20 Jahre irritierende Vaterlosigkeit

Dieser Artikel ist der zweite Teil einer Trilogie eines Rückblicks. Der erste Teil findet sich unter: 10 Jahre unverdiente Treue.  Mit dieser Reflexion will ich meine eigenen Motive udn Antriebe besser verstehen. Was treibt meinen Puls?

Kein schöner Land?!

Kasachstan, das Land in dem ich 1989 geboren wurde, ist definitiv mein Traumland. Meine ersten 8 Lebensjahre verbrachte ich dort. Ich erinnere mich an die bibbernde Kälte des Winters und an die sengende Sonne des kurzen heißen Sommers. Irgendwie schafften wir es als Kinder, die ganze Zeit draußen zu verbringen. Die ersten Jahre nach der Perestroika waren hart, Strom gab es nur nachts, bezahlt wurde man in Naturalien, gleichzeitig lagen große politische und wirtschaftliche Änderungen in der Luft. Wir Kinder verstanden davon reichlich wenig. Ich liebte dieses Land. Die Freiheit, diese gigantische Steppe, in der man in keiner Richtung auch nur ein Häuschen sah. Nur ganz weit weg,  einen einsamen Kuhhirten. Den ganzen Sommer hindurch tummelten wir uns im Park, pinkelten an die Mauern einer alten sowjetischen Getreidemühle, fingen am Fluß Frösche und Blindschleichen und winkten den vorbeifahrenden sowjetischen Dampflocks zu. Definitiv positiv ist auch meine Erinnerung an meinen Vater. Irgendwie war er Genie und Wahnsinniger zugleich, vielleicht beschönigt ihn aber auch nur meine Erinnerung.

Womöglich ist meine Erinnerung an meinen Vater genauso idealisiert, wie die an Kasachstan. Mein Vater war unfassbar sportlich, muss ein extrem guter Didakt, aber ein furchtbarer Landwirt gewesen sein. Auf jeden Fall brachte er mir zwar schon mit 4 Jahren lesen, schreiben und Artithmetik bei, aber im Stall verbrachte vor allem die Mutter die Zeit. Vor allem aber war er Alkoholiker. Die letzten zwanzig Jahre habe ich immer versucht jedes Stückchen Erinnerung an ihn wach zu halten. In dieser bleibt immer diese Irritation: Einerseits ein Vater, der mir vor dem zu Bett gehen stundenlang Geschichten erzählte, mich bei Spatziergängen immer auf den Schultern trug und mit einer eselsgeduld meine zahlreichen Fragen beantwortete. Mit mir den Weltatlas genauso bestaunte, wie eine russische Übersetzung von Brehms Tierleben. (Als ich viele Jahre später meinen Geburtsort besuchte, ging ich in die Bibliothek um mir von dieser diesselben Band abzukaufen.) Andererseits ein Vater im Kontrolverlust. Kaum trank er  zuviel, redete er nur noch wirr und handelte unvernünftig. Eines Tages betrank er sich bei seinen Freunden, zu denen er mich auch mitnahm, so sehr, dass er auf dem Rückweg mitten im Schnee bei -20°C einschlief. An alles, ob Licht ob Schatten, habe ich nur eine kindliche, vielleicht kindische Erinnerung. manchmal versuche ich diesen Filter gegenzurechnen, um einen besseren Rückblick zu bekommen,aber das will mir nicht gelingen.

Die Schande der Vaterlosigkeit

Auf jeden Fall kam es 1997 zur Trennung meiner Eltern, im Rahmen des Umzugs von meiner Mutter, meinen älteren Halbbrüdern und mir nach Deutschland. Mein Vater blieb in Kasachstan. Ich weiß nicht warum. Meine Mutter stellte ihm die Bedingung: Entweder die Familie oder der Alkohol. Er entschied sich für den Alkohol. Hat er mich jetzt für eine Flasche Wodka verkauft? Hat er sich einfach nur geschämt in seiner Angst in Deutschland mit seiner Sucht erst recht nicht klar zu kommen? Als Achtjähriger habe ich die Tragweite dieser Trennung kaum verstanden. Ich hatte da nicht zu entscheiden und mitzureden. Ich habe sie auch kaum wahrgenommen. Ich erinnere mich an meinen ersten Morgen in Deutschland: Ich habe an alles mögliche gedacht, aber nicht daran, dass ich nun vaterlos bin.

