Was hat Boxen mit Jerusalem zu tun?

Ein Artikel von Carl Trueman, erschienen in Themelios 27(1),4(2001) unter dem Titel: „What has Boxing to do with Jerusalem?“. Übersetzt von Viktor Zander mit freundlicher Genehmigung von The Gospel Coalition (Download als .pdf).

 

Schon seit meiner Kindheit ist Boxen eine meiner Leidenschaften und ich schätze, dass ich über die Jahre eine ziemlich gründliche Kenntnis der Geschichte und der Persönlichkeiten des Boxsports erworben habe, neben einer bescheidenen Bibliothek von Büchern über das Boxen. Natürlich werde ich in diesen Zeiten der ungezügelt-politischen Korrektheit wegen meines Interesses an diesem Sport sehr häufig von denen herausgefordert, die irgendwie weniger verliebt ins Boxen sind. Unter solchen Umständen beiße ich mir immer ein bisschen auf die Zunge und antworte, dass Boxen nichts anderes sei, als die ehrlichste Sportart – schließlich besteht der Zweck jedes Sports darin, den Gegner überzeugend und entscheidend zu besiegen, und beim Boxen geschieht dies auf direktere und offenere Weise als zum Beispiel beim Golfen. Entferne beim Golf die oberflächliche Etikette und das Protokoll und du hast denselben grundlegenden Kampf um physische und mentale Überlegenheit wie beim Boxen.

Vielen sagen die Namen Muhammad Ali oder Mike Tyson etwas – Männer die, sei es im Guten wie im Schlechten, ihren langen Schatten über das Schwergewichtsboxen werfen. Jemand mit einer tieferen Kenntnis der Geschichte des Boxens wird wissen, dass keiner von beiden die eindrucksvollste Bestleistung in diesem Bereich für sich beanspruchen kann. Viele Boxer begehen denselben ewigen Fehler, dass sie zu spät und zu häufig zurücktreten, und Muhammad Ali bildet da keine Ausnahme. Er kämpfte zu lange weiter und steckte zu viele Schläge ein. Mike Tyson ist mittlerweile eine zutiefst entstellte und problembehaftete Persönlichkeit, dem zu wahrer Größe einfach die Selbstdisziplin fehlte. Tatsächlich gibt es in der Geschichte des Boxens nur einen Mann, der unbesiegt als Schwergewichts-Weltmeister zurücktrat: Rocky Marciano. In der Tat liest sich die Bilanz Marcianos zum Zeitpunkt seines Rückzugs aus dem Ring beeindruckend: 49 Kämpfe, 49 Siege, davon 43 durch K.O. Niemand kam jemals auch nur in die Nähe der Bilanz dieses Mannes, den man „The Rock“ (dt.: Der Fels) nannte.

Klar bin ich zu jung um „The Rock“ live gesehen zu haben, aber ich habe Videos seiner Kämpfe gesehen und seine Technik war, gelinde gesagt, fantastisch. Ihm fehlte das Charisma eines Muhammad Ali oder die Präzision eines Marvin Hagler, stattdessen war er eher eine Urgewalt: Erdrückend, verheerend und total zerstörerisch. Gnade kannte er nicht, aber ganz sicher war er beängstigend effektiv. Er betrat den Ring um zu siegen, und war bereit, alles Nötige zu tun, um dieses Ziel zu erreichen.

Du fragst dich, was all das mit Theologie zu tun hat? Nun ja, mir scheint, dass theologische Auseinandersetzungen, zumindest auf die Art wie die meisten von uns diese führen, dem Boxen äußerst ähnlich sind, weil es viel öfter eher darum geht, den Gegner zu vermöbeln, als um irgendetwas anderes. Und das ist tatsächlich weniger ehrlich und weniger ehrbar als das Boxen, weil wir unsere Brutalität unter einem Deckmantel kunstvoller Rhetorik verstecken und den Schaden, den das anderen Menschen zufügt, mit fadenscheinigen Appellen an die moralische Überlegenheit der Ehre Gottes rechtfertigen.

