“Sie können sich sehr gut in die Gesellschaft einbringen und übernehmen oft Führungsrollen…”

Jael Bischof (Jahrgang 1979) und ihr Mann Marcel Bischof (Jahrgang 1963) leben ein Modell von Bildung zu Hause. Es gibt vermutlich so viele Modelle wie Familien , denn es es ist eine sehr persönliche Angelegenheit, wie genau die Bildung zu Hause aussieht. Ihre fünf Kinder (2006, 2007, 2010, 2014 und 2016) gingen nie zur Schule. Somit kennen sie Unterschied zwischen Schule und Bildung zu Hause nicht. Ich bekam die Möglichkeit, Familie Bischof zu ihren Erfahrungen als Home-Schooler zu interviewen.

Wie kamt ihr als Familie zu dem Entschluss, eure Kinder zu unterrichten?
Ich wurde bereits als Kind (ab der 5. Klasse) zu Hause – vorwiegend von meinem Vater – unterrichtet. Somit kannte ich die Vorteile des individuellen, selbständigen Lernens. Das wollten wir unseren Kindern auch ermöglichen. Es war uns ebenfalls wichtig, dass wir viel Zeit gemeinsam als Familie verbringen können.

Wie sieht euer Alltag aus? Ist man den ganzen Tag im Lern- und Hausaufgaben-Modus?


Mein Mann begleitet die Kinder in Mathematik. Da er außer Haus arbeitet, haben wir für diese Zeiten fixe Stunden in der Woche reserviert. Es sind dies Montag und Dienstag ca. 2 Stunden vor dem Mittagessen. Die Kinder haben einen Wochenplan. Dort stehen die Aufgaben drauf, die sie täglich/wöchentlich zu erledigen haben. Sie dürfen selber einteilen, wann sie was erledigen. Ich gebe vor, was zu erledigen ist und sie können entscheiden, wann. Wir arbeiten vorwiegend am Morgen für die Schule. Wenn etwas noch nicht fertig ist, oder ein Kind lieber etwas am Nachmittag vorarbeiten möchte, kann es auch sein, dass es Nachmittag oder Abend ist. Es gehört bei uns einfach zum Alltag, dass sie Arbeiten für die Schule zu erledigen haben – so wie sie auch Arbeiten im Haus zu erledigen haben. Es gibt keine unterschiedlichen Modi, resp. vielleicht gibt es für die Kinder den Arbeits- und Freizeitmodus. Aber da unterscheiden sich die Schularbeiten nicht von anderen Arbeiten. Grundsätzlich leben wir nach dem Motto: Zuerst die Arbeit, dann das Vergnügen.

Was macht man, wenn ein Kind schwächelt?
Wenn es charakterliche Schwächen sind, versuchen wir diese zu lösen, egal welche Arbeiten noch anstehen würden. Z.B. wenn ein Kind nicht Kopfrechnen üben will, nicht schön schreiben will oder nicht zum Instrument greifen mag. Dann ist es ziemlich sicher, dass es nicht besser wird, bis das charakterliche Problem gelöst ist. Es geht nicht in erster Linie darum, Listen abzuhaken, sondern Tugenden zu entwickeln. Es ist aber nicht immer einfach, nach diesem Prinzip zu leben. Es geschieht immer wieder, dass ich (Mutter) einfach die Aufgabe erledigt haben will. Wir sind täglich daran am Arbeiten.

Dann gibt es aber auch den Fall, dass etwas noch zu schwierig ist, oder – so wie es bei uns Erwachsenen manchmal auch der Fall ist – im Moment nur mit viel Aufwand bewältigt werden kann, dann haben wir eher die Lösung, dass man diese Aufgabe auf später verschiebt. Da wir beim Wochenplan mit abhaken arbeiten, sehen wir schön, welche Aufgaben noch zu erledigen sind. Das ist dann eben ihre Freiheit. Dies muss sich aber zeigen, indem sie etwas anderes fleißig erledigen.

Was ist die größte Schwäche und die größte Stärke der öffentlichen Schule?
Schwäche: Dass der einzelne Schüler warten muss, bis alle Mitschüler es begriffen haben.
Stärke: Jedes Kind bekommt ein gewisses Maß an Bildung, egal, wie der Bildungshintergrund der Eltern ist.