In Oscar Wildes Komödie “Ernst ein ist wichtig” sagt Lady Brecknell zu Jack: “Ein Elternteil zu verlieren kann man ja noch als Unglück ansehen – aber gleich beide, das ist doch etwas nachlässig.” Ich glaube, dass das rückblickend die Emotion am nähesten trifft, die mich am meisten heimfiel. Ich fühlte mich schuldig für meine Vaterlosigkeit. Ich schämte (und schäme mich bis heute) dafür. Sie ist mir peinlich und unangenehm. Dabei blieb es ein Schmerz der nie verheilte, weil er eben doch nicht weg war. Ich frage mich bis heute, warum ich so oft damit aufgezogen wurde, dass eine Versöhnung vielleicht doch möglich sein sollte, dass meine Mutter meinen Vater doch nach Deutschland holen könnte. Warum wurde mir so oft damit gedroht , bei zu viel Fehlverhalten dann zu “diesem Säufer in das Elend” zurück geschickt zu werden. Meine Vaterlosigkeit war meiner Mutter liebstes Erziehungsmittel, ob zum Anspron oder zur Drohung. Ich habe es gehasst. Manchmal wünschte ich mir, lieber völlig vaterlos als so unentschieden, ungelöst vaterlos zu sein.

Der Verlust der Identität

Ich denke was mir am meisten zu Knabbern gab und gibt ist der Verlust der Identität. “Du bist genau wie dein Vater”, sagte mir meine Mutter häufig. Aber wie ist denn mein Vater? ich wusste es kaum, nur dunkel, nebelhaft hatte ich ihn in Erinnerung, kindisch verfärbt. Wie ist er denn? Wie war er? Ich versuchte ihm in den wenigen Erinnerungen, die ich hatte nachzueifern. Dass ich Visotzky höre, ist nur dem Gerücht (ich weiß noch nicht einmal, ob das wahr ist) zu verdanken, dass es sein Lieblingssänger sei. Es ist der Identitätsverlust der mir so furchtbar zu schaffen macht. Ja, wer bin ich? Ich denke, wenn ich in Deutschland nie heimisch werde, Deutschland nie als mein Land ansehe, dann liegt hierin der Grund: In Deutschland (wie vielleicht im ganzen Westen) spielt Identität eine zunehmend geringe, verachtete Rolle. Offensichtlich zählt man Idenität als etwas Überflüssiges an. Das ist mein Albtraum, das bleibt mir fremd und dunkel: Wie soll ich mich als das annehmen, als was ich mich fühle, wenn ich nocht nicht einmal weiß, als was ich mich fühle. Ich wollte wie verrückt eine Identität besitzen! Einen klaren Umriss meiner Persönlichkeit. Wenn ich schon so bin wie mein Vater, wollte ich wissen, wie man den so ist, wenn man so ist wie er? Stattdessen: Gähnende Leere, Einsamkeit und ein unbestimmter Geist!

