Die Merkmale eines geistlichen Leiters

Das folgende ist bisher der längste Artikel, der auf unserer Webseite bisher erschienen ist. Der Dank für die Übersetzungsarbeit geht an Viktor Zander, einen hervorragenden, wie ich finde, Übersetzer. Wer seine Arbeit finanziell unterstützen möchte, kann dies über eine Spende an Evangelium21 e.V. mit dem Verwendungszweck: Projekt Übersetzungsarbeit tun. Viktor schreibt regelmäßig in seinem Newsletter über seine Übersetzungsarbeit (Abo hier)

Doch nun zum Text von John Piper, den es, wie üblich, auch hier zum Download gibt:

Ich definiere geistliche Leiterschaft wie folgt: Man weiß, wo Gott Menschen haben will, übernimmt im Vertrauen auf Gottes Macht die Initiative und wendet Gottes Methoden an, um sie an diesen Punkt zu bringen. Die Antwort darauf, wo Gott Menschen haben will, liegt in einem geistlichen Zustand und in einem Lebensstil, die seine Herrlichkeit zeigen und seinem Namen Ehre bringen.

Daher besteht das Ziel geistlicher Leiterschaft darin, dass Menschen Gott kennenlernen und ihm in allem was sie tun ehren. Geistliche Leiterschaft möchte Menschen verändern, statt sie einfach zu lenken. Wenn wir die Art Leiter wären, die wir sein sollten, dann müssten wir es zu unserem Ziel machen, Menschen zu entwickeln anstatt Pläne zu diktieren. Du kannst Menschen dazu bringen, das zu tun was du willst, aber wenn sich ihre Herzen nicht verändern, dann hast du sie geistlich nicht geführt. Du hast sie nicht dorthin gebracht, wo Gott sie haben will.

Jeder hat in einigen Beziehungen die Verantwortung der Leiterschaft. Ich ziele in diesem Artikel jedoch auf die Merkmale ab, die ein Mensch haben muss, um ein herausragender geistlicher Leiter zu sein, und zwar sowohl hinsichtlich der Qualität seiner Leiterschaft als auch hinsichtlich der Anzahl Menschen, die ihm folgen.

Biblische, geistliche Leiterschaft enthält einen inneren Kreis und einen äußeren Kreis. Der innere Kreis geistlicher Leiterschaft ist eine Abfolge von Ereignissen in der menschlichen Seele, die ablaufen muss, wenn jemand die erste Stufe geistlicher Leiterschaft erreichen möchte. Das ist absolut notwendig. Das sind Dinge, die in gewissem Maße für alle Christen gelten und wenn sie mit großem Eifer und tiefer Überzeugung angestrebt werden, dann führen sie zu starker Leiterschaft. Im äußeren Kreis befinden sich Merkmale, die sowohl geistliche als auch weltliche Leiter kennzeichnen. Ich möchte mit diesem Artikel versuchen, diese Merkmale des inneren und äußeren Kreises einfach zu erklären und zu veranschaulichen.

Der innere Kreis geistlicher Leiterschaft

1. Andere sollen Gott ehren

Das letztendliche Ziel aller geistlichen Leiterschaft besteht darin, dass andere zu Menschen werden, die Gott ehren. Das heißt, man fühlt und denkt und handelt so, dass der wahre Charakter Gottes großgemacht wird. Gemäß Matthäus 5,14-16 besteht eines der entscheidenden Mittel, durch welches ein christlicher Leiter andere Menschen dazu bringt, Gott zu ehren, darin, dass er ein Mensch ist, der Freund und Feind liebt:

„Ihr seid das Licht der Welt; eine Stadt, die oben auf einem Berg liegt, kann nicht verborgen sein. Man zündet auch nicht eine Lampe an und setzt sie unter den Scheffel, sondern auf das Lampengestell, und sie leuchtet allen, die im Hause sind. So soll euer Licht leuchten vor den Menschen, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater, der in den Himmeln ist, verherrlichen.“

Dieser Text zeigt, dass es eine Einstellung und einen Lebensstil gibt, die so markant sind, dass sie, wenn sie auf der Bühne der gefallenen Menschheit auftauchen, einen lebenden Beweis dafür darstellen, dass es einen Gott gibt und dass er ein herrlich vertrauenswürdiger himmlischer Vater ist. Wenn die Realität der Verheißungen Gottes, sich um uns zu kümmern und alles zu unserem Besten dienen zu lassen, unsere Herzen packt, sodass wir nicht der Gier oder der Furcht oder der Prahlerei zum Opfer fallen und für andere Menschen stattdessen Genügsamkeit, Liebe und Freiheit verkörpern, dann wird die Welt zugeben müssen, dass der Eine, der uns Hoffnung und Freiheit gibt, real und herrlich sein muss.

2. Liebe Freund und Feind durch Gottvertrauen und Hoffnung auf seine Verheißungen

Aber wie sollen wir eine Liebe erreichen, die stark genug ist, um Feinde zu segnen und für sie zu beten? Die Antwort findet sich in der Schrift (und das ist die zweite Ebene des inneren Kreises): Gottvertrauen und Hoffnung auf seine Verheißungen führt zu Liebe. In Gal 5,6 heißt es:

„Denn in Christus Jesus hat weder Beschneidung noch Unbeschnittensein irgendeine Kraft, sondern der durch Liebe wirksame Glaube.“

Das heißt, dass sich unser starker Glaube an die Güte Gottes unvermeidlich in Liebe zeigt. In Kol 1,4-5 heißt es:

Wir haben von eurem Glauben in Christus Jesus gehört und von der Liebe, die ihr zu allen Heiligen habt, wegen der Hoffnung, die für euch in den Himmeln aufbewahrt ist.“

Anders gesagt: Wenn unsere Hoffnung stark ist, dann befreit sie uns aus Ängsten und Sorgen, welche die freie Ausübung der Liebe verhindern. Daher muss ein geistlicher Leiter ein Mensch sein, der ein starkes Vertrauen auf die souveräne Güte Gottes hat, die alles zu seinem Besten dienen lässt. Ansonsten wird er unvermeidlich in die Falle tappen und die Umstände verändern oder Menschen ausnutzen wollen, um für sich selbst eine glückliche Zukunft zu sichern, von der er Gott nicht zutraut, sie ihm bieten zu können.

