Wieder… Taufe

Ich habe schon einige Artikel über die Taufe geschrieben. Nebst einem eher allgemeinen, kritisiere ich in einem anderen, dass ausgerechnet wir Baptisten die Bedeutung und Zentralität der christlichen Taufe runterspielen. Für mich ist die christliche Taufe extrem wichtig, deswegen stimmt es mich traurig, dass ausgerechnet Baptisten eher schwache Plädoyers für die Taufe veröffentlichen. Ich denke da z.B. an das neu aufgelegte Buch von A.E. Wilder-Smith. Ein Autor, den ich sonst gerne gelesen habe, verpasst es, die ganze biblische Offenbarung zur Taufe zusammenzutragen und konzentriert sich einzig und allein auf die Frage, ob die Taufe als Erwachsener durchs Untertauchen stattfinden soll (und entsprechend dann immer wiederholt werden soll). Entsprechend bleibt nichts von diesem mächtigen Symbol mehr übrig. Dabei gibt selbst die katholische Kirche Situationen zu, in denen eine Wiedertaufe nötig ist, und das manchmal bereits bei einem falschen Wort: “wir” statt “ich” (Vergleiche den Artikel hier).

Persönlich habe ich über die Taufe am meisten durch den Heidelberger Katechismus (im Folgenden HK) gelernt. Selbst (oder ausgerechnet) bei der Frage “Soll man auch die kleinen Kinder taufen?” (Frage 74), die der HK  natürlich bejaht.

Er begründet das damit, dass auch “die Kinder ebenso wie die Erwachsenen in den Bund Gottes und seine Gemeinde gehören”. Klingt trivial oder? Wenn man darüber nachdenkt, hat man aber hier eine spannende und wichtige Trennlinie innerhalb des Protestantismus: Was ist Gemeinde? Gehören Kinder der Gläubigen dazu oder nicht? Im Gespräch mit der Familie wurde mir bald klar, dass ich meine Kinder sehr wohl als Gläubige behandeln muss, und dass genau das auch unter Baptisten gängige Praxis ist (z.B. dürfen auch ungetaufte Kinder zum Gottesdienst beitragen). Auch ist mir der Schaden bewusst, was passiert, wenn ich meine Kinder als Unbekehrte behandele. Hacke ich nämlich auf meine Kinder nur ein, “dass sie sich erst bekehren müssen”, könnte es schnell geschehen, dass ich einem Kinde Gottes nur die Heilsgewissheit raube. Ich denke schon, das viele, auch biblische Gründe (nicht zuletzt 1 Kor 7,14) für das Vorgehen sprechen, Kinder gläubiger Familien als Gläubige zu betrachten, so lange sie nicht klar gegen den Glauben rebellieren (Ich vermute auch, dass Artikel 15.1 des baptistischen Bekenntnisses von 1689 in diese Richtung argumentiert) .

Frage 74 des HK gab mir also zu denken und so sprach ich in letzter Zeit häufiger davon, dass ich in allen Punkten Baptistisch sei, außer in dem Punkt, dass ich “meine Kinder als Christen betrachte”.  Der HK stellt die klassische Darstellung der Bundestaufe dar, das ist vielleicht für uns Baptisten manchmal nötig zu beachten, da wir oftmals jede “Kindertaufe” in einem katholischen sakramentalen Sinne verstehen und übertrieben polemisieren. Was ich beim Lesen des HK beobachtete, der immerhin 6 Fragen der Taufe widmet ist nämlich zunächst einmal meine große Zustimmung. Ich kann in einem so kurzen Artikel kaum auf alle Details eingehen, aber da wäre z.B. die Verknüpfung mit der Heilsgewissheit, die in Frage 69 stattfindet: “Christus hat dies äußerliche Wasserbad eingesetzt und dabei verheißen, dass ich so gewiss mit seinem Blut und Geist von (…) allen meinen Sünden reingewaschen bin, wie ich äußerlich durch das Wasser gereinigt werde (…)”. – Welch schöne Beschreibung der Taufe! In Frage 70 arbeitet der HK aus,  das “mit dem Blut und Geist Christi gewaschen sein”, unter anderem bedeutet “durch den Heiligen Geist erneuert und zu einem Glied Christi geheiligt sein, so dass wir je länger je mehr der Sünde absterben und ein Leben führen, das Gott gefällt” Ist nicht genau das die Verknüpfung, die vor allem Kol 2,11-12 zwischen unserer Heiligung und dem Bundeszeichen der Taufe zieht? Überhaupt ist mir erst durch das Lesen des HK bewusst geworden, wie zentral die Taufe selbst (und nicht die dahinterstehende Rechtfertigung des Sünders) für Paulus die Erinnerung an die Gemeinde darstellt , sich selbst für die Sünde gestorben aber für Christus lebend zu halten (Römer 6).

