Über Balken, Splitter und Vorurteile

Mt. 7, 3:  “Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge und nimmst nicht wahr den Balken in deinem Auge? 4 Oder wie kannst du sagen zu deinem Bruder: Halt, ich will dir den Splitter aus deinem Auge ziehen! – und siehe, ein Balken ist in deinem Auge? 5 Du Heuchler, zieh zuerst den Balken aus deinem Auge; danach kannst du sehen und den Splitter aus deines Bruders Auge ziehen.”

Die Bergpredigt ist wirklich eine shocking message! Jesus durchschaut uns bis in die geheimsten Ecken des Herzens. Wenn ich über Mt. 7,3-5 nachdenke, dann fallen mir einige Punkte auf:

a) Wir können kleine Fehler an anderen bemerken und doch gleichzeitig unsere eigenen großen Fehler übersehen.  Das heißt nichts anderes, als das wir selbst große Fehler in unserem Leben so klein reden, dass sie uns kleiner vorkommen, als Kleine Fehler anderer: “Der Splitter da, der ist furchtbar! und der nennt sich noch Christ? Aber der Balken hier, naja der fällt ja kaum auf!”

Ich finde es spannend, dass gerade die Aussage Jesu, die uns deutlich macht, wie vorsichtig wir dabei sein sollten, andere zu korrigieren, gleichzeitig deutlich macht, wie nötig wir Korrektur haben. Während ich also einiges falsch machen könnte beim Versuch, meinem Bruder zu helfen, toleriere ich einen viel größeren Fehler in meinem Leben. „Über Balken, Splitter und Vorurteile“ weiterlesen

Christians Abenteuer (1): Christian kann nicht genießen

Denn dem Menschen, der (Gott) gefällt, gibt er Weisheit, Verstand und Freude; (Pred. 2,26)


Bei meinem letzten Besuch in Oxford bin ich beim Wandeln zwischen den alterwürdigen Gräbern neben dem Martyrs Memorial über eine lockere Bodenplatte gestolpert,  die dadurch um wenige Zentimenter nachgab. Auf diese Weise tat sich ein bis dahin kaum sichtbarer Spalt so weit auf, dass dahinter ein Hohlraum sichtbar wurde. Fast automatisch musste ich hinlangen und zog eine stark angegriffene Ledertasche hervor in der sich ein englisches handgeschriebenes Manuskript  mit dem eigentümlichen Titel “Some lost chapters of the pilgrim’s progress” von einem gewissen Yann Jobuhn. Nun bin ich endlich dazu gekommen, einige Kapitel davon zu übersetzen, wobei ich es nicht unterlassen konnte, die Erzählungen zu kürzen und die Begebenheiten an moderne Herausforderungen anzupassen.

Doch lassen wir den Autor sprechen:

Christian (35 Jahre alt und verheiratet mit Christine) wohnt in Kampfstadt, einer kleinen Siedlung in der Nähe von Siegburg. Er ist seit vielen Jahren Christ, recht aktiv in der Gnadenkirche, einer bunten Gemeinde am Rande seiner Stadt.  Doch in den letzten Jahren verließ die Freude immer mehr das Herz von Christian, ein derart schleichender Prozess, dass er ihm weder besonders auffiel, noch für ihn erklärbar war. Doch blicken wir auf einen typischen Sonntag von Christian.