3. Sinne über Sein Wort nach und bete darüber

Aber wie sollen wir als Sünder an einen Punkt kommen, an dem wir Gott auf diese Weise vertrauen? In Röm 10,17 heißt es:

„Also ist der Glaube aus der Verkündigung, die Verkündigung aber durch das Wort Christi!“

Und Ps 119,18 sagt:

„Öffne meine Augen, damit ich schaue die Wunder aus deinem Gesetz.“

Diese beiden Texte zusammengenommen zeigen uns, dass Glaube an Gott in Gottes Wort gegründet ist.

Wenn wir Gottes Wort hören, besonders die Predigt von Christus, in welchem alle Verheißungen Gottes ihr Ja finden (2Kor 1,20), dann werden wir dazu bewegt, ihm zu vertrauen – aber das geschieht nicht automatisch. Wir müssen beten, dass unsere Augen für die wahre Bedeutung des Wortes Gottes in der Schrift geöffnet werden. Der geistliche Leiter muss also ein Mensch sein, der über Gottes Wort nachsinnt und für geistliche Erleuchtung betet. Ansonsten wird sein Glaube schwach werden und seine Liebe wird verkümmern. Niemand wird seinetwegen dazu bewegt werden, Gott zu ehren.

4. Erkenne deine Hilflosigkeit an

Schließlich müssen wir uns jedoch fragen, wie ein Mensch an einen Punkt kommt, an welchem er bereitwillig Zeit im Wort Gottes verbringt und offen dafür ist. Die Antwort lautet, dass wir unser Hilflosigkeit anerkennen müssen. Jede geistliche Leiterschaft wurzelt in Verzweiflung. Jesus lobte den Mann, der Folgendes sagte:

„Gott, sei mir, dem Sünder, gnädig!“ (Lk 18,13)

Von seinem eigenen Dienst sagte Jesus:

„Nicht die Starken brauchen einen Arzt, sondern die Kranken. Ich bin nicht gekommen, Gerechte zu rufen, sondern Sünder.“ (Mk 2,17)

Das bedeutet, dass geistlicher Leiterschaft mit der Erkenntnis beginnen muss, dass wir die Kranken sind, die einen Arzt brauchen.

Wenn wir so sehr gedemütigt sind, dann werden wir offen dafür, das Rezept des Arztes im Wort zu lesen. Und während wir die wunderbaren Verheißungen lesen, die es für Menschen gibt, die dem Arzt vertrauen, wird unser Glaube stark und unsere Hoffnung fest gegründet werden. Und wenn unser Glaube stark und unsere Hoffnung fest gegründet ist, dann wird alles, was uns hindert zu lieben, wie Gier und Furcht, hinweggefegt. Wenn wir die Art von Menschen werden, die ihr Leben selbst für ihre Feinde aufs Spiel setzen und die keinen Groll hegen und die ihre Energie dafür einsetzen, anderen Gutes zu tun, anstatt unsere eigene Erhöhung anzustreben, dann werden Menschen die Augen geöffnet und sie werden unseren himmlischen Vater preisen.

Die Auswirkung dieses inneren Kreises der Leiterschaft ist, dass du, um andere zu leiten, ihnen im Bibelstudium und im Gebet weit voraus sein musst. Ich denke, dass es ohne ausgedehnte Zeiten des Gebets und des Nachsinnens über die Schrift keine gelungene geistliche Leiterschaft gibt. Geistliche Leiter sollten früh aufstehen, um Gott zu begegnen, bevor sie anderen Menschen begegnen.

Vielleicht werden sie über ihre Einsichten und Ideen beim Bibellesen und Beten Tagebuch führen wollen. Sie werden Bücher über die Bibel (z.B. von J. I. Packer, Paul Little und John Stott und von Dutzenden anderen exzellenten evangelikalen Autoren) und über das Gebet (z.B. die acht Bücher von E. M. ) lesen wollen. Sie werden sich regelmäßig einen halben Tag mit einer Bibel, einem Notizblock und einem Liederbuch zurückziehen wollen. Wenn du ein großartiger Leiter von Menschen sein willst, dann musst du dich von Menschen zurückziehen, um Zeit mit Gott zu verbringen.

Beispiel: Hudson Taylor

Dr. Howard Taylor beschreibt in „Hudson Spiritual Secret”[1] (S. 234-235) ein Erlebnis, das er mit seinem Vater auf einer Reise durch China hatte:

„Es war für Mr. Taylor in seinem wechselhaften Leben nicht einfach, sich Zeit für das Gebet und fürs Bibelstudium zu nehmen, aber er wusste, dass es lebensnotwendig war. Zurecht erinnern sich Menschen daran, Monat für Monat mit ihm im Norden Chinas unterwegs gewesen zu sein, mit Wägen und Schubkarren, und nächtlichen Aufenthalten in den ärmlichsten aller Herbergen.

Oft gab es nur einen großen gemeinsamen Raum für Kulis und Reisende. Wir schirmten mit irgendwelchen Decken einen Winkel für den Vater und für uns selbst ab. Und wenn der Schlaf ein gewisses Maß an Ruhe gebracht hatte, dann hörte man, wie ein Streichholz angezündet wurde und sah einen flackernden Kerzenschein, das uns sagte, dass Mr. Taylor, ganz egal wie erschöpft er war, seine kleine zweibändige, immer griffbereite Bibel las.

Die Zeit zwischen 2 und 4 Uhr morgens verbrachte er üblicherweise im Gebet. Das war die Zeit, in der er am sichersten sein konnte, ungestört auf Gott zu warten. Dieser flackernde Kerzenschein bedeutete uns allen mehr als das, was wir über stilles Gebet gelesen oder gehört hatten. Es bedeutete Wirklichkeit; kein Predigen, sondern Praxis.

Der schwierigste Teil der Laufbahn eines Missionars war in Mr. Taylors Augen das Beibehalten eines regelmäßigen, von Gebet begleiteten Bibelstudiums. Er sagte: ‚Satan wird immer etwas finden, was du tun kannst, wenn du dich eigentlich damit beschäftigen solltest, selbst wenn es nur das Anbringen einer Jalousie ist.‘“

Beispiel: Georg Müller

In seinem Dienst unter Waisen ist Georg Müllers großer Glaube ein bemerkenswertes Beispiel. In seiner Autobiographie gibt es einen Abschnitt mit dem Titel „Wie man dauerhaft glücklich im Herrn ist“. Er beklagt, wie er früher jahrelang morgens früh gebetet hat und wie seine Gedanken immer wieder abschweiften. Dann machte er eine Entdeckung. Er beschreibt es folgendermaßen:

„Es geht um Folgendes: Ich sah klarer als je zuvor, dass die vorzüglichste und hauptsächliche Beschäftigung, die ich jeden Tag aufnehmen sollte, darin liegt, meine Seele im Herrn glücklich zu machen. Das erste, womit ich mich befassen sollte, war nicht, wie sehr ich dem Herrn dienen könnte, wie ich den Herrn verherrlichen könnte; sondern wie ich meine Seele in einen Zustand des Glücks bringen könnte, und wie mein innerer Mensch genährt werden könnte. …

Vorher bestand meine Praxis mindestens zehn Jahre lang aus der Gewohnheit, ins Gebet zu gehen, nachdem ich mich morgens angezogen hatte. Nun sah ich, dass das allerwichtigste, was ich tun musste, meine Hingabe an das Lesen des Wortes Gottes war und das Nachsinnen darüber, damit mein Herz auf diese Weise getröstet, ermutigt, gewarnt, zurechtgewiesen, unterwiesen werde, und damit mein Herz auf diese Weise beim Nachsinnen in erlebte Gemeinschaft mit dem Herrn gebracht werde.

