche Identitäten legitim sind und welche nicht. Und so erfordert ausgerechnet die Freiheit des radikalen Individualismus den Autoritarismus staatlicher Dekrete und die damit verbundene Androhung entsprechender Strafen.

Die Zeiten, wo man behaupten konnte, dass der Transgenderismus mir ja nicht in die Tasche greifen würde, sind endgültig vorbei. Die Transideologie ist darauf aus, alles zu verändern. Der legale Status, den ihr Gorsuch und jetzt Biden zuerkannt haben, wird ziemlich sicher Geldstrafen mit sich bringen. Und was das Beinebrechen anbelangt? Nun, meine sind zum Glück noch intakt. Aber wie lange das noch auf die Beine des Frauen-Rugby-Teams zutreffen wird, bleibt abzuwarten.


Der Artikel erschien am 26.01.2021 auf firstthings.com. Carl R. Trueman ist Professor für biblische und religiöse Studien am Grove City College.

 

 

 

Eine Antwort auf „Joe Bidens Transgender-Fiktionen“

  1. Transgender liegt im Zeitgeist. Aber was interessiert Christen jeder Wind der weht?
    Es gibt eben Leute, die wollen Einfluss auf die Gesellschaft haben und und meinen sie könnten den Zeitgeist aufhalten. Aber die Welt wird an allem achtlos vorrübergehen, das nicht im Trend liegt. Anstatt sich dem eigentlichen Thema des Christseins zu widmen, nämlich dem Wachstum zu Christus hin, echauffiert man sich an äußeren Erscheinungen. Dabei versteht man nicht einmal, was vorgeht!

    Menschen ENTSCHEIDEN nicht “anders” zu sein, sondern sie EMPFINDEN tatsächlich anders, sodass sie sich nicht mit ihrem biologischen Geschlecht identifizieren KÖNNEN. Das ist für diese Menschen eine GRUNDLEGENDE BELASTUNG, die andere Menschen nicht haben. Und es ist voll verständlich, wenn sie – da sie keine Alternative sehen – sich selbst annehmen möchten, wie sie sind und so auch von “Normalos” akzeptiert zu werden. Ein solches Anderssein ist also erst einmal eine Schicksalstatsache, die angenommen werden muss. Woher diese Zwiespalt von Seele und Leib rührt, DAS wäre Aufgabe christlicher Theologen zu ergründen. Alles MORALISIEREN ist Fehl am Platze!

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