Ich fand es spannend, dass der HK die Taufe gar als “Bad der Wiedergeburt” und “Abwaschung der Sünden” betrachtet (damit auch einen sehr starken Bezug, den Jesu Parallele zwischen Taufe und Buße aus Joh. 3 –> die Taufe des Johannes ist NICHT die christliche Taufe, aber es gab Taufen schon vor Einsetzung der Christlichen Taufe –> Ich gestehe: Mir fällt hier die Schärfe diesen Punkt sauberer darzustellen). Entsprechend erklärt der HK in Frage 73: “Wie die Unsauberkeit des Leibes durch Wasser, so werden unsere Sünden durch Blut und Geist Christi hinweg genommen” um später noch einmal den Heilszuspruch in der Taufe zu unterstreichen: “Er will uns durch dies göttliche Pfand und Wahrzeichen gewiss machen”.

Kurz: Wenn man mich bitten würde, einen Vortrag über die Taufe zu machen, würde ich mich auf die Argumentation des HK von Frage 69-73 stützen. Hier finde ich die beste Darstellung die ich kenne, die sehr viele zentrale Stellen zur Taufe auf wunderbare Weise zusammenführt. So wie der HK die Taufe beschreibt, so möchte ich sie auch beschreiben und über sie sprechen. Doch was ist nun mit den Kindern? Ich muss eingestehen, dass ich hier noch keine endgültige Lösung besitze, aber es nicht mehr für überzeugend halte, dass es ausgerechnet die presbyterianische Bundestaufe ist, die Kinder mit in die Gemeinde einschließt. Wer das Zeichen des Bundesschlusses den Kindern gewährt, warum verwehrt er Ihnen dann aber das Zeichen der Bundeserneuerung? Warum sollten dann getaufte Kinder nicht auch am Abendmahl teilnehmen dürfen? Es findet also auch in “Gebieten der Bundestaufe” sehr wohl eine Unterscheidung zwischen “echten Gemeindemitgliedern” und “Kindern von Gläubigen” statt (Ich entschuldige mich, dass ich diesen Satz nicht unpolemischer ausdrücken kann, es ist nicht provozierend gegenüber jenen Christen gemeint, die die Bundestaufe praktizieren). Das kann nur bedeuten, dass auch Presbyterianer wie wir Baptisten lernen müssen, ihre Kinder als Gläubige zu sehen.

Genau an dieser Stelle spüre ich am aller stärksten, dass das Neue Testament einen “baptistischen Puls” schlägt. Es klingt einerseits überzeugend, dass Kornelius, als er sich mit seinem ganzen Haus taufen ließ, auch seine Kinder taufte. Was ich mir aber schon viel weniger vorstellen kann ist, dass Kornelius erst einmal ein paar Paten zusammensuchen musste, die für die Säuglinge das Bekenntnis sprechen, und dass die Kinder natürlich erst einmal bis zum Bar-Mitzwa-Alter auf ihre Konfirmation warten mussten.

Ein Bruder erzählte mir mal: “Immer wenn jemand die Bundestaufe vertritt, benötigt er dafür eine lange Begründung und fängt bei Noah und Abraham an”. Da machen wir es uns als Baptisten häufig leicht und selbst das Baptistische Bekenntnis von 1689 fasst sich ungewöhnlich kurz zur Frage der Taufe.

Der gleiche Bruder stellte aber auch das Exklusivitätsproblem des Baptismus fest : “Nicht einmal Calvin dürfte bei uns predigen”. Während alle christliche Denominationen im wesentlichen die christliche Taufe  anderer Denominationen akzeptieren, tun wir Baptisten uns sehr schwer damit, nicht nur mit Menschen das Brot zu brechen, die als Kinder getauft wurden, sondern auch mit denen, die die Taufe als Erwachsene erfuhren, die dabei aber nicht “untergetaucht” wurden. (Niemand geringeres als Albert Mohler artikuliert das recht deutlich hier)

Ich bin einerseits fest davon überzeugt, das “baptizo”, ja gar das Wort “taufen” selbst, nicht anders, als mit “untertauchen” übersetzt/wiedergegeben werden kann. Man lese Mt. 28,19 mit diesem Wortlaut “Taucht sie unter auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes”. Auf diese Weise lesen wir Baptisten diesen Vers! Im Übrigen etwas, das die Griechisch/Russisch – Orthodoxen bis heute so praktizieren (wenn auch an den Säuglingen).

Dennoch ist es natürlich unerträglich exklusiv, wenn man alle, die nicht eine Taufe als Erwachsene durchs Untertauchen erlebt haben, ausgrenzt und ihnen die christliche Gemeinschaft verwehrt.  Wer denkt, dass ich hier eine “gar zu steile These” wage, sei daran erinnert, dass es gerade C.H. Spurgeon war, der 1891, als er plötzlich stark erkrankte niemand anderen als den Presbyterianer A.T. Pierson um die Übernahme des Predigtdienstes in seiner Gemeinde gab.  Pierson wurde dann 1892 nach dem plötzlichen Tode Spurgeon darum gebeten, das Amt weiterzuführen, bis man einen Pastor gefunden hat. Pierson selbst lies sich erst 1896 als Erwachsener erneut taufen (übrigens von einem Sohn von Spurgeon) (Alles nachzulesen auf Wikipedia).