Was sagen die Kinder dazu? Wollen sie auch mal wie „die anderen“ in die Schule gehen?
Da sie nichts anderes kennen, ist es schwierig für sie zu beurteilen. Sie verspüren aber nicht den Wunsch zur Schule zu gehen.

Wie reagieren Nachbarn und Bekannte?
Wir haben den Vorteil, dass mich Bildung zu Hause schon 25 Jahre begleitet. Darum kennen es viele Bekannte, Nachbarn und Verwandte. Wenn es jemand aber zum ersten Mal hört, schlägt einem meistens eine gewisse Skepsis entgegen. Wobei ich schon einen großen Unterschied merke von der Vergangenheit zu Heute. Wir hören jetzt viel eher mal: Das ist eine nachahmenswerte Idee; wenn ich nochmals die Wahl hätte, würde ich auch… oder ähnliche Aussagen.

Das öffentliche Urteil ist: Homeschooling ist negativ für das soziale Umfeld! Die Kinder verlernen es, mit anderen Menschen umzugehen und sich positiv in die Gesellschaft einzubringen. Stimmt das?
Nein! Ich kenne viele Kinder/Jugendliche/Erwachsene, die diesen Bildungsweg genießen durften. Keiner meiner Freunde und Bekannte konnte sich nicht in die Gesellschaft einbringen. Es ist eher umgekehrt: Sie können sich sehr gut in die Gesellschaft einbringen und übernehmen oft Führungsrollen, Helfen, wo sie können, lernen für sich und nicht für Prüfungen oder Lehrer.

Vor Kurzem haben wir das mit unseren Kindern besprochen. Sie müssen in der Familie doch so viele Sozialkompetenzen lernen:
Warten: Wenn die kleineren Geschwister dringend etwas brauchen.
Teilen: Es hat einen Vater und eine Mutter und deren Ressourcen sind begrenzt. Die Spielsachen müssen geteilt werden. Auch beim Essen gibt es oft köstliche Dinge, die eine Person unserer Familie auch problemlos alleine essen würde.
Streiten: 3 Schwestern und ein Bruder sind sehr gute Streitkumpanen, man lernt sich durchzusetzen, zu diskutieren, sich auch wieder zu versöhnen
Teamwork: Unsere Familie ist ein Team, weil wir Arbeit (wir sind selbständige Treuhänder), Freizeit und Bildung miteinander verbinden.

Würdet ihr euch heute, nach Jahren des Homeschoolings immer noch dafür entscheiden? Was habt ihr am Anfang falsch gemacht? Was würdet ihr anders machen?
Ja!
Am Anfang falsch: Es ist, wie mit allen neuen Erfahrungen, die man macht. Man muss zuerst herausfinden, was für die eigene Familie, oder für das einzelne Kind am Besten ist. Ähnlich, wie wenn man ein Kind geschenkt bekommt. Ich würde weniger mit Lehrmitteln arbeiten, dafür größeres Gewicht auf das Abschreiben und Kopfrechnen legen.

Welche Qualifikationen habt ihr vermisst? Was gab Halt in schwierigen Zeiten?
Manchmal wünschte man sich als Eltern einen Vergleich. In der Schule hat der Lehrer 20 Kinder und weiß dadurch etwa, wo jedes Kind im Vergleich steht. Das fehlt gänzlich in der Familie. Da braucht es auch viel Gelassenheit und das Wissen, auf welche Punkte beim Lernen Wert gelegt werden sollte.
Das Gebet und der Glaube sind wichtige Stützen in schwierigen Zeiten. Gott macht keine Fehler, er weiß, was er uns zumutet und gibt uns auch die Kraft dafür. Auch das Wissen, dass dieser Bildungsweg den Kindern einen wertvollen Einstieg ins Leben ermöglicht, gibt immer wieder Kraft in schwierigen Zeiten.

Muss man nicht alleine das wissen, was sonst auf dutzende Lehrer verteilt ist?
Man lernt täglich mit dem einzelnen Kind. Je älter die Kinder werden: auch täglich Neues dazu. Wir halten keine Lektionen, sondern begleiten die Kinder in ihrem Lernprozess. Und ja, es kommt vor, dass wir sagen, das weiß ich nicht. Aber dann haben wir bis jetzt immer jemanden gefunden, den wir fragen konnten.
Dazu nehmen die Kinder ja auch externe Kurse für Musik, Singen, Handarbeiten und Gymnastik.

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