Lass deine Traum-Gemeinde sterben!

Wie Unzufriedenheit Gemeinschaft zerstört

Ein Artikel von Scott Hubbard: Let Your Dream Church Die. Erschienen am 02.08.2020. Übersetzt von Viktor Zander, mit freundlicher Genehmigung von desiring God (Download als .pdf).

„Herr, ich möchte dich jetzt für Kevin bitten …“

Wer ist Kevin? Das war mein erster Gedanke. Ich hatte die Augen geschlossen, den Kopf gesenkt und ging im Kopf die Namen der neuen Hauskreismitglieder durch und fragte mich, wie ich Kevin übersehen konnte. Nach einigen Augenblicken merkte ich, dass Kevins Gebetsanliegen ziemlich stark meinen eigenen ähnelten.

Dann blickte ich es: Er betete für mich. Ich war Kevin.

Jeder, der schon lange Teil einer christlichen Gemeinschaft ist, kann von solchen peinlichen Momenten erzählen. Ab dem Moment, in dem man beginnt, sich in eine Gemeinde zu investieren, umgibt man sich mit Menschen, die einem manchmal auf die Nerven gehen können. Menschen, die immer ganz genau gegen den Takt klatschen. Menschen, die sagen: „Wir sollten uns unbedingt treffen“, und dann offensichtlich alles vergessen. Menschen, die einen Kevin nennen.

Sicher, die meisten von uns können solch banale Enttäuschungen leicht wegstecken. Die wirklichen Schwierigkeiten kommen erst, wenn solche Banalitäten richtig ermüdend werden. Wenn du lange genug in einer christlichen Gemeinschaft bleibst, dann wirst du dich selbst nicht genug wertgeschätzt und übersehen fühlen. Vielleicht wirst du alle möglichen ungebetenen „Ratschläge“ bekommen. Vielleicht verhedderst du dich in allerkleinlichsten Konflikten. Das alles kann sich verschlimmern.

Wenn uns ausreichend solcher Provokationen begegnen, dann kommen die Nebel der Ernüchterung auf. Wir beginnen uns dann womöglich zu fragen, ob wir in der falschen Gemeinde sind.

Das Leben im Leib

Naja, manchmal sind wir schon in der falschen Gemeinschaft. Vielleicht bist du einer Gemeinde beigetreten, die äußerlich gesund schien, nur um dann in derselben fortgeschrittene Krankheiten zu entdecken. In solchen Fällen wäre deine beste Reaktion darauf vielleicht nicht, geduldig auszuhalten, sondern freundlich zu gehen.

Vielleicht sollte jedoch nur eines von zehn desillusionierten Gemeindemitgliedern über einen Austritt nachdenken. In der Zwischenzeit müssen wir anderen neun uns daran erinnern, dass selbst die gesündesten Körper seltsame Angewohnheiten und unansehnliche Merkmale haben: ein sonderbares Schlurfen der Füße, eine frustrierende Stimmlage. Wenn unser Gemeinde-Leib nicht regelmäßig unsere Geduld auf die Probe stellt und sich unseren Vorlieben in den Weg stellt, dann ist es tatsächlich so, dass wir unserem Gemeinde-Leib vielleicht nicht genügend nah sind.

Diese Beobachtung stammt nicht so sehr aus Erfahrung (wenngleich Erfahrung diese von Herzen bezeugt), wie aus der Schrift. Obwohl die Apostel uns ein Bild der Gemeinde des Neuen Testaments geben, das wirklich erhaben ist, so sind doch ihre Beschreibungen des alltäglichen Lebens in dieser Gemeinde alles andere als romantisch. Das Haupt dieses Leibes mag wohl im Himmel wohnen, aber die Füße stehen noch immer Staub.

Gezügelte Erwartungen

Im Brief des Apostels Paulus an die Epheser finden wir sowohl die erhabene Vision als auch die alltägliche, irdische Realität. Die Gemeinde ist nichts Geringeres als die auserwählten Kinder des Vaters, der Leib und die Braut Christi, der Wohnort des Geistes (Eph 1,5; 2,22; 4,15-16; 5,25-27). Aber dann gelangen wir zu einem Gebot, wie dem in Eph 4,1-3:

Wandelt würdig der Berufung, mit der ihr berufen worden seid, mit aller Demut und Sanftmut, mit Langmut, einander in Liebe ertragend! Befleißigt euch, die Einheit des Geistes zu bewahren durch das Band des Friedens.

Bedenke, was Paulus mit einem solchen Befehl andeutet. Warum sollte er uns zum Beispiel aufrufen, „mit Langmut“ zu wandeln, wenn er nicht annehmen würde, dass wir einander regelmäßig zur Ungeduld anstacheln werden? Ein solches Anstacheln kommt vielleicht in Gestalt eines geschmacklosen Witzes oder einer selbstvergessenen Kränkung. Vielleicht hören wir hilflos zu, wie eines der Hauskreismitglieder die Diskussion total übertreibt. Wenn solcherlei Reibung nicht Teil unseres gemeinsamen Lebens wäre, dann würden wir keine Geduld brauchen.

Oder warum gebietet Paulus uns, „einander in Liebe [zu ertragen]“? Sicher deswegen, weil wir einander hin und wieder lästig sein werden. Wir können uns mit seltsamen Meinungen und rätselhaften Entscheidungen konfrontiert sehen. Wir können mit Menschen dasitzen, bei denen es uns schwerfällt, ein Gespräch am Laufen zu halten. Und wenn wir nicht einer bemerkenswert homogenen Gemeinde beigetreten sind, dann werden wir uns von Menschen umgeben sehen, mit denen wir uns niemals abgegeben hätten – wenn da nicht die Liebe Christi wäre (Eph 3,17-19).