Wie kann man also einerseits die Zentralität einer biblischen Taufe unterstreichen ohne sich in unnötigen Spaltungen verlieren? Wie kann die Taufe einerseits entscheidend für den Christen sein (Wer da glaubt und getauft wird, wird errettet werden) und doch eine Frage sein, in der wir in der Durchführung der Taufe uns gegenseitig mit unterschiedlichem Verständnis tragen dürfen? Ich möchte einen Lösungsvorschlag unterbreiten: Lasst uns die Christliche Taufe bejahen!

Als ich ein junger Christ war, fragte ich Viktor Fade, wie es denn sein kann, dass wir “Wilhelm Busch” so sehr hochschätzen, während er in der Taufe “doch so sehr irrte” (Wortlaut meiner damaligen Frage). Er gab mir eine Antwort, die ich für sehr weise halte: “Obwohl Sie sich in der Reihenfolge von Buße und Taufe irrten, haben diese Leute doch immer die Christliche Taufe bejaht und bestätigt”. Dieser Ratschlag war für mich immer wichtig und wird zunehmend wichtiger. Wohl würde ich persönlich eine Glaubenstaufe durchs Untertauchen bevorzugen und doch staune ich, dass ausgerechnet ein sprenkelnder Pädobaptist solche Tiefen Wahrheiten der Schrift zur Taufe rauszieht, die ich in vielen baptistischen Darstellungen vermisst habe.

In wichtigen Fragen benötigen wir Klarheit und Entschiedenheit, in unwichtigen sollen wir aber auf Streitigkeiten verzichten.  Luther drückt das  so aus: “Weiter: ich spreche davon, dass man eine feste Meinung haben muss in jenen Dingen, die uns durch Gott in den heiligen Schriften überliefert sind. Im übrigen haben wir weder Erasmus noch irgendeinen anderen Lehrer nötig, der uns belehre, dass in zweifelhaften oder unnützen und unnötigen Dingen feste Behauptungen, Kämpfe und Streitigkeiten darum nicht nur töricht, sondern auch unfromm seien; (…) ja, welcher Christ gebraucht nicht tatsächlich freimütig diese Möglichkeit und verurteilt die, welche Verpflichtete und Gefangene irgendeiner (nicht notwendigen) Meinung sind? Es sei denn, dass Du sämtliche Christen für solche hältst (so klingen Deine Worte beinahe), deren Lehren unnötig sind, um welche sie töricht zanken und mit scheinbar sicheren Behauptungen streiten. Wenn Du aber wirklich von notwendigen Lehren sprichst, was kann jemand Gottloseres geltend machen, als den Wunsch nach der Freiheit, nichts Festes in diesen Dingen behaupten zu müssen?”
[Martin Luther: Vom unfreien Willen (1525). Martin Luther: Gesammelte Werke, S. 1965(vgl. Luther-W Bd. 3, S. 156,158) (c) Vandenhoeck und Ruprecht
http://www.digitale-bibliothek.de/band63.htm ]

Wie kriegt man das in der Taufe hin? Wie kann Taufe gleichzeitig wichtig und unwichtig sein?. Die Taufe ist einerseits eine extrem wichtige Frage: Sie muss bejaht und durchgeführt werden, sonst können wir nicht Christen sein! Auch muss es eine christliche Taufe sein. Entsprechend ermutige ich generell ungetaufte Christen immer zur Taufe. Andererseits gibt es Punkte in der Taufe, die nicht diese zentrale Bedeutung besitzen, dazu gehört die Frage, ob man Kinder taufen soll, und noch viel mehr die Frage, auf welche Weise die Taufe durchgeführt wird.  Aus diesem Grund spreche ich mich auch eher gegen eine Wiedertaufe aus, da im Alten Testament auch eine zum falschen Zeitpunkt durchgeführte Beschneidung nicht mehr wiederholt wurde (So muss ein Mann der vom Islam zum Judentum konvertiert nicht erneut beschneiden lassen, was auch nicht möglich wäre).

Ich kann mir kaum eine Frage vorstellen, über die ich mehr nachgedacht habe wie die Taufe und ich sehe deutlich, das meine Studien noch nicht abgeschlossen sind. So muss ich eingestehen, dass es z.B. schwer möglich sein dürfte, in einer Gemeinde sowohl die Glaubenstaufe, wie die Bundestaufe gleichzeitig gelten zu lassen. In der Praxis dürfte eine Seite schnell dominieren. Lasst uns also gemeinsam auch weiterhin um ein besseres und klareres Verständnis der Taufe ringen. Mit den letzten Worten Goethes: “Mehr Licht!”

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