Orthodoxie mit offenen Armen – Eine Erinnerung an J. I. Packer (1926-2020)

40 Quotes from J. I. Packer (1926–2020)

Ein Artikel von: Mark Noll, Orthodoxy with Open Arms – Tribute to J.I. Packer (1926–2020) vom 21.07.2020

Übersetzt von Viktor Zander, erklärende Fußnoten von Sergej Pauli.

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Der erste Eindruck kann täuschen. Aber die Eigenschaften, die ich in Jim Packer sah, als ich ihn im November 1979 zum ersten Mal traf, erwiesen sich als die gleichen, die viele andere (so meine Meinung) in vielen anderen Zusammenhängen im Laufe seines langen und fruchtvollen Lebens sahen.

Bereits 1979 sorgte sein Buch „Knowing God“[1] für einen hohen Bekanntheitsgrad unter Evangelikalen auf beiden Seiten der Atlantik. Der Anfang meiner Verbindung hatte jedoch mehr damit zu tun, was er über die Bibel geschrieben hatte, insbesondere sein Werk „Fundamentalism and the Word of God“[2]. Kritische englische Kommentare über Billy Grahams Evangelisations-Kampagne in London im Jahr 1954 waren der Anlass zu diesem Buch. Darin verteidigte Packer eine sehr hohe Sichtweise der Schrift, differenzierte zwischen traditionellem, konservativem Protestantismus und fundamentalistischem Anti-Intellektualismus und lobte Evangelisten wie Graham, die das predigten, „was die Bibel sagt“.

Mit Mitteln, die Nathan Hatch bereitstellte, und in Zusammenarbeit mit der Verwaltung des Wheaton College half ich dabei, eine akademische Konferenz über die Bibel in Amerika abzuhalten. Mit einigen anderen Historikern, die mehr oder weniger Teil der evangelikalen Welt waren, machten wir uns Sorgen, dass „Der Kampf um die Bibel“, der damals unsere Kreise aufwühlte, zu abstrakt geworden war. Was die Leute über die Schrift glaubten, war sicherlich wichtig, aber wir fragten uns, wie die Leute die Bibel tatsächlich benutzten, von der sie behaupteten, sie würden ihr vertrauen.

Von dem, was wir über Packer wussten, dachten wir, er könnte uns in unseren historischen Fragestellungen eine nützliche theologische Ergänzung bieten. Bei seinem Ansehen waren wir jedoch überrascht, dass er positiv auf unsere Bitte reagierte: Ob Packer bei der Abschlussdiskussion der Konferenz teilnehmen würde, um die Arbeit der Historiker zu kommentieren, und ob er für die Leute am Wheaton College zwei Vorträge über die Schrift halten würde, bei freier Wahl der Themen? Es wäre untertrieben zu sagen, dass wir für unser Geld etwas geboten bekamen.

Packer vom Wesen her

Wir erwarteten, dass die Vorträge gut sein würden. Wir konnten nicht ahnen, dass Packer ebenso die Abschlussdiskussion der Konferenz retten würde.

Teilnehmer dieser Diskussion, deren Vorsitz David Wells innehatte, waren neben Packer ein bekannter amerikanischer evangelikaler Theologe und einer der angesehensten Historiker amerikanischer Religion. Wells bekannte später, dass er vor lauter Verzweiflung dem Tode nahe war, als die ersten beiden herumeierten, Kreise drehten und dann weitere Kreise drehten, und trotz Wells‘ zunehmend angespannter Körpersprache, die um ein Ende flehte, endlos weiterschwafelten.

Dann kam der Moment für Packer. Zuerst entschuldigte er sich mit den Worten, er sei Brite, der erst in jenem Herbst ans Regent College in Vancouver, Kanada, gewechselt war, und bekannte auch, dass er nicht viel über die Geschichte Amerikas wusste. Es zeigte sich jedoch etwas völlig Anderes: Er wusste eine ganze Menge, er hatte die Unterlagen der Konferenz offensichtlich genaustens unter die Lupe genommen und konnte exzellent aus dem Stegreif eine Synthese herbeiführen. Seine Anmerkungen, für die er weniger Zeit brauchte, als ihm eingeräumt war, fassten die Geschichte zusammen, die wir alle gehört hatten, kommentierten die Unterschiede zwischen der Situation in Amerika und in Großbritannien, und fügten freundliche Erinnerungen über die Wichtigkeit der Schrift hinzu, ganz egal ob ihre Fürsprecher sie gut oder schlecht gebrauchten. Es war ein virtuoser Auftritt, der ein Vorgeschmack seines rhetorischen Stils war, den er selbst später im Vorwort seines Buches „God’s Words“[3] so beschreiben würde: „Ich liebe geladene Knappheit und ich weiß, dass manches von dem, was ich geschrieben habe, dicht zusammengepackt ist (mein Name ist Packer, mein Wesen ist Packer).“