Fast höre ich dich sagen: Ist Trueman jetzt etwa ein Weichei geworden? Will er, dass wir theologische Kontroversen hinter uns lassen, uns irgendwo auf einer Wiese hinsetzen und gemeinsam Blumen-Kränze flechten? Auf keinen Fall! Tatsächlich bin ich mehr denn je überzeugt davon, dass theologische Kontroversen für das Wohlergehen der Gemeinde unabdingbar sind. Die Bereitwilligkeit christlicher Brüder und Schwestern in Christus, den Glauben zu verteidigen und im Bereich der Lehre klar und kraftvoll Stellung zu beziehen, ist ganz wesentlich. Falls uns die Geschichte überhaupt irgendetwas lehrt, dann lehrt sie uns die Notwendigkeit der Wachsamkeit und die Notwendigkeit, Irrlehre und Irrglauben überall dort und immer dann zu bekämpfen, wenn wir über sie stolpern. Versteh mich daher nicht falsch: Ich sage nicht, Kontroversen an sich seien falsch und unnötig. Was ich sage ist, dass wir sicherstellen müssen, dass die Kontroversen, an denen wir uns beteiligen, auf eine bestimmte Weise geführt werden, um das erwünschte Ziel zu erreichen. Hinzu kommt, dass das erwünschte Ziel ein biblisches Ziel sein muss.

Was ist das erwünschte Ziel theologischer Kontroverse? Nun ja, es ist sicher ein zweifaches: Den Namen Christi zu ehren und jene, mit denen wir nicht übereinstimmen, davon zu überzeugen, dass es einen besseren Weg gibt, dass ihre Theologie nicht ganz biblisch ist und dass sie ihre Denkweise dem prüfenden Tadel des Wortes Gottes unterziehen müssen. Kontroverse sollte daher Teil einer wechselseitigen Suche nach dem Aufrichten und dem Aussprechen der Wahrheit sein, eine Suche bei der wir zuhören, was unsere Gegner zu sagen haben und dann danach streben, ihnen zu antworten. Unsere Antworten sollten Irrtümer entschlossen niederreißen und doch nicht unsere Liebe zu ihnen als Brüder beflecken oder unseren Wunsch, zu sehen wie sie – und natürlich auch wir – zu einer volleren Erkenntnis der Wahrheit kommen. Das Ziel theologischer Konflikte unter Christen besteht nicht darin, zu siegen, nicht darin, den Gegner erbarmungslos zu Brei zu schlagen, sondern darin den Kern der Wahrheit aufzurichten, und so viele wie möglich von der Wahrheit zu überzeugen. Das erfordert persönliche Offenheit unsererseits, getrieben von Liebe und einer Sorge um jene, mit denen wir nicht übereinstimmen, und nicht höhnische Verachtung für jeden, der nicht unserer Meinung ist.

Das sollte unmittelbar unsere Herangehensweise an Kontroversen prägen. Erstens sollten wir immer danach streben, den Sichtweisen und Motiven unserer Gegner die wohlwollendste Deutung zukommen zu lassen. Wenn wir Strohmänner angreifen, dann bringt das wenig mehr als einige billige Lacher für diejenigen, die sowieso schon unserer Meinung sind. Und wenn wir in der ersten Runde eine Witzfigur ausknocken, dann macht uns das noch nicht zu einem großen Sieger. Wenn wir eine Position entkräften wollen, dann müssen wir uns sorgfältig und nicht auf irgendeine verzerrte oder falsche Weise mit ihr auseinandersetzen. Zweitens sollten wir uns auf höfliche Weise damit auseinandersetzen. Im Eifer des Gefechts ist es eine große Versuchung grob oder beleidigend zu sein, aber das führt nur dazu, das Wasser zu trüben und den Widerstand gegen unsere Position zu vergrößern, anstatt den Weg für konstruktive Diskussionen zu öffnen. Drittens folgt aus Punkt zwei, dass wir sicherstellen sollten, weitest möglich den Vorstellungen und nicht den beteiligten Personen nachzugehen. Ich bin altmodisch genug um zu glauben, dass die Wahrheit die Wahrheit ist, selbst wenn sie aus dem Mund von Bileams Esel kommt, und wenn man einfach nur den Esel als Esel verspottet, dann sagt mir das nicht wirklich etwas über die Qualität seiner Vorstellungen. Zusammenfassend kann man Folgendes sagen: Wir sollten unsere Gegner so behandeln, wie wir von ihnen behandelt werden wollen. Wir sollten also unsere gemeinsame Stellung als Sünder anerkennen, die nur durch die Gnade Gottes gerettet werden. Das ist der schlussendliche Bezugspunkt, um unsere eigene Bescheidenheit zu wahren und unsere Beziehungen richtig zu verstehen: Sowohl die Beziehung zu Gott als Quelle aller Wahrheit, als auch die Beziehung zu unseren Mitgeschöpfen als gemeinsame Sucher nach der Wahrheit.

