Warum will Christus, dass manche NICHT glauben?

Ein Artikel von John Piper, Why Does Christ Want Some Not to Believe, erschienen am 15.06.2020 auf Desiring God. Übersetzt von Viktor Zander, mit freundlicher Genehmigung von Desiring God (download .pdf

 – Das ist für viele Bibelleser eine verwirrende Frage, die sich am Kopf kratzen, wenn sie auf Texte wie Mt 13,13 und Lk 8,10 stoßen. Heute kommt die Frage von einem Zuhörer namens Max – eine Frage an Pastor John, der uns wieder einmal via Skype zugeschaltet ist.

„Hallo Pastor John! Können Sie mir bitte Jesu Gleichnis in Lk. 8,9-15 erklären, in welchem er Jes. 6,9 zitiert? In Jes. 6,10 sagt Gott: ‚Mache das Herz dieses Volkes fett, … damit es mit seinen Augen nicht sieht … und sein Herz nicht einsichtig wird und es nicht umkehrt und Heilung für sich findet!‘ Was mich irritiert ist, dass Gott mit voller Absicht Menschen von der Errettung fernhält, obwohl 1Tim. 2,4 feststellt, dass Gott will, dass alle Menschen Buße tun und die Errettung empfangen. Helfen Sie mir bitte, dieses scheinbare Paradox und wenn möglich Gottes Gedanken dahinter zu verstehen, wenn er bestimmte Herzen verhärtet, um sie von der Buße fernzuhalten.“ – 


In Wirklichkeit handelt es sich hier um zwei Fragen. Beide Fragen sind gut. Die erste Frage lautet: Impliziert 1Tim 2,4, dass Gottes Wunsch, dass alle gerettet werden, seine entscheidende Souveränität darüber ausschließt, wer tatsächlich gerettet wird? Wenn er also wünscht, dass alle gerettet werden, ziehen Sie dann die Schlussfolgerung, dass er keinen Anteil daran hat, auszuwählen, dass manche gerettet und manche übergangen und nicht gerettet werden? Das ist eine Frage.

Die andere Frage lautet: Was sind Gottes Gedanken darüber, oder der Zweck dahinter, wenn er in Lukas 8 verhindert, dass manche Menschen die Wahrheit sehen und gerettet werden? Lassen Sie uns also eine Frage nach der anderen angehen und sie dann miteinander verbinden.

Wessen Wille?

1Tim 2,1-4 lautet wie folgt:

Ich ermahne nun vor allen Dingen, dass Flehen, Gebete, Fürbitten, Danksagungen getan werden für alle Menschen, für Könige und alle, die in Hoheit sind, damit wir ein ruhiges und stilles Leben führen mögen in aller Gottseligkeit und Ehrbarkeit. Dies ist gut und angenehm vor unserem Retter-Gott, welcher will, dass alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit kommen.

Dieser Text provoziert eine Frage: Wenn Gott will, dass alle Menschen gerettet werden, warum werden dann nicht alle Menschen gerettet? Das ist die Frage. Und die typische moderne (und mit modern meine ich die letzten dreihundert Jahre) Antwort lautet, dass der freie Wille des Menschen, seine Selbstbestimmung, Gott davon abhält, das zu tun, was er sich zu tun wünscht – nämlich sie zu retten.

Nun ja, ich denke nicht, dass dies eine biblische Antwort ist. Ich halte das für eine philosophische Vorannahme, die dem Text übergestülpt, jedoch nirgendwo in der Bibel gelehrt wird. Ich denke nicht, dass der Mensch diese Art von freiem Willen hat – diese Art von Selbstbestimmung, die Gottes souveränen Willen vereiteln kann, zu retten wen auch immer er will, indem er ihr hartes Herz, ihren Widerstand und ihre Rebellion überwindet und ihnen ein neues Herz des Glaubens gibt.

Eine Gabe Gottes

In der Lehre des Paulus ist der Glaube eine Gabe Gottes, und nicht etwas, was der Mensch aus seiner eigenen schlussendlichen Selbstbestimmung heraus hervorbringt. Er ist kein Produkt des freien Willens im Sinne einer selbstbestimmenden Macht. Sie können das in Philipper 1,29 sehen, Sie können das in Epheser 2,8 sehen, aber Sie können das ganz besonders in Apostelgeschichte 13,48 sehen, wo Lukas sagt, dass es jene sind, die Gott erwählt und bestimmt hat, die tatsächlich glauben werden, wenn sie das Evangelium hören. Es heißt dort: „die aus den Nationen … freuten … sich und verherrlichten das Wort des Herrn; und es glaubten, so viele zum ewigen Leben verordnet waren.

Meinem Verständnis nach bedeutet das, dass menschliche Selbstbestimmung nicht die schlussendliche Erklärung dafür ist, warum nicht alle Menschen gerettet werden, selbst obwohl Paulus in 1Tim 2,4 sagt, dass Gott will, dass alle Menschen gerettet werden. Tatsächlich ist es genau das, was Paulus in genau diesen Briefen an Timotheus sagt. In 2Tim 2,24-25 sagt er zum Beispiel: „Ein Knecht des Herrn aber soll … die Widersacher in Sanftmut zurechtweisen und hoffen, ob ihnen Gott nicht etwa Buße gebe zur Erkenntnis der Wahrheit.