Die Vorträge boten sogar eine noch bessere Veranschaulichung der „Verpackungs“-Künste Packers. Sie waren ebenfalls ein Beispiel dafür, was viele andere schon lange vorher und auch noch lange danach ebenfalls schätzten. Bedenken Sie dabei, dass die amerikanischen Evangelikalen jener Zeit heiß über die Irrtumslosigkeit der Schrift diskutierten – manche pro, manche kontra, andere wiederum wurden wie die Motten von der Flamme der Kontroverse angezogen. Bedenken Sie auch, dass seine Zuhörerschaft aus zweitausend manchmal unruhigen Studenten und der Fakultät des Wheaton College und den bei der Konferenz teilnehmenden Historikern bestand (manche evangelikal, manche nicht). Er überschrieb seine Vorträge mit den Worten „Jenseits des Kampfes um die Bibel“ und „Wie Gottes Wort gehört wird“.

Die Vorträge begannen mit einer unzweideutigen Verteidigung dieser sehr umkämpften Lehre: „Die Irrtumslosigkeit der Schrift ist wichtig … weil die Autorität der Schrift wichtig ist.“ Sein nächster Zug war ganz klar evangelikal. Die Bibel sollte niemals ein Objekt bloßer lehrmäßiger Fragestellungen bleiben: „Gott, der Heilige Geist, wird … sich selbst zu einem Ärgernis machen, indem er die Schrift so lange auf unser Gewissen anwendet, bis wir gewillt sind, unser Leben zu ändern.“ Diese Grundlage gab Packer niemals auf, aber das Gebäude, das er darauf errichtete, war in unseren Augen prachtvoll; zumindest für viele, die ihn in jenen längst vergangenen Tagen hörten.

Gemeinsam mit den Heiligen die Schrift lesen

Zuerst bestand er auf einer Selbstkritik, indem er auf Selbsterkenntnis hinsichtlich „der Scheuklappen … protestantischer Tradition, evangelikaler Tradition, der Tradition unserer eigenen Denomination“ drängte. Für die Zuhörer am Wheaton bekräftigte er sehr wohl die Vorzüge evangelikalen Glaubens. Aber er machte sich auch Sorgen um „negative, reaktionäre Einstellungen, die es in unserer eigenen Tradition gibt. … Wir sind Opfer einer Reaktion gegen die Liebe zur Vergangenheit. … Und wir sind ebenfalls Opfer einer Menge an Reaktionen gegen Dinge, die für Menschen natürlich sind, die menschlich sind, aber die wir in unseren Traditionen als weltlich abtun.“

Packer bestand ebenfalls darauf, dass die Gemeinde der richtige Ort für ein komplett evangelikales Einlassen auf die Schrift sei. Die Bibel, so sein Hinweis, wurde nicht in erster Linie Einzelpersonen anvertraut, sondern „der Gemeinschaft, zu allererst durch Prediger und Lehrer, die Gott zu genau diesem Zweck in die Gemeinschaft gibt.“ Und zwar nicht nur durch lebende und atmende Lehrer, sondern auch jene, die uns schon vorausgegangen sind. Hier klang er wie C. S. Lewis, mit dem er während seiner Zeit als Student in Oxford kurz Kontakt hatte: „die klassischen Bücher der Vergangenheit“ zu lesen, würde heutige Gläubige „aus der Tyrannei einer Gebundenheit an unsere Zeit [befreien], … aus der Tyrannei, an unser eigenes Erbe gebunden zu sein.“

Wie aus dieser abschließenden Betonung offensichtlich ist, verweilte Packer lange beim positiven Wert von Tradition. Während er zu Unterscheidungsvermögen bei der Verwendung dessen aufrief, was vorher war, wehrte er sich vehement dagegen, dem gar keine Beachtung zu schenken. Für Theologen im Publikum, die versucht waren, ein aktives Wort Gottes gegenüber der irrtumslosen Schrift zu verfechten, zitierte Packer die Gleichsetzung von „dem in der Schrift enthaltenen Wort Gottes“ mit „dem Wort Gottes als Schrift“ durch die Geistlichen von Westminster. Er erinnerte Angehörige der anglikanischen sowie der Episkopal-Kirche daran, dass Richard Hocker in seinem Grundsatzwerk „Laws of Ecclesiastical Polity“[4] nicht den Verstand mit der Schrift gleichsetzte, sondern dafür plädierte, dass der Verstand unterscheiden sollte, wo die Bibel allgemein und wo in örtliche Gegebenheiten hinein spricht.

