Vergebung und Strafe

“Auf die Sieger und auf die Situation am Ort unmittelbar nach Müntzers Gefangennahme fällt noch ein kleines schmales Licht durch einen Brief des Mansfelder Rates Rühel an Luther. Da heißt es, man habe Müntzer auf eine Bank gesetzt. Die Herren traten heran und fragten ihn aus, jeder mit den kleinen Fragen, die ihm gerade am wichtigsten erschienen. Herzog Georg “ist neben ihm gesessen und mit ihm gesprochen, gefragt, was Ursache ihn bewegt, dass er die vier am vergangenen Sonnabend hatte köpfen lassen. Hat er gesagt: Lieber Bruder, ich sage Euer Liebden, dass ich solches nicht getan, sondern das göttliche Recht”. Ein anderer Herzog tritt herzu: “Höre, bist Du auch Fürstengenosse? Fürwahr, Du bist ein schöner Fürstengenoß. Dein Regiment wohl angehoben. (…) Der junge Landgraf von Hessen hat sich “des Evangeliums nicht geschämt, sich mit mit Müntzern in einen heftigen Streit damit begeben. Müntzer hat das Alte Testament gebraucht, der Landgraf aber sich an das Neue gehalten, sein Neues Testament auch bei sich gehabt und daraus die Sprüche wider Müntzern gelesen.” Diese Bank, auf der die Fürsten mit dem Gefangen sitzen und über das Köpfen, die acht oder vier Pferde und die Unterschiede zwischen alttestamentarischen Prophetien und dem Gebot des Paulus “seid untertan der Obrigkeit” disputieren, hat nahezu etwas Treuherziges. Im Hintergrund steht der Henker…” (Aus Richard Friedenthal: Luther, S. 519f.)

Friedenthal schildert diese geradezu friedliche Situation, eingebettet in furchtbare Gewalt, sowohl von Seitender aufständischen Bauern, zu deren geistlichen Anführer sich Thomas Müntzer zumindest lokal stilisiert, wie auch vielmehr von Seiten der machthabenden Fürsten. Ich finde an dieser Situation dennoch herausfordernd, dass eine gerechte Strafe und echte Versöhnung gleichzeitig stattfinden.

Damit ist diese Begebenheit das genaue Gegenteil der üblichen Reaktionen auf geistlichen Missbrauch. Wenn wir schon bei heftigen Beispielen sind, möchte ich auch hier zu einem solchen greifen, zur Colonia Dignidad:

1961 gründete Paul Schäfer, ein radikaler Pfingstler diese Kolonie von Auslandsdeutschen in Chile. Schon bald wird klar, dass es hier nicht zum “urchrstlichen Leben im gelobten Land” sondern zu Menschenrechtsverletzungen kommt. Bereits zu Beginn der Koloniegründung werden z.B. Jugendliche aus Deutschland nach Chile entführt. Durch Beziehungen zur militärischen Regierung Chiles ab den 70ern wächst der Missbrauch der Siedler: Selbst wenn die Bewohner flohen, wurden Sie sowohl von der Regierung, wie von der deutschen Botschaft zurückgeschickt. Die Siedler leben in einer totalen Abhängigkeit von Schäfer, jede Abweichung wird mit Gewalt, Missbrauch, Elektroschocks (im Krankenhaus) bestraft. Für Schäfer sind das natürlich nur Dämonenaustreibungen… Eine fürchterliche Geschichte! Alleine der Wikipedia-Artikel ist seitenweise voll von erschütterndem Gräuel.

Erst in den 90ern kommt es zu einem Haftbefehl gegen Schäfer, der zunächst jahrelang untertaucht, bevor er kurz vor seinem Tod inhaftiert wird. Hartmut Hopp(*1944), Schäfers rechte Hand, lebt jedoch weiterhin straffrei in Deutschland und ist derzeit sogar Mitglied einer unitarisch-pfingstlerische Gemeinde! Einer Verhaftung und Verurteilung in Chile entzog er sich und in Deutschland, konnte der Prozess nie überzeugend zu Ende gestellt werden, mit dieser Begründung: “Die Ermittlungen gestalten sich außerdem sehr schwierig, weil viele Opfer nicht an einer Aufklärung interessiert sind. Zu den Prinzipien der Colonia Dignidad gehörte, dass jeder jedem vergibt. Dieses Prinzip gilt für viele ehemalige Mitglieder bis heute“(Aus:https://www.welt.de/vermischtes/article114907306/Es-gibt-keine-Graeueltat-die-es-nicht-gab.html, zitiert im genannten Wikipedia Artikel).

An dieser Stelle merke ich, wie in mir wirklich eine fürchterliche Wut darüber aufsteigt, dass der Machtmissbrauch soweit geht, dass man selbst das gute, urchristliche Prinzip der Vergebung für seine Zwecke missbraucht, macht mich rasend.

Dabei ist es durchaus eine typische Geschichte: Über eine evangelikale Sekte in Schweden habe ich in etwa die gleiche Geschichte gelesen: Keine Zeugenaussagen, da man natürlich vergeben muss. Das sind nur Spitzen eines Eisbergs: Das es im Grunde geradezu Konsens unter evangelikalen Gemeinden ist, Missbrauch, Diebstahl, Korruption, Betrug nicht vor ein bürgerliches Gericht zu bringen, ist das gigantische kalte Eis, das man über der Oberfläche kaum wahrnimmt. Die Ursachen für diesen Komplex dürften Legion sein, doch ein erster Blick seit gestattet:

Zunächst kann man sich als Opfer einer missbrauchenden Gruppe zunächst fragen, ob man gerade bei der Frage des Umgangs mit Verletzungen eine gute Theologie mitbekommen hat. Das ist kaum ein Vorwurf an die Opfer, als vielmehr eine Selbstbeobachtung: Wie verlockend ein solches Verhalten klingt. In meiner Seele klingen definitiv mehrere Seiten an, wenn ich daran denke, derart bedingungslos zu vergeben.