An diesem Tag wollte das junge Paar den Gottesdienst der Martini Gemeinde  besuchen und schon bald fing die Schlinge Satans an, sich enger um den Hals von Christian zusammenzuziehen. Der Weg war lang, und obwohl man für einen Sonntag nur wenig Verkehr erwarten durfte, haben sie fast eine halbe Stunde länger benötigt, als eingeplant. Entsprechend stockten auch die Gespräche unterwegs ziemlich schnell und Christian dachte darüber nach, wie viel er in der Verkehrsplanung ändern würde, wenn er der Stadtbauplaner wäre. Schon bald versank er im Nachdenken über die weitreichenden Änderungen, die eigentlich  die komplette Gesellschaft benötigt und verpasste so die Gelegenheit seiner Frau zuzuhören, die mit ihm die herausfordernde Schulsituation ihrer Kinder besprechen wollte. Auch hatte er natürlich weder Freude an der Umgebung, noch konnte er die Songs aus dem DAB-Radio genießen, die ausgerechnet heute seine Lieblingssongs ausstrahlen mussten. Sie sind recht knapp eingetroffen, waren aber pünktlich genug, damit sich Christian über den starren Gesichtsausdruck eines Ordners und das doch eigentümliche Design eines evangelistischen Flyers wundern konnte, die am Eingang auslagen. “Wer bitte soll ernsthaft erwägen, den Gottesdienst zu besuchen, wenn er einen solchen Flyer sieht”, fragte sich Christian. Doch schon saßen sie zwischen den Reihen, natürlich mit Abstand und Maske. schließlich war ja Corona. Christian hasste es, über Corona nachzudenken, und je mehr er sich diesem Thema entziehen wollte, desto mehr schien es seine Gedankenwelt zu kontrollieren. Die kompletten Maßnahmen erschienen ihm bizarr, ja er weigerte sich, in diesen Weitsinn oder Kompetenz anzuerkennen. Er würde so vieles anders machen. Er verstand nicht, wie solch kompetente Menschen sich  nicht zu besseren Entscheidungen durchringen konnten. Wieder war er kurz davor, sich von einem wichtigen, global relevanten Thema gefangen zu nehmen, bei dem eine Veränderung dringen nötig war (und die er sogar kannte), doch kam er doch noch rechtzeitig zur Besinnung, um der Gottesdienstliturgie und der Predigt folgen zu können. Doch was war das bloß für eine Liturgie. „Christians Abenteuer (1): Christian kann nicht genießen“ weiterlesen

Bedeutet es, dass ich gestresst hetzen muss, um “die Zeit auszukaufen”?

Erbarmungslos hämmert dieser Vers auf mich nieder – “Kauft die Zeit aus!” ist der Imperativ, der mich morgens früher aus dem Bett holt, mich Mittags möglichst schnell meine Mahlzeit beenden lässt, und mich abends mit mir hadern lässt, “dass ich nicht noch effizienter war”. Ob es nun der notwendige Reifenwechsel – oder der Spaziergang ist, schon vor Jahren habe ich mir angewöhnt, dies nur mit Stöpseln im Ohr zu tun, um die “Zeitausbeute” zu steigern. Möglichst höchste Effizient ist die Parole und angetrieben durch Eph. 5,16 hetzt man von einem Task zum Nächsten.

Praktisch bedeutet dies natürlich, dass man die Aufgaben nach Relevanz/Bedeutung sortiert und “Kinder hüten” oder “Leibliche Ertüchtigung”  findet sich in dieser Hierarchie nur ganz weit unten – sind es ja schließlich nicht “geistliche Werke des Reiches Gottes” – eher nötige, unvermeidbare Pflichten, die von dem wesentlichen “Dienst für Gott”, wie z.B. dem  Bloggen, oder in meinem Fall vornehmlich “wichtige Bücher lesen” abhalten. Entsprechend gilt es, diese Zeit als so gering wie möglich zu halten – schließlich muss ich “die Zeit auskaufen”, wenn ich geistlich sein möchte

Entsprechend ist natürlich auch nur “zäher Verkehr” der Horror schlechthin, die pure Zeitvernichtung in ihrer reinsten Form – Überhaupt, wenn ich so darüber nachdenke, werden es nahezu täglich nur immer mehr Autos auf den Straßen, die scheinbar jedes Jahr erneut zwei km/h langsamer unterwegs sind als letztes Jahr – Straßen voller Sonntagsfahrer!

Oder nehmen wir die Beschäftigung mit den Kindern – Um die dominierende Emotion dabei zu benennen: “Langeweile” – Wie furchtbar “ätzend” es ist, bei der Kinderbetreuung “anwesend” zu sein, ist kaum in Worte zu fassen.  Ob es nun malen, kneten, singen oder auch nur anschaukeln ist. Diese Zeit gilt es möglichst kurz zu halten! Dabei war mir die Fesselung der Kids vor digitalen Medien zu offensichtlich manipulativ und so greift man zu “kreativeren Maßnahmen”. Beispiel: Anschaukeln! Schon nach einigen Minuten versuche ich das Kind abzulenken und es auf eine Beschäftigung aufmerksam zu machen, mit der es sich selbst beschäftigen kann! „Bedeutet es, dass ich gestresst hetzen muss, um “die Zeit auszukaufen”?“ weiterlesen

Ja, aber…

Neulich sprach ich mit einem Prediger darüber, wie ich versuche, einem in extremen Verschwörungstheorien gefangenen Christen, deutlich zu machen, das Gott alles unter Kontrolle hat und nichts außerhalb seiner Vorsehung geschehen kann.