Obwohl die Vorträge genug solch tiefgründiger Gelehrsamkeit enthielten, um Akademiker zu überzeugen, dass er ein Experte war, sprach sich Packer vor allem für die Vergangenheit als eine Hilfestellung für eine vielseitige geistliche Reife aus. „Der Heilige Geist war bei allen Gott zugehörigen Menschen, in allen Traditionen, in allen Jahrhunderten. Sie können erwarten, Weisheit, Wahrheit und Vitamine in allen Überlieferungen zu finden, ebenso wie auch Fehler.“ Packers positiver Bezug auf die katholische Tradition war unter den damaligen Umständen am Wheaton College besonders verblüffend. Er war nie zurückhaltend dabei, auf „Fehler“ in dieser Tradition hinzuweisen, aber er verwendete ebenfalls viel Fleiß darauf, extreme Reaktionen auf jene Fehler zu kritisieren. Ganz besonders warnte er vor Überreaktionen, die „dazu geführt [haben], dass wir alle den Sakramenten misstrauen … vorformulierten Gebeten misstrauen … der Schönheit und Würde der Anbetung misstrauen, die für Rom charakteristisch sind. Unsere Tradition neigt dazu, diesen Dingen den Rücken zu kehren.“

Einige von uns spitzten auf jeden Fall die Ohren, als Packer deutliche Worte fand und Autoren aus der Vergangenheit empfahl, welche heutige Gläubige lesen könnten, um ihr biblisches Verständnis zu vertiefen. Wir nickten wohl, als er von seiner Liste Namen wie Martin Luther, Johannes Calvin, Augustinus, Jonathan Edwards, und der Puritaner vortrug. Aber wir wurden hellhörig als er „Johannes vom Kreuz[5] und solche Leute“ hinzufügte. Fünfzehn Jahre später würde sich Packer in der vielbeachteten und immer noch kontroversen Bewegung „Evangelicals and Catholics Together“[6] an die Seite von Charles Colson und Richard John Neuhaus stellen. Gerade dann war es jedoch offensichtlich, dass für Packer eine Kritik der Römisch-Katholischen Kirche nicht gleichbedeutend war mit einer kompletten Ablehnung.

Als Teilnehmer der Abschlussdiskussion unserer akademischen Konferenz zeigte Packer einen Intellekt, der ebenso durchdringend wie auch prägnant war. Noch offensichtlicher veranschaulichten die Vorträge eine außergewöhnliche Hingabe an Ausgewogenheit. Sie verteidigten geradeheraus biblische Irrtumslosigkeit und die Autorität der Schrift. Aber in seiner Betrachtung wurde diese Verteidigung ebenfalls zu einer historisch sachkundigen, realistischen und anti-triumphalistischen Lektion in Pneumatologie, Ekklesiologie, Kirchengeschichte, ökumenischer Orthodoxie und nicht zuletzt in Demut – und das alles in insgesamt weniger als 45 Minuten!

der Moderne Bucer

In darauffolgenden Jahrzehnten habe ich es sehr genossen, einen kleinen Teil des sehr umfangreichen literarischen Werkes Packers zu lesen und kam ebenfalls in den Genuss vereinzelter Gelegenheiten, ihm bei einem Vortrag oder einer Predigt zuhören zu können. Dieses Lesen und Zuhören verstärkte jedoch nur meinen aus dem Herbst 1979 stammenden ersten Eindruck. Er war eine seltene Gestalt, in der Lage starke persönliche Überzeugungen mit einer umfassenden Fähigkeit zur Zusammenarbeit zu verbinden. Er blieb das Muster eines Puritaners der letzten Tage – im besten Sinne des Wortes. Er behielt eine freundliche persönliche Präsenz bei – aber mit einer kompromisslosen Treue zur klassischen christlichen Orthodoxie.

Beim Versuch, historische Parallelen zu finden, kommt einem Martin Bucer aus dem sechzehnten Jahrhundert in den Sinn. Martin Luther überzeugte diesen Dominikaner-Mönch, seinen Orden zu verlassen und die Lehre über die Rechtfertigung aus Glauben anzunehmen. Infolgedessen versuchte Bucer, zwischen Luther und Ulrich Zwingli zu vermitteln, als sie sich über die Bedeutung des Abendmahls in die Haare bekamen. Später arbeitete er mit Lutheranern und Calvinisten an der Verfassung eines Glaubensbekenntnisses, das für beide annehmbar wäre. Einige Jahre lang nahm er auch teil an einem respektvollen Dialog mit reformwilligen Katholiken, die ihrer Kirche treu blieben. Als Prediger, Lehrer, Reformator führte er den Stadtstaat Straßburg an, die Reformation anzunehmen und war nach seiner Verbannung aus dieser Stadt während der Herrschaft des jungen protestantischen Königs Edward VI. ein hochgeschätzter Ratgeber für englische Reformer wie Thomas Cranmer. Nach seinem Tod wurde dieser unermüdliche Hirt-Theologe von Lutheranern, Calvinisten, Anglikanern vom Schlage Cranmers und Puritanern gleicherweise vereinnahmt, die danach strebten, die Kirche Englands weiter zu reformieren.

