Singt die gemeinen Psalmen

Peter J. Leithart

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Christen schrecken oft vor „Verwünschenden“-Psalmen zurück, in denen Gott darum gebeten wird, Feinde zu verfluchen und zu richten. Sie erscheinen unchristlich, lieblos und böswillig. Das Problem ist nur, dass Verwünschungen gar nicht so selten in den Psalmen vorkommen. Ungefähr 40 Psalmen enthalten nämlich Bitten um Gericht (5,9-11; 7,7-17; 9,20-21; 10,2.15; 12,1-5; 17,13-15; 28,3-5; 31,18; 35,1-8; 40,13-17; 49,13-15 usw.) und in anderen wird verheißen, dass Gott seine Feinde zerstören wird, ohne dass er explizit darum gebeten wird (z. B. 21,8-14). Würden Verwünschungen aus den Psalmen entfernt werden, wäre der Psalter genauso zerfetzt wie Jeffersons Ausgabe der Evangelien[1].

Verwünschungen sind keineswegs barbarische Überbleibsel, sondern drücken grundlegende biblische Überzeugungen über Gott und die Welt aus. Wenn wir nämlich um Gerechtigkeit beten, bitten wir Gott damit, dass zu sein, was er ist – nämlich der Richter der ganzen Erde. Mehr noch, solche Verwünschungen basieren auf Jahwes Bund mit Abraham und Israel. Jahwe hatte versprochen, die zu verfluchen, die Abraham verfluchen würden (1. Mose 12,3). Wenn nun David Gott darum bittet, Flüche auf die Verfluchenden zurückzuleiten, bittet er ihn um Treue gegenüber dem abrahamitischen Bund. Verwünschungen sind im Vergeltungsprinzip der Torah, dem lex talionis, Gesetz der Vergeltung, „Auge um Auge, Zahn um Zahn“, gegründet. Die Gottlosen aus Psalm 109 öffnen einen betrügerischen Mund, um mit einer lügnerischen Zunge zu sprechen und treten damit als Davids Ankläger auf; David bittet Jahwe diese nun auch mit Anklägern zu umgeben. Davids Feinde verweigern Barmherzigkeit, weshalb David bittet, dass auch sie keine Barmherzigkeit empfangen. Sie verfolgen die Schwachen, deswegen bittet David, dass auch sie verfolgt werden. Sie bekleiden sich mit Flüchen, weshalb David bittet, dass Jahwe sie in Schmach und Schande hüllt.

Wie Trevor Laurence argumentiert hat, reichen verwünschende Psalmen bis an den Beginn der Bibel zurück. David charakterisiert seine Feinde als räuberische Bestien (35,17; 58,7), oft als Schlangen. Die ungerechten „Götter“ aus Psalm 58, sind Kinder von Vipern, welche die „Söhne Adams“ attackieren. Wie die Schlange aus Eden sind sie Lügner. David bittet Jahwe ihre Zähne auszubrechen, damit sie keinen andern vergiften können. Am Ende des Psalms sieht David sich selbst als der versprochene Nachkomme der Frau, welcher die Schlange zertritt (vergleiche 1. Mose 3,15); seine Ferse zertrümmert ihre Köpfe und er badet seine Füße in ihrem Blut.

Psalm 83 charakterisiert die Feinde Israels als listig oder verschlagen, wie der Verführer im Garten (1. Mose 3,1), und verweist auf dämonische Feinde Israels, welche durch Kopfverwundungen starben: Jael rammte einen Zeltpflock durch Siseras Schädel (83,10; Richter 4,21-22; 5,26), die Ephraimiter brachten die Köpfe von Oreb und Seb zu Gideon (83,12; Richter 7,25) und Gideon besiegte Zebah und Zalmunna, sodass diese „ihre Köpfe nicht mehr erhoben“ (83,12; Richter 8,28). Wie Laurence es formuliert: Psalm 83 „bittet Gott darum, die Köpfe der listigen Schlangen-Völker zu zertrümmern, wie er in früheren Zeiten den Schlangen die Schädel zertrümmert hat.“