Nun ja, wie oben bereits gesagt: Ich sage das nicht, weil ich denke, dass Kontroversen und harte Diskussionen nicht wichtig sind. Tatsächlich sage ich das genau aus dem gegenteiligen Grund. Viel zu viele sind von Kontroversen abgehalten worden und davon, einen festen Stand für die Wahrheit einzunehmen, und zwar genau deswegen, weil zu viele Kontroversen auf bösartige, persönliche und nachtragende Weise geführt wurden – und das ist gefährlich. Das bedeutet, dass zu viele theologische Streitgespräche niemals stattfinden, und in der Regel kommen nun zu viele Irrlehren in die Welt, weil viele anständige Christen eine verständliche Abscheu vor der Art von Gift haben, die das Kennzeichen so vieler kontroverser Begegnungen ist.

Es ist traurig, aber es gibt wirklich Menschen, die nur für theologische Kontroversen leben. Sie verwenden vielleicht die fromme Rhetorik des Reiches Gottes, aber es ist sehr bedeutend, dass sie überhaupt nur auf polemische Weise schreiben können. Sie tun das nur, weil sie absolut nichts Positives beizutragen haben. Ihr einziges Alleinstellungsmerkmal ist die Art und Weise, wie sie unerbittliche Hexenjagden gegen Individuen und Institutionen veranstalten. Traurigerweise hat die Existenz von sinnlosen Zeitschriften und von blöden Internetseiten, denen die üblichen Strukturen von Herausgebern/Rechenschaft fehlen, welche wirkliche Gelehrte und Gemeindeleiter als gegeben annehmen, diese Art von Durchschnittlichkeit sehr weit verbreitet. Solche tragischen Gestalten sind oft auf perverse Weise Parasiten genau der Dinge, welche sie verachten: Nimm ihnen die Person oder das Objekt, das sie verspotten, und ihr Leben wird zu einer leeren Hülle, weil sie von sich aus keinen positiven Beitrag leisten können. Als ich jüngst gefragt wurde, was ich von solchen Menschen als Theologen halten würde, lautete meine Antwort, dass ich sie schlicht und einfach nicht als Theologen sehen würde: Wenn man Theologe wäre, dann würde das schließlich ein größeres, positives Ziel und ein gewisses Maß an Liebe und Integrität implizieren, das ihnen zu fehlen scheint. Für diese Menschen geht es bei der Theologie schlussendlich nicht darum, Gott zu verherrlichen: Es geht darum, zu gewinnen, den ausgewählten Gegner zu schlagen, ohne Rücksicht auf menschliche Verluste. Nimm ihnen ihre “Feinde”, und sie sind so lächerlich und so tragisch wie ein getäuschter Boxer, der wilde Schläge gegen einen nicht vorhandenen Gegner führt. Kierkegaard hatte einen wunderbaren Ausdruck für sie: “substantielles Mittelmaß” – jene, die selbst niemals etwas erreichen und sich nur dann gut fühlen, wenn sie diejenigen untergraben können, die wirklich etwas erreicht haben. Wir müssen alle beten, dass wir, zur Ehre Gottes und aus Liebe zu seiner Gemeinde für die Wahrheit einstehen, und nicht aus Aufgeblasenheit und irgendeiner Neigung zu “substantiellem Mittelmaß”.

