Es war viel besser, als ich es in der Erinnerung hatte

Vor einigen Tagen schauten wir einige alte Familienvideos an, auch über die Zeit 2015-2016, die geprägt von einer Entscheidung war, über die ich viel gehadert habe:

Damals hatten wir zwei Kinder und waren auf der Suche nach größerem Wohnraum. Wir schauten eine Wohnung nach der anderen an und recht deutlich machten uns alle Vermieter klar, dass“ sie die Wohnung lieber an eine Familie mit zwei Verdienern vermieten“. Nach einer Menge solcher Absagen stießen wir nun auf einen Vermieter, für den das gar keine Rolle spielte. Das machte mächtigen Eindruck und so sagten wir, da diese Wohnung nun viel mehr Platz bot, dem Mietvertrag zu. Dabei spielte ich die Nachteile runter: Das Haus war ein hundert Jahre alt und befand sich an einer vielbefahrenen Straße direkt gegenüber einer lauten Kneipe.

Nach dem Einzug wurden weitere Probleme deutlich: Der Parkplatz war nicht nutzbar, die Heizung war so schwach, dass sie immer nur auf einem  der beiden Stockwerke lief und die Sicherung flog bei jedem Starten der Waschmaschine raus. Der Keller war derart durchgeschimmelt, dass selbst die eingelagerten Winterreifen, sehr bald anfingen, zu schimmeln. Dazu kam wohl noch, dass wir mitten zum Winter einzogen, diese dunkle Jahreszeit, die sowieso bereits mein Gemüt belastet.

So wurde uns bereits einige Tage nach dem Einzug klar, dass wir da wieder raus müssen. Das war mir furchtbar peinlich. Mir war klar, welche Rolle ich nun abgab. Ich konnte mir zu dem Zeitpunkt kaum etwas unmännlicheres und dümmeres vorstellen, als diesen Umzug.

Soweit die Szenerie meiner Erinnerungswelt. Etwas ganz anderes verkündigten die Clips:  Unsere älteste Tochter singt  lauthals „Ehre sei Gott“ in die Kamera und der Sohn unternimmt die ersten selbstständigen Schritte. Eine unglaubliche Harmonie! Ich war ein Stückweit entsetzt. All das habe ich gänzlich vergessen. Stattdessen bestand meine Erinnerung for allem an den kalten Luftzug aus dem Flurfenster und den Sirenen der Feuerwehr in direkter Nachbarschaft.

Eine tiefe Reue durchzog mich, dass ich mich mehr an diese, zugegeben unangenehmen Rahmenbedingungen erinnere, als an die Freuden, mit denen uns Gott selbst in meiner Fehlentscheidung übergoss.

Am deutlichsten wurde es mir bei einem Clip aus der Winter, bei dem die helle Sohne in die Wohnung schien. In meiner Erinnerung war diese Zeit völlig trübe, da schien die Sonne nie. Ich könnte mich dafür ohrfeigen, dass ich mich nicht an die in den Sonnenstrahlen tanzenden Kinder erinnern kann, wohl aber an den Schimmel im Keller.

Es war ernüchternd wahrzunehmen, wie trügerisch meine Erinnerung ist. Ich erinnerte mich nur an das, an was ich mich erinnern wollte. Welch krasser Selbstbetrug! Das erinnert mich an Israel. Man sah die Hitze, das ausbleibende Wasser, wenig Fleisch aber man sah nicht das Manna, sprudelnde Felsen und eine „Schuh-Flat“.

Und nun geht mir langsam auf, wie mich dieser Selbstbetrug vor echter Selbstanalyse aufhielt. Um ein Beispiel zu nennen: So dürfte eine Menge dieser Selbstzerknirschung über diese Wohnungsentscheidung bloße Menschenfurcht gewesen sein. Bemüht um „mein eigenes männliches und weises Image“ manipuliere ich meine Erinnerungswelt. Das ist wirklich ernüchternd, dass Gottes Heiligung selbst meine Erinnerungswelt mit einschließt.

 

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