Die umfangreichen Biographien zu Packer, die bereits von Alistair McGrath[7] und Leland Ryken[8] vorgelegt wurden, bilden den Beginn der weiterführenden Bewertungen, die Packers Laufbahn verdient. Aber wenn man heute einen Schritt zurücktreten würde, und ihn als modernen Martin Bucer sehen würde, dann sollten fünf Bereiche als besonders wichtig erscheinen. Sie alle legen Zeugnis ab für seine tiefsten theologischen Überzeugungen, jedes mit einer faszinierend erweiternden Dimension.

Grundlegende Orthodoxie

Der erste Bereich ist die außergewöhnliche Bandbreite von Projekten zur Zusammenarbeit, deren führender Teil Packer war. In England führte er andere an, in Zusammenarbeit mit hoch-kirchlichen Anglo-Katholiken seine eigenen nieder-kirchlichen anglikanischen Überzeugungen zu teilen[9], um den Modernismus des Buches „Honest to God“[10] von Bischof John A.T. Robinson herauszufordern. Er selbst ein anglikanisch-evangelikaler Kindertäufer war mit Sinclair Ferguson, einem presbyterianisch-evangelikalen Schotten, und David Wright, damals in Fragen der Glaubenstaufe Erwachsener ein evangelikaler Vorkämpfer, Mitherausgeber des im Verlag InterVarsity Press erschienenen „New Dictionary of Theology“[11].

Nach seinem Umzug nach Nordamerika war Packer bei „Christianity Today“ viele Jahre lang als Hauptratgeber in theologischen Fragen in deren Bemühungen, eine verantwortungsvolle Plattform für eine große Bandbreite Evangelikaler zu bieten. 2004 bildete er mit Thomas Oden, einem arminianischen Methodisten, bei der Veröffentlichung von „One Faith“[12]ein Team. Dieses Buch war eine Untersuchung der evangelikalen Lehraussagen der Nachkriegszeit, die ihre weitgehende Vereinbarkeit betonte. Zu diesen Pflichten hinzu kam der Dienst als Hauptherausgeber eines umfassenden neuen Textes der Bibel selbst. Es handelt sich dabei um die „English Standard Version“ (ESV) aus dem Verlagshaus Crossway, um die Revision der „Revised Standard Version“ (RSV)[13], die ursprünglich unter der Schirmherrschaft des „National Council of Churches“ der Vereinigten Staaten vorbereitet worden war.

Jedes dieser Projekte zur Zusammenarbeit resultierte in einem wichtigen Endprodukt. Zusammen genommen zeigen sie jedoch, wie Packer seine eigenen theologischen Überzeugungen mit weitreichenden ökumenischen Anstrengungen zugunsten einer grundlegenden christlichen Orthodoxie in Einklang bringen konnte.

Irrtumslosigkeit und Intellektualismus

Zweitens ragte Packer in seiner resoluten Verteidigung der Irrtumslosigkeit, Unfehlbarkeit und Autorität der Bibel als ein Evangelikaler unter Evangelikalen heraus. 2002 lieferte er für ein von Colson und Neuhaus herausgegebenes Buch („Your Word Is Truth“[14]) eine definitive Aussage in nur einem (zugegeben langen) Satz: „Der aus 66 Büchern bestehende Kanon der Protestanten muss als göttlich inspiriert und autoritativ, wahr und glaubwürdig, belehrend und befehlend, dem menschlichen Herzen Leben vermittelnd und Kraft liefernd gesehen werden, und er muss der Gemeinde gegeben werden, um gepredigt, gelehrt, ausgelegt, angewandt, aufgenommen und verdaut zu werden; und man muss sich immer dann dorthin wenden, wenn unter den Heiligen Fragen des Glaubens und Lebens, der Glaubensgrundsätze und des Verhaltens, geistlicher Weisheit und geistlichen Wohlergehens wichtig werden.“ Wie Packer weiter formulierte, ist „unter den einigenden Banden des Evangelikalismus diese Sichtweise und dieser Gebrauch der Schrift das allerstärkste Band“.