Wir dürfen dieser theologischen Rowdy-Kultur und den persönlichen Angriffen, die von Spinnern und Verrückten geführt werden, jedoch nicht gestatten, uns blind dafür zu machen, dass wir offene, ehrliche Diskussion und auf Prinzipien gegründete Verteidigung des Evangeliums brauchen. Wir müssen ihren Hass und ihre Engstirnigkeit zurückweisen, und doch dürfen wir nicht das Kind mit dem Badewasser ausschütten und in die Karten jener spielen, die uns alle Wahrheit als verhandelbar und gleichgültig sehen lassen wollen. Die Bibel macht es ziemlich klar, dass die Wahrheit wichtig ist und wir müssen dafür einen kompromisslosen Standpunkt einnehmen. Aber die Bibel macht auch sehr klar, dass Liebe ebenso wichtig ist und auch hier dürfen wir keine Kompromisse eingehen. Viele von uns sind entweder in dem einen oder in dem anderen Bereich gut. Nur sehr wenige von uns scheinen in der Lage zu sein, in beiden Punkten keine Kompromisse einzugehen. Und doch fordert der Herr nichts weniger von denen, die behaupten, seine Jünger zu sein: Seine Wahrheit zu lieben und seine Gemeinde zu lieben.

Arzt, heile dich selbst! So höre ich manchen Leser rufen. Es ist wahr und ich bekenne es: Ich habe am eigenen Leib erfahren, dass eine kompromisslose Haltung hinsichtlich der Wahrheit über die Jahre hinweg sehr viel leichter zu handhaben ist als eine kompromisslose Haltung hinsichtlich der Liebe. Jeder nicht geheiligte Knochen in meinem Körper will Rocky Marciano als theologisches Vorbild. Ich will meine theologischen Gegner zu Brei schlagen, jedes Mal gewinnen, wenn ich in den theologischen Ring steige. Ich will das durch KO und nicht nach Punkten schaffen, und ich will als unbesiegter Meister zurücktreten. Man soll sich an mich als fantastischen Vernichter des Gegners erinnern. Ich möchte von Freund und Feind gefürchtet werden. Aber all das ist falsch, unglaublich und schrecklich falsch – so falsch wie die Einstellung jener, die unter Ausschluss der Wahrheit die Liebe verherrlichen und alle lehrmäßigen Ansprüche zu einer gleichgültigen Angelegenheit erklären, um nicht auch nur den Hauch einer Kontroverse zu riskieren. Beide Vorgehensweisen bringen dem Namen Christi nur Schande und beides erfordert von uns allen tägliche Buße und das Suchen nach der Überwinder-Kraft Gottes. Der Boxsport, so sehr ich ihn als Sport liebe, sollte nichts mit Jerusalem zu tun haben, nicht mal als Analogie. Das ist einfach nicht Gottes Art. Marciano war zweifellos der größte Schwergewichtsboxer der Geschichte, aber er ist kein angemessenes Vorbild für die Gemeinde. Tatsächlich gibt es eine andere Gestalt der Weltgeschichte, die ebenfalls den Spitznamen “der Fels” hatte, deren Ratschlag im Kontext des Stehens für die Wahrheit weit relevanter ist:

Endlich aber seid alle gleichgesinnt, mitleidig, voll brüderlicher Liebe, barmherzig, demütig, und vergeltet nicht Böses mit Bösem oder Beschimpfung mit Beschimpfung, sondern im Gegenteil segnet, weil ihr dazu berufen worden seid, dass ihr Segen erbt! … Seid aber jederzeit bereit zur Verantwortung jedem gegenüber, der Rechenschaft von euch über die Hoffnung in euch fordert, aber mit Sanftmut und Ehrerbietung! Und habt ein gutes Gewissen, damit die, welche euren guten Wandel in Christus verleumden, darin zuschanden werden, worin euch Übles nachgeredet wird. (1Petr 3,8-9.15-16)

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