Damit wären wir aber bei einem zentralen Punkt: Vergebung ist eben nicht bedingungslos. Gnade gibt es bei Gott nicht auf Kosten der Gerechtigkeit. Kaum etwas bringt das besser zum Ausdruck als das Kreuz Christi. “Sühne” ist doch nicht bloß ein theologischer Begriff, sondern lebendige Realität. Christus musste für meine Schuld bezahlen.

So funktioniert Vergebung auch untereinander: Angenommen, jemand bestiehlt mich um 1000 Euro, und kann sie mir nicht erstatten, dann heißt es, dass ich für den Verlust selber aufkommen muss, “wenn ich ihm vergebe”. Dieser Zusammenhang des Schuld Bezahlens geht häufig unter. Aber wenn ich zahle, dann ist der Nächste Frei, oder? Ich würde schon sagen, dass die Möglichkeit gegeben sein sollte, im Zweifelsfall lieber zu gnädig, als zu gerecht zu sein. Aber die Motivation hier liegt ja auch häufig daran, dass die staatlichen Gesetzgebungen nicht in vollkommener Weise Recht und Unrecht widerspiegeln. Dennoch sind Vergebung und Rechenschaft im allgemeinen nicht zwei unterschiedlichen Stiefel.

Das man für Schuld trotz Vergebung zur Rechenschaft zieht ist z.B. in der kirchlichen Zucht recht üblich: Ansonsten müsste man urteilen, dass Petrus “Ananias und Safira” nicht vergeben hat, als er sie dem Gericht Gottes ausgeliefert hat. Petrus hat die vorhanden Schuld aber öffentlich vor anderen angesprochen, was Grundlage einer bindenden Gemeindezucht ist.

Dann gebe es den Unterschied zwischen Vergebung und Versöhnung. Nur wenn man diesen Unterschied wahrt, kann man verstehen, warum David Simei (oder Schimi) üble Majestätsbeleidigungen vergeben hat (2.Sam. 19,22-24) und sie doch durch Salomo zur Verantwortung ziehen lies(1. Kön.2,42-44). Ich kaufe es David ab, dass es ihm nicht um späte Rache, sondern um Gerechtigkeit ging (die ja auch seinen Sohn schützen würde).

Die Fürsten des Mittelalters konnten diesen Unterschied (sowohl von Vergebung und Versöhnung, wie auch von Schuld  recht gut erfassen: Dadurch, dass sie sich mit Müntzer auf eine Bank setzten, zeigten sie, dass sie ebenso wie er Sünder sind, und dass ihm, ebenso wie Ihnen Vergebung am Kreuz zukommen kann. Dass sie sich als Brüder ansprachen, lässt tief blicken. Dennoch blieben sie bei der Ausübung des Rechts ebenso konsequent und riefen nach dem Gespräch den Henker (Hinweis: Dieser Artikel ist KEIN Plädoyer für die Todesstrafe).

Fazit: Ein Verbrechen innerhalb einer christlichen Gemeinschaft muss Konsequenzen besitzen, die in vielen Fällen über die Gemeindezucht gehen sollten. Ja in vielen Fällen könnte man die Sache auch umgekehrt lösen: Ein reuiger Dieb, kann doch auch im Gefängnis ein gutes Gemeindeglied sein. Eben weil wir auch den Verbrecher als (potentiellen) Bruder ernst nehmen, ziehen wir ihn zur Verantwortung. Ein Dieb oder Kinderschänder oder Gewalttätiger bekommt eben eine entsprechende Anzeige, auch wenn man ihm vergibt und nun nach echter Versöhnung trachtet. Einer, der seine gerechte Strafe trägt, kann anderen viel aufrechter in die Augen blicken, als einer, der durch billige Gnade oder Manipulation einer schlecht unterwiesenen Gemeinde “vergeben” davonkommt. So würde es auch mir gehen: Jemandem, der seine Schuld nicht verbirgt, sondern bekennt, gilt mein Respekt! Das Müntzer furchtbare Schuld auf sich geladen hat, sollte ihm nicht den Weg zum Evangelium versperren, so wie die bürgerliche Bestrafung nichts über seine Beziehung zu Gott sagte.

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Ein Kommentar

  1. Ich finde, man kann wahre Buße, die ja mit der Vergebung verknüpft ist, genau daran erkennen, dass man die Strafe ohne Murren auf sich nimmt. Das ist mir bei David aufgefallen, als ich jetzt 2. Samuel gelesen habe, und zwar sowohl nach seinem Ehebruch als auch nach der Volkszählung. Er versucht nichts zu verbergen und trotz Vergebung bekommt er eine Strafe, die er annimmt. Wer sich nicht stellt und sich der Strafe unterstellt, der hat auch nicht wirklich Buße getan. Das kann man dann an Absalom studieren – da war die Rückkehr keine Umkehr und die mehr oder weniger er- manipulierte Versöhnung ging als Schuss nach hinten los.

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