Dennoch wollte Packer, anders als einige Evangelikale, die bei der Verteidigung einer irrtumslosen Bibel an seiner Seite standen, mehr sagen. Bereits in seinem Buch „Fundamentalism and the Word of God“ sprach er sich für eine Herangehensweise an die Schrift aus, die sich auf das menschliche Lernen stützt und diesem nicht widerspricht: „Der Evangelikale hat weder Angst vor Tatsachen, denn er weiß, dass alle Tatsachen Gottes Tatsachen sind; noch hat er Angst vor dem Denken, weil er weiß, dass alle Wahrheit Gottes Wahrheit ist; und richtiger Verstand kann gesunden Glauben nicht in Gefahr bringen. … Ein souveräner Intellektualismus, der Ausdruck eines unverwüstlichen Glaubens an Gott ist, dessen Wort Wahrheit ist, ist Teil der evangelikalen Tradition.“

In seinem späteren Aufsatz für Colson und Neuhaus führte Packer seinen Glaubensgrundsatz weiter aus, dass eine angemessen evangelikale Schriftverehrung tiefere Studien fördern sollte, anstatt sie einzuschränken. Er nannte es

„eine traurigere Feststellung, dass die evangelikale Betonung der Bibel oft dazu geführt hat, andere wichtige Bestandteile christlichen Denkens zu missachten. Damit isolieren sich Evangelikale vom christlichen Erbe von zweitausend Jahren bibel-basierter Theologie und Weisheit, welches sie in Anspruch nehmen sollten, welches aber wenige kennen oder um welches sich wenige kümmern; vom eigenen evangelikalen Erbe der Theologie und Auslegung, welches die meisten schlicht ignorieren; und vom Prozess des Suchens und Findens in den Natur-, Geschichts- und Geisteswissenschaften mit ihren endlosen Bestrebungen, die Grenzen menschlichen Wissens zu weiten.“

Er fuhr fort mit seiner Argumentation, dass die klassische, reformatorische Lehre sola scriptura nicht die Leugnung nicht-biblischer Bereiche nach sich ziehen sollte, oder dass Bibelgläubige sich ganz allgemein nicht vor Kunst, Wissenschaft und Kultur scheuen sollten. Stattdessen „wurde die Bibel uns nicht gegeben, um für uns die Wirklichkeiten der Schöpfungsordnung zu definieren, oder um unser Interesse daran einzuschränken, sondern um uns in die Lage zu versetzen, sie zu diagnostizieren, zu verstehen, zu schätzen und mit diesen Realitäten umzugehen, wenn wir ihnen begegnen, sodass wir sie zum Lob des Schöpfers gebrauchen und genießen können“. Nochmal: ein waschechter Evangelikaler hinsichtlich der Schrift, der aber mehr zu sagen hat.

Frieden Stiftender Puritaner

Das galt, drittens, ebenso für die Puritaner. Die Autoren der Biographie Packers und sein eigenes Zeugnis haben gezeigt, wie seine Entdeckung des puritanischen Gelehrten und Theologen John Owen seinen Glauben entscheidend geprägt hat, als er jung im Glauben war.[15] Gleichermaßen wohlbekannt ist der enorme Schub, den er in seinen Bemühungen mit Martyn Lloyd-Jones der Wiederentdeckung der Puritaner gab, seine Leiterschaft jährlicher puritanischer und reformierter Konferenzen mit Lloyd-Jones, und das Spektrum an Veröffentlichungen, die sich aus diesen Konferenzen ergaben.[16]

Als ich gebeten wurde, diesen Artikel zu schreiben, fand ich einen alten Lehrplan, den ich vor einigen Jahrzehnten für ein Seminar über die Puritaner vorbereitet hatte. Die Quellenangaben sind verloren gegangen, aber nicht das Zitat von Packer, mit dem ich den Lehrplan überschrieben hatte, um die aktuelle Wichtigkeit des Themas zu betonen:

„Wir Evangelikale brauchen Hilfe. Wo die Puritaner nach Ordnung, Disziplin, Tiefe und Gründlichkeit riefen, ist unser Gemüt eher bestimmt von beiläufiger Willkürlichkeit und ruheloser Ungeduld. Wir gieren nach Kunststücken, Neuerungen, Unterhaltung; wir haben den Geschmack gründlichen Studiums, demütiger Selbstuntersuchung, diszipliniertem Nachsinnen, und unspektakulärer harter Arbeit in unseren Berufungen und in unseren Gebeten verloren. …Dann ist es so, dass wir es uns beim Lehren des Lebens als Christ zur Gewohnheit gemacht haben, dieses als einen Weg voller aufregender Gefühle und übernatürlicher Eingriffe darzustellen, anstatt als einen Weg rationaler Gerechtigkeit; und bei der Beschäftigung mit den Erlebnissen als Christ, halten wir uns andauernd bei Freude, Friede, Glück, Zufriedenheit und Seelenruhe auf, und das ohne einen ausgleichenden Bezug auf die Gott gemäße Unzufriedenheit aus Römer 7, den Glaubenskampf aus Psalm 73, oder auf irgendeine der Bürden der Verantwortung und aus Vorsehung geschehenden Züchtigungen, die das Los eines Kindes Gottes sind. Die spontane Ausgelassenheit des sorglosen Extrovertierten wird dann gleichgesetzt mit einem gesunden Leben als Christ, und ausgelassene Extrovertierte werden in unseren Gemeinden darin bestärkt, selbstzufrieden in Fleischlichkeit zu verharren, während heilige Seelen mit weniger heiterem Temperament fast verrückt werden, weil sie nicht auf die vorgeschriebene Weise fröhlich sein können. …Wir brauchen wirklich Hilfe, und die Tradition der Puritaner kann sie uns geben.“