Interessanterweise kam die Reaktion prompt, irgendwie auch vorhersehbar: “Ja aber, das heißt natürlich nicht, dass man sich einfach zurücklehnen kann oder die Vorsehung als Ausrede für sein Verhalten nutzen darf” – Übrigens handelte es sich um einen reformierten Pfarrer, falls diese Info helfen sollte.

Nun stelle ich mir vor, was passiert, wenn ich genau diese Antwort, einen panisch ängstlichen, von Verschwörungstheorien erdrückten Christen bringe: “Ja Bruder, du weißt ja das mit der Vorsehung. Gott kennt alle Sperlinge und zählt deine Haare, aber natürlich heißt das nicht, dass du dich jetzt einfach zurücklehnst” Folge: Besagter Bruder ist komplett in seiner Panik bestätigt! Er wird sich denken: Genau! Natürlich hat Gott alles unter Kontrolle! Aber was nützt es mir? Ich muss Pläne schmieden, Vorräte sammeln, Auswege planen usw…

Ich hege schon länger den Verdacht, dass dieses ausgeglichene, angeblich alle Perspektiven berücksichtigendes Sprechen eher etwas ist, dass den englischen Ausdruck “futile” verdient. Kurz: es ist vergeblich

Dabei kommt diese Darstellungsweise bekanntlich häufig genug vor: “Jesus ist der gute Hirte, liebe Geschwister! Er hält uns unwiderstehlich fest in seiner Hand, aber das heißt nicht, dass wir träge werden dürfen”. Oder: “Der Hebräerbrief warnt alle vor dem Abfall, aber das heißt natürlich nicht, dass Gott nicht gnädig ist”. Diese “Multiperspektivität” dürfte sich auch deswegen so erfolgreich tarnen, weil sie sich mit dem Heiligenschein der “Komplementarität” schmückt. Zwei Perspektiven, so unvereinbar sie zu sein scheinen, gilt es dabei immer gleicherweise im Blick zu halten. Doch leider ist das nicht die Art, wie Jesus argumentiert: Als er im Kontext der Bergpredigt (Mt. 6,28-34)  anfängt darüber zu sprechen, dass wir uns nicht sorgen sollen, weil “euer himmlischer Vater weiß, dass ihr dessen bedürft”, hat er es nicht nötig ein korrigierendes “das heißt aber nicht, dass ihr faul sein dürft” nachzuwerfen. Wenn schon ein Appell folgt, dann doch die Enttarnung dessen, warum Sorgen kommen – nämlich weil nicht zuerst nach dem Reich Gottes getrachtet wird (6,32). „Ja, aber…“ weiterlesen

Murren als Grundrauschen

Was ist eigentlich Murren? Vor allem wahrscheinlich ein veralteter Begriff, selbst Fanboys des Textus Receptus und der LUT1912 verwenden diesen Begriff aktiv kaum. Dabei greift Paulus das Murren Israels erneut in seinem ersten Brief an die Korinther auf (1. Kor. 10,10):

Murrt auch nicht, wie etliche von ihnen murrten und wurden umgebracht durch den Verderber

Welch harte Warnung! Gleichzeitig beobachte ich, das Murren geradezu einen obligatorischen Teil vom Großteil unseres Smalltalks ausmacht:

“Schon wieder Regen” , “Der Verkehr zur Arbeit war heute grausig”. “Montage gehören abgeschafft”. sind hier nur triviale Beispiele. In längeren Gesprächen reiht sich ein Klagelied ans Nächste: Die Kinder sind frech, die Arbeit lang, das Wetter heiß, die Gemeinde doof, der Nachbar lausig, die Luft eng…

Regelmäßig beobachte ich, dass ich in die “Murrfalle” stolpere. Erzählt einer “von seinen Herausforderungen”, dann ist es nahezu natürliche Reaktion, die Schwere der eigenen Herausforderungen hervorzuheben. Frohen Mutes übertrumpft einer seinen Nächsten im Murren. „Murren als Grundrauschen“ weiterlesen

Wie wachse ich in meinem Gehorsam zu Gott?