Nun, dieser Ausdruck ist ganz genau derselbe Ausdruck, der in 1Tim 2,4 verwendet wird, wo Gott will, dass alle Menschen zur „Erkenntnis der Wahrheit“ kommen, was nicht bei allen geschieht. Einerseits will Gott in 1Tim 2,4 also, dass alle zur Erkenntnis der Wahrheit kommen. Andererseits sagt 2Tim 2,25, dass Gott vielleicht manchen bestimmten Leuten als eine Gabe gewährt, zur Erkenntnis der Wahrheit zu kommen.

Ich denke also, dass Paulus etwas ganz klar macht: Das, was Gottes Wunsch, dass Menschen zur Buße kommen und zur Erkenntnis der Wahrheit kommen, verhindert, was verhindert, dass dieser Wunsch nach Rettung für alle umgesetzt wird und alle gerettet werden, ist nicht die Macht menschlicher Selbstbestimmung – der sogenannte „freier Wille“ –, sondern die Tatsache, dass Gott Buße und Glauben gewährt oder auch nicht.

Auf der einen Ebene will Gott, dass alle gerettet werden. Er hat keinen Gefallen am Tod des Sünders (Hes. 18,23). Aber eine andere Selbstverpflichtung in Gott, eine andere Selbstverpflichtung mit Weisheit und Gerechtigkeit und einer breiteren Liebe – Liebe, die man durch einen breiteren Blickwinkel durch ein Weitwinkelobjektiv sieht – hält ihn davon ab, aufgrund des Wunsches, dass alle gerettet werden, auf eine Weise zu handeln, die alle rettet.

Verblendet im Gericht

Hinsichtlich der Frage über Lukas 8 von Max, darüber, dass Gott entscheidet, manche nicht aus ihrer Rebellion und geistlichen Blindheit zu befreien, haben wir bisher also gesehen, dass dies kein Widerspruch zu 1Tim 2,4 ist, wo Gott will, dass alle Menschen gerettet werden. Er will es, aber er führt es nicht immer aus. Und Max fragt: „Helfen Sie mir bitte, Gottes Gedanken dahinter zu verstehen, wenn er bestimmte Herzen verhärtet, um sie von der Buße fernzuhalten.“ Dann zitiert er Lukas 8,9-10. Als Jesu Jünger ihn fragten, was das Gleichnis vom Sämann bedeutet, sagte er: „Euch ist es gegeben…“ Es ist also ein Geschenk: Sie verdienen es nicht. Sie haben es sich nicht erarbeitet.

Euch ist es gegeben, die Geheimnisse des Reiches Gottes zu wissen, den Übrigen aber in Gleichnissen, damit [und hier ist die Absicht Gottes] „sie sehend nicht sehen und hörend nicht verstehen“.

Max sieht zurecht, dass hier eine Anspielung auf Jes 6,9-10 vorliegt, wo Gott Jesaja die schmerzhafte Aufgabe des Predigens gibt, das als Ergebnis Verhärtung mit sich bringen wird. Gott sagt zu Jesaja:

Geh hin und sprich zu diesem Volk:
„Hören, ja, hören sollt ihr und nicht verstehen!
Sehen, ja, sehen sollt ihr und nicht erkennen!“
Mache das Herz dieses Volkes fett,
mache seine Ohren schwerhörig
und verklebe seine Augen,
damit [das ist Gottes Absicht] es mit seinen Augen nicht sieht
und mit seinen Ohren nicht hört
und sein Herz nicht einsichtig wird
und es nicht umkehrt und Heilung für sich findet!

Hier sagt Gott Jesaja, was sein Predigen bewirken wird. Die Erklärung für das Verhärten in Jesajas und in Jesu Dienst ist, dass die in diesem Wort Gottes enthaltene Absicht Gericht ist. Es ist Gericht über Sünde. Diese Auswirkung des „fett“-werdens, des Verhärtens, durch die Predigt geschieht nicht mit Menschen, die Gottes Wort lieben. Er geht nicht hinaus und sucht nach Menschen, die Gottes Wort lieben und sich ihm unterordnen, und dann predigt er, damit ihre Herzen verhärtet werden. Nein!

Niemand wird gegen seinen Willen verblendet. Merken Sie sich das. Diese Gleichgültigkeit Gott gegenüber ist das, was die Menschen wollen. Niemand tritt wie wild um sich und schreit, während er in die Blindheit geht: „Nein! Ich will sehen!!!“ Es gibt keine unschuldigen Menschen unter dem Gericht der Verblendung durch Gott. Keinen einzigen. Niemand wird Gott gegenüber blind, der es liebt, Gott zu sehen. Diese Blindheit und „Fettheit“ ist Gericht über Sünde. Es ist das Dahingeben in die Blindheit, um blind zu sein.

Barmherzigkeit für alle

Ich werde so schließen: Wohin führt dieses Gericht? Was ist das große Bild? Paulus sagt es uns in Röm. 11,25-26. Er sagt zu uns Heidenchristen:

… damit ihr nicht euch selbst für klug haltet: Verstockung ist Israel zum Teil widerfahren, bis die Vollzahl der Nationen hineingekommen sein wird; und so wird ganz Israel gerettet werden.

Die Nationen sind wir und sie kommen hinein durch die große Weltmission der Gemeinde. Das Gericht führt also zur Rettung. Später im selben Kapitel (Röm. 11,32-33.36) sagt Paulus:

Denn Gott hat alle zusammen in den Ungehorsam eingeschlossen, damit er sich aller erbarmt.

Welche Tiefe des Reichtums, sowohl der Weisheit als auch der Erkenntnis Gottes! Wie unerforschlich sind seine Gerichte und unaufspürbar seine Wege! … Denn aus ihm und durch ihn und zu ihm hin sind alle Dinge! Ihm sei die Herrlichkeit in Ewigkeit! Amen.

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