Vergeude ich mein Leben in einem weltlichen Beruf?

 

Ein Artikel von John Piper im Rahmen der Serie „Ask Pastor John“: Am I wasting my life in a secular job? Ein Artikel vom 24.07.2020. Übersetzung von Ruth Metzger, mit freundlicher Genehmigung von Desiring God.

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Audio-Transkript

Die Frage heute kommt von unserem Hörer Joshua. „Hallo, Pastor John! Habe ich als Christ am Ende meines Lebens wirklich alles für Christus getan, wenn ich nicht zum Märtyrer für ihn geworden bin? Zurzeit arbeite ich in einem Handwerksberuf, und allem Anschein nach bin ich erfolgreich auf dem Weg nach oben. Aber seit ein paar Jahren empfinde ich, dass Gott mich vielleicht dazu beruft, in wirkungsvollerer und direkterer Weise für das Reich Gottes zu arbeiten. Es kam mir mehr und mehr so vor, als ob ein Leben in der Arbeitswelt oder in amerikanischen Unternehmen eine Verschwendung von Zeit und Energie ist. Seit mehreren Jahren versuche ich, Gottes Berufung für mein Leben herauszufinden, bisher ohne Erfolg.

Meine Frage ist folgende: Wenn ich mein Leben in einem Beruf verbringe, der nicht direkt dazu dient, das Evangelium zu verbreiten, ist das nicht Vergeudung? Warum sollte Gott mich an einen Arbeitsplatz stellen, der nichts mit der Ausbreitung seines Reiches zu tun hat, sondern meine Energie für die Produktion materieller Güter aufzehrt? Oder noch direkter: Habe ich wirklich alles getan, alle meine Kraft eingesetzt, jede Faser meines Seins dem Reich Gottes geweiht, wenn ich nicht zum Märtyrer für Christus werde?“ Pastor John, was würden Sie Joshua antworten?

Ich habe drei Warnhinweise für Joshua, und dann ein paar Ermunterungen.

Lebe vor Gott

Das ist der erste Warnhinweis: Wenn das Argument, das dazu führt, eine Stelle aufzugeben und einen neuen Dienst zu beginnen, impliziert, dass andere gehorsame Menschen zwangsläufig in die Kategorie der Ungehorsamen eingeordnet werden müssen, ist es ungültig.

Ich möchte das näher erklären. Joshua sagt: „Es kam mir mehr und mehr vor, als ob ein Leben in der Arbeitswelt oder in amerikanischen Unternehmen eine Verschwendung von Zeit und Energie ist.“ Und dann sagt er: „Wenn ich mein Leben in einem Beruf verbringe, der nicht direkt dazu dient, das Evangelium zu verbreiten, ist das nicht Vergeudung?“  Meine Gegenfrage lautet: Denkt Joshua, dass alle anderen Christen, die ihr Leben als Arbeitnehmer oder in amerikanischen Unternehmen verbringen und Aufgaben wahrnehmen, die nicht unmittelbar der Verbreitung des Evangeliums dienen, im Ungehorsam leben? Würde das nicht aus dieser Argumentationsweise folgern, mit der Joshua sich selbst zu überzeugen sucht, dass er dort nicht hingehört?

Wenn das der Fall ist, dann gibt es zwei mögliche Schlussfolgerungen:

  1. Kein Christ sollte auf dem normalen Arbeitsmarkt arbeiten.

Oder

  1. Das Argument, das Josua benutzt, um seine derzeitige Arbeit aufzugeben, ist ungültig.

So wie ich das Neue Testament lese, ist es offensichtlich, dass die Apostel nicht beabsichtigten, dass alle Christen ihre normale Beschäftigung aufgeben. In 1. Korinther 7,20 folgt Paulus dem Grundsatz: „Jeder bleibe in dem Stand, in dem er berufen worden ist“– nämlich berufen, als Christ zu leben. Oder in Vers 24: „Brüder, jeder bleibe vor Gott in dem Stand, in dem er berufen worden ist.“

„Vor Gott“ ist der springende Punkt. Meine Güte – es ist ja nicht so, dass die Apostel etwa keine radikale Veränderung in deinem Leben wollten und in der Art, wie du mit den Menschen in deinem beruflichen Umfeld umgehst! Aber du musst deinen Beruf nicht aufgeben, um nach diesen Grundsätzen als treuer Christ zu leben.

Das ist also mein erster Warnhinweis, wenn du, Joshua, deine Arbeitsstelle aufgeben willst: Vergewissere dich, dass der Grund, aus dem du gehst, nicht anderen, die das nicht tun, Ungehorsam unterstellt. Da Gott nicht will, dass alle ihre Arbeit aufgeben, kann das kein gültiger Grund sein.

Was bedeutet Hingabe?

Zweiter Warnhinweis: Joshua macht sich ganz klar Gedanken, ob er nicht am Ende seines Lebens zugeben müssen wird: „Ich habe nicht wirklich alles getan, meine letzte Kraft eingesetzt und jede Faser meines Wesens dem Reich Gottes geweiht“. Nun, das zeigt ein ehrenwertes Bestreben.

Aber Achtung: Es ist möglich, als Missionar an einem extrem riskanten Ort zu leben und von Christenhassern getötet zu werden, und doch nicht alles getan zu haben, was du konntest, nicht deine letzte Kraft, jede Faser deines Seins Jesus hingegeben zu haben, sondern in Wirklichkeit viel Zeit vergeudet, dein Leben weltlich und mit großer Zurückhaltung geführt und dich sehr wenig um die Menschen um dich herum gekümmert zu haben. Das ist möglich, das kommt vor. Missionare können so werden.