Ich begann daher damit, früh am Morgen über das Neue Testament nachzusinnen. Nach einer kurzen Bitte um den Segen des Herrn über sein kostbares Wort, war das erste, was ich tat, über Gottes Wort nachzusinnen, sozusagen jeden Vers zu erforschen, um Segen daraus zu gewinnen, und zwar nicht wegen des öffentlichen Dienstes am Wort, nicht deswegen um über das zu predigen, worüber ich nachgedacht hatte, sondern um Nahrung für meine Seele zu bekommen.

Fast immer kam ich zu folgendem Ergebnis: Nach nur wenigen Minuten wurde meine Seele zur Schuldbekenntnis, oder zur Danksagung, oder zur Fürbitte, oder zum Flehen geführt. Obwohl ich also sozusagen nichts ins Gebet ging, sondern ins Nachsinnen über die Schrift, führte das fast sofort mehr oder weniger ins Gebet.

Wenn ich auf diese Weise Schuld bekannt, Fürbitte getan, gefleht oder Dank gesagt habe, dann gehe ich zu den nächsten Worten oder Versen und wandle sie dabei alle in Gebet für mich selbst oder für andere um, so wie das Wort es leitet. Aber immer noch halte ich mir diese Nahrung für meine Seele als das Objekt meines Nachsinnens vor Augen.

Daraus folgt, dass es vermischt mit meinem Nachsinnen immer eine Menge Schuldbekenntnis, Danksagung, Flehen oder Fürbitte gibt, und dass mein innerer Mensch fast ausnahmslos fast spürbar genährt und gestärkt wird, und dass ich zur Zeit des Frühstücks bis auf seltene Ausnahmen in einem Zustand des Friedens bin, wenn nicht sogar in einem Herzenszustand des Glücks.

Nun da Gott mich seinen Standpunkt gelehrt hat, ist es für mich so klar, dass das erste, was ein Kind Gottes Morgen für Morgen zu tun hat, darin besteht, Nahrung für den inneren Menschen zu bekommen. Der äußere Mensch ist nicht in der Lage, ohne Nahrung beliebig lange zu arbeiten – und Essen ist eines der ersten Dinge, die wir morgens tun – und genauso sollte es mit dem inneren Menschen sein. Wir müssen ihm Nahrung zukommen lassen, wie jeder zugeben muss.

Was ist also nun die Nahrung für den inneren Menschen? Nicht das Gebet, sondern das Wort Gottes. Und dann wiederum nicht das schlichte Lesen des Wortes Gottes, sodass es einfach nur in unseren Gedanken ist, so wie Wasser durch ein Rohr fließt, sondern über das Gelesene nachzudenken, darüber zu grübeln, und es auf unsere Herzen anzuwenden.

Durch den Segen Gottes schreibe ich dieser Methode die Hilfe und Kraft zu, welche ich gehabt hatte, um verschiedene schwerere Prüfungen in Frieden durchzustehen, als je zuvor. Und nachdem ich diese Methode nun mehr als vierzig Jahre lang erprobt habe, kann ich sie in der Furcht Gottes nur in höchstem Maße empfehlen. Was es doch für einen Unterschied macht, wenn die Seele am Morgen erfrischt und glücklich gemacht wird, als wenn über mir der Dienst, die Prüfungen und die Versuchungen des Tages hereinbrechen, und das ohne geistliche Vorbereitung!“

Für uns alle sollte es eine Ermutigung sein, im Nachsinnen über Gottes Wort auszuharren, wenn wir einen Brief lesen, welchen Georg Müller 1897 an die „British and Foreign Bible Society“ schrieb, in welchem er sich dafür entschuldigte, nicht an einer Versammlung in Burmingham teilnehmen zu können. Er schrieb:

„Seien Sie bitte so freundlich und lesen der Versammlung vor, dass ich nun seit 68 Jahren und 3 Monaten, nämlich seit Juli 1829, jemand bin, der ununterbrochen Gottes Wort liebt. In dieser Zeit habe ich bedeutend öfter als hundert Mal im Gebet und im Nachsinnen das ganze Alte und Neue Testament durchgelesen.“

Wenn wir mächtige geistliche Leiter sein wollen, dann müssen wir die Richtung eines Hudson Taylor und eines Georg Müller einschlagen.

Der äußere Kreis geistlicher Leiterschaft

Jeder in der Gemeinde hat eine oder mehrere Geistesgaben. Jeder sollte am Dienst beteiligt sein. Jeder sollte danach streben, andere anzuleiten und an den Punkt zu bringen, an welchem sie durch ihre Denkweise, Gefühlswelt und Handlungsweise Gott Ehre machen. Aber es gibt einige Menschen, denen Gott Persönlichkeitsmerkmale gegeben hat, die sie tendenziell eher zu Leitern machen als andere. Nicht all diese Merkmale sind unverwechselbar christlich, aber wenn der Heilige Geist das Leben eines Menschen erfüllt, dann wird jedes dieser Merkmale für Gottes Absichten eingespannt und verwandelt.

1. Ruhelosigkeit

Geistliche Leiter haben eine heilige Unzufriedenheit mit dem Status quo. Nicht-Leiter haben eine Trägheit, die sie dazu bringt, es sich bequem zu machen, und die es sehr schwer macht, sie aus dem Totpunkt heraufzubefördern. Leiter haben eine Sehnsucht nach Veränderung, nach Bewegung, nach Reichweite, nach Wachstum, und danach, eine Gruppe oder eine Institution zu neuen Dimensionen des Dienstes zu führen. Sie haben den Geist des Paulus, der in Phil 3,13-14 folgendes schreibt:

„Brüder, ich denke von mir selbst nicht, es ergriffen zu haben; eines aber tue ich: Ich vergesse, was dahinten, strecke mich aber aus nach dem, was vorn ist, und jage auf das Ziel zu, hin zu dem Kampfpreis der Berufung Gottes nach oben in Christus Jesus.“

Leiter sind immer sehr ziel-orientierte Menschen.