Aber viele kennen auch den Rest dieser Geschichte. Als Lloyd-Jones zu der Schlussfolgerung kam, dass wirkliche Evangelikale mit gemischten Denominationen brechen sollten, um nachdrücklich für evangelikale Wahrheit einzustehen, konnte Packer, in seiner Loyalität zu den Tugenden, die er in der historischen Kirche Englands so schätzte, nicht zustimmen. Er blieb ein hingebungsvoller Schüler der Puritaner, er folgte John Owen bei der Definition seiner eigenen Überzeugungen zu wichtigen Lehrgrundsätzen (wie der Reichweite der Sühne)[17];er drängte zeitgenössische Evangelikale, so ernsthaft zu werden wie die Puritaner ernsthaft waren. Niemals jedoch gab er im Dienst dieser für ihn offensichtlich wichtigen Ziele alles andere auf.

Evangelikale und Katholiken

Und so kommen wir viertens zu Packers Allianz mit Katholiken im Namen klassischer christlicher Orthodoxie. Er blieb Evangelikaler, Reformierter und Protestant, und doch fand Packer eine Menge Themen, bei denen er sich mit zumindest einigen Katholiken einig war. Lange bevor er mit Neuhaus‘ und Colsons Bewegung „Evangelicals and Catholics Together“ zusammenarbeitete, hatte Packer bereits darauf hingewiesen, dass er, um grundlegende christliche Wahrheiten hochzuhalten, gewillt war – punktuell und zurückhaltend – mit Rom gemeinsame Sache zu machen. In einer Rezension eines Buches mit dem Titel „The Born-Again Catholic“[18] für die Zeitschrift Eternity erklärte er die Gründe für diese Bereitwilligkeit.

„Wenn Sie mir, als ich noch Student war, gesagt hätten, dass ich, noch bevor ich uralt werde, eine Rezension über ein beliebtes römisch-katholisches Buch über die Wiedergeburt schreiben würde, das Material aus „Campus für Christus“ verwendet, ein offizielles nihil obstat und imprimatur trägt, und innerhalb von drei Jahren bereits die vierte Auflage erlebt, dann zweifele ich sehr stark daran, ob ich Ihnen je geglaubt hätte. Aber genau das mache ich nun. Und noch etwas: Wenn Sie damals vorausgesagt hätten, dass mir eines Tages ein anglikanischer Bischof erzählen würde, wie der letzte römisch-katholische Priester, mit dem er gesprochen hatte, ihn mächtig ausgefragt hat, ob Anglikaner die Wiedergeburt wirklich so predigen, wie sie es sollten, dann hätte ich Sie wahrscheinlich ausgelacht. Aber in diesem Monat ist es passiert. Die Dinge sind nicht wie sie mal waren!“

Die neun Aussagen, bei deren Vorbereitung Packer für „Evangelicals and Catholics Together“[19] half, sind vor kurzem in einem Buch zusammengebracht worden, das von Timothy George, dem ehemaligen Dekan der Beeson Divinity School, herausgegeben wurde: „Evangelicals and Catholics Together at Twenty: Vital Statements on Contested Topics“[20]. Wie es für Aussagen angemessen war, die Gemeinsamkeiten betonen und gleichzeitig Orte festlegen, an denen Katholiken und Evangelikale weiterhin unterschiedlicher Meinung sind, lieferte Packer das Vorwort.

Zusammen mit anderen Evangelikalen, die an katholisch-evangelisch ökumenischen Unternehmungen teilnahmen, blieb auch Packer nicht von Kritik verschont. Aber sogar bevor „Evangelicals and Catholics Together“ begann, erklärte er, warum es ihn nach Verbündeten zur Unterstützung „bei der gegenwärtig dringenden Aufgabe, den Glauben an die Dreieinigkeit, die Fleischwerdung, die Irrtumslosigkeit der Schrift und die vorrangige Stellung der evangelistischen und pastoralen schriftgemäßen Imperative hochzuhalten“ verlangte. Seiner Beurteilung nach dient das „Seite-an-Seite-stehen“ mit Katholiken, die diese alten christlichen Wahrheiten annehmen, dazu, „den säkularen, relativistischen, und antinomistischen Ansturm [abzuwehren], welchem diese Themen sowohl innerhalb als auch außerhalb der Kirchen ausgesetzt sind“[21]

Hirte und Gelehrter

Fünftens, was aber nicht der unwichtigste Punkt ist, war J. I. Packer immer der Gelehrte mit dem Herzen eines Hirten und immer der Hirte mit der Hingabe eines Gelehrten an Nuancen, Details und Tiefe. Bei Besuchen am Regent College wurde ich immer wieder daran erinnert – und es beeindruckte mich tief – dass Packer, trotz seiner ausgiebigen Reisetätigkeit und seiner Vorträge hier und dort und überall, Teil des pastoralen Teams dessen blieb, was heute als die St. John’s Vancouver Anglican Church bekannt ist.