Ein Artikel von John Piper, erschienen am 04.11.2020 auf desiringGod.org unter dem Titel „How Can I Grow in Obeying God?“. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von desiringGod.org (Download als .pdf)

In Röm. 1,5 spricht der Apostel Paulus über den „Gehorsam des Glaubens“ oder wie manche Bibelübersetzungen (z.B. Schlachter 2000) es ausdrücken, über den „Glaubensgehorsam“.  Nur durch den Glauben an Gott gehorchen wir Gott. Glaubensloser Gehorsam ist bloße Fantasie.

Genau dieser Punkt in diesem Text führte eines späten Abends zu einem lebensverändernden Moment im Leben Stefans, eines unserer Zuhörer. Er berichtet uns: „Ich hörte eines späten Abends, als ich gegen den Schlaf ankämpfte, Pipers Predigt über Römer 1,5“. Ich nehme jetzt an, dass er noch etwas tun musste und deshalb wach bleiben musste. „Die ganze Woche war ein großer Kampf gegen mein Fleisch. Ich hörte wie dieser Vers auf eine Weise gelehrt wurde, die ich noch nie gehört habe. Er veränderte vollständig meine Christusnachfolge. Ich folgte Christus bisher auf eine völlig falsche Weise nach. Der Herr sprach deutlich zu mir, dass ich aufhören solle, Heiligung zu meinem allerersten Ziel zu machen. Mein Lebensziel ist meine Freude an Ihm selbst und aus dieser Freude, die ich aus seiner Gnade in meinem Glauben empfange, gute Werke zu tun.“ Er bezieht sich dabei auf eine Predigt von John Piper aus dem Jahr 1998. Im Folgenden ein Abschnitt daraus:

Gehorsam ist im Römerbrief äußerst wichtig. So spricht auch Kapitel 6 über Gehorsam. Du bist der Sklave dessen, dem du gehorchst, ob nun der Gerechtigkeit oder der Sünde. Römer 9,32 sagt, dass wir dem Gesetz durch den Glauben und nicht durch Werke gehorchen. Römer 14,23 sagt: „Wer aber zweifelt und dennoch isst, der ist schon verurteilt, denn es kommt nicht aus dem Glauben. Was aber nicht aus dem Glauben kommt, das ist Sünde.“ (Vgl. auch Heb. 11,6) „Wie wachse ich in meinem Gehorsam zu Gott?“ weiterlesen

Lass deine Traum-Gemeinde sterben!

Wie Unzufriedenheit Gemeinschaft zerstört

Ein Artikel von Scott Hubbard: Let Your Dream Church Die. Erschienen am 02.08.2020. Übersetzt von Viktor Zander, mit freundlicher Genehmigung von desiring God (Download als .pdf).

„Herr, ich möchte dich jetzt für Kevin bitten …“

Wer ist Kevin? Das war mein erster Gedanke. Ich hatte die Augen geschlossen, den Kopf gesenkt und ging im Kopf die Namen der neuen Hauskreismitglieder durch und fragte mich, wie ich Kevin übersehen konnte. Nach einigen Augenblicken merkte ich, dass Kevins Gebetsanliegen ziemlich stark meinen eigenen ähnelten.

Dann blickte ich es: Er betete für mich. Ich war Kevin.

Jeder, der schon lange Teil einer christlichen Gemeinschaft ist, kann von solchen peinlichen Momenten erzählen. Ab dem Moment, in dem man beginnt, sich in eine Gemeinde zu investieren, umgibt man sich mit Menschen, die einem manchmal auf die Nerven gehen können. Menschen, die immer ganz genau gegen den Takt klatschen. Menschen, die sagen: „Wir sollten uns unbedingt treffen“, und dann offensichtlich alles vergessen. Menschen, die einen Kevin nennen.

Sicher, die meisten von uns können solch banale Enttäuschungen leicht wegstecken. Die wirklichen Schwierigkeiten kommen erst, wenn solche Banalitäten richtig ermüdend werden. Wenn du lange genug in einer christlichen Gemeinschaft bleibst, dann wirst du dich selbst nicht genug wertgeschätzt und übersehen fühlen. Vielleicht wirst du alle möglichen ungebetenen „Ratschläge“ bekommen. Vielleicht verhedderst du dich in allerkleinlichsten Konflikten. Das alles kann sich verschlimmern.