Gottes Heilsgeschichte ist nicht beendet. Die Gemeinde ist durchsetzt von Unvollkommenheiten, verlorene Schafe sind immer noch nicht im Stall, alle möglichen Bedürfnisse in der Welt sind noch nicht gestillt, die Sünde infiziert die Heiligen. Es ist undenkbar, dass wir zufrieden damit sind, wie die Dinge in einer gefallenen Welt und in einer unvollkommenen Gemeinde stehen. Daher hat es Gott gefallen, in einige seiner Leute eine heilige Ruhelosigkeit zu legen, und diese Menschen werden sehr wahrscheinlich Leiter sein.

2. Optimismus

Geistliche Leiter sind nicht optimistisch, weil die Menschen gut sind, sondern weil Gott die Kontrolle hat. Der Leiter darf seine Unzufriedenheit nicht zu Trostlosigkeit werden lassen. Wenn er die Unvollkommenheit der Gemeinde sieht, dann muss er gemeinsam mit dem Autor des Hebräerbriefs sagen:

„Wir aber sind, wenn wir auch so reden, im Hinblick auf euch, Geliebte, vom Besseren und zum Heil Dienlichen überzeugt.“ (Hebr 6,9)

Das Fundament seines Lebens ist Röm 8,28:

„Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Guten mitwirken, denen, die nach ⟨seinem⟩ Vorsatz berufen sind.“

Gemeinsam mit Paulus argumentiert er:

„Er, der doch seinen eigenen Sohn nicht verschont, sondern ihn für uns alle hingegeben hat – wie wird er uns mit ihm nicht auch alles schenken?“ (Röm 8,32)

Ohne diese Zuversicht, die auf der in Jesus Christus erwiesenen Güte Gottes gegründet ist, wird die Ausdauer des Leiters schwanken und die Menschen werden nicht inspiriert sein. Ohne Optimismus wird Ruhelosigkeit zu Verzweiflung.

3. Eifer

Ein großartiges Merkmal, das ich bei meinen Mitarbeitern sehen will, ist Eifer. In Röm 12,8 heißt es, dass man „mit Fleiß“ die Gabe der Leiterschaft gebrauchen soll. In Röm 12,11 heißt es:

„[Seid] im Fleiß nicht säumig, brennend im Geist …“

Als die Jünger sich an Jesu Verhaltensweise in Bezug auf den Tempel Gottes erinnerten, beschrieben sie es mit folgenden Worten aus dem Alten Testament: „Der Eifer um dein Haus verzehrt mich“ (Joh 2,17). Der Leiter folgt dem Rat aus Pred 9,10:

„Alles, was deine Hand zu tun findet, das tue in deiner Kraft!“

Als junger Mann schrieb Jonathan Edwards eine Liste mit etwa siebzig Vorsätzen. Der Vorsatz, der mich am meisten inspiriert hat, lautet wie folgt: „Zeit meins Lebens mit all meiner Kraft zu leben“. Graf Zinzendorf sagte: „Ich habe eine Leidenschaft: Er. Nur Er allein.“ Jesus warnt uns in Offb 3,16, dass ihm lauwarme Menschen überhaupt nicht schmecken:

„Also, weil du lau bist und weder heiß noch kalt, werde ich dich ausspeien aus meinem Munde.“

Geistliche Leiter müssen alleine irgendwo nach draußen gehen und bedenken, welch unaussprechliche und gewaltige Dinge sie über Gott wissen. Wenn ihr Leben ein einziges Gähnen ist, dann sind sie schlicht und ergreifend blind. Leiter müssen den Beweis führen, dass die geistlichen Dinge hochgradig real sind. Sie können das nicht tun, wenn sie selbst nicht übersprudeln.

4. Selbstbeherrschung

Mit Selbstbeherrschung meine ich nicht überkorrekt und vorschriftsmäßig und gefühllos, sondern die Beherrschung unserer Triebe. Wenn wir andere zu Gott führen wollen, dann darf es nicht sein, dass wir selbst in die Welt geführt werden. Gemäß Gal 5,23 ist Selbstbeherrschung eine Frucht des Geistes. Sie ist nicht einfach nur Willenskraft. Sie eignet sich die Kraft Gottes an, um unsere Gefühle und unseren Appetit zu beherrschen, die uns in die Irre führen könnten, oder uns dazu bringen könnten, dass wir unsere Zeit mit fruchtlosen Unternehmungen füllen.

In 1. Kor 6,12 sagt Paulus:

„Alles ist mir erlaubt, aber ich will mich von nichts beherrschen lassen.“

Der christliche Leiter muss sein Leben schonungslos prüfen, um zu sehen, wo er auch nur ein bisschen versklavt ist von Fernsehen, Alkohol, Kaffee, Golf, Computerspielen, Angeln, Playboy, Selbstbefriedigung oder gutem Essen. Paulus sagt in 1. Kor 9,25-27:

„Jeder aber, der kämpft, ist enthaltsam in allem; jene freilich, damit sie einen vergänglichen Siegeskranz empfangen, wir aber einen unvergänglichen. Ich laufe nun so, nicht wie ins Ungewisse; ich kämpfe so, nicht wie einer, der in die Luft schlägt; sondern ich zerschlage meinen Leib und knechte ihn, damit ich nicht, nachdem ich anderen gepredigt habe, selbst verwerflich werde.“

Und in Gal 5,24 fügt er hinzu:

„Die aber dem Christus Jesus angehören, haben das Fleisch samt den Leidenschaften und Begierden gekreuzigt.“

Geistliche Leiter verfolgen schlechte Gewohnheiten schonungslos zurück und brechen mit ihnen in der Kraft des Geistes. Sie hören und befolgen Röm 8,13:

„Wenn ihr nach dem Fleisch lebt, so werdet ihr sterben, wenn ihr aber durch den Geist die Handlungen des Leibes tötet, so werdet ihr leben.“

Geistliche Leiter sehnen sich nach Freiheit von allen Dingen, die ihre volle Freude an Gott und am Dienst an anderen trüben.