Packers Wirksamkeit als ein Hirt-Gelehrter wurde in den späten 1990er Jahren veranschaulicht, als ich ein Semester lang als McDonald Gast-Professor für Evangelikales Christentum an der Harvard Divinity School diente. Für einen Kurs, der „Einführung in den Evangelikalismus“ hieß, nahm ich „Knowing God“ in den Lehrplan auf. Der Großteil der Reaktionen in diesem Umfeld war vorhersagbar: das Buch sei patriarchalisch, archaisch, ein alter Hut, und allzu unerbittlich calvinistisch. Und doch gab es neben diesen Kommentaren auch Wertschätzung, insbesondere von jüdischen Studenten und Zuhörern aus dem Jura-Bereich, die am Kurs teilnahmen. Sie erkannten, selbst wenn sie dem nicht zustimmten, wie ungewöhnlich es war, die Weltgeschichte, das Lernen und die Theologie so sorgfältig durchdacht in den Dienst der Frömmigkeit gestellt zu sehen.

Als ich im Lauf der Jahre an der Universität von Notre Dame unterrichtete, leitete meine Frau Maggie ein Bibelstudium für die Frauen der South Bend Christian Reformed Church. Einer der Studienbereiche behandelte sehr umfangreich das Buch Nehemia. Als praktische, gemeindezentrierte Hilfestellung fand sie Packers „A Passion for Faithfulness: Wisdom from the Book of Nehemiah“[22] ebenso hilfreich, wie auch ich viele seiner theologischen oder puritanischen Bücher aus meinem Interessenbereich.

Demütige Eindrücke

Kommen wir schließlich zu unserer Konferenz am Wheaton College im Herbst 1979 zurück. Um Gastfreundschaft für unsere nicht aus der Stadt kommenden Gäste zu erweisen, willigten wir ein, Packer zum Abendessen einzuladen. Wir waren – neben meiner Schwiegermutter, die zufällig zu Besuch war und viele seiner Bücher gelesen hatte – vorsichtig ausgedrückt, sehr nervös. Wir würden wir mit einem Theologen von solch weltweitem Ruhm und solch gewaltiger Belesenheit zurechtkommen? Ungefähr im gleichen Zeitraum hatten wir auch einen ausgewiesenen christlichen Historiker zum Abendessen eingeladen, der am College unterrichtete. Dieser Mensch brachte als kleine Aufmerksamkeit und Gastgeschenk einen Abdruck seiner Artikel, die er in jüngster Zeit in einer bedeutenden Geschichtszeitschrift veröffentlicht hatte. Der Abend erwies sich als ungewöhnlich angenehm, auch wenn sich der Großteil des Gesprächs um die Reisen und großen Projekte des Historikers drehte. Wir fragten uns, ob es nach Packers Ankunft genauso angenehm werden würde.

Wir hätten uns keine Sorgen machen müssen. Er hat uns fast genauso beruhigt (wobei Packer niemals mit einem kontaktfreudigen amerikanischen Extrovertierten verwechselt werden sollte). Es war auf interessante Weise anders. Später hörte ich, dass ein bekannter evangelikaler Prediger, als er Packer zum Abendessen zu sich nach Hause eingeladen hatte, ein wenig enttäuscht war, als Packer sich nicht auf hoch-theologische Diskurse einließ, sondern stattdessen den Großteil des Abends tief ins Gespräch mit der Ehefrau des Predigers über ihre gemeinsame Liebe zu Detektivromanen vertieft war.

Bei uns lief es ähnlich. Ich war gerüstet, aus erster Hand vom Schicksal des evangelikalen Anglikanismus im Vereinten Königreich zu hören, von dem was am Regent College anstand, und wie Packer es hinbekam, so viel und so gut zu schreiben. Es kam ganz anders. Zufällig war der Name meiner Schwiegermutter Mrs. Ruth Packer und unser ausgezeichneter Gast schien am meisten daran interessiert, herauszufinden ob ihre „Packers“ und seine „Packers“ irgendwie verwandt sein könnten. Sie waren es nicht, aber seine Aufmerksamkeit ihr gegenüber, der er nie zuvor begegnet war und die niemals ein Buch veröffentlicht hatte, hinterließ einen fast ebenso lang anhaltenden Eindruck wie sein überragender Beitrag zu unserer Konferenz.