Psalm 68 spricht auch von zerschmetterten Köpfen und zertretenen Füßen, und der König aus Psalm 72 lässt seine Feinde Staub lecken wie eine Schlange (vgl. 1. Mose 3,14). Psalm 109 ist ein Teil der 3-Psalme-Sequenz (Psalm 108-110). Wie Laurence sagt, stellt Psalm 108 Jahwes frühere Triumpfe mit Israels gegenwärtigen Niederlagen in Kontrast, während Psalm 110 einen siegreichen David zeigt, welcher seine Feinde unter seine Füße bringt und die Köpfe von Königen zertrümmert. Eingenistet zwischen diesen Psalmen, wird in Psalm 109 Jahwe darum gebeten, Sieg über Satan, Ankläger und Verleumder zu geben, damit der König aufsteigen und an Jahwes rechter Hand regieren kann.

Auch in Psalm 140 haben Davids Feinde scharfe Zungen wie Schlangen und Viperngift unter ihren Lippen, weswegen David Jahwe darum bittet, sie ins Feuer zu stürzen.

Wie Laurence auf den Punkt bringt, durchzieht dieser Schrei nach Gerechtigkeit und Befreiung von satanischen Kräften den kompletten Psalter. Psalm 1 zeigt, wie Jahwe die Gottlosen wie Spreu verweht, und Psalm 2 stellt Jahwes königlichen Sohn vor, welcher Nationen und Könige wie Töpferwaren zertrümmert. Fast am Ende des Psalters, in Psalm 149, wird versprochen, dass die Heiligen, zerschmettern, Könige binden und Gerechtigkeit vollstrecken werden. Der Psalter händigt damit den eisernen Stab des Sohnes an uns aus, weil der Psalter wie ein eiserner Stab ist. Wenn wir die Psalmen singen, brechen wir Zähne, stumpfen Pfeile ab, machen ungerechte Hände unfähig und bringen lügende Zungen zum Verstummen.

Die gemeinen Psalmen zu singen, ist somit Teil des Missionsauftrages der Kirche/ Gemeinde. Diese Psalmen wecken einen Hunger und Durst nach Gerechtigkeit, wenn wir die Gebete dieser Bedürfenden zu unseren eigenen machen. Sie erweitern den Umfang unserer Gebete. Wir mögen nicht unbedingt ähnliche Bedrohung erfahren; aber diese Psalmen halten uns täglich die Gefahren unserer verfolgten Brüder und Schwestern vor Augen. Verwünschungspsalmen gründen uns in der realen Welt und wirken unserer instinktiven Neigung zu vergeistlichter, eintöniger, pollyanischer Frömmigkeit entgegen. Sie sind eine Form von Kirchen-/ Gemeindedisziplin, da wir Jesus darum bitten, Lügner und Räuber, aus seinem Feld der Kirche/ Gemeinde zu vertreiben. Durch diese Gebete verteidigen wir das Haus und Königreich von Gott, da wir damit an dem Werk des Herrn, Gerechtigkeit zu schaffen, Unschuldigen Recht zu schaffen und Hilflose zu verteidigen, teilnehmen. Wenn wir die unangenehmen Psalmen singen, wird Satan unter unseren Füßen zertreten (Römer 16,20).

Peter J. Leithart ist Präsident des Theopolis Institute.


„Sing the mean Psalms“ von Peter J. Leihart erschien am 25.03.2021 auf firstthings.com. Übersetzt von John mit freundlicher Genehmigung von FirstThings.

[1] Anm.d.Ü: Thomas Jefferson erstellte ein eigene Zusammensetzung des Neuen Testamentes, die keine für ihn rational nicht erklärbare Ereignisse, wie übernatürliche Dinge und „historische Irrtümer“ erhielt, indem er aus mehreren gedruckten Ausgaben Verse ausschnitt, neu zusammenstellte und so seine eigene Ausgabe zusammenstellte.

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