5. Unempfindlichkeit

Eins steht fest: Wenn du beginnst andere anzuleiten, dann wirst du kritisiert werden. Niemand wird ein bedeutender geistlicher Leiter, wenn sein Ziel darin besteht, anderen zu gefallen und ihre Anerkennung zu bekommen. Paulus sagte in Gal 1,10:

„Denn rede ich jetzt Menschen zuliebe oder Gott? Oder suche ich Menschen zu gefallen? Wenn ich noch Menschen gefiele, so wäre ich Christi Knecht nicht.“

Geistliche Leiter suchen nicht das Lob von anderen Menschen, sie streben danach Gott zu gefallen. Dr. Carl Lundquist, früherer Leiter des „Bethel College and Seminary“, sagte in seinem Abschlussbericht vor der Generalversammlung der Baptisten, dass es unter den 28 Jahren seines Dienstes in der Generalversammlung kaum ein Jahr gab, in dem er nicht aktiv von vielen Menschen angegriffen wurde.

Wenn Kritik uns lähmt, dann werden wir es als geistliche Leiter niemals schaffen. Ich meine damit nicht, dass wir Menschen sein müssen, die keinen Schmerz spüren. Wir dürfen uns nur durch den Schmerz nicht vernichten lassen. Gemeinsam mit Paulus in 2. Kor 4,8-9 müssen wir sagen können:

„In allem sind wir bedrängt, aber nicht erdrückt; keinen Ausweg sehend, aber nicht ohne Ausweg; verfolgt, aber nicht verlassen; niedergeworfen, aber nicht vernichtet …“

Wir spüren die Kritik, aber wir werden davon nicht außer Gefecht gesetzt. Paulus sagt dazu in 2. Kor 4,16: „Deshalb werden wir nicht mutlos“.

Leiter müssen fähig sein, Niedergeschlagenheit zu verdauen, weil sie eine Menge davon essen werden. Es wird viele Tage geben, an denen die Versuchung sehr groß ist, wegen undankbaren Menschen alles hinzuwerfen. Kritik ist eine der Lieblingswaffen Satans, um wirksame christliche Leiter an einen Punkt zu bringen, an dem sie das Handtuch werfen.

Ich sollte jedoch dieses Merkmal der Unempfindlichkeit ein wenig relativieren. Ich möchte nicht den Eindruck vermitteln, dass geistliche Leiter über jegliche legitime Kritik erhaben sind. Ein guter Leiter muss nicht nur unempfindlich sein, sondern auch offen und in Demut bereit sein, gerechtfertigte Kritik zu akzeptieren und zu üben. Kein Leiter ist vollkommen und Jonathan Edwards hat einmal gesagt, dass er es zu einer geistlichen Übung machte, in jeder ihm entgegengebrachten Kritik, nach der Wahrheit zu suchen, bevor er sie verwarf. Das ist ein guter Rat.

6. Tatkraft

Faule Menschen können keine Leiter sein. Geistliche Leiter „[kaufen] die rechte Zeit aus“ (Eph 5,16). Sie arbeiten am Tag, weil sie wissen, dass die Nacht kommt, da niemand arbeiten kann (Joh 9,4). Sie werden „nicht müde Gutes zu tun“, denn sie wissen, dass sie zur rechten Zeit ernten werden, wenn sie nicht den Mut verlieren (Gal 6,9). Sie sind „fest, unerschütterlich, allezeit überreich in dem Werk des Herrn, da ihr wisst, dass eure Mühe im Herrn nicht vergeblich ist“ (1Kor 15,58).

Aber sie schreiben diese große Energie nicht sich selbst zu, oder rühmen sich ihrer Anstrengungen, weil sie gemeinsam mit dem Apostel Paulus sagen: „Ich habe viel mehr gearbeitet als sie alle; nicht aber ich, sondern die Gnade Gottes, die mit mir ist“ (1Kor 15,10). Und „darum bemühe ich mich auch und ringe kämpfend gemäß seiner Wirksamkeit, die in mir wirkt in Kraft“ (Kol 1,29).

Jemand hat einmal gesagt: Müde Männer halten die Welt am Laufen. Ein Leiter muss lernen, mit Druck zu leben. Keiner von uns erreicht viel ohne Deadlines, und Deadlines erzeugen immer ein Druckgefühl. Ein Leiter sieht den Arbeitsdruck nicht als Fluch, sondern als Herrlichkeit. Er wünscht sich nicht, sein Leben in übermäßigem Freizeitgenuss zu verbraten. Er liebt es, produktiv zu sein. Er nimmt es mit Drucksituationen auf und verhindert mit Verheißungen wie bspw. Mt 11,27-28, Phil 4,7-8 oder Jes 64,4, dass der Druck bedenklich hoch wird.

7. Gründliches Denken

„An der Bosheit seid Unmündige, am Verstand aber seid Erwachsene.“ (1Kor 14,20)

Es ist nicht leicht, ein Leiter von Menschen zu sein, die dich beim Denken übertrumpfen. Ein Leiter muss jemand sein, der über gegebene Umstände nachdenkt, wenn er sie sieht. Er setzt sich mit Stift und Papier und Notizen hin und schreibt und erschafft. Er prüft alle Dinge mit seinem Verstand und hält am Guten fest (1Thess 5,21). Er ist im besten Sinne des Wortes kritisch, d.h. er ist nicht leichtgläubig, launenhaft oder folgt dem Trend. Er wägt Dinge ab, bedenkt Pro und Kontra und hat immer eine aussagekräftige Begründung für die Entscheidungen, die er trifft.

Sorgfältiges und gründliches Denken stehen nicht im Widerspruch zu Gebet und zur Offenbarung Gottes. Der Apostel Paulus sagt Timotheus in 2. Tim 2,7:

„Bedenke, was ich sage! Denn der Herr wird dir Verständnis geben in allen Dingen.“

Anders ausgedrückt: Gottes Art, uns Einsicht zu geben, besteht nicht darin, den Denkprozess zu umgehen.

8. Mitteilungsfähigkeit

Es ist schwer, andere zu leiten, wenn man seine Gedanken nicht klar und kraftvoll zum Ausdruck bringen kann. Leiter wie Paulus zielten darauf ab, Menschen zu überzeugen, nicht darauf, sie zu zwingen (2Kor 5,11). Leiter, die geistlich sind, rufen nicht mit heißer Luft zur Nachfolge auf, sondern mit knackigen, soliden, überzeugenden Sätzen. Der Apostel Paulus zielte, wie alle guten Leiter, auf eine Klarheit dessen ab, was er sagte. Gemäß Kol 4,4 bat er die Menschen für ihn zu beten, „damit ich es kundmache, wie ich reden soll!“

Es ist verblüffend und beklagenswert, wie viele Menschen heutzutage nicht in ganzen Sätzen reden können. Das Ergebnis ist, dass ihre Gedanken total vernebelt sind. Weder sie noch ihre Zuhörer wissen ganz genau, worüber sie reden. Ein Schleier legt sich über die Diskussion und man bleibt voller Fragen zurück, worum es überhaupt ging. Wenn sich niemand über dem Kuddelmuddel und dem buchstäblichen Chaos des „Du weißt schon … Ich meine … Nein, wirklich“ erhebt, dann wird es keine Leiterschaft geben.