Wenn uns ausreichend solcher Provokationen begegnen, dann kommen die Nebel der Ernüchterung auf. Wir beginnen uns dann womöglich zu fragen, ob wir in der falschen Gemeinde sind. „Lass deine Traum-Gemeinde sterben!“ weiterlesen

John Wesleys Gespräch mit Zinzendorf

Bildergebnis für wesley and zinzendorfAuf diese Unterhaltung beider, bin ich eher zufällig gestoßen, ich selbst verfüge nur über den Hinweis, dass sich diese Unterhaltung im zweiten Band vom Wesley Journal S. 488-490 findet vom 3.Sept. 1741). Das Gespräch fand ursprünglich wohl in Latein statt und die englische Variante, so wie ausführliche Quellenverweise finden sich hier. Ich wollte niemandem dieses herrliche Stück Kontroverse vorenthalten:
Zinzendorf (Z): Warum hast du deine Religion (Überzeugung) gewechselt?
Wesley (W): Ich bin mir nicht bewusst, meine Religion (Überzeugung) gewechselt zu haben? Wie kommst du darauf? Wer hat dir dies berichtet?
Z: Du selbst. Ich ersehe das aus deinem Brief an uns. darin bekennst du dich zu einer neuen Religion, nachdem du die, welche du bei uns gelernt hast, aufgegeben hast.
W: Wieso? Ich verstehe das nicht.
Z: Doch, du sagst darin, wahre Christen seien keine armen Sünder. Das ist völlig falsch. Die besten Menschen sind bis zum Tode ganz elende Sünder. Wenn sie etwas anderes sagen, sind sie durch und durch Betrüger oder teuflisch Verführte. Unsere Brüder, die Besseres lehren, hast du bekämpft; und dann, als sie Frieden wollten, hast du ihn verweigert.
W: Ich verstehe immer noch nicht, was du willst.
Z: Als du aus Georgia an mich schriebst, habe ich dich gar sehr ins Herz geschlossen. Damals erkannte ich dich als einen Menschen mit einfältigem Herzen. Du schriebst wieder. Ich merkte, dass du wohl einfältigen Herzens warst, aber voll verwirrter Ideen. Du kamst zu uns. Deine Gedanken waren noch verwirrter und konfuser geworden. Dann fuhrst du nach England zurück. Einige Zeit später hörte ich, dass unsere Brüder mit dir stritten. Ich schickte Spangenberg, um zwischen euch Frieden zu stiften. Er schrieb mir, die Brüder hätten dir Unrecht getan. Ich schrieb zurück, sie sollten damit aufhören und dich um Verzeihung bitten. Spangenberg antwortete, sie hätten um Verziehung gebeten, aber du wolltest keinen Frieden, um über sie triumphieren zu können. Jetzt, da ich ankomme, höre ich dasselbe.
W: Die Sache hat sich in ihrem Hauptpunkt keineswegs verändert. Deine Brüder – das ist wahr – haben mich recht schlecht behandelt. Später baten sie um Verziehung. Ich antwortete, es sei ganz überflüssig; ich sei über sie niemals erzürnt gewesen, aber sie sollten darauf achten, erstens nicht Falsches zu lehren und zweitens nicht schlecht zu leben. Dies ist und war die einzige strittige Frage zwischen uns.
Z: Das musst du deutlicher sagen.
W: Ich bin in Sorge, dass sie Falsches lehren einmal über das Ziel unseres Glaubens in diesem Leben, also über die christliche Vollkommenheit, sodann über das, was unsere Kirche die Gnadenmittel nennt.
Z: Ich erkenne keine innewohnende Vollkommenheit in diesem Leben an. Das ist der Irrtum aller Irrtümer. Ihn bekämpfe ich in der ganzen Welt mit Feuer und Schwert, ihn verfolge und vernichte ich. Allein Christus ist unsere Vollkommenheit. Wer eine innewohnende Vollkommenheit lehrt, der leugnet Christus.
W: Ich aber glaube, dass Christi Geist im rechten Christen die Vollkommenheit schafft.