Oder warum müssen wir uns „befleißigen, die Einheit des Geistes zu bewahren durch das Band des Friedens“? Zweifellos deswegen, weil die Versuchungen, sich in der Gemeinde voneinander zu entzweien, riesig sind. Zuweilen sind wir wegen unserer Brüder und Schwestern so sauer, oder vielleicht so tief durch sie bekümmert, dass für Einheit nur der hohe Preis schmerzvoller Gespräche, demütiger Bekenntnisse und ausgiebiger Konfliktlösung gezahlt werden kann.

Tägliche Geduld, tägliches Ertragen, tägliches Bewahren – das ist in Gottes herrlicher Gemeinde Alltag. Und es ist genug, um selbst den größten Realisten unter uns zu desillusionieren.

Zerstörer von Gemeinschaft

Immer dann, wenn wir neue dunkle Flecken in unserer Gemeinschaft entdecken – Makel die unsere Geduld, unser Ertragen und unser Bewahren der Einheit erfordern – liegen zwei Wege vor uns.

Einerseits können wir vor der erschreckenden Wirklichkeit unseres Gemeinde-Leibs weglaufen und uns die ganze Zeit an einer idealisierten Vision dessen festklammern, wie Gemeinschaft sein sollte. Aber wenn wir das tun, werden wir unausweichlich in die Falle laufen, die Dietrich Bonhoeffer erkannte: Wir werden zu „Zerstörern von Gemeinschaft“.

Jene, die ihren Traum einer Gemeinschaft von Christen mehr lieben als die Gemeinschaft der Christen selbst, werden Zerstörer dieser christlichen Gemeinschaft, und seien ihre persönlichen Absichten noch so ehrlich, eifrig und aufopferungsvoll. (Bonhoeffer, Gemeinsames Leben)

Manchmal sind die Zerstörer von Gemeinschaft offensichtlich. Sie sind Aufrührer, Meckerer, immerwährende Fehlerfinder. Wie Korah in alten Zeiten scharen sie vielleicht einen Kader derer um sich, die mit ihnen meckern. Oder vielleicht finden sie einfach nur immer einen Weg, um mitzuteilen, wie sie die Dinge anders machen würden, wenn es an ihnen liegen würde.

Deutlich häufiger findet Zerstörung sehr viel subtiler statt. Wir werden passive und nicht aktive Zerstörer. Frustriert durch unsere Gemeinschaft hören wir nach und nach mit unseren Anstrengungen auf. Wir lehnen die unbequemen Gespräche ab, sprechen die Sünden anderer nicht an und sprechen unsere eigenen Bedenken nicht aus. Unsere Beziehungen werden zunehmend formell und weniger familiär. Anstatt Andere geduldig zu ertragen, hegen wir Kummer, rufen immer wieder Verletzungen vor unserem inneren Auge hervor und finden Wege, auf Abstand zu bleiben.

Eine solche Apathie ist ein genauso schlimmer Feind der Gemeinschaft der Christen wie offene Feindschaft. Wir müssen keine Brücken zerstören, um die Schönheit und Einheit der Gemeinde Gottes zu schwächen. Wir müssen uns einfach nur still zurückziehen. Manche zerstören durch Feuer, manche durch Eis – aber beides kann eine Gemeinschaft in Schutt und Asche legen.

Wunderschöne Lasten

Der andere Weg ist der, den Paulus uns in Epheser 4,1-3 vorlegt. Dieser Weg ist sehr viel enger und deutlich beschwerlicher als der Weg der Zerstörer. Aber er ist auch sehr viel schöner. Denn wenn wir bereit sind, ganz und gar in unsere Desillusionierung einzutauchen und ihr erlauben, jedes unbiblische Ideal einer Gemeinschaft auszulöschen, dann gewinnen wir auf der anderen Seite vielleicht etwas, was wir um alles in der Welt nicht mehr hergeben werden.

Wir werden natürlich nicht endgültig der Notwendigkeit von Geduld entfliehen. Noch werden wir erstaunlicherweise entdecken, dass das, was vorher an anderen seltsam war, nun nicht mehr seltsam ist, oder dass Einheit leicht zu erreichen ist. Stattdessen werden wir tiefere Gemeinschaft und engere Übereinstimmung mit dem finden, dessen Geduld vollkommen ist (1. Tim 1,16), dessen Schultern die Last der Welt trugen (Jes 53,4) und dessen Eifer für Einheit ihn vom Himmel zur Erde und ans Kreuz gebracht hat (Eph 2,14).

Solange wir eine Traum-Gemeinschaft höher schätzen als Christus-Ähnlichkeit, werden wir unabsichtlich an der Zerstörung jeder Gemeinschaft arbeiten, der wir uns anschließen. Aber wenn wir Christus-Ähnlichkeit höher schätzen als sogar unsere liebsten Träume von Gemeinschaft, dann wird jede Kränkung, jede Absonderlichkeit, jeder Konflikt und jede Sünde zu einer Gelegenheit, dem herrlichen Haupt dieses Leibes ähnlicher zu werden (Eph 4,32-5,2).

Nur dann werden Gottes Kinder zur vollen Reife heranwachsen. Nur dann wird der Leib stark. Nur dann wird die Braut strahlend schön. Weil nur dann unsere Gemeinschaften mehr Jesus Christus ähneln werden.

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