9. Lehrfähigkeit

Es überrascht mich nicht, dass einige der großen Leiter der Bethlehem Baptist Church Männer gewesen sind, die auch bedeutende Lehrer sind. Gemäß 1. Timotheus 3,2 sollte jeder, der das Amt eines Aufsehers in der Gemeinde anstrebt, fähig sein zu lehren. Was ist ein guter Lehrer? Ich denke, ein guter Lehrer weist zumindest folgende Merkmale auf:

  • Ein guter Lehrer stellt sich selbst die schwierigsten Fragen, arbeitet solange, bis er Antworten hat, und formuliert dann provokative Fragen für seine Schüler, um ihr Denken anzuregen.
  • Ein guter Lehrer zerlegt sein Thema in kleine Stücke, sieht Verbindungen und entdeckt die Einheit des Ganzen.
  • Ein guter Lehrer kennt die Probleme, die seine Schüler mit seinem Thema haben werden, ermutigt sie und bringt sie über die Buckelpiste der Entmutigungen.
  • Ein guter Lehrer sieht Einwände voraus und denkt gründlich über sie nach, sodass er ihnen auf intelligente Weise begegnen kann.
  • Ein guter Lehrer kann sich in eine Vielfalt an Schülern hineinversetzen und daher schwierige Dinge auf eine Weise erklären, die von ihrem Standpunkt aus betrachtet Sinn ergibt.
  • Ein guter Lehrer ist konkret, nicht abstrakt. Spezifisch, nicht allgemein. Genau, nicht vage. Verletzlich, nicht ausweichend.
  • Ein guter Lehrer fragt immer „Ja und?“ und versucht zu sehen, wie Entdeckungen unser gesamtes Denksystem prägen. Er versucht Entdeckungen mit dem Leben in Verbindung zu setzen und versucht Abschottung zu vermeiden.
  • Das Ziel eines guten Lehrers ist die Verwandlung des ganzen Lebens und der ganzen Denkweise hin zu einer Einheit, die Christus ehrt.

10. Gute Menschenkenntnis

Jesus kannte die Herzen der Menschen (Joh 2,24-25) und mahnte uns, bei unserer Einschätzung anderer Menschen scharfsichtig zu sein (Mt 7,15-20). Leiter müssen wissen, wer für welche Art von Arbeit geeignet ist. Gute Leiter haben einen guten Riecher. Sie haben ein Gespür für Menschen, die immerzu zuhören, aber niemals dazulernen oder sich verändern. Sie können Potential erkennen, wenn sie es in einem Anfänger sehen. Sie können in kurzer Zeit den Widerhall von Stolz, Heuchelei und Weltlichkeit hören. Der geistliche Leiter manövriert sorgfältig zwischen den Gefahren eines starren Schubladendenkens einerseits und der Gleichgültigkeit andererseits.

11. Feingefühl

Paulus sagte in Kol 4,5-6 Folgendes:

„Wandelt in Weisheit gegenüber denen, die draußen sind, kauft die rechte Zeit aus! Euer Wort sei allezeit in Gnade, mit Salz gewürzt; ihr sollt wissen, wie ihr jedem Einzelnen antworten sollt!“

Und der Autor der Sprüche sagte:

„Goldene Äpfel in silbernen Prunkschalen, ⟨so ist⟩ ein Wort, geredet zu seiner Zeit.“ (Spr 25,11)

Wir müssen daran denken, dass Leiter auf Veränderung von Herzen abzielen, und nicht darauf, dass Aufgaben erledigt werden.

Daher schneidet man sich ins eigene Fleisch, wenn man Menschen unnötig abschreckt. Feingefühl ist dasjenige Merkmal der Gnade, welches das Vertrauen von Menschen gewinnt, die sich sicher sind, dass du nichts Dummes tun oder sagen wirst. Du kannst keine Nachfolge inspirieren, wenn Menschen wegen der unangemessenen und unsensiblen Dinge, die du sagst oder tust, schamrot die Köpfe senken. Feingefühl ist bei einem Leiter besonders dann nötig, wenn er im Umgang mit peinlichen oder tragischen Umständen helfen soll.

Machen wir ein Beispiel: Wenn du eine Gruppe leitest, dann wird sehr oft jemand etwas sagen, was überhaupt nichts mit dem Thema zu tun hat. Jedes Gruppenmitglied wird das als äußerst dumm empfinden. Ein feinfühliger Leiter muss in der Lage sein, die Aufmerksamkeit der Gruppe zurück auf die Hauptstoßrichtung des Gesprächs zu lenken, ohne den Einzelnen mit Spott zu überhäufen.

Ich denke an ein weiteres Beispiel, das ich selbst am Wheaton College erlebt habe. Ich war bei dem Gottesdienst dabei, in welchen V. Raymond Edman auf der Kanzel einen Herzinfarkt erlitt. Er brach zusammen und starb. Hudson Armerding, sein Nachfolger als Leiter, saß hinter ihm, als Dr. Edman seine Predigt (mit dem Titel „In der Gegenwart des Königs“) unterbrach, einen Schritt zur Seite trat und zusammenbrach. 2000 Studenten waren mucksmäuschenstill als Dr. Armerding schnell neben ihm auf die Knie ging. Das war einer der schönsten und sensibelsten Beweise von Feingefühl, die ich je erlebt habe. Er stand auf, sprach ein kurzes Gebet, in welchem er Dr. Edman dem Herrn anbefahl, und entließ still die Studenten. Dr. Edman starb, als wir hinausgingen.

Das Feingefühl eines Leiters muss sich in unverblümter Konfrontation zeigen. Ein Mensch, der nicht bereitwillig einen anderen Menschen aufsucht, der Ermahnung oder Zurechtweisung braucht, wird kein erfolgreicher geistlicher Leiter sein. In Verbindung mit seiner Menschenkenntnis wird sein Feingefühl einen Leiter befähigen, heikle Verhandlungen zu führen und mit gegensätzlichen Sichtweisen umzugehen. Seine Wortwahl wird scharfsinnig und nicht ungehobelt sein. (Es gibt einen riesengroßen Unterschied zwischen „Dein Fuß ist zu groß für diesen Schuh“ und „Dieser Schuh ist zu klein für deinen Fuß“.)