Und umgekehrt ist es möglich, in amerikanischen Unternehmen zu arbeiten und mehr Kraft, dein ganzes Herz, alle deine Kraft für das Königreich einzusetzen, als wenn du ein Missionar wärest. Mit anderen Worten, an welchem Ort du arbeitest und was deine zugewiesene Aufgabe ist, steht nicht notwendigerweise in Beziehung zu deiner von ganzem Herzen kommenden Hingabe an Christus und wieviel Frucht du für sein Reich bringst.

Sei also vorsichtig mit der Schlussfolgerung, dass ein Ortswechsel oder ein Wechsel der Berufung eine größere Hingabe an Christus bedeutet, dass du dadurch verlorene Menschen effektiver gewinnen und den König fruchtbarer verherrlichen könntest. Das ist Warnhinweis Nummer zwei.

Märtyrer zu werden ist nicht obligatorisch

Und jetzt die dritte Warnung: Es mag sein, dass Gott entscheidet, dass du aufgrund deiner Treue zum Blutzeugen wirst. Aber bedenke, wenn du das von dir aus anstrebst, entscheidest und definierst du selbst, was Treue bedeutet. Das solltest du nicht tun. Es mag sein, dass der Weg des Gehorsams, den Gott dir verordnet, dahin führt, dass du dein Leben als Märtyrer beschließt. Aber das ist nicht deine Entscheidung. Du bist zu Gehorsam und Treue und Liebe und Eifer berufen. Wie das dann ausgeht, ist seine Angelegenheit, nicht deine.

Und denk daran: Viele schwache und weltliche Christen wurden zu Märtyrern, weil sie zufällig zur falschen Zeit am falschen Ort waren. Und viele sind eines natürlichen Todes gestorben, die weitaus fruchtbarere und effektivere Christen waren als manche Märtyrer. Es besteht kein notwendiger Zusammenhang zwischen der Fruchtbarkeit deines Lebens und der Frage, ob jemand dich tötet oder nicht. Nun, das sind meine drei Warnhinweise.

Und nun meine beiden Ermunterungen: Es ist sicherlich wahr, dass Gott auf geheimnisvolle, wunderbare Weise Tausende von Menschen dazu bewegt hat, normale Arbeitsstellen in ihrem Heimatland zu verlassen, um sie in die Missionsarbeit an vorderster Front zu stellen. Und in den meisten Fällen ist es ein Teil der Strategie Gottes, dass er diesen Menschen eine innere Unruhe gibt und den Wunsch, an einem unerreichten Ort oder bei einem unerreichten Volk oder auch in einem praktischen Dienst am Evangelium in der Gemeinde zu dienen.

Diese Unruhe ist nicht das einzige Mittel, das Gott benutzt, um Menschen zu führen, aber sie ist oft ein Teil davon; für mich gehörte sie mit Sicherheit dazu, als ich von einer Berufung zu einer anderen wechselte. Und diese Unruhe beinhaltet keine Anklage gegen die anderen Menschen, die sie nicht empfinden. Ich sage Joshua also nicht, dass er die Füße stillhalten soll und bleiben, wo er ist – nicht unbedingt. Es könnte tatsächlich sein, dass Gott auf diese Weise in seinem Leben wirkt – darum jetzt meine letzte Ermunterung.

In die Gemeinschaft berufen

Joshua sagt: „Seit mehreren Jahren versuche ich, Gottes Berufung für mein Leben herauszufinden, bisher ohne Erfolg.“. Nun, ich kenne Joshua nicht. Ich kenne seine Situation nicht, seine Beziehungen, seine Gemeindezugehörigkeit, seine Reife, seine Gaben. Ich bin nicht in der Position, ihm zu sagen, was er mit seinem Leben konkret anfangen soll.

Aber falls, wenn er sagt „Seit mehreren Jahren versuche ich das herauszufinden“, dies bedeutet, dass er versucht hat, es allein herauszufinden – nur für sich selbst, zwischen ihm und Gott -, dann ist es wahrscheinlich notwendig, dass er stärker in eine Gemeinschaft von Gläubigen eingebettet wird, in der andere Menschen seine Gaben und seine geistliche Reife erkennen, wofür sein Herz brennt und auf diese Weise Gottes Berufung für sein Leben bestätigen können. So sollte es normalerweise laufen: Nicht so, dass ein isolierter Mensch versucht, den Gefühlszustand seiner eigenen Seele oder die Berufung Gottes für sein Leben herauszufinden, sondern indem er als  Glied am Leib Christi seine Gaben in der Beziehung zu anderen Menschen einsetzt. Dadurch wird sich zeigen, wo seine Mühe Früchte trägt, worin er effektiv ist und was er gerne tut und wofür ihm andere Bestätigung geben.

Meine Antwort auf Joshuas Frage lautet also: Ob du zum Märtyrer wirst oder nicht, taugt nicht als Beweis dafür, ob du dein Leben in ganzer Hingabe an Jesus gelebt hast – oder ob du es vergeudest hast. Auf diese Art lässt sich das nicht beweisen. Und ob du deine gegenwärtige Arbeitsstelle verlassen und in den vollzeitlichen Dienst am Evangelium gehen solltest, ist etwas, was du am Ehesten erkennen wirst, wenn du dich in der Gemeinschaft von Christen bewegst, unter denen das Wort Gottes reichlich Raum hat.

 

 

 

 

 

 

 

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