Vor fast einem halben Jahrtausend widmete Martin Bucer seine tiefen Erfahrungen und seine starken pastoralen Instinkte dem Dienst ziemlich unterschiedlicher Gemeinschaften im französischen Straßburg wie im englischen Oxford. Der sich in seiner Lebensmitte abspielende Übergang J. I. Packers vom „evangelikalen Anglikaner“ im Vereinten Königreich hin zum „anglikanischen Evangelikalen“ in Nordamerika könnte einfach eine grundlegende Änderung der Lebensrichtung und des Aufenthaltsortes bedeuten. Aber wie bei Bucer – und mit vergleichbaren Auswirkungen als Theologe, Redner, Lehrer und Buchautor – war es nicht so. Mögen sich für die Beständigkeit dieses „Glaubens in Aktion“ Gläubige vieler Art aus vielen Traditionen und an vielen Orten im Lobpreis Gottes vereinen.

[1] auf Deutsch unter dem Titel „Gott erkennen“ erschienen, hier erhältlich

[2]auf Deutsch etwa: Fundamentalismus und das Wort Gottes“. Kostengünstig als kindle-Buch erhältlich. Ausführliche Werkbesprechung findet sich bei Paul Helm.

[3]  auf Deutsch etwa: „Gottes Worte“

[4] auf Deutsch etwa: „Die Gesetze des kirchlichen Gemeinwesens“

[5] Johannes vom Kreuz, oder Juan de la Cruz, spanischer Karmelit und Mystiker der Reformationszeit.

[6] Dt.: Evangelikale und Katholiken Gemeinsam. Mehr Infos darüber bei firstthings.

[7] McGrath schrieb bereits 1997 eine Biographie über Packer, nur noch antiquarisch erhältlich.

[8] Ryken veröffentlichte seine Biographie 2015.

[9] Es ist üblich in der anglikanischen Kirche zwischen High-Church, die eher Nähe zum Kahtolizismus besitzt und Low-Church, als Erbe des Puritanismus zu untescheiden. Viele entwicklungen britischer Religionsgeschichte und zahlreiche Kontroversen im Anglikanismus entwickeln sich in der Beziehung dieser beiden Strömungen.

[10] Auf Deutsch etwa: „Aufrichtig vor Gott“

[11] Ein bereits in die Jahre gekommenes, aber hervorragendes Lexikon zu Theologischen Fachbegriffen, Konzepten, Strömungen und wichtigen Persönlichkeiten der Kirchengeschichte.

[12] auf Deutsch etwa: „Ein Glaube“

[13] Sowohl die ESV wie die RSV sind neben der NASV und NKJV gängige englischsprachige Bibelübersetzungen, jeweils der amerikanischen oder der britischen Übersetzungstradition

[14] auf Deutsch etwa: „Dein Wort ist Wahrheit“

[15] Vergleiche dafür auch dieses vor kurzem veröffentlichte Interview von Piper mit Packer.

[16] Packer und Lloyd-Jones, waren Herausgeber der sogenannten Puritan Papers, einer wunderbaren Zusammenstellung purtinaischer Theologie im Magazin-Format, mehr hier. Sehr hohe Leseempfehlung!

[17] Noll bezieht sich dabei auf die Neuherausgabe von „The Death of Death in the death of Christ“, das Packer 1958 mit einem sehr bekannten Vorwort herausgegeben hat.

[18] auf Deutsch etwa: „Der wiedergeborene Katholik“

[19] Evangelicals and Catholics together wurde in Deutschland kaum wahrgenommen, in Amerika gibt es jedoch kaum jemand, der zu dieser Entscheidung von Packer nicht Stellung genommen hat, z.B. John MacArthur, Iain H. Murray, die OPC. Die Bewegung macht deswegen gerade für Amerika Sinn, weil mit Neuhaus und FirstThings die konservativen Katholiken in Amerika eine relativ klare Position vertraten.

[20] auf Deutsch etwa: „Evangelikale und Katholiken gemeinsam – zwanzig Jahre später: Wichtige Anmerkungen zu umstrittenen Themen“.

[21] Vorwort zum 1985 erschienenen Buch „A Tale of Two Churches: Can Protestants and Catholics Get Together?“, auf Deutsch etwa: „Eine Geschichte zweier Kirchen: Können Protestanten und Katholiken zusammenkommen?“ von George Carey, der später zum Erzbischof von Canterbury wurde.

[22] zu deutsch etwa: „Leidenschaftliche Treue: Weisheit aus dem Buch Nehemia“

2 Gedanken zu „Orthodoxie mit offenen Armen – Eine Erinnerung an J. I. Packer (1926-2020)“

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