12. Theologische Ausrichtung

In Kol 3,17 heißt es:

„Und alles, was ihr tut, im Wort oder im Werk, alles tut im Namen des Herrn Jesus …“

  1. Kor 2,16 spricht davon, dass der geistliche Mensch „die Denkweise Christi“ hat. Ein geistlicher Leiter weiß, dass das ganze Leben, bis hin zur kleinsten Kleinigkeit, mit Gott zu tun hat. Wenn wir Menschen leiten sollen, damit sie die Herrlichkeit Gottes sehen und widerspiegeln, dann müssen wir über alles theologisch denken. Wir müssen auf eine Verschmelzung aller Dinge hinarbeiten. Wir müssen forschen, um zu sehen, wie die Dinge zusammenpassen. Wie hängen Krieg und Sport und Pornographie und Geburtstagspartys und Literatur und Raumfahrt und Krankheit und Unternehmen miteinander zusammen? In welcher Beziehung stehen sie zu Gott und seinen Absichten?

Leiter müssen einen theologischen Standpunkt haben, der alle Dinge beisammenhält. Das wird dem Leiter eine Stabilität geben, die verhindert, dass ihn plötzliche Veränderungen der Umstände oder der Wind neuer Lehren aus den Socken hauen. Er weiß genug über Gott und seine Wege, dass die Dinge allgemein ins Bild passen und Sinn ergeben, selbst wenn sie nicht angenehm sind. Der Leiter hebt also nicht die Hände und ergibt sich, sondern weist den Weg zu Gott.

13. Ein Träumer

„… Eure Greise werden Träume haben, eure jungen Männer werden Visionen sehen.“ (Joe 3,1)

Das ist das positive Gegenstück zu Ruhelosigkeit. Wir müssen nicht nur unzufrieden sein mit der Gegenwart, sondern auch Träume davon träumen, was in der Zukunft sein könnte. In 2. Könige 6,15-17 waren Elisa und sein Diener in der Stadt Dotan umzingelt von Aramäern. Als der Diener das sah und voller Entsetzen aufschrie, „betete Elisa und sagte: HERR, öffne doch seine Augen, dass er sieht! Da öffnete der HERR die Augen des Dieners, und er sah. Und siehe, der Berg war voll von feurigen Pferden und Kriegswagen um Elisa herum“.

Leiter können die Kraft darin sehen, wenn Gottes Schatten auf die Probleme der Zukunft fällt. Das ist eine seltene Gabe: Inmitten von scheinbar erdrückendem Widerstand die souveräne Macht Gottes zu sehen. Die meisten Menschen sind Experten darin, all die Probleme und all die Gründe zu sehen, wegen denen man kein Wagnis eingehen sollte. Viele Pastoren werden zu Grunde gerichtet durch Gemeinderäte, die glauben, dass sie ihre Pflicht getan haben, wenn sie jede seiner Ideen mit einer Flut aller möglichen Hindernisse und aller möglichen Probleme kontern. Das ist billig. Hoffnung und Lösungen sind teuer. Der Geist der Unternehmungslust ist heute mehr denn je gefragt.

Oh, wie dringend wir doch Menschen brauchen, die pro Woche nur fünf Minuten lang davon träumen, was möglich wäre. Der Text sagt, dass „Greise Träume haben werden“. Wie traurig ist es dann, so viele alte Menschen zu sehen, die glauben ihr Alter würde bedeuten, sie könnten sich nun zur Ruhe setzen und die Kreativität den Jüngeren überlassen! Es ist eine Tragödie, wenn das Alter einen Menschen abstumpfen und nicht zunehmend kreativ werden lässt. Jede neue Gemeinde, jedes Amt, jeder neue Dienst, jede Institution, jede Unternehmung ist das Ergebnis von jemandem, der eine Vision hatte und sich fest darin verbeißt.

14. Organisation und Effizienz

Ein Leiter mag kein Chaos. Ihm gefällt es, zu wissen wo und wann er Dinge schnell bekommen und gebrauchen kann. Er denkt von A nach B und nicht im Kreis. Er seufzt angesichts von Zusammenkünften, die keine Entwicklung von Vorannahmen hin zu Schlussfolgerungen aufweisen und sich stattdessen nur im Kreis drehen. Wenn etwas getan werden muss, dann sieht er einen Drei-Punkte-Plan, um es zu erledigen und legt ihn dar.

Er sieht die Verbindungen zwischen einer Entscheidung des Gemeinderats und ihrer Umsetzung. Er sieht Möglichkeiten, die Zeit maximal auszunutzen und gestaltet seinen Terminkalender auf eine Weise, die seine Nützlichkeit maximiert. Für seine produktiven Haupttätigkeiten reserviert er sich sehr viel Zeit. Er nutzt selbst kleinste Zeitabschnitte, um sie nicht zu vergeuden. (Was machst du beispielsweise während des Zähneputzens? Könntest du eine Zeitschrift auf dem Regal für Handtücher aufstellen und einen Artikel lesen?)

Ein Leiter nimmt sich Zeit, um seine Tage, Wochen, Monate und Jahre zu planen. Selbst wenn es schlussendlich Gott ist, der die Schritte des Leiters lenkt, sollte er doch seinen Weg planen (Spr 16,9). Ein Leiter ist weder eine Qualle, die von den Wellen hin- und hergeworfen wird, noch eine unbewegliche Auster. Ein Leiter ist der Delphin im Meer und kann in seinem Plan gegen die Strömung schwimmen oder mit ihr.

15. Entschlossenheit

In 1. Kön 18,21 ruft Elia seinem Volk zu:

„Wie lange hinkt ihr auf beiden Seiten? Wenn der HERR der wahre Gott ist, dann folgt ihm nach; wenn aber der Baal, dann folgt ihm nach!“

Ein Leiter darf nicht von Unentschlossenheit gelähmt werden. Er wird lieber ein Risiko eingehen, anstatt nichts zu tun. Er wird tief ins Gebet und ins Wort eintauchen und dann bei seinen Entscheidungen in Gottes Souveränität ruhen, in dem Wissen, dass er sehr wahrscheinlich einige Fehler machen wird.