Auf der Suche nach einem Ersatzvater

Wahrscheinlich gleichzeitig entwickelte sich eine zweite Linie in meiner Suche. Die Suche nach Ersatz. Ich glaube, bis heute beurteile ich alle Männer, die mehr als zwanzig Jahre älter sind als ich, nach dem Kriterium, ob ich sie gerne als Väter hätte. Die Suche frustriert fürchterlich. Die meisten fielen furchtbar durch mein Raster. Zwei Typen dominieren und machen das Gros “reifer” westlicher Männer aus: Gleichgültige Weicheier hatten zu viel von der negativen  Eigenschaft meines Vaters. Aber noch schlimmer sind unfreundliche, egoistische Rüpel und Barbaren. Ein Grund für mein hartes Urteil dürfte auch hier meine idealisierte Vergangenheit sein. Dennoch hängte ich mich wie vernarrt an Männer die bereit waren, mir etwas Freundlichkeit entgegenzubringen, sprich an Christen. Von einem davon habe ich auf meinem Blog bereits berichtet. Die große Stärke von diesem Mann war, dass er mich geschickt auf den echten Vater hinwies. Wenn man mich heute fragen würde, warum ich anfing nach Gott zu fragen, dann würde ich als Grund kaum irgendwelche Sündenqualen angeben. Vor allem war es die Suche nach dem Vater. Ich spüre es noch, wie mich die Erzählung vom verlorenen Sohn, pardon, vom liebenden Vater faszinierte, als ich diese mit zehn Jahren zum ersten Mal hörte. Davon wollte ich unbedingt mehr wissen.

Eine perfekte Ausrede?

Und das war bitter nötig. Auf dem kritischen durch die Reihengehen und potentielle Väter bewerten habe ich kaum der Frage Gewicht beigemessen, wie es denn um meine Vater- und Männerqualitäten beschaffen ist. Aber was ist eigentlich ein Mann  und wie verhält er sich? Ich erwische mich, dass ich in Situationen des Kontrollverlustes auf meine Vaterlosigkeit als Ausrede hinweise. Eine handwerkliche Tätigkeit geht schief? Kein Wunder, ich habe ja keinen Vater! Eine finanzielle Fehlentscheidung vorgenommen? Kein Wunder, ich bin ja vaterlos! Vaterwunden sind hervorragende Quellen des Selbstmitleids. Ich glaube diese Lektion habe ich erst seit kurzem überhaupt angefangen zu verstehen und zu lernen. Hiob hat schon deutlich früher einen besseren Weg eingeschlagen (Hi.31,18)

Kontrolsehnsucht!

Was mich seit dem Tag der Trennung wirklch beschäftigt hat, war die Auslieferung an die Umstände. Völlig hilflos musste ich zusehen, wie meine Eltern auseinander gehen. Diese Umstände oder die Folge dieser Entscheidung sollen dich nun extremst bestimmen. Sie geben vor, dass du als Kind einer alleinerziehenden Mutter immer auf Stütze leben wirst. Sie geben vor, dass du in Armut (die ich nie als Schande empfand, sondern als Umstand) leben musst. Sie geben vor, dass auch die Mutter an Deutschland völlig zerbricht und eine ganz andere “Heimat” vorfindet, als sie erwartet hat. Diese Umstände geben so viel vor und sie kontrollieren derart viel, nahezu jede einzelne Faser und jeden einzelnen Charakterzug. Wer aber bestimmt die Umstände? Ist man nur ein Opfer derselben? Ich denke, dass ist mein ganz intimer persönlicher Grund warum ich so viel Freude am reformierten Glauben habe. Dass Gott immer die Kontrolle über unsere Umstände hält, ist für mich eine der befreindsten Botschaften der Heiligen Schrift. Ein Souveräner Gott, der seine Herrschaft in Präsenz, Autorität und Kontrolle ausübt ist mein ganzer Trost. In der Liebe dieses Gottes gibt es kaum noch Platz für Selbstmitleid, noch hoffnungsloses Bangen vor den Umständen.

Schluß

Ich habe beim Titel etwas geflunkert. Tatsächlich sind es bereit 23 Jahre her, seit sich meine Eltern getrennt haben. Ich sah meinen Vater seit dieser Trennung genau zwei Mal wieder. Das erste Mal mit 15 Jahren, damals war er mir bereits völlig fremd und mit 26 Jahren traff ich ihn ein letztes Mal zum Abschied. Kurze Zeit später verstarb er.  Ruhe in Frieden!

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