Z: Keineswegs. Unsere ganze Vollkommenheit liegt in Christus. Alle christliche Vollkommenheit besteht im Vertrauen auf Christi Blut. Die ganze christliche Vollkommenheit ist imputiert (zugerechnet), in inhäriert (innewohnend). Wir sind vollkommen in Christo, in uns selbst niemals.
W: Wir streiten – glaube ich – um Worte. Ist nicht jeder, der wirklich glaubt, ein Heiliger?
Z: Aber ein Heiliger in Christo, nicht in sich.
W: Aber lebt er nicht heilig?
Z: Gewiss, er lebt heilig in allem.
W: Und hat er nicht ein heiliges Herz?
Z: Ganz gewiss.
W: Folglich ist er doch heilig in sich?
Z: Nein, nein. Allein in Christo, nicht heilig in sich. Er hat durchaus keine Heiligkeit in sich.
W: Trägt er nicht in seinem Herzen die Liebe zu Gott und zum Nächsten, ja sogar das ganze Ebenbild Gottes?
Z: Ja. Aber das ist die gesetzliche Heiligkeit, nicht die evangelische. Dei evangelische Heiligkeit ist der Glaube.
W: Wir streiten ganz und gar um Worte. Du gibst zu, dass das ganze Herz des Glaubenden und sein ganzes Leben heilig ist: er liebt Gott von ganzem Herzen und dient ihm mit allen Kräften. Mehr verlange ich auch nicht. Nichts anderes verstehe ich unter “christlicher Vollkommenheit oder Heiligkeit.”
Z: Aber das ist nicht seine eigene Heiligkeit. Er ist nicht heiliger, wenn er mehr liebt, und nicht weniger heilig, wenn er weniger liebt.
W: Was? Nimmt denn der Glaubende, der in der Liebe wächst, nicht gleichfalls auch in der Heiligkeit zu?
Z: Niemals. Vielmehr in dem Augenblick, in dem er gerechtfertigt ist, wird er auch völlig bis ins Innerste geheiligt. Folglich ist er bis zu seinem Tode weder mehr noch weniger heilig.
W: Also ist der Vater in Christo nicht heiliger als ein neugeborenes Kind?
Z: Nein. Die ganze Heiligung und Rechtfertigung sind in demselben Augenblick da; und keine wird mehr oder weniger.
W: Wächst nicht der wahre Gläubige in der Liebe Gottes von Tag zu Tag? Ist er denn schon vollkommen in der Liebe, sobald er gerechtfertigt ist?
Z: So ist es. Niemals wächst er in der Liebe zu Gott. So ganz liebt er in dem Augenblick, wie er ganz geheiligt wird.
W: Was will aber der Apostel Paulus mit dem Spruch: “Wir werden erneuert von Tag zu Tag?”
Z: Ich will es dir sagen. Wenn Blei in Gold verwandelt wird, so ist es Gold am ersten und zweiten und dritten Tag. So wird es erneuert von Tag zu Tag. Aber niemals ist es goldener als am ersten Tag.
W: Ich meinte, wir sollten in der Gnade wachsen!
Z: Sicherlich. Aber nicht in der Heiligkeit. Sobald nämlich jemand gerechtfertigt ist, wohnen Vater, Sohn und Heiliger Geist in seinem Herzen. Und sein Herz ist in jedem Moment so ganz rein, wie es jemals sein wird. Ein Kind in Christo ist genau so rein im Herzen wie ein Vater in Christo. Da gibt es keinen Unterschied.
W: Waren die Apostel nicht vor Christi Tod gerechtfertigt?
Z: Sie waren es.
W: Waren sie nicht heiliger nach Pfingsten als vor Christi Tod?
Z: Keineswegs.
W: Wurden sie nicht an jenem Tage voll des heiligen Geistes?
Z: Ja. Aber dieses Geschenk des Geistes bezog sich nicht auf ihre eigene Heiligkeit. Es war ganz eine Gabe der Wunder.
W: Vielleicht verstehe ich dich nicht. Wenn wir uns selbst verleugnen, sterben wir dann nicht mehr und mehr der Welt und leben Gott?
Z: Wir weisen alle Selbstverleugnung zurück, wir treten sie mit Füßen. Als Glaubende tun wir alles, was wir wollen und nichts darüber hinaus. Wir verlachen alle Abtötung. Der vollkommenen Liebe geht keine Reinigung voraus.
W: Was du gesagt hast, will ich mit Gottes Hilfe genau erwägen.
Gefunden in “Junge Kirche” 13 Jahrgang, Oldenburg 1952 S. 289-291
Vgl. auch die Kontroverse Wesleys mit Whitefield.