16. Durchhaltevermögen

Jesus sagte in Mt 24,13: „Wer aber ausharrt bis ans Ende, der wird gerettet werden“. Paulus sagte in Gal 6,9: „Lasst uns aber im Gutestun nicht müde werden!“ Wir leben in einer Zeit, in der man normalerweise nach sofortiger Befriedigung verlangt. Das bedeutet, dass nur sehr wenige Menschen in der Tugend des Durchhaltevermögens herausragen. Nur sehr wenige Menschen bleiben ausdauernd im selben Dienst, wenn es bedeutende Schwierigkeiten gibt.

Vision ohne Durchhaltevermögen führt jedoch zu realitätsfernen Märchen und nicht zu fruchtbaren Dienstbereichen. Mein Vater sagte mir einmal, dass seiner Meinung nach viele Pastoren scheitern und in ihren Gemeinden deswegen keine Erweckung sehen, weil sie weggehen, kurz bevor die Erweckung geschieht. Langen Atem zu zeigen ist schwer, aber es zahlt sich aus. Ein großer Baum wird durch viele kleine Schläge gefällt. Die Kritik, die dir begegnet, wird lange vergessen sein, wenn du weiterhin den Willen des Herrn tust.

17. Liebhaber

Hier spreche ich ganz direkt zu Männern, die Ehemänner und Leiter sind. Paulus sagte in Eph 5,25: „Ihr Männer, liebt eure Frauen!“ Liebe sie! Liebe sie! Was bringt es einem Mann, wenn er eine große Gefolgschaft gewinnt und seine Frau verliert? Wohin haben wir Menschen geführt, wenn sie sehen, dass es uns die Scheidung eingebracht hat? Was wir heute brauchen, sind Männer, die großartige Liebhaber sind: Männer, die für ihre Frauen Gedichte schreiben und ihren Frauen Lieder singen und für ihre Frauen ohne bestimmten Anlass Blumen kaufen, einfach nur weil sie sie lieben.

Wir brauchen Leiter, die wissen, dass sie sich hin und wieder einen freien Tag ganz allein mit ihren Ehefrauen nehmen sollen. Leiter, die nicht in die Gewohnheit verfallen, ihre Frauen zu verspotten und zu erniedrigen, besonders mit sorglosen kleinen Randbemerkungen in der Öffentlichkeit. Leiter, die in der Öffentlichkeit gut über ihre Frauen reden und ihnen spontan Komplimente machen, wenn sie allein sind. Leiter, die sie zärtlich berühren, und zwar nicht nur im Bett.

Eine der größten Versuchungen für einen sehr beschäftigten Leiter liegt darin, seine Frau wie eine Art Sexobjekt zu behandeln. Das beginnt sich darin zu zeigen, wenn er sie nur dann leidenschaftlich küsst oder sie zärtlich berührt, wenn er sie ins Bett locken will. Es ist eine Tragödie, wenn eine Ehefrau zu einer Puppe wird, an der er sich selbst befriedigt.

Lerne, was sie genießt und bringe sie zum vollsten Erleben des sexuellen Höhepunkts. Sprich mit ihr und erforsche ihre Wünsche. Schau ihr beim Gespräch in die Augen. Leg den Hörer auf und schalte den Computer aus. Öffne ihr die Tür. Hilf ihr beim Abwasch. Veranstalte eine Party für sie. Liebe sie! Liebe sie! Wenn du es nicht tust, dann ist es sehr wahrscheinlich, dass dein ganzer Erfolg als Leiter zu einer Explosion des Versagens zuhause führen wird.

18. Erholung

Wir fingen unsere Betrachtung mit Ruhelosigkeit an und beenden sie mit Erholung:

„Wenn der HERR das Haus nicht baut, arbeiten seine Erbauer vergebens daran. Wenn der HERR die Stadt nicht bewacht, wacht der Wächter vergebens. Vergebens ist es für euch, dass ihr früh aufsteht, euch spät niedersetzt, das Brot der Mühsal esst. So viel gibt er seinem Geliebten im Schlaf.“ (Ps 127,1-2)

Der geistliche Leiter weiß, dass die Produktivität seiner Anstrengungen schlussendlich in Gott ruht, und dass Gott mehr tun kann, wenn er schläft, als wenn er ohne Gott wach ist. Er weiß, dass Jesus seinen beschäftigten Jüngern Folgendes sagte:

„Kommt, ihr selbst allein, an einen öden Ort und ruht ein wenig aus!“ (Mk 6,31).

Er weiß, dass eines der Zehn Gebote wie folgt lautet:

„Sechs Tage sollst du arbeiten und all deine Arbeit tun, aber der siebte Tag ist Sabbat für den HERRN, deinen Gott.“ (2Mo 20,9-10)

Er ist nicht dermaßen süchtig nach Arbeit, dass er unfähig ist zu ruhen. Er ist ein guter Verwalter seines Lebens und seiner Gesundheit. Er maximiert die Gesamtheit seiner Arbeit, indem er die möglichen Belastungen abschätzt, unter denen er arbeiten kann, ohne seine Effizienz zu verringern und seine Lebenszeit über Gebühr zu verkürzen.

Zusammenfassung

Zweifellos gibt es viele andere Merkmale, die man nennen könnte und die einen Mann zu einem noch erfolgreicheren Leiter machen würden. Diese hier sind einfach jene, die mir in den Sinn kamen, als ich über dieses Thema nachdachte. Man muss nicht in jedem dieser Merkmale überragend sein. Aber je umfangreicher jedes einzelne in einem Menschen entwickelt ist, desto stärker und fruchtbarer wird er als Leiter sein.

Lass es mich noch einmal betonen, dass es der innere Kreis ist, der geistliche Leiterschaft ausmacht. Alle wahre Leiterschaft beginnt mit einem Gefühl der Verzweiflung – mit dem Wissen, dass wir hilflose Sünder sind, die einen großartigen Retter brauchen. Das bewegt uns dazu, in Gottes Wort auf ihn zu hören und ihn im Gebet um Hilfe und Einsicht anzurufen. Das führt uns dazu, auf Gott zu vertrauen und auf seine großartigen und kostbaren Verheißungen zu hoffen. Das wiederum befreit uns zu einem Leben der Liebe und des Dienstes, was schlussendlich anderen Menschen die Augen öffnet und sie dazu bringt, unseren Vater im Himmel zu preisen.

Ein Artikel von John Piper, erschienen am 01.01.1995 unter dem Titel: “The Marks of a Spiritual Leader”

Teil der Artikelreihe „Geistliche Leiterschaft“

Übersetzt von Viktor Zander mit freundlicher Genehmigung von DesiringGod

[1] Zu deutsch als „Hudson Taylors geistliches Geheimnis“ veröffentlicht worden.

 

 

 

 

 

 

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